Karl Leisner in Bremen und Bremerhaven

RolandBremen
Hauptstadt des aus den Stadtgemeinden Bremen u. Bremerhaven bestehenden Landes Freie Hansestadt Bremen
Bremer­haven
als Überseehafen wichtiges Exportzentrum für Deutschland – eine der größten europäi­schen Hafenstädte an der Nordsee

Rolandstatue auf dem Marktplatz

Foto Wikimedia Commons

Gaby Mayr schrieb im Reiseblatt der F.A.Z. vom 7. April 2016 einen Bericht über Bremen und Bremerhaven unter dem Titel „Fischweiber und Männerbündler – Bremen gibt sich vornehm, Bremerhaven ist stolz auf seine Rauheit: Verschiedener können Städte nicht sein. Trotzdem müssen sich die beiden immer wieder zusammenraufen.“

Laut Gaby Mayr ist Bremerhaven „eine rauhe Stadt. Siebzig Kilometer stromaufwärts, in Bremen, weht der Wind nicht so heftig und das jenseitige Weserufer mit Bierfabrik, backsteinernem Wasserturm und Kleingärten ist nah.“

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Karl Leisner hat beide Städte auf der Baltrumfahrt 1933 erlebt. Tagebuch Nr. 10 beginnt mit Vornotizen zur Fahrt nach Baltrum. Tage­buch Nr. 11 ist ein eigenes „Reisetagebuch“, das er aus den Vornotizen später zusammengestellt und seinem ehemaligen Lehrer Walter Vin­nenberg als Erinnerung an die gemeinsame Fahrt geschenkt hat. In den folgenden Auszügen sind beide Tagebücher ineinander verwoben, insofern differiert die Zählung der einzel­nen Fahrtentage.

Mittwoch, 16. August 1933
12 Tag
Um Punkt 9.00 Uhr laufen wir in Bremerhaven ein. Neben der großen Schwester legt die „Roland“[1] an, nämlich neben der gewaltigen „Eu­ropa“[2]. Wir steigen aus, stellen unsre Räder unter, kaufen uns Karten für die um 12.30 Uhr beginnende Europabesichtigung. Dann bummeln wir durch den Hafen.

[1]   Seebäderschiff – 4.174 BRT – Bau auf der Stettiner Vul­kan‑Werft 1921 – Indienststellung beim Nord­deut­schen Lloyd 1926 – Namensänderung in Hameln 1936 – Be­schlag­nahme in Veracruz/Mexi­ko u. Namensänderung in Oaxaca 1941 – Versenkung 1942
Mit dem Schiff Roland waren die Jungen von Wilhelmshaven nach Bremerhaven gekommen.
[2]    Schiff der Reederei Norddeutscher Lloyd (NLD) – 49.746 BRT – Länge 282,77 m, Breite 30,65 m, 2.800 PS – Stapellauf auf der Werft Blohm & Voss in Ham­burg 15.8.1928 – aus ungeklärter Ursache auf der Werft völ­lig ausgebrannt 26.3.1929 – nach Instandsetzung erste Pro­­befahrt 20.2.1930 – Jungfernfahrt nach New York mit Erhalt des Blauen Bandes ab Bremerhaven 19.3.1930 – Beschlagnahme durch die Ameri­kaner 1945 – Übernahme als Reparationsleistung von den Franzosen Mai 1946 – Namens­änderung in Liberté 1950 – Abwrackung 1962
Das Schiff Europa hatte Karl Leisner schon früher beeindruckt. Auf der Rügenfahrt 1929 schrieb er in sein Tagebuch:
Hamburg, Mittwoch, 7. August 1929
Nach der Durch­querung vieler Häfen und zweier Verkehrsschleusen gelangten wir in den Hafen, wo die riesigen Ha­pag-Dampfer „Europa“ und „Columbus“ im Dock lagen. Die abge­brannte „Europa“, die ganz abgebaut worden ist, lag schon wieder zum Teil aufge­baut im Dock.
Nach dem Tagebucheintrag vom 31. März 1930 hat Karl Leisner auf vier Seiten Zeitungsausschnitte über die erste Ausreise der Europa eingeklebt.

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Wenn ein Schiff vorbeischaukelt, schauen wir hin­aus auf die weite See
Staunend stehen wir vor der „Europa“

Wir sehen den Bootsappell. Darauf schauen wir uns die andern „Seeunge­heuer“ im Hafen des Norddeut­schen Lloyd an. Die „Sierra Nevada“[1] fährt gerade aus. – Um 12.30 Uhr gibt’s Eintopfgericht (eine steife Suppe). – Um 13.00 Uhr beginnt die „Eu­ropabesichtigung“. Zunächst heißt’s: „Schlange­stehen!“ Bald betreten wir den Schiffspalast. Treppauf, treppab durch prächtige Säle, einfache Kabi­nen, über Promenaden, weite Gänge, durch die elektrischen Küchen, Kühl­räume, Ladenstraße etc., etc. schleppt uns unser Füh­rer. Wir sind erschlagen von dem Luxus, der Technik und Ausstattung des Schiffspalastes. „Schöner kann ein Königs­schloß nicht sein“, sagt einer. – Der Luxus der „Staatska­bine“ und der Gesellschaftsräume 1. Klasse kommt uns übertrieben vor. Die Touristen- und 3. Klasse ist uns gut genug. – Nach­her kaufen wir uns eine Be­schreibung des Dampfers und bestaunen noch einmal die technische Lei­stung des Riesenschiffsbaues. Die Ausmaße sind gewaltig! – Gegen 15.00 Uhr wollen wir losfahren; aber es regnet. So warten wir noch et­was. – Dann geht’s in den Sattel! Unter Platzregen lan­den wir in der DJH Weser­münde, wo wir wegen des Regens heute bleiben wollen. […]

[1]    Kombischiff – 13.589 BRT – Länge 152,30 m, Breite 19,50 – Bau als Antonio Delfino auf der Hamburger Vulcanwerft – Stapel­lauf 10.11.1921 – Jungfernfahrt nach Südamerika 16.3.1922 – Ver­char­terung als Sierra Nevada an den Norddeutschen Lloyd 1932–1934 – anschließend erneut als Antonio Delfino im Dienst der Hamburg- Süd – im Zweiten Weltkrieg u. a. Marinewohnschiff u. Verwundetentransportschiff – Über­nahme als Kriegsbeute durch die Briten Mai 1945 – Abwrackung in Al­muir/Schott­land 1956

Donnerstag, 17. August 1933
16. Tag
Um 7.00 Uhr raus. – Um 8.30 Uhr los. 12.00 Uhr in Bremen. Übern Markt­platz zur Fischhalle. Nachher Markt (Dom, Rathaus, Börse, Ro­land) – Bött­cherstraße (Modern!)[1]

[1]    Die Böttcherstraße wurde in ihrer heutigen expressionisti­schen Form von 1926 bis 1931 gestaltet. Der originell­ste Bau ist das Paula-Modersohn‑Becker‑Haus. Bernhard Hoet­ger (1874–1949) errich­tete es 1927/1928 im Gedenken an die 1907 verstorbene Malerin.

Paula Modersohn-Becker (* 8.2.1876 in Dresden-Friedrichstadt, † 20.11.1907 in Worps­wede) – Malerin – Ehefrau von Otto Modersohn (1865–1943), dem Mitbegründer der Worpsweder Künstlerkolonie

13. Tag
Um 7.00 Uhr geht’s raus. Das Wetter ist besser. – Um 8.30 Uhr starten wir in Richtung Bremen. Durch Weide- und Heidelandschaft fahren wir – von prächtigem Sonnenwetter begünstigt – auf Bremen zu. Schlag 12.00 Uhr laufen wir ein auf den einzigen Marktplatz. – Rathaus, Dom, Börse und Patri­zierhäuser umstehen ihn.

Bremen

 

 

Vor dem Prachtbau des Re­naissance-Rathau­ses steht mächtig-wuchtend Roland, der Ries’ mit sei­nem mächtigen Schwert. Er schaut auf den ragenden Dom mit seinen beiden hohen Türmen und dem feinen romanischen Portal. Wir treten in den orgeldurchbrausten Raum. An­dächtig stimmt uns der urkatholische Kirchenbau.[1] Und diese Kirche mußte in unsrer Zeit den Salbader liberal verseuchter Himbeer­chri­stenpastöre an­hören, während früher seine Wände vom Gesang katholi­scher Bischöfe und Priester und des katholi­schen Volkes widerhallten. Di­aspora­tragik![2] Tra­gik des deutschen Vol­kes, das in seiner katholischen Zeit gewal­tige Dome, Rat­häuser und Hel­denstandbilder baute! – Vom Dom ge­hen wir zur Fisch­halle, wo es ein vornehmes, gutes und billiges Mittages­sen gibt. Nachher gehen wir noch einmal über den Markt. Dann zur Bött­cher­gasse, einer im modernen „Stil“ erneuerten alten Gasse. Worpsweder Künstler schufen sie unter der Schirmherrschaft von Paula Modersohn-Be­cker. Neben einigem etwas zu exzentrischen und zu „germanischen“ Un­sinn gefiel mir der Ver­such.

[1]    Am 9.11.1522 wurde in Bremen die erste reformatorische Predigt gehalten. Seit­dem ist die Stadt überwiegend protestantisch geprägt. 1532 wurde auch im Dom die Reformation erzwungen.
[2]    1567 wurde in Bremen ein protestantischer Erzbischof eingesetzt. Ab 1648 for­mierte sich dort auch wieder eine katholische Gemeinde. Aber erst 1807 wurde sie als gleichberechtigt neben der lutherischen und der reformierten Kirche aner­kannt. Mit der Überlassung der Kirche St. Johann erhielt die katholische Ge­meinde 1816 wieder ein eigenes Gotteshaus. Ab 1934 stand an der Spitze der Landeskirche ein Landesbischof.

1935 kam Karl Leisner während einer Trampfahrt mit seinem Bruder Willi erneut nach Bremen und Bremerhaven.

Und dann mit meinem lieben Bruder Willi los. Acht Tage auf Trampfahrt: Münster – [Bad] Iburg – Osnabrück – Bremen – Cuxhaven (Nordsee) – Bre­mer­haven – zurück über [Duisburg-]Hamborn.

Karl Leisner aus Cuxha­ven am Dienstag, 10. September 1935, Fotokarte, an seine Familie in Kleve:
Meine Lieben!
Wir beiden sind gestern abend in Bremen gelandet. Mit einem Sportwagen mit Holländern in zweieinviertel Stunden von Osnabrück bis dort. […] Heute 14.30 Uhr ab Bremen bis 17.00 Uhr in Cuxhaven. Mit frohem Fahrtengruß an Euch alle – […]
Euer Karl

Frohen Fahrtengruß Euer Willi, auch an allemole in Kleef [alle zusammen in Kleve]