Freude ehemaliger KZ-Priester über das Voranschreiten der „Arbeiten für die Seligsprechung“ Karl Leisners und weiterer KZ-Priester

Spiessl_FotoPrälat Ludwig Spießl (* 5.9.1906 in Oberdeschen­ried, † 23.1.1996) – Priesterweihe 29.6.1932 in Re­gens­burg – Er kam wegen Seelsorge an einer Mischehe am 17.2.1940 ins KZ Sachsenhausen, am 14.12.1940 ins KZ Da­chau und wurde am 29.3.1945 entlassen. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1982 als Zeuge ausgesagt.

Foto IKLK-Archiv

 

 

Bericht und Brief von KZ-Priester Ludwig Spießl aus Hemau am 28. Dezember 1985 an einen Josef N. N.:

Erinnerung an Landwirtschaftsminister von Jugoslawien: NOVAK.
Das wird gewesen sein im Herbst 1944, in der Zeit, als wir von zuhause öfter auch schon ein Paket erhalten konnten. So haben wir uns doch etwas wieder erholen können. Weil es keine Medikamente gab, wurden besonders wir·deutsche Priester zum Blutspenden gebeten.
Eines Tages wurde auch ich mit meiner seltenen Blutgruppe 0 – ins Kranken-Revier gerufen. Die beiden wurden nebeneinander gelegt und von Arm zu Arm wurde das Blut hinübergepumpt. Keiner wußte zunächst, wer der andere wäre. Am nächsten Tag schlich ich mich wieder ins Revier zu meinem „Blutsverwandten“. Vom Pfleger hatte er inzwischen erfahren, daß er Pfarrer-Blut bekommen habe. Von jugoslaw. Mitbrüdern hatte auch ich inzwischen erfahren, daß Novak ein überzeugter Kommunist war. Wie ich ihn nun anspreche, kam es von ihm: „Du hast mir hier von Deinem Blut gegeben! Was kann ich Dir dafür denn tun?“ – „Ach, reden wir nicht davon, wir sind hier doch alles Kameraden!“ Dann erzählte ich ihm: Dieses gute Blut hab ich von meiner Mutter. Wir sind 9 Kinder, von den 3 Buben ist einer im Osten, der andre in Frankreich u. ich bin hier; von den 6 Schwestern sind 3 im Kloster. Nun haben meine Eltern eben goldene Hochzeit u. da können nur 3 Mädln dabei sein. Wenn Du meinst, könntest für sie, besonders für meine Mutter ein „Vater unser“ beten.
Auf der Bude in Block 26 erzählte ich davon m. Kameraden, darunter auch einige aus Jugoslawien. „Ach, der Novak, der kann doch bestimmt kein „Vater unser“ mehr, der hat längst schon alles vergessen – war schon immer ein überzeugter Kommunist!“ Ich: „Immerhin, er hat genickt dabei …“
Nach etwa 2 Tagen schlich ich mich wieder heran. Der Pfleger sagte mir: „Du, er himmelt doch; aber die ganze Nacht hat er im Delirium immer von Dir, von Deinen Eltern, besonders von Deiner Mutter erzählt u. u. …“
Was tun? Ich rief unsere beiden Engel um Vermittlung herbei u. trat an sein Bett. Wie er m. Stimme hörte – das ist der Pfarrer, der mir von seinem [Blut] gegeben hat! – u. das machte ihn hell wach, sodaß ich auch ein gutes Gespräch mit ihm führen konnte: „Kamerad, jetzt gehst Du frei, und mich schickt der Herr, daß ich Dir helfe, damit Du wirklich heimkommst … verwies ihn auf Christus u. sein Erlösungsopfer für uns alle -auch an Dich hat ER schon gedacht – erinnerte ihn an „daheim“ bei der Mutter, in der Schule habt ihr gebetet – Beichte – Erstkommunion, u. schließlich die Frage: „Wenn Du jetzt noch einmal vorne anfangen könntest?“ – Er: O, dann würde ich vieles, vielleicht alles anders machen!“ – Reue eines Mannes! So konnte ich ihm noch in seiner letzten Stunde priesterl. Beistand leisten – u. er kam sicher doch noch heim, wie der reuige Schächer beim Kreuze des Herrn.
Dies ein Beispiel von manchen anderen, die uns Priester so beglückt haben, trotz allem – auch unser Lagerleben bekam davon einen Sinn.
So hatte ich im Gefängnis zu Regensburg am 4.2.[19]40 zu m. Kursfreund Theod. Seitz[1] in einer Abschiedsstunde vorm Transport nach Sachsenhausen gesagt: „Weißt, ich denke halt, daß die im Lager dort auch einen Priester brauchen, und daß mich der Herr jetzt dafür freigestellt hat“ – Und dann kam ich wieder nach Regensburg in der Karfreitag-Nacht 1945 u. da haben wir Wiedersehn gefeiert mit Seitz u. Böhm[2] bei Dompred. Dr. Maier[3] bis z. Karsamstagmorgen. Vormittags hat mir Bischof Buchberger[4] im Luftschutzkeller die Pfarrei Wiefelsdorf übertragen – auf Empfehlung von Dr. Maier, der dort 2 Wochen in Aushilfe gewesen war, nahm ich das Angebot gerne an.
Vom 16. – 20. Sept. [19]85 trafen wir ehemal. Dachauer Priester uns im Exerzitienhaus Himmelspforten/Würzburg. Gekommen waren 22 Dachauer Brüder u. eine ähnliche Zahl von angehörigen Frauen.
Dabei gab es reichlich Gelegenheit, besonders bei Tisch u. in den Abend-Stunden, manches Erlebnis in Erinnerung zu bringen u. miteinander auszutauschen. Zu unsrer besonderen Freude konnten wir erfahren, daß für Karl Leisner, P. Engelmar Unzeitig[5] und Georg Häfner[6] die Arbeiten für die Seligsprechung schon gut vorangeschritten sind. Die Gedenkstätte der beiden, P. Unzeitig in Marianhill u. Pf. Häfner in der Bischofsgruft zu St.Kilian konnten wir nach je einem Gottesdienst besuchen.
Beim letzten Abendtisch am Donnerstag fand ich einen Platz neben einem bejahrten jugoslaw.Priester (ehem. Dachauer) u. mit ihm als Begleiter ein Neffe (45 Jahre), ein Dr. Theol. an einer Universität, der sich besonders für Erlebnisse aus dem KZ interessierte. Begreiflicher Weise war er ganz Aug u. Ohr, als ich von der umseitig skizzierten Bekehrung des jugoslav. Landwirtschaftsministers Novak erzähIte. Und als es dann doch ca ½11 Uhr hohe Zeit wurde zum Einbetten, da bat er mich, ich möchte noch einen Moment mit ihm auf sein Zimmer gehen – er wollte noch ein Foto machen. Und beim „Gut Nacht-Sagen“ fügte er noch hinzu: „Diese zwei Stunden heute abends haben mir mehr gegeben als ein paar Tage Exerzitien!“
So hat unser Lagerleben doch seinen Sinn bekommen – zuweilen geht nach 20 Jahren wieder ein Weizenkorn auf. Gott sei’s gedankt!
Ludwig Spießl, Pf. Hemau
Hemau 28. XII.85

M. lb. Josef! Nimm herzl. Dank für Deine Segensgrüße ad festa pro tempore [rechtzeitig zu den Festtagen] – um mit Heinz [? Römer[7]] zu sprechen. Du hast ja manches gewichtige Wort eingepackt – m. Anerkennung. Und so möchte ich Dir wenigstens ein gutes Geleit mitgeben über die Schwelle [19]85/86 in ein rechtes Jahr des Heiles 1986. Aus meiner „Kühltruhe“ darf ich Dir zugleich einige Kostproben servieren vom Schatz an Erinnerungen. Meminisse juvat [Es macht Freude, sich zu erinnern]! Nimm dazu viele herzl. Grüße von Deinem
Ludwig aus dem Bayernland,
dem allerchristlichsten der BRD.!

[1]    Friedrich (Fritz) Seitz (* 28.1.1905 in Mayen, † 18.3.1949) – Priesterweihe 1.7.1928 in Speyer – Er kam wegen Bewirtung von drei polnischen Zivilar­beitern am 29.6.1940 ins KZ Da­chau, am 16.8.1940 ins KZ Gu­sen und am 8.12.1940 zurück ins KZ Dachau. Dort war er Pförtner im Krankenrevier und „Verbin­dungsmann“ zu den Priestern. Am 28.3.1945 wurde er aus dem KZ Dachau entlassen. – Pfarrer in Schallodenbach 26.7.1945 – Dekan 15.1.1947

[2]    Es kann nicht der KZ-Priester Franz Böhm (* 3.10.1880 in Boleszyn/Westpreußen, † 13.2.1945 im KZ Dachau) gewesen sein; denn Karfreitag/Karsamstag war am 30./31. März 1945.

[3]    Dr. theol. Johann Maier (* 23.6.1906 in Berghofen, † 24.4.1945 gehenkt in Regensburg) – Priesterweihe 27.10.1933 in Rom – Er war von 1939 bis zu seinem Tod Domprediger im Dom zu Regensburg.

[4]    Bischof Michael Buchberger (* 8.6.1874 in Jetzendorf, † 10.6.1961 in Straubing) – Priesterweihe 29.6.1900 – Bischofs­weihe zum Weih­bischof für das Erzbistum München und Freising u. Titularbischof von Athribis 20.1.1924 – Bischof von Regensburg 12.3.1928

[5]    Pater Engelmar (Hubert) Unzeitig (* 1.3.1911 in Greifendorf, † 2.3.1945 im KZ Dachau) – 1928 Eintritt bei den Marianhiller Missionaren – Priesterweihe 1939 – Er kam wegen Äußerung im Unterricht und Verteidigung der Juden am 3.6.1941 ins KZ Dachau. – Einleitung des Seligsprechungsverfahrens 1991

[6]    Joseph Georg Simon Häfner (* 19.10.1900 in Würzburg, † 20.8.1942 im KZ Dachau) – Priesterweihe 13.4.1924 – Einlieferung ins KZ Dachau 12.12.1941 – Seligsprechung 15.5.2011

[7]   Monsignore Heinz Römer (* 1.3.1913 in Ludwigs­hafen, † 13.4.1998) – Priesterweihe 4.7.1937 in Speyer – Er kam wegen Verteidigung des verleumdeten Bischofs Ludwig Seba­s­tian von Speyer am 21.2.1941 ins KZ Dachau, wurde am 9.4.1945 entlassen und war der letzte Herausgeber der „Stimmen von Da­chau“. Im Martyrerprozeß für Karl Leisner hat er 1990 als Zeuge ausgesagt.