Erlaubnisse zur Priesterweihe von Karl Leisner vor 71 Jahren

StabP: Wilhelm Poieß SAC[1]:
Pater Sp.[2], ein Benedikti­ner, entwarf und schnitzte [in der Tischlerei des KZ Dachau] einen Bischofs­stab aus Birnbaumholz, das er wie­de­rum im Wirt­schaftsbetrieb organi­sierte, und so ausgestattet hielt der Bischof[3] dann am Weihnachtstag [1944] das Pontifi­kalamt. Noch größer war die Freude am folgen­den Tag, da hatten wir sogar eine Primiz in Da­chau (Poieß, Wilhelm: Gefangener der Gestapo, Limburg 1948: 111).
Der Bischofsstab trägt die Inschrift Victor in vinculis (lat.) = Sieger in Fesseln.

 

[1]    Pater Wilhelm Poieß SAC (* 12.1.1904 in Herne, † 3.11.1992) – Eintritt bei den Pallotti­nern 9.4.1918 – Einkleidung 1.5.1925 – Erste Profeß 25.4.1927 – Priesterweihe 12.7.1931 in Limburg – Er kam wegen Jugendseelsorge am 12.5.1944 ins KZ Dachau und wurde beim Eva­kuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.

[2]    Pater Makarius (Gustav) Spitzig OSB (* 19.1.1887 in Würz­burg, † an den Folgen seiner im KZ erlitte­nen Malariaversu­che 7.1.1957 in Linz/A) – Eintritt bei den Benediktinern von St. Otti­lien – Priesterweihe 25.7.1921 in Mün­chen – Chor­oblate der Trap­pisten (OCSO) von Stift Engels­zell/A 1.9.1931 – Der ge­lernte Kunst­tischler kam wegen Verdachtes auf „Geld­verschiebung“ am 3.2.1941 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuie­rungs­marsch vom 26.4.1945 befreit, kehrte aber nicht nach Engels­zell zurück, sondern war La­gerseel­sor­ger im Bi­stum Würzburg.

[3]    Bischof Gabriel Emmanuel Joseph Piguet von Cler­mont, * 24.2.1887 in Ma­con-sur-Saône/Saône-et-Loire/F, † 3.7.1952; Priesterweihe am 2.7.1910 in Paris (St. Sul­pice); Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Autun/Saône-et-Loire am 27.2.1934; Bischof von Clermont ab 11.3.1934. Ob­wohl Ver­ehrer von Marschall Philippe Pétain, widersetzte er sich wäh­rend der deut­schen Besatzung (1940–1944) den Na­tional­so­zialisten. Er wurde am 28.5.1944 ver­haf­tet und kam über das Ge­fäng­nis in Clermont-Ferrand und das KZ Natzwei­ler-Struthof am 6.9.1944 ins KZ Da­chau und wurde am 4.5.1945 von den Amerikanern auf der Evakuie­rungs­fahrt vom 24.4.1945 nach Südti­rol in Niederdorf/Villabassa/I be­freit. Am 22.6.2001 verlieh ihm Yad Vas­hem po­stum den Titel „Ge­rechter unter den Völ­kern“, da er wäh­rend des Zwei­ten Welt­krieges jüdi­sche Kin­der gerettet hatte.

Samstag, 23. September 1944
Karl Leisner aus Dachau an Bischof Clemens August Graf von Galen[1] in Münster und an seine Familie in Berlin und Kleve:
Exzellenz, Hochwürdigster Herr!
Im Namen der Mitbrüder, die sich mit mir über Ihren Brief herzlich freu­ten, Ihnen unser aller Dank und Treueverbundenheit in Gebet und Opfer. Heute möchte ich, nach Rück- und Fürsprache der lieben Confratres, Ihnen und dem hochwürdi­gen Herrn Regens [Arnold Francken[2]], dem ich für seine festen Worte ebenso danke, eine große Bitte vorlegen. Es sind jetzt fünfein­halb Jahre, daß ich [am 25.3.1939] Diakon wurde. Mein Sehnen und Beten geht nach dem Priestertum. Es ist, nachdem der Krieg unse­rer Heimat sein dro­hend Antlitz zuwendet, nicht gewiß, ob und wann ich die Weihe erhalten kann aus Ihren Händen, wie ich es am liebsten hätte. Es besteht zur Zeit die Möglichkeit, mich hier ausweihen zu lassen.[3] Dazu hätte ich gern Ihre Er­laubnis bzw. Ihr Nein. Geben Sie mir bitte über meinen Bruder [Willi] schriftlich Ihren Bescheid. In treuer Sohnesliebe Ihr Karl L.

[1]    Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dinklage i. O., † 22.3.1946 in Münster) – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933. Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.

[2]    Prälat Dr. h. c. Arnold Francken (* 6.8.1875 in Ker­venheim, † 31.3.1954) – Priester­weihe 9.6.1900 in Münster – Sub­re­gens im Priesterseminar in Münster 1908–1933 – Regens 8.11.1933 bis 1948 – Domkapi­tular 1923 – Päpstlicher Hausprälat 1936 – Aposto­lischer Protonotar 1948 – Er schick­te Pakete für Karl Leisner ins KZ Dachau.

[3]    süddeutscher Ausdruck für „die Priesterweihe empfangen“

Montag, 30. Oktober 1944
Bischof Clemens August Graf von Galen an Willi Leisner in Berlin:
Der Bischof von Münster, Sendenhorst, Westf., 30.10.1944 Westtor 360
Sehr geehrter Herr Leisner!
Erst gestern habe ich Ihr Schreiben vom 13.10. samt Anlagen emp­fan­gen. Der Brief vom 1.10. ist bisher nicht in meine Hände gekom­­men.
Auf dem anliegenden Blatt [Sammelbrief[1]] habe ich eine Antwort für Ihren Bruder auf­geschrieben, welche meine Zustimmung enthält zu seiner Bitte, in Da­chau die hl. Priesterweihe empfangen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Sie ihm das Blatt so zusenden können, und gebe Ihnen anheim, in einer an­deren Form, wenn Ihnen das besser scheint, meine Zustimmung über­mitteln zu wollen. Sollten Sie erfahren, daß Ihr Bruder sein Ziel erreicht, so bitte ich um baldige Nachricht.
Tief erschüttert bin ich durch das Unglück, das über Ihre Heimat, das schöne Kleve, gekommen ist. Hoffentlich haben Sie gute Nachrichten, daß Ihre Eltern und Angehörigen keinen Schaden genommen haben. Ge­stern erhielt ich die Nachricht, daß die Leiche des hochw. Herrn Propstes Küppers[2] endlich unter den Trümmern des Hauses gefunden und bestattet worden sei.
Mit Gruß und Segen
† Clemens August

[1]    An den Häftling im Lager konnte jeder schreiben; allerdings wurde in der Regel nur alle zwei Wochen ein Brief von vier Seiten zu 15 Zeilen ausgehändigt. Ein solcher Brief konnte auch ein Sammelbrief sein, in den beliebige Personen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten einen Gruß schrieben.

[2]    Jakob Küppers (* 22.7.1873 in Goch, † beim Luftangriff auf Kleve 7.10.1944) – Prie­ster­weihe 18.3.1899 in Münster – Kaplan in Kleve St. Mariä Himmelfahrt 1899–1909 – Kaplan in Keve­laer 1909–1918 – Pfarrer in Kleve (Kapitelstr. 8) 25.9.1918 – Definitor 1922 – Dechant 21.12.1926 – Propst h. c. 1943 – Jakob Küppers gehörte zu den wichtigen Priestern im Leben von Karl Leisner, er schrieb ihm mehrmals aus dem KZ Dachau.

Bischof Clemens August Graf von Galen im Sammelbrief an Karl Leis­ner[1]:

galenMein lieber Herr Karl Leisner!
Auf die Anfrage vom 23. Septem­ber, die ich heute erst er­hielt, erwidere ich Ihnen, daß ich gern meine Zustimmung gebe, daß die heilige Hand­lung dort vollzogen wird. Voraus­set­zung ist, daß alles sicher gültig und für später nach­weisbar ge­schieht. Gott gebe sei­nen Segen dazu! Mit den be­sten Grüßen an alle lieben Mit­brüder und Segen, den 29. Okto­ber 1944 † Clemens August

[1]    Der Bischof hat sich eine handschriftli­che Ab­schrift dieses „Ent­laßbriefes“ auf den Briefbogen von Willi Leisners zweiter An­frage vom 13.10. gemacht.

Dieses ausschlaggebende Dokument traf erst am 14. November 1944 bei Willi Leisner in Berlin ein. Noch am selben Tag schrieb dieser den Sammelbrief an seinen Bruder Karl weiter und schickte ihn über den offiziellen Postweg ins KZ Dachau. Dort erhielt der Brief den Prüfstempel der Post­zensur­stelle KL Dachau.

Ansicht des gesamten Sammelbriefes mit der Erlaubnis des Bischofs und dem Prüfstempel.

Sammelbrief1Sammelbrief2

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Neben dem Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, mußte auch der Erzbischof von Mün­chen und Freising, Michael Kardinal von Faul­haber[1], die Erlaubnis zur Priesterweihe geben, weil das KZ Dachau in seinem Erzbistum lag. Im Gegensatz zur Erlaubnis aus Münster vollzogen sich die Anfragen in München „auf geheimen Wegen“.

[1]    Dr. Michael Kardinal von Faulhaber (als bayerischer Bischof geadelt) – (* 5.3.1869 in Klo­ster­heidenfeld, † 12.6.1952 in München) – Priesterweihe 1.8.1892 in Würz­burg – Bi­schofs­weihe zum Bischof für das Bistum Speyer 19.2.1911 – Erzbischof von München und Frei­sing 1917 – Kardinal 1921

Donnerstag, 23. November 1944
Ferdinand Schönwälder[1]:
Es war an einem nebeligen, grauen November­morgen (23.11.44) des Jah­res 1944, als mir Pater Pies[2] mitteilte, er wolle nun alles daran set­zen, daß sein Freund Leisner noch in diesem Jahre die Priester­weihe erhalte. Ich konnte es kaum fassen. Aber P. P. [Pater Pies] hatte öfters Einfälle, die einem gewöhnlichen Sterb­lichen kaum in den Kopf gekommen wären. Wir stan­den zu Arbeits­kommandos formiert auf dem Appellplatz und warteten auf die Posten, die uns zur Arbeits­stelle be­glei­ten sollten. P. P. weihte mich in sei­nen Plan ein. Ich sollte helfen, die Verbin­dung mit der Außen­welt herzustellen. Damals hatte ich einen Posten [in der Plantage[3]] inne, der mir Ge­legen­heit gab, mit Zivilisten zu­sam­­menzu­kommen, und ich hatte auch schon dank der Vor­sehung eine feste und ständige Verbindung mit dem Kloster [St. Klara] der Ar­men Schul­­schwestern in Freising. […] Jede Woche kam auch von dem Kloster eine Kandi­datin[4], die jetzige Schwester Imma, von uns mit dem Deck­namen „Mädi“ bedacht, und brachte für die polnischen Geistli­chen, die damals nur im geheimen zelebrieren durften, Meßwein und Ho­stien. Es galt nun, auch die Frau Oberin[5] für unser Vor­ha­ben zu ge­winnen, und wie zu erwarten war, ging sie uns sofort mit jugend­li­chem Eifer an die Hand. Die Arbeit konnte beginnen. Strengste Diskre­tion war Be­din­gung.
Zuerst mußte Mädi zwei wichtige Briefe her­ausschaffen. Einen an S. Eminenz, den Herrn Kardinal Faulhaber, den anderen an S. Exzel­lenz, den Bischof von Münster, aus dessen Diözese Karl Leisner stammte.[6] Beide Kirchenfür­sten ga­ben ihre Bewil­li­­gung überraschend schnell. Im Lager befand sich da­mals der fran­zösi­sche Bischof von Clermont, der die Weihe vornehmen sollte. Sie wurde auf den dritten Ad­vents-Sonntag des Jahres 1944 fest­gesetzt. Der Priesterkandidat lag damals schwer krank im Revier. P. P. pflegte ihn mit hingebungs­voller Liebe, es fehlte aber an den nötigen Arz­nei‑ und Lebensmitteln, um dem Kran­ken we­nigstens et­was zu helfen. Als dies die Frau Obe­rin erfuhr, sprangen die Schulschwe­stern in Freising sofort ein. Es wurde ja schon damals viel für die Geist­li­chen ge­tan, jetzt aber schien es, die Schwe­stern hätten ihre Rührigkeit ver­doppelt. Mädi kam auch zweimal wöchentlich, hochbepackt mit Arz­neien und Lebens­mitteln. Die Schwestern hatten es sich in den Kopf ge­setzt, daß Karl Leisner seine Weihe erhalten sollte und daß er zu dieser Weihe gesund und munter sein sollte! Das Beste vom Guten wurde für den jun­gen Le­vi­ten geschickt und ins Lager hineingeschmug­gelt. But­ter, Eier, Wein und Cognac und viele andere Sachen, die uns Häft­lingen nur dem Hö­ren nach bekannt waren. Mir kam es manchmal vor, daß sich die Schwestern viele Sachen vom Munde abgespart hatten. Nun konnte P. P. pfle­gen. Der Kranke gedieh präch­tig. Eine Woche vor seiner Priester­weihe konnte er sogar schon ein bißchen im Saal herumspa­zieren. Jetzt fehl­ten nur noch die liturgischen Gewänder und Bü­cher. Mädi schleppte auch dies aus Freising herbei, und wir brachten es auf Schleich­wegen ins Lager.[7]

[1]    Dr. Ferdinand Schönwälder (* 9.12.1912 in Mährisch-Ostrau/Moravská Ostrava/Su­deten­land/CZ, † 7.3.1980 in Gundihau­sen/Landshut) – Priesterweihe 11.6.1938 in War­schau – Er kam am 15.8.1940 ins KZ Auschwitz/PL, am 12.12.1940 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[2]    Pater Dr. Johannes Otto Pies SJ, Deckname im KZ Hans u. Spezi, (* 26.4.1901 in Arenberg, † 1.7.1960 in Mainz) – Eintritt in die Gesell­schaft Jesu in ’s-Heeren­berg/NL 14.4.1920 – Priester­weihe 27.8.1930 – Letz­te Gelübde 2.2.1940 – Am 31.5.1941 wurde er wegen eines Protestes gegen die Klo­steraufhebungen verhaftet. Am 2.8.1941 brachte man ihn aus dem Ge­fängnis in Dresden ins KZ Dachau, wo er die Häftlings-Nr. 26832 be­kam. Dort war er eine der ganz großen Prie­sterge­stalten. Am 27.3.1945 wurde er ohne Angabe des Grundes und ohne Be­dingung entlassen. Bereits im KZ und auch nach seiner Entlassung setzte er sich unermüdlich für Karl Leisner ein. Ohne ihn wäre es vermutlich nicht zur Priesterweihe im KZ gekommen.

[3]    „Plantage“ war der Kommandobegriff für die Arbeit im „Kräutergarten Dachau, Deutsche Versuchsanstalt für Verpflegung und Ernährung GmbH, Werk Dachau“. Sie wurde 1938/ 1939 auf Veranlassung des Reichs­führers-SS Heinrich Himmler als Heilkräuter­kul­tur ange­legt. „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Ver­pfle­gung“ war die offizielle Be­zeich­nung. Es gab eine Ver­kaufsstelle für die Zi­vilbevölkerung.

[4]    Schwester Maria Imma (Josefa) Mack (* 10.2.1924 in Möckenlohe, † 21.6.2006 in Mün­chen) – Sie wurde im April 1940 Kandida­tin der Armen Schulschwestern im An­gerkloster in München und machte eine Ausbildung als Handar­beitslehrerin. Gelübde legte sie am 29.8.1946 ab. Von Mai 1944 bis April 1945 wurde sie zur gro­ßen Helfe­rin für viele Häftlinge im KZ Dachau. Auf Grund ihres Einsatzes für die Häft­linge wurde sie am 19.12.2004 in die fran­zösische Ehrenlegion aufge­nom­men. Am 6.6.2005 erhielt sie das Bundes­verdienstkreuz. Im Martyrerprozeß für Karl Leisner hat sie 1990 als Zeugin ausge­sagt.

[5]    Schwester Maria Saba (Katharina) Gigl (* 3.2.1878 in Sommers­berg/Landkreis Regen, † 29.12.1958 in München-Giesing) – Ein­kleidung in der Kongregation der Armen Schul­schwe­stern von Unserer Lieben Frau 1901 – Gelübde 1902 – Oberin im Kloster St. Klara in Freising, Kammergasse 16

[6]    Clemens August Graf von Galen hatte bereits seine Zustimmung gegeben. Der zweite Brief war für Jesui­tenfrater Johannes Zawacki bestimmt.

[7]    in: Pies, Otto: Stephanus heute. Karl Leisner. Prie­ster und Opfer, Kevelaer: Butzon & Bercker 1950: 155–157 (zit. Pies 1950)

Sr. Imma Mack SSND:
In der ersten Adventswoche[1] sagte mir Schön­wälder, daß er einen ganz wichtigen Auf­trag von Pater Pies für mich hätte. Dabei über­reichte er mir zwei Briefe von ihm, die noch nicht zugeklebt waren. Der eine war für Kardi­nal Faulhaber bestimmt, der an­dere für den Jesui­tenfrater Jo­hannes Zawacki[2]. Vor der Weiter­gabe an die Adressaten sollte ich sie zu­erst selbst le­sen, damit ich genau um den Inhalt wüßte. Schönwälder er­klärte mir dann noch, daß der Diakon Karl Leisner, der bereits lange Zeit im KZ Dachau inhaftiert sei, schwerkrank im Re­vier liege. Pater Pies betreue ihn freund­schaft­lich, zeitweise würde er ihn auch pfle­gen. Vor kurzem sei ein französischer Bischof auf dem Priester­block eingeliefert worden. Pater Pies habe mit Karl Leisner und Exzellenz Gabriel Piguet über­legt, ob dieser nicht den todkranken Diakon in der Lagerkapelle zum Priester weihen könne. Dafür sei aber Verschie­denes nötig; Nä­heres stehe in den beiden Brie­fen. Pater Pies habe ihm gesagt, daß ich das Schreiben für den Kar­dinal persönlich über­brin­gen solle. Zawacki sollte mich dabei beglei­ten. Ich solle die schrift­­liche Bitte von Pater Pies, die Priesterweihe von Karl Leisner zu genehmigen, mündlich bekräfti­gen und Zawacki könnte mich dabei unter­stüt­zen. Aus folgenden Gründen sollte ich die Er­laubnis schon näch­ste Woche nach Dachau bringen: Zum einen werde der Bischof sicher nicht lange auf dem Priesterblock bleiben, son­dern bald in den Bunker zu den „Ehrenhäft­lin­gen“ kommen. Zum anderen sei der Gesund­heitszustand des Diakons so schlimm, daß nie­mand mehr zu glauben wage, Leisner könne die Befrei­ung aus dem KZ noch erleben. Der Auf­trag, den ich mit diesen beiden Briefen erhalten hatte, be­ein­druckte mich tief. […]
Zu Hause [in Freising] angekommen, las ich mit Frau Oberin und Schwe­ster Vigoris[3] die beiden Briefe. Dann klebte ich sie mit dem Wunsch zu, daß sie die Adres­saten sicher errei­chen möch­ten. Den für den Je­suiten­frater Za­wacki in Pullach be­stimmten warf ich in ei­nen Brief­ka­sten der Stadt. Den für Kar­dinal Faulha­ber ver­wahrte ich sorg­sam.[4]

[1]    Der 1. Adventssonntag war 1944 am 3.12.

[2]    Pater Johannes Zawacki SJ (* 5.12.1919 in Berlin-Pankow, † 3.9.2008 in Berlin-Kladow) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu (Ostdeutsche Provinz) 20.4.1938 – Priesterweihe 31.7.1949 in Lyon/Rhône/F – Letzte Gelübde 15.8.1955 – Direktor des Canisius-Kollegs in Berlin 1957–1985

[3]    Schwester Maria Vigoris (Katharina) Wolf (* 26.10.1901 in Puppenhof/Kreis Parsberg, † 28.3.1980 in München-Giesing) – Or­denseintritt bei den Armen Schulschwestern von Un­serer Lieben Frau u. Einkleidung 13.8.1928 – Profeß 14.8.1929

[4]    Mack, Josefa, Maria Imma: Warum ich Azaleen liebe. Erinnerungen an meine Fahrten zur Plantage des KZ Dachau von Mai 1944 bis April 1945, St. Ottilien 1988: 78–83 (zit. Mack 1988)

P. Johannes Zawacki SJ:
Ich wußte von ihrer [Josefa Macks] Tätigkeit, sonst aber arbeitete jeder aus Sicherheitsgrün­den für sich allein. In diesem Fall sollte ich aller­dings mit ihr gemeinsam zum Bischof [zu Michael Kardinal von Faulhaber] gehen und ihm die Bitte der Häftlinge vor­tragen sowie das Mädchen vor­stel­len und als vertrauenswürdig empfeh­len. Kardi­nal Faulhaber empfing uns sehr gütig und ver­ständnisvoll. Nachdem ich ihn kurz informiert hatte, er­klärte er sich einverstanden, und ich brauchte mich mit der Angelegen­heit nicht mehr zu befassen. Ich hörte erst später, daß alles ge­glückt war. Von dem Mädchen er­fuhr ich auch, daß meine Gänge ins Lager von eini­gen Leuten, die in der Gärtne­rei wohnten, bemerkt und wahrscheinlich beo­bachtet wurden. Trotzdem ge­schah die ganze Zeit hindurch nichts.[1]

[1]    P. Johannes Zawacki SJ in: Stimmen von Dachau, Sommer 1968 – Nr. 10: 61

Donnerstag, 7. Dezember 1944
Sr. Imma Mack SSND aus München am 13. August 2002 an Hans-Karl Seeger:
Frater Johannes Za­wacki rief von Pullach aus in Freising an, und man vereinbarte vor dem zer­bombten Bahnhof in Mün­chen ein Treffen am Donnerstag, dem 7. Dezember 1944. Von dort ging es zu Fuß zum Bischofs­­­palais. Von Pul­lach aus hatten die Jesuiten den Besuch beim Kardi­nal angemeldet, daher erwar­tete uns der Sekretär des Kardinals, Hubert Wag­ner[1].

[1]    Dr. Hubert Wagner (* 30.12.1907 in München, † 17.9.1978 in Wies bei Freising) – Prie­sterweihe 30.10.1932 in Rom – Sekretär von Michael Kardinal von Faulhaber 1.6.1939 bis 1.9.1945

Sr. Imma Mack SSND:
Am Donnerstag [7.12.] fuhren wir [Fr. Johannes Za­wacki SJ und ich] zu­sam­men nach Mün­chen und brachten die Bitte um die Prie­sterweihe für Herrn Karl Leisner bei H. H. Kar­di­nal be­schei­den vor. Freundlich gewährte er sie und wir erhielten auch gleich das [Katechumenen-]Öl und al­les andere, was [für die Weihe] nötig war. [1]
[1]    in: Pies, Otto: Stephanus heute. Karl Leisner. Prie­ster und Opfer, Kevelaer: 1950: 162, s. auch Mack 1988: 83–85

Michael Kardinal von Faulhaber notierte sich auf einem Zettel in Gabels­­berger-Kurzschrift[1]:
[1]    Die Transkrip­tion der zitierten Faulhaber-Notizen hat Alois Schmidmaier vor­ge­nommen. Hans Gebhardt, ebenfalls Fachmann für Ga­belsber­ger-Kurz­schrift, hat den Text gegengele­sen und ei­nige Unklarheiten beseitigt.

Faulhaber_teil[Donnerstag] 7.12.44 [begleitet] fr [Frater] Zawacki per­sönlich Josefa Mack [zu mir ins Bischofspalais]: Münster [Bischof Cle­mens August Graf von Galen] hat durch litte­rae die Erlaub­nis gegeben (dimiss. [dimisso­riae]), Diak[on] Karl Leisner zu weihen. Er wurde 39 kurz vor der Weihe hierher versetzt.
[Ich habe] Gleich mitgege­ben in weiser Ahnung: Pontificale, Kat. [Kate­chumenenöl] möglich, 2 viol. [violette] Tunic. [Tunicellae][1], viol. [vio­lette] Strümpfe und Handschuhe (Schuhe[2] war nicht mög­lich). Sowie 3 heilige Oele und 2 Chorröcke.[3]

[1]    Vermutlich waren es zwei Gewänder, weil eine als Dalmatik verwendet wurde.

[2]    Es handelte sich vermutlich um Pontifikalschuhe.

[3]    Erzbischöfliches Archiv München und Freising NL Faulha­ber 6831

Prälat Johannes Waxenberger[1], der letzte Sekre­tär von Michael Kardinal von Faulhaber, hat Ein­sicht in die Besu­chertagebücher des Kardinals genommen und teilte am 14. Februar 2002 telefonisch mit, der Kardinal habe in Ga­bels­berger-Kurzschrift fol­gende Notiz gemacht:

[1]    Prälat Johannes Waxenberger (* 9.6.1915 in Velden an der Vils, † 25.6.2010) – Priester­weihe 29.6.1947 in Freising – Sekretär von Michael Kar­dinal von Faul­haber 1.1.1949 bis 12.6.1952

WaxembergerDo. 7.12.1944, 10.30 Uhr. Jos. Mack mit Brief von Πιες [Pies]. Rück­be­richt durch Frater Za­wacki. Ordin. pres. [Weihe­erlaubnis] erteilt wor­den Λεισνερ [Leisner] Münster. Und dazu die Sachen schicken.[1]

[1]    Erzbischöfliches Archiv München und Freising NL Faulha­ber 10022: 88

Montag, 11. Dezember 1944
Josefa Mack brachte die von Michael Kardinal von Faulhaber erhaltenen Dinge nach Dachau.[1]

[1]    s. Pies 1950: 162

Sr. Imma Mack SSND:
Pater Pies kam unter irgendeinem Vorwand zu Schönwäl­der ins Verkaufsbüro [der Plantage]. Er wollte mög­lichst bald erfahren, wie unser Ge­spräch bei Kardinal Faulhaber verlaufen sei, und ob ich die wichti­gen Unterlagen mitgebracht hätte. Zu sei­ner gro­ßen Freude konnte ich ihm alles überge­ben. Er sagte mir, daß schon am kommenden Sonn­tag, 17. Dezember, dem Gau­dete-Sonntag, die Weihe stattfinden werde.[1]

[1]    Mack 1988: 84

Wilhelm Haas[1] aus Kleve am 15. Januar 1974 an das Generalvikariat in Mün­chen:
Nach Auskunft des Buches „Stephanus heute“ von P. Pies hat „Mädi“ (heute Schwester Josefa Imma Mack) 1944 aus dem Lager Dachau einen Brief an Kardinal Faulhaber mit der Bitte um Ordina­ti­onserlaubnis geschafft. Der Verfasser des Briefes war vermutlich P. Pies SJ, auch Häftling in Dachau. Der „Karl Leisner Freun­des­kreis“ bittet höflich um zwei Kopien die­ses KZ-Briefes sowie des Antwort­brie­fes des Kardinals.

[1]    Wilhelm (Willy) Haas (* 17.11.1914 in Rindern, † 27.12.1993 in Kellen), ab 1950 war er an der Over­berg­schule in Kellen (1969 Hauptschule) tätig, von 1959 bis zur Pensionierung am 1.7.1977 als Rek­tor. Er verlobte sich am 29.9.1946 mit Karl Leisners jüngster Schwester Elisa­beth und heiratete sie am 28.5.1947. Sie hatten 9 Kin­der. Neben zahlreichen anderen ehrenamtlichen Aufgaben wurde er 1975 Geschäfts­führer des IKLK. Schon früh sammelte er Dokumente über Karl Leisner. Vor allem nach seiner Pensio­nie­rung setzte er im IKLK seine ganze Kraft für die Seligspre­chung seines Schwa­gers ein.

Erzbischöfliches Sekretariat München am 1. Februar 1974 an Wil­helm Haas in Kleve:
Der Brief an den Kardinal ist nicht mehr vor­handen. Er dürfte sicher mit der Bitte um Vernichtung versehen gewesen sein, da es sich ja um ein höchst gefährliches Schriftstück handelte.
Ein Antwortbrief des Kardinals scheint nie vorhanden gewesen zu sein; vermutlich hat der Kardinal mündlich geantwortet.
Erwin Obermeier[1], Erzbischöflicher Sekretär

[1]    Erwin Obermeier (* 18.2.1941 in Altmühldorf) – Priesterweihe 29.6.1967 in Freising – Erzbischöflicher Sekretär von Julius Kardinal Döpfner in München und Freising 1973 bis 24.7.1976

P. Ludwig Volk SJ[1] aus München am 21. September 1978 an Heinrich Klei­nen[2] in Uedem:
Als Herausgeber der „Akten Kardinal Faulhabers 1917–1945“ kam ich sei­nerzeit auch mit der Anfrage des Karl‑Leisner‑Kreises bezüglich der von Kardinal Faulhaber erteilten Weiheermächtigung in Berüh­rung. Zu diesem Punkt hat sich auch bis heute nichts gefunden.

[1]    Pater Ludwig Volk SJ (* 14.9.1926 in Mömbris, † 4.12.1984 in München) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 1.10.1946 in Pullach – Priesterweihe 3.7.1956 in München – Letzte Ge­lüb­de 2.2.1959

[2]    Heinrich Kleinen (* 27.8.1914 in Duis­burg-Hamborn, † 10.2.2004 in Goch) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 1.5.1934 – Priester­weihe 23.9.1939 in Mün­ster – Ka­plan in Kleve Christus König 1948–1954 – Pfarrer in Uedem 1961–1986 – Erster Vorsit­zender des IKLK 1975–1987 – Im Martyrerprozeß für Karl Leisner hat er 1990 als Zeuge ausgesagt.

Als Antwort des Kardinals Michael von Faulhaber auf die Bitte um die Wei­he­­­erlaubnis wird folgen­de Abschrift eines Schreibens ange­sehen, das mit einem maschinegeschriebenen Be­gleit­schreiben auf offiziel­lem Brief­papier des Pfarr­amtes St. Jakob Dachau durch Pfarrer Fried­rich Pfanzelts[1] Ver­mitt­lung weiter­gelei­tet wurde:

Kath. Stadt-Pfarramt St. Jakob Dachau, Ruf-Nr. 481
Dachau, den 4. November 44
Hochwürden Herrn Georg Schelling[2] – Dachau KL/Block 26.
Im Auftrage Seiner Eminenz übermittle ich [Friedrich Pfan­zelt] Ihnen bei­folgendes Schrei­ben betr. Geistliche Voll­machten und bitte um Emp­fangsbestätigung. Falls Sie für die Lager­seelsorge irgend etwas brau­chen, stehe ich gerne zur Verfügung.
Prie­sterlichen Gruß!

Abschrift des Schreibens Seiner Eminenz an Schelling.
München, 25. Oktober 1944
Wie ich gehört habe, besitzen Sie das Vertrauen der Kommandantur und sind [von der KZ-La­gerleitung] mit der Ordnung des Got­tesdienstes be­traut. Da dieser, wie schon wiederholt zu ver­nehmen war, sehr ein­drucks­­­voll ist[3], lege ich einem Paket, das gleich­zeitig an Ihre Adresse ge­sandt wird, auch eine Mitra und ein vio­let­tes Birett bei, die Sie einem etwa an­we­sen­den Bischof zur Verfügung stellen kön­nen.
Als Ihre seelsorgerliche Aufgabe als Lager­dekan betrachte ich es, daß Sie jedem neuein­tretenden Priester, der von seinem Bischof zur Zeit des Ein­trittes Ce­lebret und Jurisdik­tion hat, mitteilen, daß er für die Dauer sei­nes Aufent­haltes Zelebrationserlaubnis und Ju­risdiktion hat. Ich gebe Ih­nen aber zu­gleich die Vollmacht, wenn es not­wendig ist, beides zu wi­der­rufen. Ich bin der Lager­leitung sehr dank­bar, daß nunmehr seit einigen Jah­ren die Got­tes­dienst­frage so glücklich gelöst ist.[4]
In Zukunft werde ich Ihnen, soweit es die Ord­nung zuläßt, gelegent­lich Pakete schicken, von de­ren Inhalt Sie nach Belieben auch ande­ren mit­tei­len können. M. Card. Faulhaber[5]

[1]    Prälat Friedrich Pfanzelt (* 24.8.1881 in Moosen an der Vils, † 8.9.1958) – Priesterweihe 29.6.1907 – Pfarrer in Dachau St. Jakob 30.5.1930 – Stadtpfarrer 1933 – Geistlicher Rat 1941 – De­kan 1942 – Päpst­licher Hausprälat 1946 – Ehrenbürger von Dachau 1955 – Vom Pfarrhof aus initiierte Fried­rich Pfanzelt vielfäl­tige Hilfe für die Häftlinge.

[2]    Georg Schelling (* als Sohn eines Bergbauern 26.9.1906 in Buch bei Bregenz/A, † 8.12. 1981 in Nenzing/A) – Priesterweihe 29.6.1930 in Innsbruck/A – 1934 wurde er mit der Re­dak­tion des Vorarlberger Volksblattes betraut und auf Grund dessen am 21.3.1938 ver­haf­tet. Er kam am 31.5.1938 ins KZ Dachau und dort in die Strafkompa­nie. Am 27.9.1939 kam er ins KZ Buchenwald und dort eben­falls in die Strafkompanie. Am 8.12.1940 kam er erneut ins KZ Dachau und wurde dort am 16.(17.)3.1943 dritter Lagerka­plan als Nach­fol­ger von Franz Ohnmacht und ab 1.10.1944 Lagerdekan, außerdem war er Blockschrei­ber. Am 10.4.1945 wurde er aus dem KZ Dachau entlas­sen. Im Selig­sprechungs­prozeß für Karl Leisner hat er 1982 als Zeuge ausgesagt.

[3]    Diese Aussage bezieht sich vermutlich auf die Anwesenheit von Bischof Gabriel Piguet, der durch Pontifikalassistenz zur Feier­lich­keit der Gottesdienste beitrug.

[4]    Anfangs durfte nur der von der Lagerleitung ernannte Lagerkaplan zelebrieren. Später wurde diese Vor­schrift gelockert.

[5]    Schreibmaschinendurchschrift im Archiv der Pfarrei St. Jakob Dachau Nr. 28–24. Im Faulha­ber-Archiv in München gibt es kein weiteres Do­kument bezüglich der Weiheerlaubnis.

Michael Kardinal von Faulhaber notierte sich auf einen Zettel in Gabels­ber­ger-Kurzschrift:

Faulhaber-Text1Dachau
[An] Lagerdekan Schelling.
[Über] Pf. [Friedrich Pfanzelt] [Mittwoch] 25. Okt 1944: Frl. Benz[1]:
Mitra, Birett vom Dom ([Domkapitular Dr. Franz] Hartig), viol. [violette] Strümpfe[2], [Pontifikal-]Hand­schuhe, 2 zucch. [Zucchetti] warm, 1 P. [Paar] ganz warme Win­ter­schuhe, Zwie­backtüte, Schachtel mit 50 Zig. [Zigarren] à 20 [? zu 0,20 Reichsmark], Aepfel.
Violine nicht nötig weil sie einen Chor haben und Mes­sen von Pf. [? Pfanzelt] gehalten [sic!] hat.
Dem Bischof von Clermont lasse ich sagen durch Schell. [Schelling], warum ich nicht [direkt an ihn] schreibe und nicht schicke. Ob nicht in den Ehren­bunker?[3], [4]

[1]    Vermutlich die Fotografin Maria Penz aus München. Da sie in München ausge­bombt war, lebte sie damals im Pfarrhof von St. Ja­kob in Dachau.

[2]    Violette Strümpfe zu tragen war das Privileg des höhe­ren Klerus.

[3]    Offensichtlich rechnete Michael Kardinal von Faulhaber damit, daß Bischof Gabriel Piguet in den Ehrenbunker käme, was dann auch am 22.1.1945 geschah.

[4]    Erzbischöfliches Archiv München und Freising NL Faulha­ber 6831

Im Archiv der Pfarrei St. Jakob Dachau befindet sich ein maschine­geschrie­benes Schreiben auf offiziellem Briefpapier, in dem die Übergabe des oben genannten Paketes bestätigt wird:

DachauKath. Stadt-Pfarramt St. Jakob Dachau, Ruf-Nr. 481
Dachau, den 31. Okt. 1944
Unter obigem Datum wurden an das KZL für die Kapelle auf Block 26 – Lagerkaplan Schelling – geliefert: 20.000 kleine Hostien, 130 große Ho­stien, 8 Kerzen, 6 Flaschen meßwein [sic!], ein Päck­chen Wachsdraht, Mitra, violettes Birett, violette Strümpfe, [Pontifikal-]Hand­schuhe, zwei Zucchetti, warme Winterschuhe, düte [sic!] Zwieback, Schachtel mit 50 Zigarren, Äpfel.

Unterschrieben ist das Dokument: Pietreykowski.[1]

[1]    Archiv der Pfarrei St. Jakob Dachau Nr. 28–24
Albert Knoll vom Archiv der KZ Gedenkstätte Dachau am 5.4.2004 an Hans-Karl Seeger:
In unseren bruchstückhaften Dokumenten zur Kommandantur und dem Stab der Wachleute taucht der Name Pietreykowski nicht auf.
Eleonore Philipp aus Niederroth am 5.8.2005 an Hans-Karl Seeger:
Hier bin ich sicher, dass die Unterschrift nicht von einem SS-Mann stammt. Meine Vermutung stützt sich darauf, dass in diesem Schreiben die Abkürzung „KZL“ verwendet wurde, was bei der SS nicht üblich war. Die Abkürzung war „KL“.
Pietreykowski könnte jemand aus der Stadt Da­chau oder aus dem Seelsorge­be­reich von St. Jakob (Pfarrhelfer o. ä.) sein. Das Dokument ist ein Liefer­schein und keine Empfangsbestäti­gung. Wieso sollte auch ein SS-Mann auf einem Briefbogen des Pfarramts unterschreiben? Er hätte für die Bestätigung be­stimmt ein Blatt aus seinem Büro verwendet und bei der Unterschrift Dienst­­grad und Siegel hinzugefügt.
Zu diesem „Lieferschein“ las ich im Aufsatz von Dr. Hubert Vogel „Über die katholische Pfarrseelsorge bei den Häftlingen des Konzen­trationslagers Dachau“:
Unterm 26.9.1944 bestellte Lagerkaplan Ge­org Schelling beim katholi­schen Pfarramt in Da­chau 20.000 kleine Oblaten, 100 große Oblaten, Meßwein und Kerzen. Er bemerkte dazu: „Der Bedarf an kleinen Oblaten ist größer gewor­den, außerdem sind die Meß­weinreserven aus Mainz auf­gebraucht. Eine Klei­nigkeit Preßkohle [vermutlich zum Entzünden von Weihrauch] wäre uns ebenfalls erwünscht.“ [Vogel, Hubert: Über die katholische Pfarrseelsorge bei den Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau. In: Stockmeier, Peter / Benker, Sigmund (Hgg.). Beiträge zur altbayerischen Kirchen­geschichte, Bd. 36, Mün­chen 1985: 81]