Die KZ-Priester Hermann-Joseph Werhahn und Karl Leisner

WerhahnDie F.A.Z. vom 10. Juni 2015 brachte einen Artikel über die mehr als 170 Jahre alte Neusser Familien-Unternehmensgruppe Wilhelm Werhahn mit dem Titel „Werhahn prüft weitere Zukäufe. Starke Nachfrage aus China und Japan“.

Link zum Artikel

Familienunternehmen Werhahn nach dem Zweiten Weltkrieg Neuss, Königstraße 84

Foto Firma Werhahn

Dr. Hildegard Welfens, Historikerin und Archivarin der Firma Werhahn:
Hermann-Josef Werhahn wurde am 26. Juni 1907 in Neuss geboren und wuchs mit 7 Geschwistern auf. Seine Eltern waren der Neusser Kaufmann Cornel Werhahn (07.05.1874 – 29.04.1962)[, Gesellschafter in der Firma Werhahn,] und Elisabeth Bardenhewer (14.06.1882-23.07.1959). Hermann Josef Werhahn hat in Köln, München, Innsbruck und Bonn studiert und wurde am 22. Februar 1935 in Köln zum Priester geweiht. Seine erste Stelle als Kaplan war in Mehlem am Rhein. Am 15. November 1935 wurde er wegen einer Wallfahrt mit Meßdienern verwarnt. Wegen „heimtückischer“ Äußerungen vor der Schützengilde wurde er am 19. Oktober 1936 durch die SA angezeigt. Das Verfahren gegen ihn wurde am 4. November 1936 durch die Oberstaatsanwaltschaft Köln eingestellt. Im Februar 1939 kam Hermann Josef Werhahn an die Rektoratspfarrkirche „Zur Hl. Familie“ in Essen-Margarethenhöhe. Er war dort als Pfarrjugendseelsorger tätig. Auf Grund von Äußerungen während einer Predigt vom 17. September 1939 wurde er wegen Verstoß gegen den sogenannten Kanzelparagraphen und gegen das Heimtückegesetz verhaftet. Vom 6. bis 17. Oktober 1939 war er in Untersuchungshaft. Danach wurde Hermann Josef Werhahn unter Schutzhaft genommen. Auf Anordnung des Reichsführers SS [Heinrich Himmler] wurde er zunächst ins KZ Sachsenhausen und am 14. Dezember 1940 ins KZ Dachau eingeliefert. Das Verfahren gegen Hermann Josef Werhahn wurde aus Mangel an Beweisen durch den Oberstaatsanwalt als Leiter der Anklagebehörde beim Sondergericht in Dortmund am 4. Januar 1940 eingestellt. Dies hatte jedoch keine Auswirkungen auf seine Schutzhaft. Nach Ablauf einer dreijährigen Schutzhaft wurde mit der Auflage, sich bei der Ortspolizeibehörde seines Wohnortes zu melden, die Schutzhaft probeweise aufgehoben und seine Entlassung aus dem KZ zum 9. Dezember 1942 angeordnet. [Sein Bruder Otto hat ihn im KZ Dachau abgeholt.] Ab dem 12. Dezember 1942 ist er in Neuss, Elisenstr.2, bei seinen Eltern gemeldet. Bis Kriegsende stand er unter Beobachtung der Gestapo und der Ortspolizeibehörde.
Hermann Josef Werhahn starb am 5. März 1977 in Zell am Harmersbach.
(Quelle: Hauptstaatsarchiv Düsseldorf RW 58/32045 und 49524)

* * * * *

Hermann-Joseph Werhahn und Karl Leisner haben sich vermutlich schon im KZ Sachsenhausen kennengelernt. Auch nach Hermann-Joseph Werhahns Freilassung aus dem KZ Dachau blieb der Kontakt erhalten und führte zu einer erneuten Begegnung im Waldsanatorium Planegg sowie zu einer Kontaktaufnahme mit Familie Wilhelm Leisner.

Samstag, 9. Januar 1943
Karl Leisner aus Dachau an seine Familie und an Kaplan Ferdinand Stege­mann in Kleve:
Meine Lieben!
[…]
Zum Neujahr besondere Wünsche noch an Hermann Werhahn in Neuß, Elisabethstraße 1 [Elisenstr. 2]. Er ist daheim, und der Urlaub wird ihm gut tun.[1]

[1]    Hermann-Joseph Werhahn war am 9.12.1942 aus dem KZ Dachau entlassen worden.

Freitag, 26. Februar 1943
Karl Leisner aus Dachau an seine Familie in Kleve:
Meine Lieben!
[…]
Wie geht’s Hermann[-Joseph Werhahn] in Neuß [nach seiner Entlassung aus dem KZ Dachau]?

Karl Leisner in seinem Tagebuch:
Planegg, Freitag, 1. Juni 1945, Herz-Jesu-Freitag
[…]
Am 28. [Mai] (Wilhelm, dem Fest des hl. Benediktinermönchs Wilhelm von Aquita­nien, Namenstag von Vater Leisner und Bruder Willi) Hermann Wer­hahn (Neuß-Düs­sel­dorf) auf Be­such. Er nimmt Nachricht mit nach Hause[1]. Schenkt mir Buch über heili­gen Bonifa­tius.[2]

[1]    Mutter Amalia Leisner:
Nach der Befreiung des Lagers Dachau durch die Ame­rikaner gelang es Karl, uns durch Boten einen Zettel zu­kommen zu las­sen, daß er sich im Sanato­rium Planegg be­finde. Es war für uns selbstverständlich, daß wir ihn besu­chen woll­ten. Doch waren die Schwierigkeiten un­ge­heuer groß. Es fuhren noch keine planmäßigen Züge wieder. So sind wir auf Kohlenzügen, mit alli­ierten Ur­lauberzügen, zum Teil sogar auf Fuhrwerken in Richtung München gefah­ren (Seligsprechungsprozeß: 146).
Elisabeth Haas:
Ende Mai, Anfang Juni 1945 ließen uns ehema­lige Da­chauer KZ-Häftlinge, die Kleve passier­ten, mit­teilen, daß Karl noch lebe. Eine erste schriftliche Nachricht von ihm überbrachte uns Frau Ostendorp [, sie brachte jede Woche Brot ins Haus der Fa­milie Leisner]. Herr Kaplan [Hermann-Josef] Werhahn, auch ehemali­ger Dachau-Häftling, hatte mei­nen Bru­der, der nach der Befrei­ung aus Dachau ins Wald­sanatorium Planegg bei München einge­liefert wur­de, dort be­sucht und einen Brief nach Kleve wei­tervermittelt. Diesem Brief [vom 18.6.1945] lag ein kur­zer, von Karl eigen­händig geschrie­bener Gruß bei (Haas, Elisabeth: Dokumentation vom 30. Januar 1991, (Manuskript): 1).
Hermann-Joseph Werhahn aus Düsseldorf am 18.6.1945 an Familie Wilhelm Leisner:
Verehrte Familie Leisner!
Zunächst verzeihen Sie mir bitte, daß ich mit Bleistift schreibe, ich finde nach der Rückkehr aus München nichts anderes vor.
Ihren Herrn Sohn, Hochwürden Karl L. [Leisner], habe ich am VI [28.5.1945] besucht im Sanatorium in Planegg bei Mün­chen, wo er bei Vinzen­tine­rinnen ausge­zeichnet auf­gehoben ist. Leider ist sein Gesundheitszustand so schlecht, daß er von Pater [Otto] Pies SJ die hei­lige Ölung empfing. Darum soll ich Ihnen auch seine Bitte vortra­gen, so bald als möglich ihn zu besuchen.
Im einzelnen über seinen Zustand fol­gendes:
Gewicht 56 Kilo, chronischer Durchfall, links eit­riges Exsudat mit Fistel nach außen, links Kaverne of­fen, rechts Kaverne offen (Pleura). Blut nicht gesund. Seit eineinhalb Jahren positiv. Seine Geduld ist [.?.]. Er läßt fragen nach Paula, Willi und seinem Patenkind [Ur­sula Leisner, geboren am 2.6.1945]. Die letzte Post empfing er [im KZ Dachau] am 21. März aus Berlin von Willi.
Am 4. Mai war der Befreiungstag für ihn, der Tag der heiligen Monika. Man möge Grüße, Befund und Adresse an seinen Regens [Arnold Francken] und den hoch­wür­digsten Herrn [Bischof] Clemens Au­gust [Graf von Ga­len] sen­den.
Seine Weiheurkunde vom 25. [17.] De­zember 1944 hängt über sei­nem Bette. Er zeigte mir eine ganze Reihe schöner Glückwunschadressen von Dachauer Con­fra­tres, besonders solchen der Münsterer Di­özese. Bei­lie­genden Zettel gab er mir noch nachträglich mit.
Er benötigt für seine Genesung, die bei seiner sehr zähen Natur und seinem starken Willen verbunden mit einer sehr vorsichti­gen Lebens­weise [hoffen läßt], folgende zum Teil sehr unzugängliche Medikamente, die ich auch in München besor­gen ließ (soweit mög­lich): Azo-Klora­mit [Chloramin T], Panta­septtabletten, Salvysat­tropfen, Franz­branntwein, Calcium­ampullen 10%, Ce­bion oder Redoxonampullen, Trau­benzuckeram­pullen.
Leider ist es mir nicht möglich, im Au­genblick nach Kleve zu kommen, aber es freut mich, daß ich Ihnen endlich genaue Nachricht geben kann, nachdem ich bis­her vermied, eine alte Wunde zu berühren ohne nen­nenswerte Nach­richten. Aber ich habe den Auftrag, sei­nen Primizsegen Ihnen zu vermitteln, ich werde das tun, wenn die Verkehrslage sich ge­bessert hat. Es grüßt Sie alle in herzlicher Verbundenheit
Ihr H. J. Werhahn,
Rector St. Martinus Krkhs D’dorf [Krankenhaus Düssel­dorf]
Der „beiliegende Zettel“ beziehungsweise „eigenhändig ge­schriebene Gruß“ ist wahrscheinlich folgender im IKLK-Ar­chiv vorhandene Zettel:
Kaplan Hermann Werhahn aus Neuß, bzw. Düsseldorf.
Lieber Hermann!
Bin noch ganz glücklich. Erzähle bitte auch von Weihe und Primiz daheim und gib stell­vertre­tend Vater, Mutter und Geschwistern den Pri­mizsegen wei­ter, den Du von mir be­kamst. Da­heim allen bekannten Geistlichen Grüße.
In Treuen Dein Karl

[2]    U. a. sind folgende Titel denkbar:
Schnürer, Gustav: Bonifa­tius, Die Bekeh­rung der Deutschen zum Chri­sten­tum, Mainz 1909
Seiters, Johann Christoph Anton: Bonifa­cius, der Apostel der Deutschen. Nach seinem Leben und Wirken geschildert, Arnheim 1851

Hermann Richarz[1] aus München am 13. Juni 1945 an Karl Leisner:
Lieber Karl!
Es ist mir nicht mehr möglich, wie ich Dir ver­sprochen hatte, vor meiner Heim­fahrt nochmals bei Dir vorbei­zukommen. Wir haben nämlich be­schlos­sen, bereits am Samstag dieser Woche abzuhauen. [Her­mann- Joseph] Werhahn wollte uns bis zum 14.6.1945 abgeholt haben, aber dar­auf kön­nen wir, glaube ich, noch lange warten. […] Wir fahren zum Bahn­hof [München-]Laim und versuchen dort, ei­nen Zug zu be­kom­men. Wie es glückt, wissen wir na­tür­lich nicht.

[1]   Schönstattpriester Hermann Richarz (* 30.1.1907 in Köln, † 15.7.1985) – Priester­weihe 24.2.1933 in Köln – Er kam wegen Sabotage der NS-Jugend­erzie­hung am 28.12.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.3.1945 ent­lassen. Im KZ schloß er sich der Schön­stattgruppe von Heinz Dres­bach an. Er war der letzte Gruppenführer der Schönstattgruppe „Victor in vin­culis (Ma­riae)“ im KZ Dachau. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.