Freiburg: Karl-Leisner-Plastik in der Hauskapelle von Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch

freiburg-karl-leisner-plastik-2In dem Kapitelhaus an der Herrenstraße 9 in Freiburg, dem Wohnsitz des Erzbischofs em. Dr. Robert Zollitsch[1], befindet sich in der Hauskapelle eine Karl-Leisner-Plastik von dem Künstler Johannes Potzler[2].

[1] Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch (* 9.8.1938 in Filipovo im ehemaligen Jugoslawien) – Priesterweihe am 27.5.1965 – 20.7.2003 Bischofsweihe zum Erzbischof für das Bistum Freiburg – 18.2.2008-12.3.2014 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz – altersbedingter Rücktritt 16.9.2013
[2] Bildhauer Johannes Raphael Potzler, geb. 1957 in München, Akademie der Bildenden Künste, Studium der Kunstgeschichte, Ausstellungen u. a. in München, Fulda, Regensburg, Bamberg; u. a. Bronzearbeiten (z. B. Plastiken, Kreuze, Kreuzwege, Heiligenfiguren)

Es handelt sich dabei um den achten Guss eines Bronzereliefs, das seit 1997 im Heiligtum der Schönstattpriester auf dem Berg Moriah in Simmern ist und hat einen etwas helleren Farbton als das Original. Erzbischof Zollitsch gehört der Gemeinschaft der Diözesanpriester an.

freiburg-karl-leisner-plastik-kopieBeschreibung und Deutung der Bronzeplastik
Auf der Plastik ist unverkennbar der Oberkörper Karl Leisners abgebildet, mit der Aufschrift „VICTOR IN VINCULIS“, dem Geburtsjahr 1915, dem Sterbejahr 1945 und den Attributen Stacheldraht, Gitarre, der Eucharistie und einem leeren Blatt mit der Unterschrift Karl Leisners, symbolisch für die Blankovollmacht[1].
Victor in vinculis (Mariae) – Sieger in Fesseln (Mariä)
Die Schönstattgruppe im KZ Dachau unter Führung von Heinz Dresbach und später Her­mann Ri­charz, zu der auch Karl Leisner gehörte, begann in der Fastenzeit 1944 mit der Su­che nach ihrem Gruppenideal und entschied sich für den Vorschlag von Robert Prusz­kowski „Victor in vinculis (Ma­riae)“. Die Idealsuche war stark inspiriert von der Spiri­tua­lität der Marianischen Werkzeug­fröm­migkeit, über die P. Joseph Kentenich SAC im Früh­jahr 1944 eine Studie diktierte. Es geht um die Bindung an Maria im Sinne des Werkzeu­ges, der Vernetzung. Maria steht als Symbol für den Dreifaltigen Gott.
P. Makarius Spitzig OSB schnitzte im KZ Dachau einen Bischofsstab mit dem Wappen von Bischof Gabriel Piguet und der In­schrift Victor in Vinculis.

[1] Mit einer Blankovollmacht geschieht gemäß der Schönstatt-Spiritualität eine vertiefte Hingabe an die Gottesmutter Maria im Liebesbündnis. P. Joseph Kentenich SAC hat diesen der Wirtschaftssprache entlehnten Begriff nach eigener Aussage einem Artikel von P. Peter Lippert SJ entnommen und kreativ angewandt. P. Peter Lippert SJ verwendete diesen Begriff, um das FIAT – mir geschehe – der Gottesmutter zu deuten. Im Bild gesprochen geht es um das vertrauensvolle Ausstellen eines Blankoschecks. P. Joseph Kentenich SAC verwandte den Begriff ca. ab Februar 1939 bei den Marienschwestern, bevor er im Oktober 1939 öffentlich wurde.

Der Stacheldraht symbolisiert die fünfeinhalbjährige Gefangenschaft Karl Leisners und sein Leiden aufgrund der Lungentuberkulose, an deren Folgen er am 12. August 1945 starb.
Die Gitarre auf der Plastik mag verwundern, weist jedoch auf die frohe Natur und das positive Denken und Handeln Karl Leisners hin. Nicht nur die Jugend begeisterte er mit seiner Gitarre, sondern auch seine Mithäftlinge im KZ Dachau. Am 9. März 1941 wünschte er die Zusendung seiner Gitarre in das KZ. Er bestätigt später die Ankunft der Gitarre und daß sie ihm und den Kameraden Freude bereitet. Am 18.10.1941 schreibt er seiner Familie: Heut’ abend klampfen und singen wir. Heiho!
Zur Hostie schreibt Georg Egle[1] in der Dezember-Ausgabe 1997 der Schönstätter Monats-Zeitschrift „basis“: „Unübersehbar auf dem Relief ist eine Hostie, die Karl Leisner in seiner Rechten hält. Sie spricht von seiner Christusliebe, seiner jugendlichen Leidenschaft und priesterlichen Hingabe an Jesus Christus. Als Diakon hat Karl unter Lebensgefahr kranken Häftlingen die heilige Kommunion gereicht. Er ist der einzige Häftling, der in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten zum Priester geweiht wurde. Dort feierte er seine erste und einzige Heilige Messe.“
Zum Blankoscheck schreibt Egle: „Links unten im Bild ist ein Blatt mit der Unterschrift von Karl Leisner zu sehen. Mit den Mitgliedern seiner Münsteraner Theologengruppe hatte Karl im Jahr 1939 der Gottesmutter Maria die freie Verfügung über sein Leben angeboten. In dieser Haltung hat er in Gefängnis und Konzentrationslager gelebt.“
Vermutlich sprachen die Schönstätter unter den Diakonen, zu denen Karl Leisner gehörte, am 25. März 1939 nach der Diakonenweihe folgendes Weihegebet:
Liebe dreimal wunderbare Mutter von Schönstatt! Der Kurs Münster 1939 dankt Dir seine Berufung zum Priestertum und zum Bund. In Dankbarkeit geben wir Dir Gewalt und Vollmacht über uns; tue mit uns, was Du willst und wie Du es willst. Sende uns vom Altar in den Alltag und laß uns leben nach dem Gesetz: Sacerdotem oportet offerre.[2]

[1] Georg Egle ist Leiter der Schönstatt-Bewegung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
[2] Im Nachlass von Heinrich Tenhumberg findet sich dieses kurze Weihegebet, das die Gruppe vermutlich im Sinne der Blankovollmacht ver­standen hat. In der An­rufung der Gottesmutter fehlt noch „und Königin“, die erst nach der Krönung des Marienbildes in Schönstatt Ende 1939 eingefügt wurde.
Der Begriff „Blankovollmacht“ bürgerte sich erst im Laufe des Jahres 1939 ein. Im Weihegebet fehlt noch „et offerri“, das nach der Verhaftung Karl Leisners eingefügt wurde.

Karl Leisner aus dem KZ Dachau am 6. April 1941 an Heinrich Tenhumberg[1]:
Danke Euch für Euer Brudergedenken. Ich spür’s jeden Tag. Unsere gute Mutter [Mta] sorgt für uns alle, für den verlorenen Sohn besonders. Beim Blankoscheck bleibt’s.

Karl Leisner aus dem KZ Dachau am 2. Oktober 1943 an Heinrich Tenhumberg:
Am 18. sind’s vier Jahre, daß Ihr daheim [in Schönstatt] versammelt wart und alles blank machtet. Damals konnte ich nur im Geiste mittun.

[1] Bischof Heinrich (Heini) Tenhumberg (* 4.6.1915 in Lünten, † 16.9.1979) – Karl Leisners Schönstattgruppenführer im Collegium Borromaeum in Münster – Bischofsweihe zum Weihbischof für das Bistum Münster 20.7.1958 – Bischof von Münster 7.7.1969 bis 16.9.1979

Die Beiträge zu den Karl-Leisner-Plastiken von Johannes Potzler werden nach und nach veröffentlicht.

siehe bereits folgende Links:

Link 1

Link 2

Link 3

Link 4

Link 5

Link 6

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Karl Leisner hatte zu Freiburg eine besondere Beziehung. Er lernte die Stadt 1936/1937 während seiner Außensemester kennen. Nach seiner Verhaftung am 9. November 1939 kam er in das Gefängnis Freiburg und wurde von dort am 15. Februar 1940 in das Gefängnis Mannheim verlegt.

Siehe hierzu Link zur Leisnerstraße in Freiburg

Herrenstraße 9 in Freiburg

Herrenstraße 9 in Freiburg

Hauskapelle

Hauskapelle

Text und Fotos Christa Bockholt