Karl Leisner und Aristoteles

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Aristoteles (* 384 in Stageira/GR, † 322/321 v. Chr. G. in Chalkis/GR) – Phi­lo­soph – Be­gründer des Aristotelismus

 

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Wie sehr sich Karl Leisner mit Aristoteles auseinandersetzte, geht weniger aus seinen Tagebucheinträgen hervor, dort zeigt sich eher die Beziehung von Aristoteles zu Platon[1], als vielmehr aus den Universitätsmitschriften. Leider nimmt das Word Press-Programm die griechischen Buchstaben nicht an.

[1]    Link zu „Karl Leisner und Platon“

Freitag, 4. März 1932
[Deutsche Aufsätze, S. 18]

8.
Klassenaufsatz.
Wie Ekkehard, der lebensfremde Mönch, zu einem lebensnahen Dichter wurde. Nach Victor von Scheffels „Ekkehard“.[1]

Lebendig sehen wir ihn vor unsern Augen, den frommen, weltweisen, doch – ach so wenig noch lebenserfahrenen Benediktinermönch Ekkehard. Ja, er ist fürwahr ein gelehrter, weiser Mensch; denn er hat viele, von Weisheit trie­fende Bücher gelesen und studiert. Er überragt an Gelehrsamkeit, Bil­dung und Geistesschärfe alle andern Mönche. In der Klosterschule ist er den heranwachsenden Mönchlein ein kluger, sicherer Führer durch die „gefähr­li­chen, rauhen Hohlwege“ alter lateinischer Schriften. Er weiß die Schüler vortrefflich über die Schwierigkeiten Vergils[2] und Aristoteles’ hin­wegzubrin­gen. Kurz, er ist ein Mönch, wie er sein soll, eine Zierde des Klo­sters.

[1]    Scheffel, Victor von: Ekkehard. Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert, Ber­lin W 50 o. J.
[2]    Publius Vergilius Maro (* 15.10.70 vermutlich in Andes bei Mantua/I, † 21.9.19 v. Chr. G. in Brin­disi/I) – römischer Dichter

Aus der Vorlesung vermutlich von Mittwoch, 9. Mai 1934
Peter Wust: Noetik und Logik [Universitätsmitschrift Nr. 3, 3–6]
PS aus dem vorigen Kolleg:
Aristoteles schreibt schon, daß der Philosoph aus dem zermürbenden Exi­stenzkampf nach der Muße streben muß (nicht nach der Faulheit!), und daß die Völker je mehr sie nach dieser Muße streben, desto größere Geister haben. (→ Deutschland: Kant
[1] Beethoven[2], Mozart[3] usw. – Das nationalistische Frankreich nicht!) – Die philosophische Größe eines Landes richtet sich nach dem übervölki­schen Raum, wohin diese Geister streben. – Der Philosoph muß nach der Wahrheit streben, die zeitlos ist und für die keine Uhren schlagen. Er muß also über der Zeit stehn! Aber keine Pseudohaltung (antireligiös, antimeta­physisch) – (→ Das Pseudoideal der historistischen Philosophie nach 1860.): Man wollte kein Werturteil abgeben und sagte: „Alle Systeme sind der Wahrheit gleich nahe“. (= Haltung der absoluten, radikalen Kritik gegenüber dem Sein.) Der echte Philosoph muß sich zum Seinsvertrauen durchringen (→ die großen antiken und mittelalterlichen Denker!)

[1]    Immanuel Kant (* 22.4.1724 in Königsberg/Kaliningrad/RUS, † 12.2.1804 ebd.) – Philo­soph – Begründer des „Deutschen Idealismus“
[2]    Johann Sebastian Bach (* 21.3.1685 in Eisenach, † 28.7.1750 in Leipzig) – Komponist der Barockzeit
[3]    Ludwig van Beethoven (* 16.12.1770 in Bonn, † 26.3.1827 in Wien) – Kom­po­nist der klassisch-romantischen Periode

Aus der Vorlesung vermutlich von Mittwoch, 16. Mai 1934
Peter Wust: Noetik und Logik [Universitätsmitschrift Nr. 3, 10–12]
19340516 (1)

PS aus dem Kolleg:
Gegensatz    Platon : Aristoteles
Augustin[1] : Thomas[2]
Bei diesen ganz Großen jedoch ist nur eine Seite besonders betont, während die andere Art bei ihnen jedoch nie ganz fehlt! Aristoteles ist auch […
platonizon = auch Aristoteles platonisiert]. Die Behauptung Kants jedoch, der Mensch als Mensch überhaupt sei seiner Natur nach ein Vorurteil für das rein geistige Erkennen der Philosophie, geht zu weit!

[1]    Bischof Aurelius Augustinus von Hippo (* 13.11.354 in Thagaste/Souk Ahras/DZ, † 28.8.430 in Hippo Regius/Annaba/DZ) – Bischof von Hippo Regius 395 – Beken­ner, Großer Kirchenvater u. bedeu­tendster lateinischer Kirchenvater – Gedenktag 28.8.
[2]    Thomas von Aquin (* um 1225 auf Schloß Roccasecca bei Aquino/I, † 1274 in Fossa­nova/I) – Domini­kaner – bedeutender Theologe u. Philosoph des Hoch­mittelalters – Heilig­sprechung 1323 – Gedenktag 28.1.

Aus der Vorlesung von Mittwoch, 27. Juni 1934
Peter Wust: Noetik und Logik [Universitätsmitschrift Nr. 3, 43–45, hier 44]
Der partielle Zweifel bezieht sich nur auf Einzelsachverhalte, der totale Zweifel dagegen stellt den ganzen Bereich der Wahrheit in Frage. Der rela­tive oder methodische Zweifel ist nur eine vorläufige Urteilsenthaltung, die im Dienste der Wahrheitssuche steht. Historisch bedeutsam wird der metho­dische Zweifel seit Descartes[1]. Er hat jedoch seine Vorläufer in der aporetischen Methode des Aristoteles, in der sic-et-non-Methode Abaelard’s[2] und in der Verfahrensweise des heiligen Thomas beim Aufbau seiner Quaestionen, der absolute oder radikale Zweifel ist dem totalen Zweifel verwandt, oder er ist im Grunde mit ihm identisch.

[1]    René Descartes (* 31.3.1596 La Haye en Touraine/Descartes/Indre-et-Loire/F, † 11.2.1650 in Stockholm) – französischer Philo­soph u. Mathematiker
[2]    Pierre (Petrus) Abaelard (* 1079 in Le Pallet/Loire-Atlantique/F), † 21.4.1142 in Saint-Marcel/Saône-et-Loire/F) – Philosoph u. Theologe der Frühscholastik

Aus der Vorlesung von Freitag, 13. Juli 1934
Peter Wust: Noetik und Logik [Universitätsmitschrift Nr. 3, 60f.]
Ein Vorspiel zum mittelalterlichen Universalienstreit ist in der griechischen Philosophie der Kampf um die platonische Ideenlehre. Für Platon bedeuten die Ideen als das allein wahrhafte Sein die Wirklichkeitsgrundlage und das Gegenstandskorrelat unserer Begriffe. Die wirklichen Dinge aber können zum Seinsgehalt unserer Begriffe nichts beitragen, weil sie nach Platons Mei­nung selbst nur ein sehr unvollkommenes, schattenhaftes Sein besitzen. Aristo­teles bekämpft diese Auffassung Platons, indem er die Idee als das den Dingen einwohnende Formprinzip betrachtet und damit unsere Begriffe in ein enges Verhältnis bringt zu dem realen Sein der uns umgebenden Welt.
Die endgültige Lösung dieses mit Platon einsetzenden Streites um das Ver­hältnis von Begriff und Wirklichkeit ist in jenem gemäßigten Realismus gege­ben, der alle drei Regionen des Universalen anerkennt, nämlich das univer­sale ante rem (die den Dingen vorausgehende Idee), das universale in re (die den Dingen einwohnende Seinsform) und das universale post rem (unser Begriff). Nach diesem gemäßigten Realismus haben also unsere Begriffe unmittelbar ihre Seinsgrundlage in der veritas ontologica der Dinge und mittelbar in der veritas prima als der Seinsregion des Absoluten.

Aus der Vorlesung von Freitag, 20. Juli 1934
Peter Wust: Noetik und Logik [Universitätsmitschrift Nr. 3, 68–70]
§ 30. Die wichtigste Unterscheidung ist die des Individual- und des Univer­salbegriffs. Individualbegriffe im ganz strengen Sinne gibt es nicht; denn das Individuelle kann nur auf dem Wege über allgemeine Bedeutungen erfaßt und ausgesagt werden. Es gibt höchstens annäherungsweise begriffliche Aus­drücke, die sich nur auf ein Individuum beziehen im Gegensatz zu den Allge­meinbegriffen, die für eine Vielheit von Gegenständen gelten. Der Allgemein­begriff wird von den Individuen die in seinen Umfangsbereich fallen, eindeu­tig oder univok ausgesagt. So wird zum Beispiel das Menschsein eindeutig ausgesagt von Sokrates[1], Platon und Aristoteles ohne Rücksicht darauf, daß es in der physischen Ordnung jeweilig nach den individuellen Noten modifiziert erscheint. Nicht zu verwechseln ist der Allgemein- oder Universalbegriff mit dem Kollektivbegriff wie zum Beispiel Wald, Heer, Erde und dergleichen. Auch die analogen Universalbegriffe sind nicht ohne weiteres mit den univo­ken Universalbegriffen zusammenzustellen.
Die höchsten Universalbegriffe zerfallen in drei Gruppen: 1. Die Kategorien oder praedicamenta (modi essendi), deren Zahl bald höher bald niedriger angenommen wird. So zählt Aristoteles 10, Kant 12 Kategorien auf. Auf jeden Fall sind die wichtigsten Kategorien folgende drei: Substanz, Akzidenz, Relation; Ding, Eigenschaft, Beziehung. 2. Die fünf praedicabilia (modi praedicandi = Aussageweisen) sind die obersten Universalbegriffe der logischen Ordnung. Es sind: Gattung, Art, Spezifische Differenz, Eigentümli­ches, Zufälliges oder lateinisch: genus, species, differentia specifica, pro­pri­um, accidens. – 3. Über diese beiden Gruppen hinaus führen uns als die all­gemeinsten Universalbegriffe überhaupt die sogenannten Transzenden­talien: res, ens, verum, bonum, aliquid, unum. („Revbau“). Diese Transzen­den­talien sind jedoch nur analoge Universalbegriffe.

[1]    Sokrates (* 469 in Alopeke/Athen, † 399 v. Chr. G.) – Philosoph

Aus der Vorlesung von Freitag, 16. November 1934
Peter Wust: Psychologie [Universitätsmitschrift Nr. 4, 11–13]
14. Nach der aristotelischen Definition ist die Seele das Lebensprinzip des belebten Körpers. Dieses Lebensprinzip hat die Aufgabe einer gewissen Ver­innerlichung des ihm zugehörigen Lebewesens zu dienen. In diesem Sinne hat Thomas dem biologischen Seelenprinzip des Aristoteles seine tie­fere metaphysische Ausdeutung gegeben (s. gent. lb. 4. cap 11 [Summa contra gentiles, Buch 4, Kapitel 11]). Es ist jedoch zu beachten, daß dabei der Begriff des Lebens ganz universal ge­faßt ist, insofern die Art der Verinnerlichung eine immer strengere Gestalt an­nimmt von der Pflanze über das Tier bis hinauf zum Leben des Menschen­geistes, ja bis zum Leben der reinen Geister und schließlich bis zum absolu­ten Geist. Bei dieser Weite der Fassung des seelischen Prinzips ist zunächst die untere Grenze der Psychologie streng festgelegt. Die anorga­nische Welt scheidet aus. Aber die obere Grenze macht jetzt Schwierigkeiten; denn nun reicht die Psychologie sogar in das Reich der reinen Geister hinüber, um am Ende die ganze natürliche Theologie in sich aufzunehmen.

Aus der Vorlesung von Donnerstag, 7. Februar 1935
Peter Wust: Psychologie II [Universitätsmitschrift 5, 70f.]
Zu diesen Zerspaltern des seelischen Ganzheitsprinzips gehören schon Platon und Aristoteles, der eine mit seiner Lehre von der Trieb-, Mut- und Geistseele (Phaidros), der andre mit seinem „von außen“ in die Seele eintretenden Geist oder Verstand. Immer wieder taucht dann dieses Pro­blem der Spannungseinheit in der Geschichte der Psychologie in dieser fal­schen Auffassung auf.

Aus der Vorlesung von Dienstag, 12. Februar 1935
Peter Wust: Psychologie II [Universitätsmitschrift 5, 75]
PS Gewisse Erstarrung der Kirche im Mittelalter mit dem Sieg des Aristote­lismus!

Bücherlese vom 20. Januar 1936
Aus der Summa theologiae des heiligen Thomas.[1]
„Virtuosa est mensura et regula humanorum actuum.“
(Aristoteles in 10 Eth cap 5 [10 Nikomachische Ethik Kapitel 5]) [Ein tugendhafter Mensch ist Maß und Regel menschlicher Taten.][2]

[1]     Randbemerkung Karl Leisners zum folgenden Text
[2]     Zitat bei Thomas von Aquin. In: Summa theologiae, Prima Pars, Quaestio I, Articu­lus 6, wo dieser Aristoteles zitiert.