Die Kirchenzeitung des Bistums Münster Nr. 47 vom 27. November 2016 brachte drei Beiträge mit Bezügen zu Karl Leisner

kul_kleinAuf Seite 12 steht ein Artikel über „Ärger mit geistlicher Gemeinschaft“, in dem unter anderem die Karl-Leisner-Jugend erwähnt wird, auf Seite 16 ein Bericht über die Renovierung der Überwasserkirche, die Karl Leisner in seinen Tagebüchern gelegentlich erwähnt, und auf Seite 10 ein Beitrag über die Zukunft des Deutschen Studentenheimes, dessen Neubau er 1932 als „luxuriös“ bezeichnet hat.

„Ärger mit geistlicher·Gemeinschaft – REGNUM CHRISTI In St. Martin in Raesfeld wird derzeit scharf über die Rolle von Regnum Christi und der Karl-Leisner-Jugend in der Pfarrgemeide diskutiert. Unterwandern dort umstrittene Bewegungen von außen die Seelsorge? Eine offene Fragestunde sollte Antworten darauf bringen.“ lautet der vollständige Titel des Artikels von Michael Bönte. Er berichtet über die Fragestunde zum Thema „Regnum Christi und Karl-Leisner-Jugend“, an der mehr als 300 Gemeindemitglieder teilnahmen. Viele von ihnen sehen in den beiden Gemeinschaften die Ursache für die Probleme, welche die Pfarrgemeinde spalten.

PDF der Kirchenzeitung

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Raesfeld war Karl Leisner sehr vertraut, vor allem die Burg.

213_raesfeldRaesfeld Ort, Burg u. Schloßkapelle
Ort:

erste urkundliche Erwähnung 889
Burg:
erster urkundlich genannter Burgherr Rabodo von dem Berge zwischen 1166 u. 1173 – nach wechselvoller Geschichte Erwerb des Schlosses durch Freiherr von Landsberg-Velen 1822 – „Bundesburg“ des ND 1929 – Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten 1937 – Pläne für eine Kreisschulungsburg der NSDAP 1938 – Belegung durch Truppenverbände der Deutschen Wehrmacht 1939/1940 – umfangreiche Restaurierungsarbeiten u. Beginn hand­werklicher Schulungen 1950/1951 – Fortbildungszentrums für handwerkliche Denk­mal­pflege 1982
Schloßkapelle:
erste urkundliche Erwähnung einer Burgkapelle 1454 – Abbruch der mittelalterlichen Burg­kapelle u. Baubeginn der barocken Schloßkapelle 1657 – Einweihung 1658/1659 – Heute ist die Schloßkapelle Teil der Gemeinde St. Martin in Raesfeld.

Tagebucheinträge

Auf der Spielfahrt 1930 kam Karl Leisner mit seinen Kasperspielern unter anderem auch durch Raesfeld. Den Fahrtenbericht dazu schrieb Ferdinand Falkenstein[1].

[1]    Ferdinand (Ferdi) Karl Maria Fal­kenstein (* 7.5.1915 in Neuss, † 23.6.1982 in Mede­bach) – Buchhalter bei der Kreis­handwerker­schaft in Neuss, Jo­sefstr. – Heirat mit Fran­ziska Fal­kenstein, geb. Schnellen – Trauzeugin: Paula Leisner – Teilnahme an der Spiel­fahrt 1930

Samstag, 16. August 1930
Um 11.30 Uhr erreich­ten wir Raes­feld, dort zu Kaplan Tombrink[1], 17.00 Uhr gings zur Stadt, dort für 30 Pfennig Streuselku­chen gegessen. Um 20.00 Uhr zur ND-Burg, dort gabs Kartof­feln mit Boh­nen, danach Abend­ge­bet und Ge­sangstunde un­ter Lei­tung von Willi van Rem­men[2].

[1]    Theodor Tombrink (* 29.8.1901 in Holtwick, † 24.6.1964 in Ahaus) – Eintritt ins Colle­gium Borromaeum in Münster Ostern 1923 – Priesterweihe 3.3.1928 in Münster – Kaplan in Raesfeld 1930–1937 – Laut Zeitzeugen fuhr er ein Motorrad, besaß einen bissigen Schä­ferhund und war „mit heiligem Zorn ein Gegner des Dritten Rei­ches“.

[2]    Willi van Remmen (* ?, † ?) – Kleve, Kermisdahlstr. 26 – Teilnahme an der Spielfahrt 1930 u. der Pfingstfahrt 1930

Sonntag, 17. August 1930
Um 7.00 Uhr Aufstehen, 8.15 Uhr Hochamt in der Schloßkapelle, danach Singen im Hof. 13.00 Uhr Mittagessen, Abschied von W. v. R. [Willi van Remmen]. Um 15.30 Uhr fand im Saale Grundmann [an der Straßenkreuzung Borke­ner/Dorstener und Weseler Straße] eine Kindervor­stellung statt. Ein­nahme RM 16,95. Um 20.00 Uhr gaben wir eine Er­wachse­nen­vor­stel­lung, Einnahme RM 44,75. Um 23.00 Uhr gingen wir zur Burg zum Übernachten.

Montag, 18. August 1930
8.00 Uhr Aufstehen, nach dem Frühstück bekamen wir von Studienrat Hase­brink[1] ein Lob für unsere gut aufge­führten Stücke. Nach­dem wir unsere Bühne abge­bro­chen hatten, ging es weiter nach Borken.

[1]    Joseph Hasebrink (* 5.3.1885, † 18.12.1970) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Herbst 1906 – Priesterweihe 21.5.1910 in Münster – Stu­dien­rat an der Oberschule für Jungen in Bottrop 1922–1950 – zugleich Burgkaplan u. Lei­ter der ND-Bundesburg „Burg Raesfeld“

Auch die Pfingstfahrt 1934 führte nach Raesfeld.

Sonntag, 20. Mai 1934, Pfingstsonntag
2. Tag der Pfingst­fahrt:
[…]
10.00 Uhr auf die geschnallten Stahlrö­sser! – Ab­schied: „Auf, du junger Wanders­mann“. Klabastert op de Bee­ster! [Steigt auf die Fahrräder! ]Auf!
Zunächst nach Raesfeld zur ND-Burg. Dort große Führertagung der Westmark.
Wir sehen sie schon von weitem dasitzen im großen Thing. P. Muckermann[1] spricht! – Wir treten in den Burghof des stolzen westfä­li­schen Wasserschlosses. Wir besichtigen die unteren Räume. Die Burg ist bis auf einige Räume wiederhergestellt und diese Tagung sollte gleichzeitig der Ein­weihung der Burg dienen. – Wir geistern in den alten Rittersälen herum. Dann lauschen wir gespannt dem Vortrag P. Friedrich Mucker­manns über die religiöse Lage der Zeit. Offen und in seiner geistreichen und doch tiefen Art spricht er zum Thing. Wohl 10 Minuten lauschen wir vom Fenster aus ge­spannt, bis ein Großmaul hereintritt mit „Heil Hitler“ und als wir weiter ge­spannt lauschen, uns anbrüllt „Na, woher kommt ihr denn, kennt ihr den deutschen Gruß nicht?“ – Dem höchstentrüsteten Männeken ant­worten unsere Jungens ganz unverblümt: „Aus Kleve“. – Ha, ha! Wir ziehen es vor, die Fenster zu räumen; es wird auch Zeit zum Weitergehn. – Wir fragen nach dem Weg und bekommen eine Autokarte geschenkt.

[1]    Pater Friedrich Muckermann SJ (* 17.8.1883 in Bückeburg, † 2.4.1946 in Montreux/CH) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 1899 in Bleyenbeck/NL – Priesterweihe 1914 – Feld­geist­licher im Ersten Weltkrieg – Herausgeber der literarischen Monatsschrift „Der Gral“ – Gegner des Bolschewismus u. des Nationalsozialismus – Herausgeber der sog. Katholi­schen Korrespondenz 1933–1935 – Emigration nach Oldenzaal/NL 1934 – Heraus­ge­ber der Exilzeit­schrift gegen des Nationalsozialismus „Der Deutsche Weg“ – Umzug nach Paris 1938 – Flucht in die Schweiz 1943 – dort u. a. Publizist u. Schrift­steller

1935 gab es eine weitere Begegnung mit der Burg Raesfeld.

Samstag, 23. November 1935
Wir sollen mit nach Raesfeld fahren. […]
Um 11.05 Uhr also zum Herrn Direktor [Franz Schmäing[1]] und um Erlaub­nis gefragt und „ohne weiteres“ zwischen Tür und Angel erhalten: „Schal­let, hallet Jubellieder!“ Wie zwei ausgelassene Babys tollen Jupp[2] und ich nach oben.
[…]
Los zu 13 in zwei Autos. Gespräche mit dem Chauffeur (aus Gronau stammt er). Lustig-fröhlich-liebe Stimmung. – Burgbesichti­gung [in Raesfeld] bis zum Turm! Dann im Rittersaal bei Kerzenschein (Elektri­scher Neuanlagen-Mast[3]) Frühstück [Nachmittagskaffee] mit fröhlicher Unter­haltung, Scherz und „Aufziehen“. Dann „Stunden am Kamin“ um den warmen Ofen.

[1]    Franz Schmäing (* 12.5.1884 in Anholt, † 25.1.1944 in Lippstadt) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1903 – Priesterweihe 25.5.1907 in Münster – Pfarrer in Münster St. Joseph 1931–1934 – Di­rektor des Collegium Borro­maeum in Münster 3.5.1934 bis 1944 – Bischof Clemens August Graf von Galen beabsichtigte, ihn ins Dom­kapitel aufzunehmen. Bevor er aber die Ernen­nungsurkunde unterschrieben hatte, starb Franz Schmäing.

[2]    Josef (Jupp) Köckemann (* 20.4.1915 in Königssteele/Essen, † 18.11.2006) – Abitur am Gym­na­sium Paulinum in Münster – Eintritt ins Colle­gium Borro­maeum in Münster 1.5. 1934 – Außen­semester in Freiburg/Br. 1936/1937 – Teilnahme an der Romfahrt mit Karl Leisner u. Max Terhorst 22.5. bis 8.6.1936 – Priesterweihe 23.9.1939 in Mün­ster – an­schließend Zeremoniar im Dom in Münster – Pfarrdechant in Werne 1962–1990 – Im Seligsprechungsprozeß 1981 und Martyrerpro­zeß 1990 für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.

[3]    vermutlich eine Lampe mit elektrischen Kerzenbirnen

1936 fand in Raesfeld eine Führerschulung statt.

Mittwoch, 1. Januar 1936
Gegen 8.00 Uhr in Raes­feld. Kalte Wäsche – tutto il corpore [corpo – der ganze Körper]! – in der „Scheune“. Frisches Zeug an, hei! – Um 9.15 Uhr kommen Sturm­schär­ler und unsere Jung­scharführer aus der Kirche [St. Martini…] Vorher noch am Feuer mit ‘nem Jungen aus [Gel­senkirchen-]Buer.
Eine feine Stunde mit frischen Liedern. Schluß. Parole für’s Jahr „Parate viam Domini!” [Bereitet dem Herrn den Weg! (Mk 1,3)] – Neue Kraft in Füh­rer- und Jungenschar! Führerschola! […] Bis zum Essen mit Jupp dann los. Ein feiner frischer Kerl, der Jupp! Er hat’s trotz allem Schief­gehn gut gemacht. (Alles kam zu spät oder gar nicht.) […] Nach dem Mittag Schlußappell. „Silberglänzende Trom­pete“. Das Lied gefällt mir.

* * * * *

img_5829ueberwasserÜberwasserkirche
Jenseits des Flüßchens Aa (trans aquas [lat.] = Überwas­ser) gründete Ludgerus, der erste Bischof von Münster, eine Marienkapelle. Die Liebfrauenkirche Überwasser neben dem ehemaligen Priesterseminar in Münster, ist neben der, allerdings ursprünglich zwei­schiffigen, Halle der Minoriten-(heute Apostel-)Kirche aus der Zeit um 1280, die erste dreischiffige gotische Hallenkirche der Stadt.

Unter der Überschrift „Überwasserkirche in neuem Glanz – RENOVIERUNG Neben dem St-Paulus-Dom ist die Überwasserkirche das älteste Gotteshaus in der Stadt Münster. In dieser Kirche arbeiteten in den vergangenen Monaten viele Handwerker. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.“ berichtet Johannes Bernard über die wiedereröffnete Überwasserkirche.

PDF der Kirchenzeitung

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Siehe auch folgende Links zur Tageszeitung Westfälische Nachrichten

Link 1

Link 2

Karl Leisners Tagebucheinträge mit Erwähnung der Überwasserkirche

Freitag, 17. August 1928
Endlich besichtigten und be­stiegen wir noch die [St.]-Lamberti-Kirche. Zu­letzt noch das ganz vorzügli­che Landesmuseum und die Überwasserkirche, diese von außen.

Montag, 3. Juni 1935
Eine viertel Stunde in [der] Überwasser[-Kirche] gebe­tet und nachgedacht über [die Diözesantage in] Telgte.

Samstag, 4. März 1939
Der Tag der Lebensweihe [Weihe zum Subdiakon] ist in die Geschichte ein­gegangen. Factum est! [Es ist geschehen!]
[…]
16.00 Uhr geh’ ich in den Garten [des Priesterseminars]. Gespräch mit P. Mischler[1]. – Voll Freude Non und Vesper draußen in der Schöpfung – mit den Vögeln, den Bäumen und den Quadern von Über­wasser[2].

[1]    Pater Peter Mischler SJ (* 20.2.1879 in Waldeck/Lothringen/Moselle/F, † 27.11.1943 in Hamburg) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 4.10.1902 in Feldkirch/A – Priesterweihe 24.8.1913 – Letzte Gelübde 2.2.1916 – Spiritual im Priesterseminar in Münster 1932–1939

[2]    Hof und Garten des ehemaligen Priesterseminars und heutigen Liudgerhauses gren­­zen an die Mauern der Überwasser­kirche.

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BreulDeutsches Studentenwohnheim in Münster
Einweihung am Breul 23 1929 – Träger der Caritas­ver­band u. das Bistum Münster – Das Innen­ministerium gab einen er­heb­­lichen Zu­schuß für den damals luxuriösen Bau (Zimmer mit Zentral­heizung, Wasch­becken u. Telefon), verbunden mit der Auf­lage, haupt­­säch­lich aus­lands­deutsche Studenten aufzunehmen; daher auch der Name Deut­sches Stu­denten­wohn­heim. Da es für die lau­fenden Kosten re­gel­mäßig Zu­schüsse der Deutschen Stiftung Burse bekam, nennt man es auch heute noch „Deutsche Burse“ oder „Studen­ten­burse“. Bis 2010 betreuten Heiligenstädter Schul­schwe­stern das Haus.

 

Über die Zukunft des Deutschen Studentenheimes am Breul 23 berichtet Christof Haverkamp unter der Überschrift „Wie geht es nach der Schließung weiter·- EHEMALIGENVEREIN Weil das Deutsche Studentenheim abgerissen wird, stellt sich der ‚Verein alter Breulianer’ die Frage nach der Zukunft. Das wird ein Thema auf der Jahreshauptversammlung sein. Der frühere Heimleiter Norbert Köster ist dabei.“

PDF der Kirchenzeitung

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Karl Leisner kannte das Deutsche Studentenwohnheim bereits vor Beginn seines Studiums in Münster.

Tagebucheintrag

Donnerstag, 4. August 1932
Für heute war ein Besuch Münsters geplant. […] Dann auf zur Stu­dentenburse! Vornehm, hm! Ein luxuriöses, fast zu feines Haus für die aus­landsdeutschen Studenten. Es gab vornehmes „Futter“: Bohnen­suppe mit zween niedlich-länglichen Würstchen. Alles für 0,50 RM.

Fotos Gabriele Latzel und IKLK-Archiv