In Karl Leisners Schulunterricht war „Troja“ sicherlich ein Thema

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Eberhard Zangger
The Luwian Civilization: The Missing Link in the Aegean Bronze Age(Englisch)
Yayinlari-Verlag Istanbul 2016

 

 

 

Michael Siebler rezensierte das Buch in der F.A.Z vom 31. Oktober 2016 unter der Überschrift „Ein neuer Kampf um Troia. In der Bronzezeit verheerten Seevölker das Mittelmeer, und die mykenische Palastkultur ging unter. Was genau damals geschah, versucht der Geoarchäologe Eberhard Zangger zu rekonstruieren.“

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Laut Michael Siebler ist es ausgesprochen schwierig, den Blick des Autors auf den „Komplex Troia“ nachzuvollziehen. Diese Feststellung bezieht sich auf Eberhard Zanggers „Deutung des Troianischen Kriegs als Entscheidungsschlacht in der Gegend von Troia zwischen mykenezeitlichen Griechen und den Kontingenten eines luwischen Heeres unter der Führung eines troianischen Herrschers“, die Ausführungen zum Mythos Troja und letztlich die Darstellung der Grabungsergebnisse in Troja.

Karl Leisner hätte sich in Erinnerung an seine Schulzeit vermutlich für das Buch interessiert. Bereits 1933 zitierte er Redewendungen aus Homers Odyssee.

Homer: Odyssee (Übersetzung Johann Heinrich Voß), Reclam 280–283, Leipzig 1937

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Tagebuchaufzeichnungen

Baltrum, Montag, 14. August 1933
Wir können noch um 22.00 Uhr in Jever sein! – „Kaum entfloh dies Wort dem Gehege unsrer Zähne“[1], da steht wer – nicht etwa ein Sau­hirt Homers[2] –, sondern ein ordinärer oldenburgischer – (!) wir waren inzwi­schen in ei­nen andern Staat gekommen – Landjäger vor uns auf der Straße und schreit uns an: „Halt!! Da haben einige kein Licht!“

[1]    Homer:
Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen? (Odyssee I, 64 u. ö.; Übersetzung Johann Heinrich Voß 1937: 5)
Häufig wird nur der Schluß des Verses in der wörtlichen und sehr anschaulichen Übersetzung zitiert:
Gehege der Zähne

[2]    Der „göttliche Sauhirt“ Eumaios aus Homers Odyssee hält Odys­seus die Treue und kämpft mit ihm gegen die Freier von dessen Frau Penelope.
Homer:
Rechts in der zierlichen Wand war eine Pforte zur Treppe; / Und von der äußeren Schwelle der schöngebauten Wohnung / Führt’ ein Weg in den Gang mit fest verschlossener Türe. / Diesen befahl Odysseus dem edlen Hirten Eumaios. / Nahe stehend zu hüten; denn einen nur faßte die Öffnung (Odyssee XXII, 126–130; Übersetzung Johann Heinrich Voß 1937: 309).

Vermutlich wurde das folgende von Karl Leisner notierte Gedicht, welches sich in seinem Nachlaß befindet, 1936 während einer Karnevalsveran­staltung im Collegium Borromaeum vorgetragen:

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Der Untergang Trojas
1) Im Jahre 1936 a. Chr. n. [ante Christum natum = vor Christi Geburt] – ja begab sich [das] seltene wie auch höchst wichtige Faktum – ja
Als die Griechen die Stadt Troja zerstörten – ja
obwohl sie ihnen gar nicht gehörte – ja.
||: – Und wie ihnen dieses gelang – ja, ja
verkündet euch nun mein Gesang – ja, ja
:||
2) Im Jahre 1936 a. Chr. n. – ja –
brachten die Trojaner den Achill mit List um; –
und es streckten sich sterbend die Glieder –
des Helden, so wacker und bieder –
||: Da gerieten die Griechen in Wut –
und so was tut selten nur gut –
:
3) Da war ein alter Graukopf, –
Und ein ebenso weitgereister Schlaukopf. –
Der sprach: „Ach, Väterchen, wißt es, –
ich bin der schlaue Odysses. –
||: Und ich nehm’ die Stadt Troja mit List –
eh ’ne Woche vergangen noch ist –
:||
4) Und kaum war eine Woche verstrichen –
wie erstaunten die wackeren Griechen, –
als Odysseus ergriff mit Lachen –
Bleistift, Zirkel, Radiergummi und andre Zeichensachen. –
||: Und mit Hilfe der Geometrie –
konstruiert er ein hölzernes Vieh –
:||
5) Hurra – fort sind nun all die Griechen –
und sie ließen sogar noch was liechen –
Und die trojanischen Bauern –
schleppten mit Hurra das Pferd in die Mauern –
||: Und so sehr auch Laokoon schrie –
sie verstauten das hölzerne Vieh –
:||
6) Des Nachts, beim Scheine einer alten,
ungeputzten, zerbrochenen, tranfunzeligen Laterne –
beim Scheine des Mondes und einiger nicht viel bedeutender Sterne –
Da entstiegen dem hölzernen Pferde –
einige Griechen von höchst geringem Werte –
||: Sie öffneten den andern das Tor – –
Meine Herren, wie kömmt Sie das vor? –
:||
7) Als am andern Morgen die goldige,
rotblinkende, geputzte Sonne erwachte –
beschien sie eine völlig veränderte Lage der Sache –
Wo am Vorabend die Mauern der Stadt Troja gestanden –
sich nur noch bald Trümmer und Äcker und Wiesen fanden. –
||: Und auf den Trümmern da ackert umher –
auf ‘ner Taxe der alte Homer –
:||

Originaltext

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Karl Leisner im März 1938 in seiner „Bücherlese“:
Mensch und Technik.
„Individualismus als Schicksal“
„… Schon Homer deutet an, daß die Bearbeitung des Eisens eine Verände­rung der Welt bewirkt hat, die die Menschen in Staunen versetzt hat. Die größte aller dieser Veränderungen ist sicher durch die Erfindung der Buch­drucker­kunst vor sich gegangen: die Menschheit ist seitdem eine andere ge­worden. Ob bessere, mögen die Kulturphilosophen entscheiden. Alle kultu­rellen Über­gänge ha­ben die Menschen verstört und aus dem Gleichgewicht ge­bracht.[1]

[1]    Miller, Otto: Der Individualismus als Schicksal, Freiburg/Br. 1933: 23

Karl Leisner aus dem Gefängnis Mannheim am Samstag, 24. Februar 1940, an seine Familie in Kleve:
Neben dem Brevier fließen noch zwei helle Geistesquellen in der Düsternis der Unfreiheit: […] und ein vorzügli­cher Auswahlband Goethe[1]. […] Aber der alte Homer gibt mir Trost: Zwei seiner Sprüche sind mir Leitstern und Trost: „Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen.“[2] Und den zweiten behalte ich für mich.[3] Ihr seht also meine Lieben, daß es mir den Umständen entsprechend nicht schlecht geht und könnt ganz getrost sein.

[1]    Auf Grund der zahlreichen Auswahlbände von Johann Wolfgang von Goethes Wer­ken ist nicht klar, welchen Band Karl Leisner in Händen hatte.

[2]    Dieses Zitat stammt von Menander.

[3]    Karl Koch aus Nordhorn am 2.5.2006 an Hans-Karl Seeger:
Mit dem „alten Homer“ meint Leisner übrigens sicher Goethe. Und „der nicht geschundene Mensch …“ von Menander findet auch bei Goethe Verwendung, und Leisner wird den Satz in eben jenem Aus­wahl­band gelesen haben. „Der nicht geschundene Mensch …“ ist das griechische Motto des Ersten Teils von Goethes Lebensgeschichte „Dichtung und Wahr­heit“. Goethe setzt es in Griechisch seinem Werk voraus. Goethe schätzte Menander sehr und lobt ihn bei [Johann Peter] Eckermann über alle Maßen. Und der „zweite Trost“, den Leisner nicht sagen will, ist sicher ein „echt goethisches Zitat“ in bezug auf Frauen, Wein, Lebenslust etc., so daß es ihm etwas „peinlich“ war, das Wort weiterzugeben.

Karl Leisner selbst bezeichnet seinen Leidensweg, der ihn letztendlich das Leben kostete, als „Odyssee“.

Karl Leisner aus Dachau am Samstag, 31. Mai 1941, an seine Familie in Kleve:
Vor zwei Jahren startete ich von daheim zur großen Odys­see [Fahrt ins Sana­torium am 4./5.6.1939 nach St. Bla­sien].

Karl Leisner aus Dachau am Freitag, 4. Juni 1943, an Arnold Francken[1] in Münster:
Verehrter, hochwürdiger Herr Regens!
[…]
Die großen Gnadentage der Weihen, das frohe Leben mit den lie­ben Kame­raden und die ernsten, tiefen Stunden der Gnade – alles steht le­bendig vor mir. Dann St. Blasien und Freiburg
/Br., Sachsenhausen und Dachau mit all dem, was sie mir brachten. Diese Odyssee war wohl nötig für mich, und rück­schauend bin ich dem Heiland und Seiner heiligen Mutter sehr zu Dank ver­pflichtet.

[1]    Prälat Dr. h. c. Arnold Francken (* 6.8.1875 in Ker­venheim, † 31.3.1954) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 24.4.1896 – Priester­weihe 9.6.1900 in Münster – Sub­re­gens im Priesterseminar in Münster 1908–1933 – Regens 8.11.1933 bis 1948 – Domkapi­tular 1923 – Päpstlicher Hausprälat 1936 – Aposto­lischer Protonotar 1948 – Bei seiner Be­erdigung waren ca. 400 Priester an seinem Grab versammelt. Er schick­te Pakete für Karl Leisner ins KZ Dachau.