100 Jahre Patrona Bavariae auf dem Marienplatz in München

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Autor: Nino Barbieri / CC BY-SA 2.5 (abgerufen 15.03.2017)

Patrona Bavariae (lat.) = Schutzherrin Bayerns – Laut Legende hat die Gottesmutter als Patronin Bayerns ihren Ursprung in der Kaiser­krönung Ludwigs IV. (des Bayern) in Rom 1327. Er versprach, für eine ala­ba­sterne Mutter­gottesfigur eine Kirche zu errich­ten. Die Grundsteinlegung erfolgte am 28.4.1330 in Ettal. Unter Herzog Maximilian I. (1573–1651) erlangte die Mari­en­verehrung im Hause Wittels­bach einen Höhe­punkt. Der Herzog stellte sein Land unter den Schutz der Gottesmut­ter als Patrona Bavariae. Heute gilt das Marienbild auf der Säule auf dem Marienplatz in München als Patrona Bava­riae. Benedikt XV. bestä­tigte ihr Fest für den 14.5.1916. Am 14.5.1917 wurde es zum ersten Mal in allen bayerischen Diöze­sen begangen. Später wählte man für die Feier den ersten Sonntag im Mai. 1945 beging man es als Fest I. Klasse am 5.5., dem ersten Sams­tag im Marienmonat Mai, dem Mari­ensamstag. Heute findet die Feier am 1.5. statt.

Offensichtlich hat Karl Leisner als großer Marienverehrer zum ersten Mal in Planegg von dem Titel „Patrona Bavariae“ für die Gottesmutter gehört; denn dieser Name erscheint in seinen gesamten Aufzeichnungen nur am 5. Mai 1945.[1] Zwei Tage zuvor, einen Tag vor seiner Befreiung, hatte er im KZ Dachau von der „Patrona Poloniae“[2] erfahren.

[1]  Vermutlich war dieses Fest vorher auch bei Familie Leisner nicht bekannt; denn Mutter Amalia Leisner vermerkt es in ihren Aufzeichnungen auch erst ein Jahr nach Karl Leisners Tod während eines Aufenthalts im Spessart.
Sonntag, 5. Mai 1946
Mutter Amalia Leisner:

6.30 Uhr heilige Com. [Kommunion]. 9.00 Uhr Hochamt, dann Wallfahrt zum St. Nikolauskreuz (Fest der Patronin Bavariae). Leisner, Amalia: Notizen im Taschenkalender 1946: 5
[2] Am 3. Mai, einem polnischen Nationalfeiertag, feiern die Polen die Gottes­mutter Maria als Patro­na Poloniae, als Königin Polens.

KZ-Priester Hans Carls:
Am 3. Mai fand ein feierlicher Gottesdienst für die Toten des Lagers statt. Es zele­brierte Pfar­rer Verenik-Lu­blin [Stanislaw Werenik], es as­sistierte Pfarrer Korcinski [Dr. Francis­zek Korszyński], als Diakon Pfarrer Corcz [Theo­dor Korcz], als Sub­diakon Pfarrer [Bernard] Czaplinski. Die Pre­digt hielt Pfar­rer Haudza[, vermutlich kein KZ-Häftling]. Dieser Gottes­dienst war lei­der nur für die Po­len be­stimmt (Carls, Hans: Dachau. Erinnerungen eines katholischen Geistlichen aus der Zeit seiner Gefangenschaft 1941–1945, Köln 1946: 205 (zit. Carls 1946)

Dachau, Donnerstag, 3. Mai 1945, Maria, Patrona Poloniae

Tgb 27.06 (1)

Große Feier der Po­len auf dem Appel­l­platz mit Feldgottesdienst. Herrli­cher Altar. Fran­zö­sischer Gene­ral[1] und ameri­kanischer Feldkaplan spre­chen. Herrli­che Sache!

[1] KZ-Priester Johann Steinbock:
Am 3. Mai hatten die Franzosen Besuch von mehreren Ministern und Generä­len, es er­klang zum ersten Mal auf dem Dachauer Platz die Mar­seil­laise (Steinbock, Johann: Das Ende von Dachau, Steyr 1995 (Neuauflage der Erstauflage von Salzburg 1948): 45.
Hans Carls:
Es ereignete sich ein Zwischenfall, der sehr bedauer­lich war. Während der hl. Messe [der Polen] hielt plötz­lich ein fran­zösi­scher Gene­ral zu den in der Nähe ver­sammelten Franzo­sen eine An­spra­che und störte durch seine laute Stimme den Got­tes­dienst. Nachher hat er sich ent­schul­digt (Carls 1946: 205).

Planegg, Samstag, 5. Mai 1945, Maria, Patrona Bavariae

Tgb 27.09 (1)

Mit Dankes- und Freudenträ­nen war ich ein­gedu­selt. O wie wohl ist mir. Wie ist Gott so unendlich gut. Wenn die Not am größten, hilft Er.[1] Nur die Ganz­hin­gabe wollte Er vorher.
[P.] Otto [Pies SJ] kommt nach der heiligen Messe zu mir. Wir sind so glücklich. Zu mir kam der Eu­cha­ristische Heiland auch schon in der Frühe.[2] Die Pflege der guten Schwestern tut so gut. Die Dachauer dü­steren Bilder fallen langsam von der Seele. Ich bin freier Mensch, Alleluja! Wieder­gebo­ren! Wie­der zur Men­schen­würde gelangt. Blumen auf dem Tisch. Das Cruzifix an der Wand. Die Schwe­ster bringt noch das Kölner Dombild von Stephan Lochner von Unse­rer Lieben Frau.[3]
Alles empfehle ich Ihr, meiner gelieb­te­sten heiligen Mutter. Mhc [Mater habebit curam – Die Mutter wird sorgen]! Oft grüße ich sie mit Tränen in den Au­gen.
Der Chefarzt [Dr. Bernhard Cramer] kommt schauen. Der Oberarzt Dr. [Wilhelm] Cor­man aus Aachen wird mich behandeln. Ehemaliger NDer. Ia! Wie herrlich sich alles fin­det.
Gegen 10.00 Uhr runter im Wa­gen. Durch­leuchtung. Untersuchung. Rönt­genauf­nahme. – Ein feiner Arzt und Mensch [Dr. Wilhelm Corman]. Hat gleich mein volles Vertrauen und Sympathie. – Ich vergehe fast vor Freude und Dankbar­keit. Nachmittags kommt er zur Visite. Hört mich an über das KL. Läßt mich erzählen. Den Dreck von der Seele weg­spü­len. Das Mittag­­essen ist prächtig. So fein serviert alles und weiße Wäsche. Ich bin über alles so froh. Der Wald schaut zu mir herein. Eine fri­sche Birke. Ein grüner Buchenbusch. Und frisch ausge­schlagene mächtige Fichten.
Ich schaue, döse, träume, danke, streife Da­chau ab. – – Wie wonnig. Hier kann sich Leib und Seele erho­len. Ich kann wieder recht be­ten. – Aus der Stille spricht Gott – , ob­wohl ich so schlapp bin.

[1]  in Anlehnung an die Volksweisheit „Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten“, eine in der Familie Leisner geläufige Redensart
[2]  Karl Leisner war zu schwach, um in der Kapelle an der Schwesternmesse, die Kurat Dr. Georg Mayr ze­le­brierte, teil­zunehmen. Aber mittels einer Übertra­gungs­­möglich­keit aus der Kapelle in die Kranken­zim­mer feierte er den Gottes­dienst mit, und die Kommunion brachte man ihm ans Krankenbett.
[3]  Im Kölner Dom be­findet sich die „Anbetung der Heili­gen Drei Kö­nige“ von Stephan Lochner. Laut Karl Leisners Schwester Eli­sa­beth Haas hing nicht dieses Bild an der Wand, sondern Stephan Lochners Bild „Maria im Ro­senhag“, wel­ches sich im Kölner Wallraf-Richartz-Museum befindet. Als Postkarte und Mini­poster war diese Darstel­lung in den 1920er und 1930er Jahren in Deutschland sehr ver­breitet.
Mutter Amalia Leisner:
Große Freude empfand er auch, daß man ihm das Bild der Muttergottes von Stephan Lochner ge­genüber seinem Krankenbett an­brachte (Seligsprechungs­prozeß: 149).