90 Jahre Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen

hochschule

Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/M., Of­fen­bacher Landstr. 224 – Errichtung durch Bischof Augus­tinus Kilian (1856–1930) von Limburg 1926 – Luft­angriff mit schwer­wiegenden Folgen 4./5.10.1943 – völlige Zerstö­rung 18./19.3.1944 – Wiederaufbau 1945–1950

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Unter der Überschrift „‚Beachtlich frisch und wandlungsfähig’ Ansgar Wucherpfennig im Gespräch über die Hochschule Sankt Georgen“ berichtete Barbara Stühlmeyer in der Zeitung „Die Tagespost“ vom 20. Oktober 2016 über das Jubiläum der Hochschule. Im Gespräch mit dem Rektor P. Ansgar Wucherpfenning SJ fand Papst Franziskus’ Studium in Sankt Georgen besondere Erwähnung.

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Karl Leisner hatte vor, 1939 bei P. Friedrich Kronseder SJ[1] in St. Georgen Große Exerzitien[2] zu machen. Mit seinem Studienkurs hatte er den Pater bereits vom 30. Oktober bis zum 2. November 1935 bei Kurs-Exerzitien im Collegium Borromaeum in Münster erlebt.

[1]    Pater Friedrich Kronseder SJ (* 4.7.1879 in München, † 16.8.1957 im Priesterhospiz in Neuburg a. d. Donau) – Priesterweihe 29.6.1904 – Eintritt in die Gesell­schaft Jesu 19.4.1909 – Letzte Gelübde 2.2.1925
Siehe auch Link zum Nachruf

[2]    „Große Exerzitien“ sind in der Regel nach dem Exerzitienbüchlein des Ignatius von Loyola durchgeführte 30tägige Exerzitien.

Tagebucheinträge

Münster, Sonntag, 27. Oktober 1935, Christ-Königs-Fest
Christkönigstag – dachte ich noch daheim miterleben zu dürfen. Aber das Geschick wollte es, daß wir schon im Borromaeum sein soll­ten, um eine schriftliche philosophische Arbeit zu schreiben. Hoffentlich ist’s schön daheim. Bei der Christkönigsgemeinschaftsmesse der Jugend [in Kleve] war ich im Geiste mit dabei, während wir Gemeinschaftsmesse auf der Kapelle feierten mit P. Kronse­der: Der jüngste Kursus, die „auswärtigen Vor-Exerzitanten[1] und wir von der 2. Kompanie [vom zweiten Kurs]“, die wir heute am Tage der Feier des Kö­nigtums Jesu Christi ein philosophisches Examen bauen sollten. O Graus!

[1]    Vermutlich die Studenten in den Außensemestern, die vor Semesterbeginn ihre Exerzitien in Münster machten.

Münster, Mittwoch, 30. Oktober bis Samstag, 2. November 1935
1.–4. Tag der gnadenreichen Exerzitien
Abends 20.00 Uhr sakramentale Andacht auf der Kapelle. Es beginnen die Geistlichen Übungen bei P. Kronseder. (Näheres [siehe]
die genaue schriftli­che Ausarbeitung![1])
Gleich schon stellt er uns in herrlicher Weise mit wundervoller Auslese aus Dantes „Göttlicher Komödie“[2] und Juan de Cruce’s „Nacht der Seele“[3] mitten hinein, führt uns ein in das große Zentralmysterium, was in diesen stillen Tagen vor uns stehen soll, in die Allerheiligste Dreieinigkeit.
[4]
Eine tiefergreifende russische Legende von den Mönchen, die mit ihren „guten Methoden“ drei arme alte Greise auf einer Missionsreise „bekeh­ren“ wollten, die immer – immer und immer beteten und beten konnten: „Ihr seid drei, und wir sind drei, Herr, erbarme dich unser“.[5]
Mit hohen Gedanken und betendem Geist schlafe ich ruhig ein.
Immer tiefer und tiefer erfassen wir das alles, wie alles zutiefst seine Wurzel und sein Ziel hat im Geheimnis der Dreieinigkeit. – Schöpfung, Mensch, Engel, Erde und Himmel, alles preist und jubelt und jauchzt zu dem „Ewi­gen, zeitlosen und unsichtbaren König der Ewigkeit.“
Mit herrlichen neuen Augen schau’ ich so an die Natur, das „Buch Gottes“, und schaue und schaue Seine wunderbare Güte und Macht.
Mit großartiger psychologischer Feinheit und mit tiefblickendem und des­halb so freien und gütigen und humorvollem Ernst erschließt uns P. Kronseder SJ die ganzen Tiefen des Menschen, der Menschheit und ihrer Geschichte.
Der Mensch, die herrlichste Krone der Schöpfung! Das Wesen, an dem Gott Seine ganze Güte verschwendet hat – und das im Sündenfall sich stolz von Ihm abwandte.
Ach, lies und lies und durchdenke immer wieder das, was uns da aufleuch­tete!!
Ich schwinge in tiefster Dankbarkeit und herrlicher erhebender Freude mit. Es ist, als habe ich einen ganz neuen Sinn und eine herrlich neue und tiefe Schau meines und des Lebens aller Menschen gefunden!
Voll Glück und Frieden vergeht ein Tag schöner und aufschlußreicher und glücklicher als der andere. In der heiligen Beicht mangelt’s noch etwas an Tiefblick und ruhiger Selbstbetrachtung beim Gewissenserforschen, und an Selbstbeherrschung beim Bekenntnis! – Oh, ich Menschlein!
Ich möchte ein ganz neues großes Lied singen vor Freude und Glück, das mir in diesen Tagen geschenkt wurde!
(geschrieben am 18.11.[1935])
O Sanctissima Trinitas – O Aeterna Caritas!
[O heiligste Dreifaltigkeit – o ewige Liebe!]
Alles ist mir neu aufgegangen, ich hab’ geschenkt bekommen durch Gottes Heiligen Geist Gnade und Erbarmen, neuen großen Sinn eigentlich für alles erhalten. Dank und Preis Ihm. O komm und brich herein immer mehr, O Heiliger Geist! Göttliche Liebesglut rührte an mein Inner­stes, drang ein in die von den Mauern der Selbstüberschätzung und den Scheuklappen der Ichverkrampfung, dieses „ewigen toten Punktes“, „ver­rammelte“ Seelenburg.[6]
Brenne nieder, Herr, und laß mich immer mehr durchglüht werden von Dei­ner heiligen Glut! Laß mich immer mehr durch­stürmt werden von Deinem heiligen Sturm! Laß mich ganz zuinnerst ge­troffen werden von Deinem unendlichen, reichen heiligen Liebeshauch, dem
Heiligen Geist!
Veni, veni, veni, Sancte Spiritus!
Veni et reple corda omnium! [Komm, komm, komm Heiliger Geist! Komm und erfülle die Herzen aller] Amen, Alleluja!

[1]    im Nachlaß nicht vorhanden

[2]    Alighieri, Dante: Die Göttliche Komödie (La Divina Commedia), übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß, Stuttgart o. J.

[3]    Johannes vom Kreuz: Noche oscura del alma – Die dunkle Nacht der Seele. Sämtli­che Dichtungen aus dem Spanischen übertragen und eingeleitet von Felix Braun, Salzburg 1952
Friedrich Kronseder selbst schrieb: Der heilige Johannes vom Kreuz (= Seele-Bücherei, Band 5). Habbel Verlag, Regensburg 1926

[4]    Die Schrift „Im Banne des Dreieinigen Gottes“ eines Kartäusers, der entsprechend der Ordenskonvention anonym blieb, wurde in Deutsch erstmals 1933 durch Friedrich Kronseder unter dem Titel „Im Banne der Dreieinigkeit“ herausgegeben.

[5]    Siehe Link zu „Die seligen Drei“
Friedrich E. von Gagern erwähnt in „Der andere Gott, Christsein ohne Angst, München 1990“ folgende russische Legende:
Ein Bischof besuchte auf einer Insel im Russischen Meer drei alte Männer, die im Rufe der Heiligkeit lebten. Sie beteten gemeinsam: „Wir sind drei – Ihr seid drei – Macht uns frei!“ Der Bischof brachte den Greisen das Vaterun­ser bei. Als der Bischof abgefahren war, kamen die Greise über das Wasser dem Schiff des Bischofs nach, weil sie es schon vergessen hatten, wie das Vater­un­ser geht. Da sagte der Bischof voller Ergriffenheit: „Betet weiter so, wie ihr es immer getan habt.“
(s. Akademische Monatsblätter 1990, Heft 4: 6. u. „Legende der heiligen Männer“ URL http://www.geistigenahrung.org/ftopic1698.html – 28.4.2011)

[6]    Vermutlich dachte Karl Leisner an „Die Seelenburg“ von Theresia von Avila.

Dienstag, 5. November 1935
Bücherlese vom 5. November 1935
Wintersemester 1935
(Nach den Exerzitien bei P. Kronseder)
Textprobe aus Josef Kühnel: „Vom Geheimnis Gottes in uns“. (Verlag: Pustet 1935)[1]

Gute und tiefe Schau dessen, was uns Menschen immer und heute beson­ders nottut.

[1]    Kühnel, Josef: Vom Geheimnis Gottes in uns. Achter Band Bücher der Geisteser­neuerung, Salzburg 1934

Münster, Mittwoch, 27. November 1935
Wie eine Welle überströmt mich die ge­bändigte Jungmannskraft in all ihrer Gesundheit, schlummernde Kräfte schreien auf, wachen – und auch mein Cor inquietum [unruhiges Herz] ist voller heißer Lie­besglut zu allen Menschen und durch sie und über sie und in ihnen zu Gott, dem ewig Dreieinigen. Aufs Neue packt mich die Freude an allem, wie in den Glanztagen der herrlichen Exerzitien. Ich fasse tiefer des heiligen Thomas Wort „Gratia supponit naturam“[1]. – Die Natur in ihrer ganzen Kraft und Glut und Leidenschaft und Hingerissenheit, in ihrer ganzen geschöpf­lichen Urkraft – hellauf wache ich – Gott ruft all meine Kräfte wach – wach – wach sein, hellhörig! Scharfsinnig, mutig – klar, auf, auf!!
Ich spanne die Muskeln, ich atme tief, ich richte mich grad: Mensch, du, ha, wach auf: was steckt in dir, hol’ alles raus, erziehe dich, veredle dich – auf­gebrochen!!
Heijo, he heijo! Ahoi!
Jubelnd stürze ich mich ins volle Leben, [cum] Deo trino Duce et Impera­tore [mit dem Dreifaltigen Gott, meinem Führer und Herrscher]!!
Ich kann gar nicht mehr schläfrig sein. Augustinus’ Wachheit und Glut und Leidenschaft hat mich gepackt!!

[1]    gratia praesupponit natu­ram, elevat et perfecit (lat.) = Die Gnade setzt die Natur vor­aus, er­hebt und vollendet sie.
Bonaventura formulierte diesen Gedanken, und Thomas von Aquin entwickelte ihn weiter.

Münster, Samstag, 7. Dezember 1935
Der Gedanke vom Wach­sen im Natur-, Geist- und Gnadenreich beschäftigt mich sehr stark den gan­zen Tag. Angeregt hat mich sehr vieles, besonders P. Kron­seder (er erinnert mich an meine Pflicht, die Exerzi­tien schriftlich auszuarbeiten!) und ein Besuch im ana­tomi­schen Stu­diersaal, wo ich bestaunte, wie wundervoll sich der Mensch im Schoße der Mutter bildet von der kleinen befruchteten Eizelle zu diesem fei­nen Orga­nismus, den ein Kind schon hat, und der dann immer schöner und köstlicher sich ausreift.

Kleve, Dienstag, 24. Dezember 1935
(Das Buch von [Eduard] Spranger „Psychologie des Jugendalters“ und die herrli­chen Exerzitien von P. Kronseder haben mir in Jungen­behand­lung und Auffassung viel gegeben. Ebenso in allge­mei­ner Men­schen­kenntnis und -behandlung. Nur bin ich da noch oft zu befangen und zu wenig demütig-kindlich.)

Kleve, Montag, 6. Januar 1936, Erscheinung des Herrn
Begegnungen mit dem dreipersönlichen Gott, besonders in den gnadenvol­len heiligen Tagen der heiligen Übungen [Exerzitien] mit P. Kronse­der. Gott blickt mich an, Er ist König meines Lebens, Ihm darf ich einst, wenn Er will, als junger keuscher Priester dienen – Ihm und den Menschen!

Karl Leisner aus Münster am Sonntag, 7. Mai 1939, an Willi Leisner in Bingen:
Für die Herbstferien schwebt mir folgendes vor: 1. bis 14. August Fußfahrt durch den Schwarzwald. – 15. August bis 14. September Große Exerzitien bei P. Kronseder SJ in St. Georgen zu Frankfurt/Main. Dann daheim.

Auf Grund seiner Krankheit mußte Karl Leisner auf die für August geplante 14tägige Fahrt in den Schwarzwald und die anschließenden 30tägigen Exerzitien bei P. Friedrich Kronseder SJ in St. Georgen verzichten.