Karl Leisner und der Versailler Vertrag

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 15.02.2018)

 

 

Versailler Vertrag
zwischen Deutschland u. den 27 alliierten und assoziierten Nationen zur Beendigung des Er­sten Weltkrieges geschlossener Friedensvertrag – sog. Schmach­frieden von Versailles – Unterzeichnung durch Deutschland in Versailles 28.6.1919 – Inkrafttreten 10.1.1920

 

 

 

Er enthält in 15 Teilen mit insgesamt 440 Artikeln: Die Satzung des Völkerbunds.

  1. Territoriale Regelungen: Das Deutsche Reich mußte abtreten: ohne Volksab­stim­mung Elsaß-Lothringen an Frankreich, Posen und Westpreußen an Polen, das Hult­schiner Ländchen an die Tschechoslowakei, das Memelland an die Alliierten (1923 an Litauen übergeben), Danzig (das zur Freien Stadt erklärt wurde) und alle Kolonien (als Mandatsgebiete der Aufsicht des Völkerbunds unterstellt); aufgrund von Volks­ab­stim­mungen das östliche Oberschlesien an Polen, Eupen-Malmedy an Belgien und Nord­schleswig an Dänemark (Abstimmungsgebiete). Das Saarland wurde bis zu einer Volksabstimmung (nach 15 Jahren) der Verwaltung des Völkerbunds unterstellt; Elbe, Oder, Memel, Donau, Rhein und Mosel wurden internationalisiert; Österreich wurde der Anschluß an das Deutsche Reich verboten. Deutsche Gesamtverluste: 73.845 km2 mit rund 7,3 Millionen Einwohnern.
  2. Militärische Bestimmungen: Besetzung des linken Rheinufers mit den rechts­rheini­schen Brückenköpfen Kehl, Köln, Koblenz und Mainz durch alliierte Truppen, die etappenweise (in fünf, zehn und 15 Jahren) wieder aufgehoben werden sollte; Bil­dung einer entmilitarisierten Zone auf dem linken und in einem 50 km breiten Streifen auf dem rechten Rheinufer; Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und Be­schrän­kung des deutschen Heers auf maximal 100.000, der deutschen Marine auf 15.000 (Berufs-) Soldaten; Auflösung der deutschen Luft- und Luftseestreitkräfte; Verbot der Herstel­lung und Verwendung „schwerer“ Waffen (z. B. Flugzeuge und Panzer); Aus­lieferung des deutschen Kriegsmaterials und Kontrolle der deutschen Rüstung und Rüstungspro­duktion durch die Alliierten; Auflösung des deutschen Generalstabs und militärischer Schulen.
  3. Wirtschaftliche Bestimmungen: Verpflichtung Deutschlands zur Leistung von Re­pa­ra­tionen sowie zur Lieferung von Sachgütern (u. a. von Kohle, Maschinen, Fabri­k­ein­richtungen, Untersee-Kabel) und von Tieren (z. B. 140.000 Milchkühe) an die Alliier­ten; Auslieferung fast der gesamten Handelsflotte; Konfiskation des deutschen Aus­landsvermögens (auch des privaten). Die Erhebung von Reparationen wurde be­gründet mit der alleinigen Schuld des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten am Krieg, die in Artikel 231 festgestellt und von Deutschland anerkannt werden mußte (Kriegs­schuldfrage).
  4. Anklage des (ehemaligen) deutschen Kaisers Wilhelm II. und anderer Personen, die gegen das Kriegsvölkerrecht verstoßen hätten, vor einem (zu bildenden) Gerichtshof und deren Auslieferung. Der in Deutschland fast einhellig als „Diktatfrieden“ oder „Schanddiktat von Versailles“ abgelehnte Versailler Vertrag stellte eine starke und dauerhafte Belastung für die Weimarer Republik dar und bot den antidemokratischen Kräften, v. a. auch der NSDAP, einen Ansatzpunkt zum Kampf gegen die Republik […]. Auch unter den Alliierten fand der Versailler Vertrag nicht nur Zustimmung; so ratifizierten z. B. die USA nicht und schlossen 1921 einen Sonderfrieden mit dem Deutschen Reich (URL http://www.lexikon-erster-weltkrieg.de/Versailler_Vertrag – 17.5.2013).

Unter der Überschrift „Demütigung als Prinzip – Die Unterzeichnung des Versailler Vertrags. Ein Vorabdruck aus dem Buch ‚Der Krieg nach dem Krieg’“ berichtete Andreas Platthaus in der F.A.Z. vom 12. Februar 2018 über sein Buch.
Online-Version des Artikels unter FAZ.NET vom 12. Februar 2018VERSAILLER VERTRAG – Demütigung als Prinzip

Link zum Buch

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Als Karl Leisner im Alter von 13 Jahren sein Tagebuch begann, erlebte er die Weima­rer Republik mit ihren ständigen Reichstagsauflösungen. Viele Deut­sche trauerten dem Kaiserreich nach und sangen „Wir wollen unsern alten Kai­ser Wilhelm wieder hamm! […] mit’m laaangen Bart.“[1] Alle litten unter dem „Schmachfrie­den“ von Ver­sailles.
Mit zunehmendem Alter erwachte Karl Leisners politi­sches Inter­esse. Im August 1929 besuchte er mit seiner Gruppe nach einer Rü­gen­fahrt Berlin. Dort beschäfti­gte er sich zum ersten Mal in seinen Tagebuch­aufzeich­nungen mit Politik. Fortan erwähnte er wichtige politi­sche Er­eignisse in seinen Ein­tragungen.
[1] Gemeint war Kaiser Wilhelm I. mit seinem Vollbart, denn Kaiser Wilhelm II. ließ sein Kinn glattra­sieren und trug nur einen Schnurrbart.
In den 1920er Jahren erklangen die Verse aber vor allem im Blick auf die unge­lieb­te Weima­rer Republik.

Samstag, 18. Januar 1919
Eröffnung der Friedenskonferenz mit 70 Delegierten von 27 Siegerstaaten ohne Ver­treter des Deutschen Reiches im Spie­gel­saal von Versailles, wo 48 Jahre zuvor die deutsche Reichsgrün­dung statt­gefunden hatte.[1] Die deut­schen Fürsten hatten dort am 18. Januar 1871 nach dem deutsch-fran­zö­si­schen Krieg den preußischen König Wilhelm I. zum deutschen Kai­ser pro­klamiert. Damit wurde der deutsche Nationalstaat Wirk­lichkeit. Zen­trale Organe des Deutschen Reiches waren der Reichstag, der Bundesrat und der vom Kaiser berufene Reichskanzler Otto Graf von Bis­marck.
Das Ergebnis der Konferenz von 1919 war ein Friedensdiktat. Als Äch­tung des deut­schen Volkes sah man die sogenannte Kriegsschuld­klausel (Artikel 231[2]) an, durch die Deutschland gezwungen wurde, sich für alle Verluste und Schäden des Krieges verantwortlich zu erklären. Die aufge­zwun­gene Wieder­gutmachung der Schäden (Reparationen) sollte die Wirt­schaftskraft Deutsch­lands für immer brechen. Aus dem Vertrag folgte unter anderem eine Reduzierung der Reichswehr auf 100.000 Mann, eine 15jährige Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch die Franzosen und eine neue Grenzsetzung im Osten.
Den Versailler Vertrag empfand man in Deutschland als ungerecht und na­hezu alle politischen Kräfte lehnten ihn ab. Diese Unzufriedenheit nutzte vor allem die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) pro­pa­gan­distisch aus.
Die in Weimar tagende Nationalversammlung schuf eine republikani­sche Ver­fassung. Die Republik erlebte ihren Niedergang mit der Weltwirt­schafts­krise 1929. Im Reichstag fanden sich keine regierungsfähigen Mehr­heiten mehr.
[1] Am 18.1.1701 hatte sich Friedrich I. als König in Preußen selbst gekrönt.
[2] Versailler Vertrag:
Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und aller Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regie­rungen und ihre Angehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutsch­lands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben (Artikel 231).

Samstag, 28. Juni 1919
Nach Verhandlungen ohne Beteiligung Deutschlands Unterzeichnung des Versailler Vertrages (Friedensvertrag) zwischen Deutsch­­­­­­land (nach einem Ultimatum) und den Alliierten (Amerikaner, Engländer, Franzosen).

Montag, 30. Juni 1930
Räumung der Rheinlandzone von französischen Besat­zungs­truppen fünf Jahre vor dem im Versailler Vertrag festgelegten Termin.

Kommentierte Einträge aus Karl Leisners Tagebuch

Kleve, Dienstag, 1. Juli 1930
Befreiungsfeier des Rheinlandes. Das Schulorchester beginnt. – Deutscher Marsch[1]. Ein endloser Bandwurm von Gedichtvorträgen folgt! Dann unser Schülerchor (ich im Baß) mit dem feinen Lied: „Deutschland, o heili­ger Name …!“
Nach einigen Gedichten singt der Chor: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein!“ – Dann folgt das kernige „Flamme empor!“ Hier­nach besteigt „Zeus“[2] das Rednerpult und gedenkt – mit seiner Bier­stimme – aber sonst in packenden Worten der jammervollen Besat­zungs­zeit, unter der ja auch wir Clever gelitten hätten. Mit dem Aus­druck der Freude über den Abzug der Besatzung und einem Hoch auf unser Vaterland endigt seine Rede. – Dann wie üblich, das Deutschlandlied. – Schulfrei.
(NB Ein Glück, daß die Feinde jetzt zu den Ihrigen heimkehren, denn sie haben unser Rheinland grad’ genug „gepiesackt“[3].)

[1] vermutlich „Preußens Gloria“
[2] Bezeichnung der Schüler für ihren Direk­tor Prof. Dr. Karl Hofacker am Gymnasi­um in Kleve.
[3] piesacken: sich „piesen” lassen vom Wund­arzt oder Chiropraktiker Dr. „Pies“

Montag, 30. Mai 1932
Das Kabinett Heinrich Brüning trat zurück, denn Reichspräsi­dent Paul von Hin­den­burg hatte sich geweigert, weiteren Notverordnungen der Regierung durch seine Unterschrift Rechtskraft zu verleihen. Reichskanzler Heinrich Brüning wurde entlassen: Die Reparationsfrage stand vor der endgültigen Lösung. Auf der Genfer Ab­rüstungskonferenz erreichte Deutschland die Auf­hebung der waffentech­ni­schen Bestimmungen des Versailler Vertrages und damit eine gleichbe­rech­tigte Stellung mit den europäischen Staaten bezüglich der sicherheits­politi­schen Maßnahmen.

Karl Leisner
Dr. [Heinrich] Brüning „abgesägt“
Sturz Brünings!!! „Dies ater Germaniae!“ [Schwarzer Tag für Deutsch­land!]
Dr. Brüning, unser tüchtiger Reichskanzler, fiel gemeinen Intrigen zum Opfer. Deutsch-„nationale“ [DNVP] stänkerten bei [Paul von] Hindenburg wegen „Siedlungs­bolschewismus“ [planmäßiger Agrarwirtschaft] usw. So wurde das Vertrauen Hinden­burgs er­schüttert, und Brüning demissio­nier­te!![1]
[1] Im Frühjahr 1932 schienen die Früchte der langen und nachdrücklichen außen­politischen Bemühungen Heinrich Brünings heranzureifen. Da ver­schlechterte sich die Lage im Innern. Paul von Hindenburg bedrängte den Kanzler, die Verla­ge­rung seiner Regierung nach rechts vorzunehmen, woraufhin dieser resignierte, denn er sah sich in seiner politischen Arbeit nicht bestätigt.

Karl Leisner am 30.8.1935
Was mir die Sammlung der Zeitungsabschnitte, Notizen und Bilder erzählte: AD 1932/1933:
Das Jahr 1932 brachte in seiner Mitte [am 30.5.1932] den Sturz der Reichs­regierung Brüning. Auf ihn folgte das Kabinett [Franz] von Papen [1.6. bis 3.12.1932], das sogleich den Reichstag [am 4.6.1932] auflö­ste und Neuwah­len [für den 31.7.1932] ausschrieb. 100 Meter vor dem Ziel war Dr. Brü­ning gefal­len. Lausanne, das die Krönung seiner Reparati­onspoli­tik brin­gen sollte, durfte er nicht mehr miterleben.[1] Von Papen lei­tete – leider unge­schickter – die deutsche Sache dort. Es folgten dann die dauernden Wahlen [bis zum 6.11.1932 waren es für die mei­sten Deutschen fünf Wahlen in einem Jahr] mit den volkszermürbenden Wahl­kämpfen. Hier ein interes­santer Be­richt über die Leistungen und Grundla­gen der Regierung Brü­nings: […]
[1] Reparationskonferenz (16.6. bis 9.7.1932) mit der abschließenden Regelung der Reparationen in Lausanne

Montag, den 25.[26.]6.1933
Bis ungefähr ½11 Uhr saß ich mit Hermann Rings­dorff und dem „Lan­gen“ auf dem alten Friedhof und hab mit ihnen über die „Gleichschaltung“ und den Nationalsozialismus im neuen Deutschland ge­sprochen.[1] Sie meinten, Nationalsozialist sei heute gleich Deutscher; wer kein Nazi sei, habe in Deutschland nichts verloren. Sie meinten, die politische Einheit müsse da sein, nur eine Partei (= Volk) dürfe es geben. Alles sehr gut und fein! Den Deutschen aber, der nicht Nazi ist, muß man doch als Bruder neben sich allerwenigstens dulden, ein Christ sogar ihn lieben! Wie läßt das sich mit dem allverbin­denden Geist des Chri­stentums verbinden, wie frage ich, mit der Liebe zum „irrenden Bruder“? – Ich kann mich nicht rein äußerlich „gleich­schalten“, ohne innerlich davon überzeugt zu sein, daran zu glauben. An Dr. Brüning glaubte ich und glaube ich noch und für immer. An [Adolf] Hitler aber glaube ich nicht, weil er mir eben nicht glaubhaft erscheint. Ich vertraue nicht auf seine Worte. Er macht ihrer eben zuviel. Brüning hat nie so viel geredet, daran aber glaubte ich, weil ich wußte, daß er ein grundsatztreuer, echter Christ und Katholik war. (Von Hitler glaube ich – letzteres wenigstens – nicht fest.) Alles ist so unklar, so ver­schwommen! Man weiß nicht, was ist sein Endziel: Vielleicht die Natio­nalkirche? – Heute gibt er noch feste Versiche­rungen in Bezug auf kirchliche Organisationen, morgen löst Herr [Dr. Ro­bert] Ley die ka­tho­lischen Arbeitervereine auf und übermorgen (?) kom­men wir dran?![2] So wird’s kommen. Aber ich will nicht schwätzen, sondern zu Gott beten um Hilfe und Rettung in dem seeli­schen Zwiespalt. Aber zwin­gen laß ich mich nicht, denn ich bin frei!!

[1] Karl Leisner schrieb in beiden Tagebüchern ½11, was im Tagebuch Nr. 8 dem zeitlichen Verlauf nach als 22.30 Uhr gedeutet werden müßte. Laut Hermann Ringsdorff fand dieses Gespräch aber während einer „Beurlaubung“ von der Mathe­ma­tikstunde statt. Die Jungen sprachen über den Versailler Vertrag und dessen Außer­kraft­setzen sowie die mögliche Abziehung der französischen Besat­zungstruppen aus dem Rheinland. Karl Leisner habe gemeint, er wisse nicht, ob es bei dem Vertrag bleibe. Die ande­ren seien überzeugt gewesen: Wenn wir deutsch denken, dann kann es nicht dabei bleiben.
Hermann Ringsdorff:
Als wir drei evangelischen Schüler [Hermann Ringsdorff, Wilhelm Hommrig­hausen und ? Heinz Verleger, Otto Andrae] damals (1933) in den Jungstahl­helm ein­traten, um nicht zur Hitler-Jugend gehen zu müssen, war Karl das in seiner konsequenten Haltung schon zuviel, so daß er mich zur Rede stellte. Wir meinten damals, er hätte in seinen Äußerungen insgesamt etwas vorsich­tiger sein kön­nen. Er selbst wird es als Bekennermut angesehen haben (Selig­sprechungspro­zeß: 535).
[2] Dr. Robert Ley hatte folgenden Erlaß herausgegeben:
Es ist der Wille des Führers, daß außer der Deutschen Arbeitsfront keinerlei Or­ganisationen mehr, weder der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber, existie­ren. Ausgenommen sind der ständische Aufbau und Organisationen, die ein­zig und allein der Fortbildung im Berufe dienen. Alle übrigen Vereine, auch so­genannte katholische und evangelische Arbeitervereine, sind als Staats­feinde zu betrachten, weil sie den großen Aufbau hindern und hemmen. Des­halb gilt ihnen unser Kampf. Und es ist höchste Zeit, daß sie verschwin­den (Müller, Hans: Katholische Kirche und Nationalsozialismus, München: dtv 1965: 174 (zit. Müller, 1965)).
Am 25.6.1933 beschwerte sich Adolf Kardinal Bertram als Vorsitzender der Ful­daer Bi­schofs­konferenz bei Adolf Hitler:
Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Herr Staatspräsident Dr. Ley, hat am 22. d. M. [dieses Monats] die katholischen Arbeitervereine den staatsfeind­li­chen Or­gani­sationen zugezählt. Diese Auffassung ist irrtümlich (Müller, 1965: 174f.).

Vorlesung im ersten Semester in Münster
144. Der Kampf um die Revision von Versailles Fr. 18–19.30 Prof. Friedrich Grimm

Münster, Freitag, 8. Juni 1934
Abends 20.15 bis 21.30 Uhr im „Audi-Max“ große Ansprache Professor [Friedrich] Grimms aus Essen: Über „Versailles“ (Besatzungs­zeit usw. hinzu!)[1] – Sehr interessant! Gab mir ein Großteil Verstehen großer Zusammenhänge. Aber in den letzten 14 Jahren gab es doch nicht nur Bon­zen, sondern auch Helden! Philipp Klaas, ein DJKler, fiel [am 22.11.1923] beim Marsch ge­gen das Separatistengesin­del! Etwas von sei­ner Deutschlandbegeiste­rung sprang auf mich über und ver­trieb das furcht­bare Oppositionsgefühl, das einem nach und nach jene „großen Helden“ à la G [Geit = Dr. Wilhelm Verleger, Klassenlehrer von Karl Leisner] … etc. systema­tisch einpaukten, und das einen immer erbitterter machte. Gott wird auch unserer gerechten Sache beistehen! (Zum Vortrag einige Namen und Stichworte: „Das deutsch-französische Verhältnis“: Richelieu’s „Geh. [? Geheimes] Testament“[2] lebt in der ewig brod. [? brodelnden] Politik Frankreichs Deutschland gegen­über. Seine „gro­ßen“ Verfechter [Georges] Clemenceau und [Raymond] Poincaré – Maurice Barrès – [Ferdinand] Foch, Marschall – Gabriel Hannet­leau [Hanotaux] im Versailler „Ver­trag“ – Ruhr­kampf – Separatistenzeit – „Krieg mit den goldenen Ku­geln“[3], der gleich nach dem Mißlingen der Besetzung des Rheins [des lin­ken Rheinlan­des] ein­setzte und unter Brüning 1931 zum Ban­kenkrach[4] führte.) – 22.15 Uhr zu Bett.
[1] Professor Dr. Friedrich Grimm hielt im Sommersemester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Mün­ster eine Vorlesung für Hörer aller Fakultäten. Ver­mut­lich hat Karl Leisner diese ebenso wie sein Kursmitbruder Bernhard Leusder besucht. Günther Oslislo schrieb in sein Studienbuch „Der Kampf um Versailles und die Saar­frage“.
[2] s. Richelieu, Armand Jean: Testament politique du Cardinal de Richelieu. éd. critique, par Louis André, Paris 1947
Klaus-Gunther Wesseling:
Richelieus politisches Testament, 1632 begonnen und 1642 fertiggestellt, wird heute, nachdem erstmals Voltaire [1694–1778] vehement dessen Authentizität bestritten hatte, für echt angesehen. Es dürfte vom Père Joseph redigiert wor­den sein und gibt keinen Anhalt für eine expansive französische Außen­politik; die lange tradierte Theorie der natürlichen Grenzen Frankreichs ist ein Eintrag aus dem „Testamentum Christianum“ von Labbé. Vielmehr geht es Richelieu um die Konsolidierung Frankreichs, das Richelieu durch die Ein­kreisung habsburgischer Staaten bedroht sieht (BBKL 1994: Sp. 226–235).
[3] s. Einzig, Paul: Der Krieg der goldenen Kugeln. Hinter den Kulissen der inter­na­tio­nalen Finanzwelt, Stuttgart und Berlin 1932
Paul Einzig vertritt die These, der Finanzkrieg, den Frankreich im Interesse sei­ner politischen Macht über Europa führe, habe nicht wenig mit dem Ablauf der Depression seit 1929 zu tun und sei unmittelbar verantwortlich für die Zu­spit­zung zu einer beispiellosen Krise in der zweiten Hälfte des Jahres 1931.
[4] Der Bankenkrach wurde durch den Schwarzen Freitag am 25.10.1929 an der New Yorker Börse ausgelöst. Dadurch kam es zur Weltwirtschaftskrise, von der Deut­sch­land besonders hart getroffen wurde. 1931 folgte die Bankenkrise, in Deut­schland beginnend mit der Schließung der Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank). 1932 lebten 23,3 Millionen Deut­sche von Ar­beitslosengeld oder Sozial­hilfe.

Bei den folgenden Tagebucheinträgen ist zu bedenken, daß Karl Leisner wie die meisten Deutschen annahm, Deutschland trage keine Mitverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und insofern sei seinem Heimatland mit dem „Schmachfrieden von Versailles“ großes Unrecht geschehen. So sah er in der Rückführung des Saarlandes eine Art Wiedergutmachung. Seine Freude darüber war sehr groß, denn im Saarland wohnten entfernte Ver­wandte, die er im September 1934 besucht hatte.

Die Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz zur Saarab­stim­mung
Geliebte Diözesanen!
Sonntag, den 13. Januar 1935, wird im Saarge­biet die Volksabstimmung stattfinden über die Frage, ob die­ses deutsche Land und seine Be­wohner in der durch den Versailler Gewaltfrie­den aufgezwungenen Tren­nung vom Deutschen Reiche verbleiben soll oder nicht. Der für die Zu­kunft unseres Vaterlandes so fol­genschweren Ent­scheidung, die in einigen Tagen an der Saar fallen wird, kann kein wahrhaft Deutscher gleichgültig gegenü­berste­hen. Als deutsche Katholiken sind wir verpflichtet, für die Größe, die Wohlfahrt und den Frieden unseres Vaterlan­des uns einzusetzen. Un­sere wirksamste Hilfe ist das Gebet. Deshalb ver­ordnen wir, daß am ge­nannten Sonn­tag in allen Kirchen nach dem allgemeinen Gebet drei Va­terunser und Ave-Ma­ria mit den Gläubigen gebetet werden, um einen für unser deutsches Volk segensreichen Aus­gang der Saarabstimmung zu erflehen.
Köln, den 26. Dezember 1934
Die Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz:
Karl Joseph Kardinal Schulte, Erzbischof von Köln,
Wilhelm [Berning], Bischof von Osnabrück,
Franz Rudolf [Bornewasser], Bischof von Trier,
Antonius [Hilfrich], Bischof von Limburg,
Joseph [Vogt], Bischof von Aachen,
Clemens August [Graf von Galen], Bischof von Münster.[1]
[1] KA Bistum Trier 1935: 2

Am 29. Juli 1934 war die katholische Jugend der Saar zu einem gro­ßen Bekenntnissonntag in Saar­brücken zusammengekommen. 50.000 junge Men­schen ju­belten den Bischöfen Franz Rudolf Borne­wasser von Trier und Lud­wig Sebastian von Speyer zu. Diese Bi­schöfe mußten zwar Neutralität wah­ren, aber es war klar, wo sie standen. Durch sie schrieb die Saarju­gend dem Reichspräsi­denten Paul von Hindenburg am 29. Juli 1934 ein Ergeben­heits­telegramm, was ih­nen als Ver­let­zung der Neu­tralitätspflicht vorgewor­fen wurde.

Die Zeitschrift Der Jungführer[1] beschäf­tigte sich sehr inten­siv mit der Rück­kehr der Saar. Die Heim­abende sollten mit dem „Brudergruß an die Saar!“[2] begin­nen und ein „Aufruf des Generalpräses [Ludwig Wolker]“[3] sowie der Artikel „Der Bischof von Trier [Franz Ru­dolf Bor­newasser] an die Saarjugend“[4] verlesen werden, ebenso die „Rede des Diözesanpräses Johan­nes Mül­ler [von Trier]“[5].
[1] Jungführer 1935: Heft 2
[2] a. a. O.: 99
[3] a. a. O.: 100ff.
[4] a. a. O.: 103
[5] a. a. O.: 104ff.

Die Zeitschrift Junge Front vom 13. Januar 1935 veröffentlichte den Auf­ruf von Generalpräses Ludwig Wolker und P. Ludwig Esch SJ zur Wahl an der Saar.
Für den heutigen Leser ist die sprachliche Nähe zu manchen na­tional­so­zialistischen Texten verblüf­fend. Es überrascht auch, wie naiv das neue Deut­sche Reich als Garant für christliche Grundla­gen pro­pagiert wird, beachtens­wert ist jedoch der mutige Hinweis auf das, „was ihr im Reich gegen eure Brüder, gegen eure religiösen Anschauung ge­schehen saht“.

Siehe auch Aktuelles vom 16. März 2013 Karl Leisner und das Saarland.

Samstag, 16. März 1935
Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland durch Adolf Hitler nach dem Erfolg der Volksabstimmung im Saarland und dessen Wiederan­schluß an das Deutsche Reich. Der Reichsminister für Luftfahrt, Hermann Göring, hatte bereits am 10. März 1935 die Existenz einer Luftwaffe enthüllt. Beide Verlautba­rungen bedeuteten das Eingeständnis eines gravierenden Bruchs der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages.

Im Februar 1936 gab Adolf Hitler der Reichswehr den Befehl, die nach dem Versailler Vertrag entmilitarisierte Zone Deutschlands bei­derseits des Rheins militärisch zu besetzen. Die Franzosen wagten keine Intervention, denn sie hielten die Reichswehr für viel stärker, als sie war.

Münster, Dienstag, 10. Januar 1939
Kein freies Volk der Erde läßt sich auf die Dauer knechten. 19 Jahre seit dem Versailler Vertrag[1] und doch schon sieben Jahre ist er „im Abbau“ und heute völlig null und nichtig.[2] Deo gratias.
Der Schmachfriede von Versailles tritt 1920 in Kraft. – Kein freies Volk der Erde läßt sich auf die Dauer so knechten. 19 Jahre seitdem – und doch schon sieben Jahre ist er „im Abbau“ – und heute völlig null und nichtig. – Gott sei Dank dafür!
Wieviel Not und Tod hat der furchtbare Krieg und die Nachkriegszeit über uns gebracht! Gott, erhalte unserm Volk Deinen Segen und Frieden. – Mit Gott in eine bessere deutsche Zukunft!

[1] Jungmannskalender vom 10.1.1939:
Der Schmachfriede von Versailles tritt in Kraft! 1920
Litauen annektiert widerrechtlich das Memelland, 1923
[2] Durch die noch von Reichskanzler Heinrich Brüning vor seinem Sturz vorberei­tete Reparationskonferenz von Lausanne (1932) waren die deutschen Zahlungen an die Alliierten des Ersten Weltkriegs praktisch beendet. Ab 1933 hielten sich die Nationalsozialisten ihrerseits nicht mehr an die Einhaltung anderer Bestim­mungen des Versailler Vertrages, wie etwa das weitgehende Rüstungsverbot und die Beachtung einer entmilitarisierten Zone längs des Rheins.

Karl Leisner aus Sachsenhausen am Sonntag, 23. Juni 1940, an seine Familie in Kleve:
Für das Lagerleben bin ich ja durch mein ganzes Jun­gen­leben und durch die RAD-Zeit [1937] im Emslandmoor beson­ders vorberei­tet. Und ich tue alle Dinge aus innerer Freude und Be­reit­schaft in ständiger Opferge­meinschaft mit allen meinen Kameraden, die jetzt für unser Vater­land streiten, stürmen und sterben. Mein Herzens­wunsch wäre, als Sanitäter in ei­nem Lazarett ihnen zu Dienst zu sein. Die gewaltigen ge­schichtli­chen Er­eig­nisse, die zur endgültigen Vernichtung des Versailler Schand­diktats am 21. Juni führten, verfolge ich mit großer inne­rer Anteil­nahme und Befriedi­gung.[1] So mußte es kommen, mit geschichtli­cher Not­wendigkeit. Ich versu­che, mein kleines persönliches Unglück ganz aus der Größe der Zeit zu meistern und hoffe, als ganzer Mann bald zu Euch zu­rück­kehren zu dürfen. Herzlichst allen!
Euer Karl
[1] Kapitulation Frankreichs am 22.6.1940

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Für Karl Leisner war die Romfahrt 1936 von großer Bedeutung. Das Datum der Heimkehr nach Freiburg/Br. hat Karl Leisner nicht fest­gehalten. Wahrscheinlich dauerte die Fahrt bis zum 8. Juni. Auf jeden Fall war die Besichtigung der Kallistus-Katakom­be und die dortige Begeg­nung mit Weih­bi­schof Paul Richaud aus Versailles zwischen dem 1. und 5. Juni.

Den folgenden Eintrag hat Karl Leisner am 1.7.1938 gemacht.
Pfing­sten [1936]: Rom. Pius [XI.]. – Car­dinal Caccia. – La Catacombe [Die Kallistus-Katakombe]. – St. Peter. – Il Vesuvio [Der Vesuv]. – Drei Wochen Vita, vita, vita! [Leben, Leben, Le­ben!] – Mit­reißend! – Che bel il mondo! [Wie schön ist die Welt!] O hin­reißende Sehn­sucht!

Josef Köcke­mann am 11. März 1998 im Gespräch mit Hans-Karl Seeger:
In der Kallistus-Katakombe trafen wir auf einen Weihbi­schof aus Ver­sail­les, der zu mir sagte: „Ich habe eine Bitte. Ich werde morgen früh hier unten eine Missa pro pace [Votivmesse um Frieden] zele­brieren, kom­men Sie zum Ministrieren?“ Dazu waren wir mehr als bereit. Karl und ich haben mini­striert. Es war ein beein­druckendes Erlebnis, das vor al­lem nicht nur wegen des denkwürdigen Ortes[1], sondern auch wegen der Tat­sache, daß Deutschland noch immer an den Folgen des Ver­sailler Ver­tra­ges von 1919 litt.
[1] Vermutlich wurde die Eucharistie in der „Papstkapelle“ gefeiert.

Siehe auch Aktuelles vom 28. Juni 2017 Karl Leisner und die Kallistus-Katakombe.