Essen: Karl Leisner im Kirchenfenster von St. Dionysius im Stadtteil Borbeck

Essen Dionysius Fenster 3Die Fenster der Dionysiuskirche[1] in Essen-Borbeck wurden nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des durch Bomben zerstörten Gebäudes nur provisorisch gefertigt. Abgesehen von den Fenstern in der Anbetungskapelle und im Turm wurden alle weiteren Fenster erst in den Jahren von 1984 bis 1988 ausgewechselt. Nach einem Entwurf von dem Glasmaler Nikolaus Bette aus Essen-Werden fertigte die Firma Koll aus Bottrop die Fenster und baute sie ein. Im letzten der zehn „Fenster des Glaubensbekenntnisses“ ist unter anderen der Selige Karl Leisner dargestellt.

[1] Gründung der Pfarrkirche St. Dionysius wahrscheinlich im 10. Jhdt. 1862/63 wurde die heutige denkmalgeschützte dreischiffige, neugotische Backsteinbasilika errichtet, Neugestaltung des Innenraums 1962/63 mit einer gefalteten Betondecke.

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Je fünf Fenster in den Farben Gold, Rot, Blau, Rosa und Grün wurden in das rechte und linke Seitenschiff der Kirche eingebaut, vom Hauptportal beginnend links mit dem goldfarbenen ersten Fenster, dem Anfang des Glaubensbekenntnisses. Gegenüber, im rechten Seitenschiff, ist das zehnte Fenster „Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.“[1]

[1] siehe auch: Kirchenfenster in St. Dionysius (Text: Ferdinand Gepp), Essen 1992

Gepp

 

Ferdinand Gepp
Kirchenfenster in St. Dionysius
Essen 1992

 

 

 

 

Essen Dionysius Fenster 2In der Spitze ist Jesus als Lamm Gottes zu sehen, darunter das Himmlische Jerusalem. Es folgt die Darstellung von acht Heiligen und heiligmäßig lebenden Menschen, als Vorbilder für die Christen und als Beispiel für die acht Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium. Dargestellt sind die Märtyrerärzte Cosmas und Damian, die Stadtpatrone von Essen. Darunter ist Schwester Franziska Schervier, Gründerin des Ordens der Armen Schwestern vom Heiligen Franziskus, die auch in Essen ansässig sind. Der nächste dargestellte Heilige ist Bischof Liudger; er war der erste Bischof von Münster und wurde in Essen-Werden beigesetzt. Es folgt die Abbildung des Seligen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, dem es während der NS-Zeit durch seine kritischen Predigten gelang, das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten und die Ermordung von Behinderten weitgehend zu stoppen. Darunter sind die Heiligen Bischof Altfried, der Gründer des Stiftes Essen, der Salesianer Don Bosco, in Borbeck hat der Orden eine Niederlassung, und Ida von Herzfeld.

Essen Dionysius Fenster 1

Das Bild Karl Leisners bildet den Abschluss der Darstellungen mit der letzten Seligpreisung: „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Karl Leisner ist in Sträflingskleidung zu sehen mit der Häftlingsnummer 22356, die er im KZ Dachau erhielt. Rechts daneben steht ein dreifaches Amen, als Abschluss des Glaubensbekenntnisses.

Mit der Stadt Essen und dem Ortsteil Boerbeck wird Karl Leisner Erinnerungen an die jungen Menschen verbunden haben, die er im Katholischen Wandervogel (KWV) und durch seine Jugendarbeit als Diözesanjungscharführer kennengelernt hat, aber auch die Mitbrüder Wilhelm Meyer[1] und Franz Doppelfeld[2], die mit ihm im KZ Dachau inhaftiert waren. Wilhelm Meyer war mit Karl Leisner zum 1. Mai 1934 in das Collegium Borromaeum eingetreten, um Priester zu werden.

[1] Wilhelm (Willi) Meyer (* 14.1.1913 in Essen-Frintrop [im Ortsteil Essen-Borbeck], † 5.4.1999 in Ibbenbüren) – Abitur am Gymnasium in Bottrop – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 1.5.1934 – Priesterweihe 6.8.1939 in Münster – Er kam wegen einer Predigt über Feindesliebe am 6.6.1941 ins KZ Dachau und wurde am 29.3.1945 entlassen.
[2] Franz Doppelfeld (* 19.7.1905 in Essen-Borbeck, † 24.11.1964) – Er kam wegen seiner Predigten am 22.8.1941 ins KZ Dachau und von dort (laut Weiler 1971: 205) am 8.11.1944 zur Wehrmacht (SS-Brigade Dirlewanger). 1950 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Vom 2. bis 3. November 1929 fuhr Karl Leisner mit der KWV-Gruppe St. Werner nach Süchteln, um seinen Bruder Willi in der Provinzial-Kinderheilanstalt zu besuchen und um Jugendliche aus anderen KWV-Gauen zu treffen.

Süchteln, Sonntag, 3. November 1929
Um kurz nach 11.00 Uhr waren wir wieder in der Jugendherberge, die übrigens sehr sauber ist. – Bald kamen auch die andern [vom KWV], nämlich: der neue Jüngerenführer, Bruno Althaus (Düsseldorfer), Carl von Vogelsang (Köln), und Schäffer[1] (Essen). – Wir gingen in den geheizten Tagesraum, der neben­bei so halb Wirtschaft war und brüllten ein paar Lieder herunter, die ich auf dem Klavier begleitete. – Dann berieten wir uns über allerhand und sprachen uns darüber aus. Um 13.00 Uhr spielten wir den andern ein Kasperlestück vor.

[1] Zu Schäffer in Essen mit Beziehung zum KWV wurden keine näheren Angaben gefunden.

Auf dem Bundestag des KWV in Wiedmühle (Neustadt) Pfingsten 1930 treffen die Klever Jungen auch Mitglieder des KWV aus Essen.

Kleve, Samstag, 7. Juni 1930
Mit dem Zug um 15.52 Uhr ab Cleve. […] In Köln heraus! – Sehr viele vom Katholischen Wandervogel waren da. „Et ging görjann dorher“ [Es ging hoch her]. Heilrufe, Händeschütteln! […] Theo hörte von Willi Franken[1] aus Essen, der auch im Zug war, daß sie ein Auto in Linz antelefoniert hätten.

[1] Willi Franken (* ?, † ?) – Essen, Peterstr. 3 – Mitglied des KWV u. Säckelwart – Im Frühjahr 1933 schrieb Karl Leisner die Adresse in sein Tagebuch.

Wiedmühle, Sonntag, 8. Juni 1930, Pfingstsonntag
Darauf zogen die meisten nach Neustadt, wo die Essener „Die Bürger von Calais“ aufführten.

Auf dem Gautag des KWV in Solingen 1930 beschließen die Essener Jungen zum Westfalengau zu wechseln.

Solingen, Sonntag, 28. September 1930
Die Essener sind zum Westfalengau gegangen! (Das ist besser für sie.)

Karl Leisner aus Kleve am Freitag, 3. Oktober 1930, an Walter Vinnenberg:
Jetzt, da ja die Essener zum Westfalengau übergetreten sind, heißt der Gau nicht mehr „Rhein-Ruhrgau“, sondern „Berg-Rheingau“. Die Gaufarben sind Rot-Grün.

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Zum Jahresende 1932 nimmt Karl Leisner an einer Werkwoche des KWV im Ratinger Landheim teil.

Ratingen, Donnerstag, 29. bis Samstag, 31. Dezember 1932
Willi Franken mit andern Essenern auf Besuch.

Im August 1934 führt Karl Leisner mit anderen Jungscharführern ein Zeltlager im holländischen Groesbeek durch. In der letzten Woche teilen sie den Zeltplatz mit Essener Jungen.

Groesbeek, Freitag, 24. August 1934
Gleich anschließend schmettern die Fanfaren zum „blutigen Krieg“ mit unsern Nachbarn, den Essener Jungen, die seit Montag die Jagdgründe mit uns teilen.
Unsere Kerle sind in Hochstimmung. Mit Siegesgewißheit ziehn wir in die Schlacht. Schleichen, Lauschen, Suchen, Kämpfen um den Lebensfaden. – Nach unserm Sieg sammeln wir uns auf der „großen Heeresstraße“ und ziehen mit Schlachtgesängen ins Lager zurück. Die Essener Führer erzählen uns von ihren Schwierigkeiten bei der Paßgeschichte und von ihrem Pech (einer hatte 20,00 RM verloren, und nachts beim Feuer war’n ihm die Schuhe verbrannt). Als katholische Freunde und Kameraden scheiden wir voneinander. Feines Spiel!

Groesbeek, Samstag, 25. August 1934
12.00 Uhr Mittagstisch mit lukullischen Genüssen: Riesenportionen Pudding! Die Essener bekommen noch fast einen Kessel voll mit. Bis 13.00 Uhr hat jeder seine Sachen gepackt. Das Banner wird in feierlichem Schlußappell heruntergeholt. Unter unserm Singen sinkt es herab: Unser Kreuzbanner! Das Groesbeeker Jungenlager ist zu Ende!

Karl Leisner erwähnt in seinen Briefen aus dem KZ Dachau seinen inhaftierten Kurskollegen Wilhelm Meyer.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 14. Juni 1941, an seine Familie:
Aber hier ist’s zur Zeit wirklich prima. Stellt Euch vor, da kommt vorige Woche Willi M. [Meyer] von meinem [Weihe-]Kurs und sagt mir als erstes: Mensch, Karl, bist du im KZ dick geworden.[1] Ihr seht daraus, wie gut mir’s geht.

[1] Willi Meyer war am 6.6.1941 ins KZ Dachau gekommen.

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 29. Juni 1941, an Heinrich Tenhumberg:
Zu Deinem Namensfest Dir Heil und Gnade! Auch Heini „Ennemann“ [Heinrich Enneking] und den andern im [Weihe-]Kurs dasselbe, auch von Willi Meyer. […] Wo steckt Ihr denn jetzt alle? So einiges konnte Willi [Meyer] ja erzählen.

Karl Leisner aus Dachau am Sonntag, 10. August 1941, an seine Familie:
Vergangene Nacht träumete mir von Primiz und Weihe. Ach, herrlich! Am 6.[8.] hatte Willi [Meyer] zweijähriges [Priester-]Jubiläum.

Karl Leisner aus Dachau am Mittwoch, 20. August 1941, an Regens Arnold Francken:

Sagen Sie bitte allen werten Bekannten die besten, treuesten Grüße: dem hoch­würdi­gen Herrn [Direktor Franz] Schmäing, [Domkapitu­lar Heinrich] Gieben[1], [Domkapitular Wilhelm] van de Loo, [Diözesanpräses Heinrich] Roth usw.; auch [von] Zimmernachbar Willi Meyer herz­liche Grüße![2] Hoffen wir alle auf ein baldiges Wiedersehn in Frieden und Freude.

[1] Heinrich Gieben war am 11.1.1940 gestorben. Karl Leisner hatte davon nichts erfahren.
[2] Vermutlich bezieht sich die Nachbarschaft sowohl auf die Zeit im Collegium Borromaeum in Münster, wo die Zimmer nach dem Alphabet eingeteilt waren, als auch auf Willi Meyers KZ-Haft in Dachau.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 25. Juli 1942, an Regens Arnold Francken:
Wie geht’s allen im Kurs? Willi Meyer [geht es] gut soweit.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 22. Juli 1944, an Regens Arnold Francken:
Über fünf Jahre bin ich jetzt fern der Seminarheimat und sehne mich sehr mal wieder nach ihrer Geborgenheit. Gott wird schon sehen. Mit dem [Weihe-]Kurs habe ich mit Willi Meyer ja täglich [im KZ] und durch Heinrich Tenhumberg brieflich Kontakt.

Am 17. Dezember 1944 wurde Karl Leisner heimlich im KZ Dachau zum Priester geweiht, ein einmaliges Geschehen in einem Konzentrationslager. Mit den anderen inhaftierten Priestern der Diözese Münster legte Willi Meyer bei der Weihe Karl Leisner die Hände auf. Auf einem Glückwunschzettel, den 30 Priester aus der Diözese Münster in lateinischer Sprache unterschrieben haben, ist sein Name aufgeführt, daneben hat er auf einer Glückwunschkarte mit einem allgemeinen Bischofswappen und dem Wahlspruch[1] des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, unterschrieben sowie in einer Gratulationsmappe mit den Unterschriften von 239 Priestern. Darüber hinaus sandte er ihm einen persönlichen Brief in das Krankenrevier.

[1] Nec laudibus nec timore – Weder für Lob noch aus Furcht

Willi Meyer ministrierte bei der Primiz Karl Leisners am 26. Dezember 1944, seiner ersten und einzigen heiligen Messe.

Text und Fotos Christa Bockholt und IKLK-Archiv