Karl Leisners Priesterweihe im KZ Dachau am Sonntag Gaudete, dem 17. Dezember 1944

2013_06_23_Leisner

 

Karl Leisners Priesterweihe war ein kirchengeschichtlich einmaliges Ereignis mit außer­gewöhnlichen ökumenischen und europäischen Aspekten.

 

 

 

Priesterweihe KZ-Priester Peter Bauer[1] zur Situation im KZ Dachau vor der Priesterweihe Karl Leisners[2]:
Altartücher habe ich aus Leintüchern genäht, desgleichen Alben und 10 Priesterrochetts. Die schwarzen Priesterkragen habe ich aus Kleiderstoffen verfertigt, die zur Desinfektion geschickt waren, um dann als Spinnstoff zerrissen zu werden. Die Seminaristen und jungen Kapläne, die auf die­sem Kommando arbeiteten, haben sie, weil man sie in ihrer Heimat ge­stoh­len hatte, dort weggenommen und mir gebracht. Auch konnten wir die italienischen Soutanen klauen und die Soutane des französischen Bischofs [Gabriel Piguet] stehlen. […] Einen violetten Talar, allerdings ohne Ärmel, eine Mozetta, ein Birett und ein Pileolus für den Bischof zu Pontifikal­zwecken habe ich verfertigt aus einer großen neuen halbseidenen Über­zugsdecke eines französischen Prachtbettes, für Ärmel reichte der Stoff nicht mehr. Rote Pontifikalschuhe habe ich aus einem jüdischen Kinder­kleid hergestellt. Daß ich dabei das Leben gewagt habe, brauch ich wohl nicht zu betonen, denn wenn man mich erwischt hätte, wenn ich zwischen den Betten versteckt saß, das zu nähen, wäre ich wenigstens wegen Sabo­tage sofort erhängt worden. Nun es hat gut gegangen. Eine Bischofsmitra und Handschuhe habe ich aus seidenen Frauenkleidern hergestellt. Ein Benediktinerpater [Makarius Spitzig], der früher Schnitzer war, hat aus Apfel­baumholz einen wunderschönen Stab geschnitzt. Russenjungen ha­ben das Bischofskreuz und den Ring gefertigt und mit Wappen versehen, den Ring haben sie mit der Kapellenmuttergottes graviert.[3] Für den Abt [Jean Gabriel Hondet OSB ] von Belloc in Frankreich habe ich dann zu Ostern [19]45 eine schwarze Mozetta und Pileolus aus dem Seidenfutter eines Mantels herstellen müssen.
Am Christkönigsfest 1944 hielt der französische Bischof Gabriel Piguet aus Clermont-Ferrand Pontifikalvesper. Das war eine Freude. Er konnte immer nicht feierlich von der Tür aus einziehen, wie später, weil es mir in den drei Wochen seit seiner Anwesenheit auf dem Block [nicht möglich war], alles fertig zu stellen. Tunika und Tunizella für ihn aus weißer Seide mit grüner Paspellierung und grünen Stäben konnte ich erst für Weihnach­ten fertig haben, da ich ja auch für mein Kommando arbeiten mußte. Von einem SS-Mann habe ich mir sogar 6 Druckknöpfe gebettelt, er wusste zwar nicht, wofür, aber er brachte sie mit. Sie sind an der Mozetta. An Ostern hielt dann der genannte Abt ein Pontifikalamt, weil der Bischof unterdessen [am 22.1.1945] in den Ehrenbunker gekommen war auf Be­fehl von Berlin. Dort waren auch [Kurt] Schuschnigg mit Frau und Kind. Léon Blum und sonstige Prominenzen.
Am 17. Dezember, dem III. Adventssonntag erlebten wir eine übergroße Freu­de. Wir hatten im Revier in der Tbc-Station einen Diakon aus der Diözese Münster, Karl Leisner, unterdessen schon gestorben. Er war gerade vor der Priesterweihe verhaftet worden. 5 lange Jahre war er im Lager und dem Tode nahe. Heimlich besorgten wir uns die Erlaubnis des Bischofs Galen von Münster und die des Kardinals von München zur Priesterweihe, die auch, ohne dass die SS es merkte, eingingen. Das hl. [Katechumenen-]Öl besorgte wieder heimlich der Dechant von Dachau [Friedrich Pfanzelt]. Die Pontifikalien waren da. Das konnte auch von Mün­chen besorgt werden. Da war dann die Priesterweihe vorbereitet. Priesterkameraden, die die Nummern bis 40.000 hatten, konnten daran teilnehmen, während alle, die die Nummern bis 168.500 hatten, am Stephanustage der ersten und letzten hl. Messe des Neopresbyters beiwoh­nen durften. Diese Teilung in 2 Abteilungen war dadurch bedingt, dass der Bischof es nicht verantworten konnte, die Kapelle zu überfüllen, weil sonst der arme Karl nicht mehr atmen konnte, und so die lange Feier nicht überstanden hätte. Alle waren dem Bischof dankbar. Er selbst schritt mit Tränen in den Augen durch die Menge des Klerus. Ich sagte ihm: „Excellenz, heute hatten sie mehr Klerus bei dieser Priesterweihe, als Sie dessen überhaupt in ihrer Diözese haben.“ Er antwortete mir. „Ich habe 500 Priester, aber ich werde diesen Tag in meinem Leben nicht verges­sen.“ Leider konnte der Bischof kein Wort deutsch, man mußte mit ihm lateinisch oder französisch reden. Karl war glücklich, mußte aber sofort ins Bett.[4]

[1]    Peter Bauer (* 25.8.1890 in Trier, † 20.1.1965 in Hüllenberg) – Priesterweihe 12.8.1916 in Trier – Er kam am 30.1.1941 ins KZ Buchenwald, am 15.3.1942 ins KZ Ravensbrück, am 19.5.1942 ins KZ Dachau und wurde beim Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.

[2]    Franz Josef Schäfer am 7. Oktober 2013 an Hans-Karl Seeger:
1946 wurden die Geistlichen des Bistums Trier von Generalvikar Heinrich von Meurers aufgefordert, über ihre Unterdrückung durch das NS-Regime zu berichten.
Die Akte Abt. 86, Nr. 69 enthält die in alphabetischer Reihenfolge abgehefteten Berichte der Geistlichen. Auf den Seiten 91–148 ist das Typoskript von Pastor Hugo Pfeil enthalten. Mitten in dieses Typoskript wurde der Bauer-Text eingefügt, und zwar auf den Seiten 113–118. Von Hand wurde auf Seite 113 oben rechts gar noch „Pfeil“ angegeben.

[3]    „Unsere Liebe Frau von Dachau“ nannten die KZ-Priester die Marienstatue, die sie im April 1943 für die Lagerkapelle bekamen. Die Statue wurde von dem Breslauer Holz­schnit­zer E. Hoepker gefertigt und war ursprünglich für das Burgbergklösterle bei Jägerndorf be­stimmt. Es bot sich aber die Mög­lichkeit, sie ins KZ Dachau zu schaffen. In eine Decke ge­hüllt brachte man sie mit einem Schlit­ten in das Jägerndorfer Pfarrhaus. Von dort ge­langte sie in einem unter einen Lastwa­gen gebundenen Sack Ostern 1943 ins KZ Da­chau.

[4]    Peter Bauer: Selbsterlebtes in den Konzentrationslagern Buchenwald, Ravens­brück und Dachau. Manuskript im Bistumsarchiv Trier, Abt. 86, Nr. 69: hier S. 9f.