Karl Leisner und Bischof Joannes Baptista Sproll

Bischof Sproll 1919

Bischof Dr. phil. Joannes Baptista Sproll (* 2.10.1870 in Schweinhausen, † 4.3.1949 in Rot­ten­burg am Neckar) – Priesterweihe 16.7.1895 – Bischofsweihe zum Weihbischof für das Bistum Rottenburg 18.6.1916 – Bischof von Rottenburg 1927–1949 – wegen seiner öf­fentlichen Stellungnahme gegen das NS-Regime Verbannung ins Exil nach Krumbach (Diözese Augsburg) 1938–1945 – Eröffnung des Selig­spre­chungsprozesses 9.5.2011

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Fotograf: Joachim Specht / gemeinfrei (abgerufen 11.02.2017)

 

 

 

Unter der ÜberschriftGesicht des bischöflichen Widerstands – 1943 weiht Bischof Joannes Baptista Sproll seine Diözese im Exil [der Gottesmutter] – Über die ‚Marienweihe im Jahr von Stalingrad’ schreibt der Theologe Thomas Hanstein“ berichtet Barbara Wenz in der Zeitung Die Tagespost vom 1. Dezember 2016 über das Schicksal des Bischofs. Sie bezieht sich dabei auf folgende Veröffentlichung:

 

 

Thomas Hanstein
Sprolls Marienweihe im Jahr von Stalingrad. Religiöser Akt oder politisches Fanal? Ein historischer Beitrag zum siebten Rottenburger Bischof. Tectum Verlag Marburg 2014, 464 Seiten, ISBN 978-3-8288-3428-6, EUR 44,95

 

 

Link zum Buch
Siehe auch Link zur Westfälischen Wilhelms–Universität Münster
Link zur Diözese Rottenburg-Stuttgart
und
Link zum Zeitzeugenportrait von Pfarrer i. R. Wendelin Sieß über Bischof Sproll

Das offene Nein zu Adolf Hitlers Politik des Bischofs von Rottenburg Dr. Johannes Baptist Sproll löste eine beispiellose Hetzaktion der Nationalsozialisten gegen diesen aus und trieb ihn ins Exil. Bischof Clemens August Graf von Galen war sehr beeindruckt von diesem Glaubenszeugen.

Prof. Dr. Hubert Wolf:
Schon während der Verbannung Sprolls in den Jahren 1938 bis 1945 tauchten vereinzelt erste Vergleiche zwischen dem Schicksal des Rottenburger Bischofs und dem Los antiker Märtyrerbischöfe auf. Der Münsteraner Bischof Galen, dessen Handeln immer wieder mit dem Sprolls verglichen wird, berichtete in einer Predigt im Mai 1938 über das Geschehen in Rottenburg: „Ich muss Euch erzählen, was einem deutschen Bischof in letzter Zeit widerfahren ist, der dadurch den Hass der Neuheiden und der Christenhasser auf sich geladen hat, dass er … ,gelegen oder ungelegen‘ für die Wahrheit Zeugnis gegeben hat.“ Im Dezember 1943 schrieb Galen an Sproll, dessen Schicksal erinnere ihn an das Los des heiligen Johannes Chrysostomus, der 404 ins Exil geschickt worden war: „Sie sind ja der einzige aus unseren Reihen, der solcher Prüfung und Auszeichnung würdig befunden wurde. Und jetzt die schweren Leiden, die Sie der freiwilligen Hilfsbedürftigkeit des göttlichen Kindes in der Krippe ähnlich machen.“[1]

[1]    URL http://www.drs.de/index.php?id=105&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D =10263&tx_ttnews%5BbackPid%5D=27&cHash=cacb7d8496 – 6.8.2011

* * * * *

Karl Leisner schrieb in Münster, am Sonntag, dem 15. Juli 1934, in sein Tagebuch:
Dann Kaffee. Im „Jung­führer“ [Zeitschrift Der Jungführer 1934: Jahresband] gelesen über […] Feine Themen für die Jungenschaft! Seite 7 für mein „Referat“ zu gebrau­chen.

In der Zeitschrift geht es um einen Erlaß des Bischofs Dr. Joannes Sproll an die katholischen Jugendorganisationen der Diözese Rottenburg vom 21. Februar 1934, um den Kommentar eines Autors mit dem Kürzel He. und um ein Zitat von Eugenio Kardinal Pacelli[1] in einer Bot­schaft an die Jung­män­ner.

[1]    Eugenio Pacelli (* 2.3.1876 in Rom, † 9.10.1958 in Castel Gandolfo/I) – Priesterweihe 2.4.1899 – Eintritt in den Dienst des Staatssekretariates 1901 – Professor für kirchliche Diplomatie 1909–1914 – Bischofsweihe zum Titularerzbischof von Sardes/Sart/TR 13.5. 1917 – Apostolischer Nuntius für Bayern in München 1917 – Nuntius für das Deutsche Reich 1920–1929 – Übersiedlung nach Berlin 1924 – Kardinal 1929 – Kardinal­staats­se­kretär in Rom 1930 – Papst Pius XII. 2.3.1939

Jungführer1 (1)
Jungführer2 (1)

 

Artikel 31 des Reichskonkordates vom 10. September 1933
Diejenigen katholischen Organisationen und Verbände, die ausschließlich religiösen, rein kulturellen und karitativen Zwecken dienen und als solche der kirchlichen Be­hör­de unterstellt sind, werden in ihren Einrichtungen und in ihrer Tätigkeit geschützt.
Diejenigen katholischen Organisationen, die außer religiösen, kulturellen oder karita­ti­ven Zwecken auch anderen, darunter auch sozialen oder berufsständischen Aufgaben dienen, sollen, unbeschadet einer etwaigen Einordnung in staatliche Verbände, den Schutz des Artikels 31 Absatz 1 genießen, sofern sie Gewähr dafür bieten, ihre Tätig­keit außerhalb jeder politischen Partei zu entfalten.
Die Feststellung der Organisa­tionen und Verbände, die unter die Bestimmung dieses Artikels fallen, bleibt verein­barlicher Abmachung zwischen der Reichsregierung und dem deutschen Episkopat vorbehalten.
Insoweit das Reich und die Länder sportliche oder andere Jugendorganisationen be­treuen, wird Sorge getragen werden, daß deren Mitgliedern die Ausübung ihrer kirch­li­chen Verpflichtungen an Sonn- und Feiertagen regelmäßig ermöglicht wird und sie zu nichts veranlaßt werden, was mit ihren religiösen und sittlichen Überzeugungen und Pflichten nicht vereinbar wäre.

Vermutlich gehört folgendes Konzept ohne Datum aus dem Nachlaß von Karl Leisner zu dem geplanten Referat.

Referat
Liturgische Erneuerung [Bewegung] und Jugendbewegung
Geistesgeschichtliche Situation des deutschen Volkes im 19. Jahrhundert – [Erster] Weltkrieg: Rationalismus – Individualismus (Isola­tion) – Ma­te­ria­lismus. Das Volk, der Mensch verliert seine Seele. Paul de Lagarde[1] (1875[2]): (27–28)[3]
Um 1890 in Berlin-Steglitz Hans Fischer [Karl Fischer[4]]. Aus Gymnasiasten­gruppen, die los­ziehn ins Land: Wandervogel. – Ein großer Aufbruch der Jugend im gan­zen Deutschland: Jugendbewegung.
Erste Zusammenfassung: 1913 Hoher Meißner: „Die Jugend will aus eige­ner Bestimmung, vor ei­ge­ner Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten.“[5]
1914 durch Ausbruch des Weltkrieges das erste Quickborntreffen verhin­dert.
Der Weltkrieg: Die große Bewährung und Klärung. „Rein bleiben, reif wer­den“ Flex) „Wanderer zwischen beiden Welten“.[6]
Der Weltkrieg: Die Katastrophe. Das Gottesgericht. Der Zu­sammen­bruch, der Tod. – Aber das Leben rafft sich mächtig auf.
Von 1920 bis 1930: Das abklingende Jahrzehnt der Jugendbewegung. – Partei­politische Zerklüftung [in der Weimarer Republik]. – Die großen ge­schicht­li­chen Mächte spüren um die Macht, die in der Jugend lebendig wurde. 1928 Neisse: Jungführer an die Front.[7] Trier 1931[8] – Koblenz 1932[9] (Sturm­schar) Sturmjahr – Dortmund (1932)[10]
ND-Hirschberg-Programm – (1928 ?)[11] Ringen nach neuer Form: Jungen­schaft – Jungmannschaft.
Grundgesetz des organischen Wachstums in der Jugendbewegung: die Zelle – der Bund.
Grunderlebnis: Das Gemeinschaftserlebnis.
Formung und Gestaltung nach dem Echten und Wahren, Lebendigen in Natur und Gnade (Sturmschargesetz). Wandern, Feiern, Leben der Fülle. „Ut vitam ha­beant“ [Damit sie das Leben haben.( Joh 10,10)].
Die Jugendbewegung ist eine Bewegung aus dem jungen Volk. – Nir­gends als in Deutschland.
Vier Grunderlebnisse: Die Jugendgemeinschaft – die Volksgemeinschaft – (das Naturerlebnis) die Gnadengemeinschaft (die Kirche in neuer Sicht) – die Reichsidee (Jgm [Jungmännerverband]: Grundgesetz).
„Die Kirche ist erwacht in den Seelen“. (Guardini[12])
Forderung von grader natürlicher Haltung (Werkbriefe „Briefe über Selbst­bildung“[13]) und echter natürlicher Wertaufgeschlossenheit.
(Gratia supponit natu­ram.[Gratia praesupponit natu­ram, elevat et perfecit (lat.) = Die Gnade setzt die Natur vor­aus, er­hebt und vollendet sie.[14]])
Liturgische Haltung – Gemeinschaftshaltung. Ordnung in der Freiheit.
Liturgische Erneuerung
[Bewegung] und Jugendbewegung
Gliederung: Paul de Lagarde
I.  Geschichte der Jugendbewegung
a) äußere
b) innere (Einschnitt des Weltkrieges)
II. Jugendbewegung
a) als Reaktion
b) als Neuwerden in der Jugend des Volkes
III. Grunderlebnisse:
a) das Zueinanderfinden zu echter Gemeinschaft;
b) das Natur- und Fahrtenerlebnis;
c) das Volk-erlebnis;
d) die Rückkehr zu den Quellen;
e) das Ganzheitserlebnis
IV. Formung des Erlebnisses
Sammlung der zerfließenden Kräfte zur Gestalt. Die Anerkennung der ge­sun­den Tradition.
Die Ehrfurcht. – Die Echtheit, Wahrhaftigkeit. – Das Ringen der Ju­gend.
V. Katholische Jugendbewegung und Kirche
a) Volk – Kirche: Das Kirchenerlebnis, das Christuserlebnis: Mensch, werde wesentlich.[15] Das Wiederentdecken sinnlos gewordener Zei­chen.
Autorität und Freiheit
Literatur: Schriften Guardinis. – Stählin. – Voggen­reiter-Verlag. – Werk­bund-Verlag Würzburg.[16]
Ausführung
Das 19. Jahrhundert trat das Erbe des rationalistisch-aufgeklärten 18. an. Gewaltige Entwicklungen – gewaltige Spannungen überstürzen sich …
Die Technisierung, die Industrialisierung schaffen mächtig vorwärts. Ein Tempo ungesunder Hast und Gier überfällt die Menschen. – Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst (animam suam [seine Seele]) verliert?
[vgl. Mk 8,36]
„Aider le monde à reconquérir son âme.“
[Der Welt helfen, ihre Seele wie­derzugewinnen.] – Europa ist satt …, alles ist anscheinend in bester Ordnung … – : Materialismus – Lebensgenuß. – Atheis­mus. – Zwei Ty­pen[17]: A. Wan­der­vogel – B. Pfadfinder.[18]
Da bricht die Jugendbewegung wie ein Gegenstrom auf. Wann, wie, wo, woher, das können wir mit Tag und Stunde nicht sagen: Die Jugend der Stadt, Pennäler, die die Schulbank drücken, Bürogehilfen, junge Arbeiter, die es im Getöse und im Druck der Großstadt leid sind, die spüren, wie sie ver­küm­mern, brechen auf, aus nach draußen.
Um das Jahr 1890 zog so Hans Fischer [Karl Fischer] los mit ein paar Buben. – Was sie ei­gentlich wollten, das wußten sie selbst nicht. Jedenfalls wollten sie nicht das Alte, Alltägliche. Das waren sie satt. Sie wollten etwas Neues. Sie suchten irgendwo da draußen in Wald und Heide etwas Neues, die „blaue Blume“ – wie die Romantik es genannt hatte.[19]
Aus diesen Schüler- und Jungengruppen, die da losziehn ins Land, entsteht der deutsche „Wandervogel“. Mit einer lebensmächtigen Gewalt und Schnel­ligkeit sondergleichen setzt er sich in ganz Deutschland durch. Schle­sien – Mittel­deutschland – Brandenburg, aber auch Westen und Süden sind bald besetzt mit Gruppen.[20]

Bald schon teilt sich der Wandervogel in die verschiedensten Gruppen und Bünde. Es ist kein Starker da, der den einheitlichen Lebenswillen in die Hand nimmt und führt und formt. Das alte deutsche Erbübel der Zwietracht und der Reichtum an Führerqualitäten im deutschen Jung­volk bedingen die Spaltungen und Absonderungen. Es zeigt sich darin aber auch die Frucht­bar­keit und der Reichtum des Lebens in deutscher Jugend.
Zunächst haben die Wandervögel, seien es Gymnasiasten oder Studen­ten, Bu­ben und junge Männer in Kontor und Fabrik, hart zu ringen um ihr Ideal ge­gen das allmächtige Philister- und Bürgertum. (Bundesver­bot an höhe­ren Schulen) – Sie wehren sich aber tapfer. – Einige Bünde: Alt-Wandervo­gel – Kro­nacher Bund – Nerother Wandervögel – Greifenbund – Ad­ler und Falken – Jungdeutscher Orden – Bismarck-Jugend – Freideut­sche Ju­gend – Frei­scharju­gend der Nation.
Katholische Jugendbewegung: Quickborn: Neisse (um 1905
/6) Abstinenter Schülergruppenring, dazu stießen katholische Wandervogelgruppen.
Weitblickende katholische Priester nahmen sich der Gruppen an: Hermann Hoffmann – Klemens Neumann (Spielmann [Liederbuch „Der Spielmann“]) – Romano Guardini.
Eine äußere Zusammenfassung:
Das Treffen aller Wandervogelbünde und der Freideutschen Jugend auf dem Hohen Meißner im hessischen Bergland: „Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verant­wor­tung, mit inne­rer Wahr­haftigkeit ihr Leben gestalten.“[21] Eine ständig anstei­gende Welle der Freude und des Lebens geht durch das deutsche Land. Über­all tau­chen die Gruppen auf mit ih­ren Fahnen und Wimpeln, mit Geigen, Flöten und Zupfgeigen: Die bun­ten Kittel der Buben, die leuchtend frischen Kleider der Mädchen. – Auf Fahrt sind sie in allen deutschen Gauen. – Sie feiern ihre Feste, tanzen ihre alten Tänze und Rei­gen, entzünden an Sonn­wend und hohen Ta­gen der Ge­meinschaft ihre Feuer.
Da bricht der Welt­krieg herein, die große Feuerprobe. – Viele junge Führer und Mannen der Wv’s [Wandervögel] – Studenten und junge Arbeiter gehen als Freiwillige zum Heer. Langemark ist der große Aderlaß, aber diese 10.000 gefallenen Studenten und Wandervögel sind ein herrliches Opfer deutscher Jugend.[22]
Eine der schönsten deutschen Kriegsdichtungen schuf einer aus der Ju­gend­be­wegung: Walter Flex „Wanderer zwischen beiden Welten.“ Nach dem Krieg dann bricht der unterbrochene Lebensstrom mit erneu­ter Kraft auf. Allüberall wieder neues Leben aus den Ruinen. – Quick­born hält gleich 1919 auf Ro­then­fels den ersten deutschen Quickborn­tag, der 1914 durch den Ausbruch des Weltkrieges verhindert wurde. Leider machte sich die parteipolitische Zerklüf­tung [in der Weimarer Republik] in der Jugend mehr und mehr auch geltend. Tüchtige Geschäfte­macher und Organisatoren ver­standen es, für ihre politischen Ziele und Ideologien den Idealismus der Jugend auszunützen. (Wehr­verbände „Wehr­wolf“ – Jgdo [„Jungdo“, Jung­deutscher Orden] – Bism-bd. [Bismarckbund – Bismarck-Jugend] – etc. Pazifistische Rote[23]).
Ein Zweig, der jetzt stärker aufbricht, ist die Pfadfinderbewegung (Boy-Scouts). – Baden-Powell[24]. – „Allzeit bereit“. – (Zeitschrift Spur).
1918 ND[25] in Köln: Kardinal Felix Hartmann (ehem. Ep. Mon. [ehema­liger Bischof von Münster[26]]). – Zu­nächst Schülerverein. Dann bald Aufbruch der Jugendbewegung. 1920: Hirschberg-Programm.[27] (Trotz heftigen Widerstandes mancher „Alten“ und „Jesuiten“) – Zeitschrif­ten: Leuchtturm – [Die] Burg.
1924 Fulda[28]: Mosterts[29] (1905 Düsseldorf[30]) Priester der Diözese Münster.[31] „Lasset uns den ganz katholischen Menschen schaffen!“ (DJK Sportbewe­gung)
Zusammenfassung:
1926 Wolker[32]: 1928 Neisse: Jungführerprinzip.[33]
Wacht [Zeitschrift Die Wacht] wird besser. – Sturmschar (Franz Steber[34], P. Noppel[35] – Mün­chen) als Wandergruppen- und Abteilung im KJMV. – Die Reichstagung[36] in Trier 1931. Jugend und Kirche. – „Reichs­ge­danke“ „Feuer von Trier“[37] – Das Grundge­setz – (1932) – Sturm­schartreffen in Koblenz[38], Lagerzeitung ([?] Essener katholischer Tage[39]: Junge Front) – Sturmjahr [1932]! – DJK-Treffen in Dortmund[40].
Die letzten Jahre. Wacht [Zeitschrift Die Wacht] – S-W [Zeitschrift Am Scheidewege] – Jungführer [Zeitschrift Der Jungführer]– Jungpriester[41] – Ge­orgs­pfadfin­der [Zeitschrift St. Ge­orgs­pfadfin­der] – Sturmscharbrief.

[1]    In den Tagebüchern findet sich kein Hinweis dar­auf, daß Karl Leisner Deut­sche Schriften von Paul de Lagarde gelesen hat:
Lagarde, Paul Anton de: Deutsche Schriften. 1. Band/Deutsche Schriften. 2. Band/Ausgewählte Schriften, München 1924
[2]    Lagarde, Paul Anton de: Über die gegenwärtige Lage des Deutschen Reiches. Wurde am 31.8.1875 veröffentlicht.
Lagarde bestimmte 1875 Deutschland als mystische Größe, also nicht als ein an konkreten Werten und Gesetzen angelegtes Staatsgebilde. Die Hauptgefahr für das verbindende Heil sah er in den Juden. In Vorwegnahme des Nazi-Vokabu­lars bezeichnete er Juden als Bazillen und Trichinen. Er sah das Übel im Alten Testament und erstrebte, auf klassischen christlichen antijudaistischen Vorstel­lungen basierend, die Verdrängung des Judentums aus dem deutschen Volk und Staat. Von ihm stammt die Vorstel­lung des germanischen Christentums, die den Schulterschluß zwischen Adolf Hitler und Paul von Hindenburg ermöglichte (URL http://www.sopos.org/aufsaetze/3c6d70dd47f4a/1.phtml – 28.4.2011).
[3]    Die 1938 in roter Schrift nachgetragenen Seitenzahlen (2728) verweisen auf die Bücherlese vom März 1938 (Tgb. 19). Karl Leisner hat dort unter der Über­schrift Paul de Lagarde 1875 (in Deutsche Schriften) Sätze aus Miller, Otto: Der Indivi­dualismus als Schicksal, Freiburg/Br. 1933, abgeschrieben.
[4]    Karl Fischer (* 21.3.1881 in Berlin, † 13.6.1941 ebd.) – Pädagoge – als Untersekun­daner Erster Vorsitzender des Steno­graphen­vereins am Steglit­zer Gymnasium in Berlin Ostern 1897 – Der Student Hermann Hoffmann-Fölkersamb begeisterte die Schüler dort von 1896–1899 in seinen Stenographiekursen zugleich für Wanderfahrten. Daraus er­wuchs die Wandervogelbe­wegung. Ab 1901 brachte Karl Fischer diese als Nachfolger von Hermann Hoffmann-Fölkersamb in organisierte Formen. Eine Gedenktafel in Steglitz-Zeh­len­dorf, Schloßstr. 37, und der nach ihm benannte Karl-Fischer-Weg in Steglitz erinnern an sein Wirken.
[5]    Meißner Formel 1913
Ferdinand Avenarius:
Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung und Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Um­ständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden freideutsche Jugend­tage abgehalten. Alle gemeinsamen Tagungen sind alkohol- und nikotinfrei (Leucht­turm 1922/23: 382).
[6]    Flex, Walter: Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein Kriegsbericht, Mün­chen 1917
[7]    Vom 27.6. bis 1.7.1928 war die erste Verbandstagung des KJMVD unter Prälat Ludwig Wolker in Neisse/Schlesien. Damit setzte eine grundle­gende Än­derung der gesamten Verbandsarbeit ein. Im Vordergrund standen Jungführer­dienst und Jungführerbildung.
[8]    Vom 18. bis 22.6.1931 war die Reichstagung des KJMVD in Trier, am 21.6.1931 wurde das Grundgesetz zum Beschluß erhoben.
[9]    Vom 17. bis 21.5.1932 war das erste Reichstreffen der Sturmschar in Koblenz mit Lager, Sportturnier und Lagerzeitung vom Treffen. Der Bamberger Reiter wurde als Leitbild propagiert.
[10]   Vom 28. bis 31.7.1932 war das Dritte Reichstreffen der DJK in Dort­mund.
Sturmschar 1932: 129, Jungwacht 1932: 222, 256ff., Wacht 1932: 258
Junge Front 1932 – Nr. 2 vom 24.7.1932: Freitag, 22.7. bis Sonntag 24.7.1932. In der 1955 erschienenen Satzung steht als Datum: 28. bis 31.7.
[11]   Das erste Hirschbergprogramm wurde 1923 beschlossen. Inhalte und Ziele des ND fanden ihren Niederschlag in vier Hirschbergprogrammen in der Zeit von 1923–1926.
[12]   Guardini, Romano: Vom Sinn der Kirche. Fünf Vor­träge, Mainz 1922: 1
Der erste Vortrag „Das Erwachen der Kirche in der Seele“ beginnt mit dem be­rühmt gewordenen Zitat: „Ein religiöser Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat eingesetzt: Die Kirche erwacht in den See­len.“
[13]   Guardini, Romano: Briefe über Selbstbildung, Mainz 1930
[14]   Bonaventura formulierte diesen Gedanken, und Thomas von Aquin entwickelte ihn weiter.
[15]   Anfang des Epigramms „Zufall und Wesen“ von Angelus Silesius im Cherubini­schen Wanders­mann (Zweites Buch, 30):
Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht, / So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht (Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann. Kritische Ausgabe, Stuttgart 1922: 19).
[16]   Im Werkbund-Verlag wurden viele Schriften Romano Guardinis gedruckt. Es ist nicht ersichtlich, an welche Veröffentlichungen von Wilhelm Stählin Karl Leisner dachte. Es könnte sich um „Vom Sinn des Leibes“, Stuttgart 21934 han­deln.
[17]   eine rein weltliche (Wandervogel) und eine christlich-kirchliche Gruppierung (Pfad­finder)
[18]   Bernhard Schneider zählt 66 Gruppierungen der Wandervogelbünde und 37 Pfadfinderbünde auf (s. Schneider, Bernhard: Daten zur Geschichte der Jugendbewegung, Bad Godesberg: Voggenreiter Verlag 1965: 203–205).
[19]   Georg Friedrich Philipp Freiherr von Harden­berg (Novalis) (* 2.5.1772 auf Schloß Ober­wiederstedt, † 25.3.1801 in Weißenfels) – Dichter der Romantik – Er schuf in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen das Symbol der Blauen Blume als Ausdruck der roman­tischen Sehnsucht. Innerhalb des romantischen Wandervogels fand dieses Symbol Eingang in verschiedene Lieder, z. B. in das Lied „Wir wollen zu Land ausfahren“. Zu seinen be­kann­te­sten Werken zählt u. a. das Gedicht „Ich sehe dich in tausend Bildern“.
[20]   Hermann Hoffmann-Fölkersamb:
iese Art des Wanderns war mindestens für Nord- und Mitteldeutschland damals etwas Neues. Es geht dies schon daraus hervor, daß die Industrie noch nichts von dem herstellte, was für das heutige Wandern selbstverständlich ist. Die „bessere“ Jugend pflegte eben mit den Eltern in Seebäder oder andere Sommerfrischen zu reisen (Brief von Hermann Hoffmann-Fölkersamb vom 7.11.1952 an Dr. Heinrich Ahrens, s. Gerber, Walther: Zur Entstehung der deutschen Wandervogelbewegung. Ein kritischer Beitrag, Bielefeld 1957: 21).
[21]   s. Meißner Formel 1913
[22]   Anklang an die Heldenverehrung bei Walter Flex
[23]   vermutlich Karl Leisners Bezeichnung für eine kommunistische Gruppierung
[24]   Robert Stephenson Smyth Baden-Powell (* 22.2.1857 in London, † 8.1.1941 in Kenia) – Begründer der Pfadfinderbewegung (Boy-Scouts) – Veranstalter des ersten Jugend­zeltla­gers (25.7. bis 9.8.1907) auf Brownsea Island, einer Insel in der Hafeneinfahrt von Poole, an der Südküste Großbritanniens
[25]   Die Gründung des ND war 1919.
[26]   Felix Kardinal von Hart­mann (* 15.12.1851 in Münster, † 11.11.1919 in Köln) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 17.10.1870 – Priester­weihe 19.12.1874 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Münster 26.10.1911 – Erzbischof von Köln 1913 – Kardinal 1914
[27]   Im Sommer 1920 fand in Fulda ein Verbandstag statt, auf dem P. Ludwig Esch SJ die Autorität der geistlichen Gruppenführer festschrieb. Aber in der Praxis stell­ten sich die Füh­rungs­probleme immer wieder neu.
[28]   1924 fand in Fulda ein wichtiger Verbandstag des Katholischen Jungmänner­verbandes statt und die Erarbeitung einer Verbandssatzung (eines sog. Grundgesetzes) und des Ful­daer Bekenntnisses fand einen ersten Abschluß. Verbandstage traten an die Stelle der Generalversammlungen der Präsides, auf denen fortan die Jungmänner als Vertreter der Bezirke stimmberechtigt waren.
[29]   Carl Mosterts (* 28.10.1874 in Goch, † 25.8.1926 in Lausanne/CH) – Priesterweihe 24.8.1900 in Köln – Kaplan an St. Maxi­milian in Düsseldorf – anschließend an St. Lambertus ebd. – Generalsekretär des 1896 gegrün­de­ten Verbandes Katholischer Jugend­­ver­eine 1907 – Eröffnung des General­sekre­tariates in Düs­sel­dorf, Stiftsplatz 10a, bei der Lambertuskirche 2.2.1908 – Generalpräses des Verban­des der katholischen Jugend- und Jungmännervereine Deutsch­lands 1913 – Gründung der DJK in Würzburg 1920 – 1. Vorsit­zender der über­verbandlichen Arbeits­gemeinschaft „Katho­li­sche Jugend Deutschlands“ 1921 – Erwerb u. Einrichtung von Haus Altenberg 1922
[30]   Vermutlich dachte Karl Leisner an die Gründung des KJMVD 1908 in Düsseldorf durch Carl Mosterts.
[31]   Carl Mosterts stammte aus Goch im Bistum Münster, wurde aber in Köln zum Priester geweiht.
[32]   Prälat Ludwig Wolker, von den Jugendlichen kurz General ge­nannt, (* 8.4.1887 in München, † 17.7.1955 in Cervia bei Ra­venna/I) – Studium in München u. Inns­bruck/A – Priester­weihe 29.6.1912 in Freising – Diözesan­prä­ses des KJMVD in der Erz­diözese Mün­chen und Freising Mai 1926 – Landespräses für Bayern Juni 1926 – Wahl zum Gene­ralpräses des KJMVD u. Vor­sitzender der DJK 9.11.1926 – nach Freigabe durch Michael Kardinal von Faulhaber Umzug nach Düsseldorf 3.5.1927 – Ver­haf­tung durch die National­sozialisten 6.2.1936 – Haftentlassung 12.5.1936 – Tätigkeit bei der Bi­schöfli­chen Hauptstelle für katho­li­sche Jugendseel­sorge und Ju­gend­organisation 1940 – Leiter derselben u. Di­rektor von Haus Altenberg 1945 – Beauf­tragung durch die Bischöfe mit der Führung der kirchlichen Ju­gendarbeit 9.11.1945 – Wei­chenstellung für den BDKJ – Geist­licher Leiter des 1947 in Hardehau­sen entstandenen BDKJ 1947–1952 – Vorstands­mitglied des Deut­schen Sportbundes u. Mit­glied des Natio­nalen Olympischen Ko­mitees 1950 – Entla­stung von allen Führungsämtern 1952
Josef Perau:
Karl Leisner ist stark vom Generalpräses des K.J.M.V., Prälat Ludwig Wolker, beein­flußt worden. Fritz Meyers schreibt in seinem Buch: „Die Baronin im Schutz­mantel“: Wolkers hohe, geschichtlich und heilsgeschichtlich geprägte Reichsidee ist aus seinen Reden und Schriften bekannt. Von heute aus gesehen muß es allerdings als ein bedau­erlicher, wenn auch zeitbedingter Mangel ange­sehen werden, daß Wolker z. B. den Be­griff „Europa“ anscheinend nicht ge­kannt hat – trotz Stresemann (Perau, Josef: Biographie Karl Leis­ners zur Seligsprechung 1996, (Typoskript): 2).
Karl Leisner teilte diese Ansicht nicht.
[33]   Im Vordergrund der Verbandsarbeit sollten Jungführerdienst und Jungführer­bildung stehen.
[34]   Franz Steber (* 15.11.1904 in München, † 29.7.1983 in Münster-Nienberge, beigesetzt ebd.) – Reichswan­der­wart des KJMVD 1926 – Reichssturmscharführer 1929 bis 30.6.1934 – Er machte die Sturm­schar zur Kerngemeinschaft innerhalb des KJMVD. Mit seinem Namen verbunden sind das Reichstreffen des KJMVD 1931 in Trier, das Lager der Sturm­schar 1932 in Ko­blenz und die Romfahrt 1935. Osterdienstag, den 30.3.1935, heira­tete er in Rom seine Verlobte Christel (Christine Steber, geb. Meyer, * 8.3.1910 in Düssel­dorf, 30.6.2004 in Münster-Nienberge, beigesetzt ebd.). 1937 wurde er zu fünf Jahren Zucht­haus verurteilt und ist in der Haft halb er­blin­det. Nach 1945 war er Mitbe­gründer der CSU und von 1955–1964 Sozialreferent für die gesamte katholische Jugend Deutschlands.
[35]   Pater Constantin Noppel SJ (* 2.8.1883 in Radolfzell, † 2.7.1945 in Stuttgart) – Priester­weihe 28.10.1908 in Rom – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 30.9.1909 in Tisis bei Feldkirch/Vorarlberg/A – Letzte Gelübde 2.2.1920 – als Freund von Franz Steber u. Mit­be­gründer der Sturmschar ein Pionier der Jugendseelsorge – Caritasdirektor u. Landesprä­ses des Katholischen Jungmännerverbandes in München – anschließend Rektor des Colle­gium Germanicum in Rom 1932–1935 – Abberufung als Rektor des Kol­legs auf Betreiben des deutschen Botschafters beim Heiligen Stuhl, Diego von Bergen (1872–1944), wegen politi­scher Unzuverlässigkeit u. Ablehnung der nationalso­zialistischen Regierung – Kon­kret warf man ihm vor, P. Friedrich Muckermann SJ, der Deutschland aus politischen Grün­den verlassen mußte, zu Vorträgen ins Kolleg eingeladen und an der Organisation der Wallfahrt katholischer Ju­gendverbände 1935 nach Rom mitgewirkt zu haben. 1936/1937 war er in Freiburg/Br. in ei­ner Universitätsgruppe pastoral tätig und widmete sich nach Schwierig­keiten mit den Nationalsozialisten der „Gruppe des Jungmänner­vereines“. Er machte pasto­ralwissen­schaftliche Studien und war bis 1944 Spiritual und Haus­geistlicher in der Kneipp­kuranstalt St. Urban, Freiburg-Herdern, Sebastian-Kneipp-Str. 13. Vom 8.9.1944 bis 2.7. 1945 war er Superior in Stutt­gart.
1936 vermittelte er Karl Leisner durch seinen Freund Camillo Kardinal Caccia Dominioni eine Audi­enz bei Papst Pius XI. Welch guten Kontakt Pater Constantin Noppel SJ zum Vatikan hatte, zeigt sich im Vorwort seines Buches „Aedificatio Corporis Christi – Aufriß der Pastoral, Freiburg/Br. 1937“, das Eugenio Kardinal Pacelli ihm am 26.12.1936 ge­schrieben hat.
[36]   1930 wurden neue Bezeichnungen eingeführt: z. B. statt „Verband“ „Reich“, daher auch Reichstagung statt Verbandstagung.
[37]   Bei dem Laienspiel „Der Reich-Sucher“ von Ludwig Hoch [Hugin] brannte Feuer als Symbol für das Feuer in den Herzen für Christi Reich und ein neues Deutsch­land. Es bildeten sich Begriffe wie „Feuer von Trier“, „Ruf von Trier“ und „Licht von Trier“.
Hoch [Hugin], Ludwig: Der Reich-Sucher. Ein Spiel in einem Aufzug (als Manu­skript gedruckt), München 1931
[38]   Die Sturmschar hielt ihr erstes großes Reichstreffen auf der Festung Ehren­breit­stein ab.
[39]   Vom 31.8. bis 5.9.1932 fand der 71. Katholikentag „Christus in der Großstadt“ in Essen statt.
[40]   Vom 28. bis 31.7.1932 fand das Dritte Reichstreffen der DJK in Dortmund statt.
[41]   Vermutlich die Führerzeitschrift des KJMVD Der Jugendpräses (ab 1938 Jugend­seelsorger)