Karl Leisner und das Fuchsprellen

cover Edward Brooke-Hitching
„Enzyklopädie der vergessenen Sportarten“.
Aus dem Englischen von Matthias Müller. Liebeskind Verlag, München 2016. 200 S., zahlr. Abb., geb., 29.-€.

Unter der Überschrift „Wie wär es denn mal mit Fuchsprellen? – Dass Fußball Neid und Hass fördert, weiß man seit vielen Jahren. Edward Brooke-Hitching erinnert deshalb an zu Unrecht vergessene Sportarten.“ besprach Michael Reinsch in der F.A.Z. vom 14. Dezember 2016 das Buch von Edward Brooke-Hitching.

Link zum Artikel unter der Rubrik Rezensionen bei „bücher.de“

fuchsprellen

Edward Brooke-Hitching traf in dem Buch „Der vollkommene teutsche Jäger“[1] auf das zu Beginn des 17. Jahrhunderts in höfischen Kreisen beliebte Spiel des Fuchsprellens. In eine mit Stoffbahnen ausgelegte Arena trieb man Tiere. Geriet eines, zum Beispiel ein Fuchs, auf eine der Bahnen, zogen die Spieler diese an den Enden so stramm, daß der Fuchs hoch in die Luft geschleudert wurde.
[1] Link

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / Fotograf: Johann Friedrich von Flemming / gemeinfrei (abgerufen 09.02.2017)

Heinz Foerster gibt in den 1930er Jahren in seinem Buch „Spiele im Heim und draußen, Köln 21931: 42f.“
foerster1foerster2

folgende Spielanleitungen (zit. Foerster 1931):

FUCHSPRELLEN.
1. Zwei oder drei Paar Jungen treten mit angefaßten Händen nebeneinander, einer legt sich auf ihre Arme. Ein größerer Junge tritt ans Kopfende, faßt die Hände des Liegenden und zählt. Auf 1, 2, 3 wird er hochgeschleudert; der Vordere führt ihn an den Händen seitwärts ab. Er macht dabei einige Schritte rückwärts. – Geschickte Jungen können dabei in der Luft Handstand machen.
2. Die Jungen stehen in zwei Gliedern einander gegenüber. Der „Fuchs“ legt sich auf die Arme der ersten Paare, wird hoch und nach vorn geschleudert, fällt auf die Arme der nächsten Paare, wird wieder weitergeschleudert. Der Fuchs fliegt mit gestrecktem Körper, Arme über den Kopf nach vorn gestreckt. Abgang am Ende der Reihe wie bei einfachem Fuchsprellen.

Fuchsprellen, wie Karl Leisner es erlebt hat:
fuchsprellenglossar

3. Acht Jungen fassen eine Zeltbahn, ein kleinerer setzt sich hinein, Kopf angezogen, Knie angehockt, Arme um die Knie geschlagen. Auf 1, 2, 3 wird er hochgeschleudert und wieder aufgefangen. Größte Vorsicht! Ringsum muß der Platz von Jungen frei sein! Ebener Platz, gute Zeltbahn: auf alles achten! (Foerster 1931: 42f.)

 

 

 

Tagebucheinträge

Gruppenchronik ohne Datum, vermutlich Dienstag, 17. Mai 1927
9. [Bericht] Fahrt zur Niers.[1]
Des Nachmittags 14.00 Uhr marschierten wir vom Gymnasium zum [Reichs-]Wald, über viele schöne Waldwege wanderten wir zur Niers. An der Niers betrie­ben wir allerhand Spiele; zum Beispiel Fuchsprellen, (wobei unser Kame­rad [Jan] Ansems leider das Bein brach), Bockspringen[2], Schleuderball[3], Schwim­men und Speer­werfen, so ging die Zeit schnell genug herum, und wir muß­ten wieder nach Hause zu­rück­kehren.

[1]    Für die Jungen war die Niers für Lager, Spiel und Abenteuer wegen ihrer Lage und Umgebung interessanter als der Rhein.
[2]   bockspringen   weltweit seit dem Mittelalter verbreitetes Kinderspiel – Bestandteil des Schul- und Frei­zeit­­sports
Spielverlauf: s. URL http://de.wikipedia.org/wiki/Bockspringen – 22.8. 2011
[3]    auch Treibball genannt – Ballspiel zwischen zwei Parteien zu acht Spielern auf einem Feld von 100 × 15 m – Es gilt, den mit einer Lederschlaufe versehenen Ball über die geg­ne­rische, als Torlinie bezeichnete Stirnseite des Feldes zu werfen.

Kleve, Sonntag, 1. Juni 1930
Fahrt zum Monreberg
Um 6.00 Uhr Messe in der Oberkirche [Stiftskirche]. Dann hauten wir zu 12 Mann bzw. Männekes los. – Um 7.00 Uhr bei Berg und Tal hingelegt und ge­futtert. Dann ging’s immer die Alte Bahn entlang weiter. Unterwegs in einem kleinen Wäld­chen kurze Rast mit Futtern und Fuchsprel­len. […] Darauf machten wir ein klei­nes „Räu­ber- und Gen­darm“-Spiel[1]. Mich haben sie nicht gekriegt; denn ich schlich und wälzte mich so raffi­niert herum, daß mich niemand entdeckte. – Hier­nach taten wir Fuch­sprellen. Gertje Gruitrooy flog bis an die Äste der Bu­chen. – Hei! gab das Freude. Dann hauten wir zur Übung ein Firstzelt aus acht Bahnen auf.

[1]    Die Mitspieler teilen sich in die zwei Gruppen: Räuber und Gendarmen. Die Räuber bekom­men in einem zuvor örtlich begrenz­ten Gebiet einen gewis­sen Vorsprung, ehe die Gendar­men in einem festgelegten Zeitraum Jagd auf sie machen.

Solingen, Sonntag, 28. September 1930
Sonntag, den 28.9.1930
[…]
Dann Spielen: römi­sches Wagenrennen[1], Fuchs­prellen.

[1]   wagenrennen_jungen wagenrennen_rom   Drei Jungen vorn als Pferde; an den äußeren Ar­men wird die Leine befestigt. Zwei Jungen gebückt als Wagen dahinter. Sie halten sich an den Gürteln der Pferde. Ein Junge stellt oder hockt sich auf den Wagen, die Füße zwischen den Schulterblättern der Jungen. Er faßt die Leine möglichst kurz. Im gleichen Schritt; um die Wette mit anderen Gespannen (Foerster 1931: 37).

Baltrum, Mittwoch, 9. August 1933
Von 17.30 bis 18.45 Uhr Spielen auf der Wiese (Schlagball[1], Prellbock [Fuchsprellen] und Reiter­kämpfe[2]).

[1]    Nach den bekannten Regeln. Als Punkte zählen Läufe, Abwürfe, Fänge mit einer Hand. Auf gutes Abspielen achten. Keine Querwürfe! Schlagball ist eines der edelsten und schön­sten Spiele. Wir sollten es in unseren Gruppen viel öfter und besser spielen (Foerster 1931: 56f.).
[2]    reiterkampfe  Jeweils zwei Jungen im Huckepack kämpfen Paar gegen Paar, Mann­schaft gegen Mannschaft oder alle gegen alle immer mit dem Ziel, den auf den Schultern des „Rosses“ sitzenden „Reiter“ herab­zuwerfen.

Karl Leisner am 9. September 1933 an Walter Vinnenberg:
Da war nachmittags [im Lager in Marienthal] großes Lagerfest mit Fuchsprellen, Reiter­kämpfen, Fez, Singen und Spiel und Schokolade! (Oh wie süß!), die wir von Bensdorp[1] „en masse“ [in Fülle] gestiftet bekommen hatten.

[1]   bensdorp   Gründung als Schokoladen­fabrik in Amsterdam 1840 – Kakao- und Schoko­la­den­fabrik in Kleve 1901 – Übernahme durch Unilever 1972

Bei der Gestaltung des Jungenlebens hatten Spiele eine große Bedeutung. Dazu gaben die Jugendzeitschriften immer wieder Anregungen, so zum Beispiel die Zeitschrift „Unter der Thinglinde“. Diese spricht von „Ritterlichen Spielen“.
Über vierzig Spiele erwähnt Karl Leisner in seinen Tagebüchern und Briefen. Unter der Rubrik „Aktuelles“ werden sie zu gegebener Zeit auf dieser Homepage in einer fortlaufenden Serie vorgestellt.