Karl Leisner und der vor 200 Jahren gestorbene römische Dichter Ovid

Publius Ovidius Naso (* 20.3.43 v. Chr. G. in Sulmo/Sulmona/I, † 17 n. Chr. G. in Tomis/ Constanţa/RO) – römi­scher Dichter

Quelle des Fotos: Wikipedia Commons /  Kurt Wichmann / CC BY 3.0 (abgerufen 01.03.2017)

 

 

 

 

Bücherlese und Tagebucheinträge

Münster, Montag, 16. Mai 1938
Bücherlese:

Brémond, Henri
Histoire Littéraire du Sentiment Religieux en France depuis la fin des Guerres de Reli­gion jusqu’à nos Jours [Literaturgeschichte des religiösen Empfindens in Frankreich von den Religionskriegen bis heute], Bd. 7. La Métaphysique des saints, Paris: Librairie Bloud et Gay 1928

Übertragung ins Deutsche von Hedwig Michel:
Das wesentliche Gebet (La Métaphysique des saints), Regensburg 1936 (zit. Brémond 1936)

Die „Methode“[1]
„Wie aber sollen wir die Liebe Gottes erlangen? Ich sage darauf: indem ihr lieben wollt. Statt daß ihr sinnt und fragt, auf welche Weise ihr euren Geist mit Gott vereinen könnt, tut es, indem ihr ständig den Geist (die ‚feine Spitze) auf Gott heftet.“
Brémond fährt fort: Wer eine Methode fordert, hat in der Tat den Unter­schied der beiden Teile der Seele noch nicht erfaßt (verstanden). Verstand oder Einbildungskraft können angeregt, belehrt, gebildet werden, auch die Liebe, jedoch die Liebe der Oberfläche. Ars amandi [Lieb­eskunst].“[2] (→ Ovid! Redaktor.)

[1]    Randbemerkung von Karl Leisner zum folgenden Text
[2]    Brémond 1936: 76

Als Karl Leisner in dem Buch von Henri Brémond den Abschnitt über die „Methode“ las, in dem das Thema „Ars amandi [Lieb­eskunst]“ angesprochen wurde, fügte er den Hinweis auf Ovid an, dessen Schrift „Ars amatoria“ er vermutlich kannte.

 

Ovid
Ars amatoria

Ars amatoria, auch Ars amandi, Lehrgedicht in drei Büchern, entstanden zwischen 1 v. Chr. G. und 4 n. Chr. G.

Als Karl Leisner sich im Außensemester in Freiburg Anfang 1937 in Elisabeth Ruby verliebt hatte, stellte er sich immer wieder die Frage, ob Priestertum oder Ehe seine Berufung sei? Da für ihn beide Wünsche nicht vereinbar waren, beneidete er die unierten Priester, die heiraten durften.

Georgsdorf, Mittwoch, 4. August 1937
Nach dem Frühstück schöner, stiller Morgenspa­ziergang auf dem Wald­damm. – Gebet und Ge­danken. – Pater familias atque parrochiae – pen­sées. [Vater einer Familie und einer Pfarrei – Ge­danken.] – In Gottes Hand geborgen, mag kom­men was will.

Münster, Dienstag, 5. April 1938, Dienstag nach dem Passionssonntag
O, wenn der Ver­zicht auf den amor terrenus [die irdi­sche Liebe] nicht wäre, vor allem auf das eigene Geschlecht, die eige­nen Kinder. Denn das ist doch so wunderbar, quasi Schöpfer sein zu dürfen. Warum haben wir’s nicht wie die Unierten?

Sein Tagebucheintrag vom 20. Januar 1939 klingt wie ein alttestamentlicher Klagepsalm.

Münster, Freitag, 20. Januar 1939, Heilige Fabian und Sebastian
P. Mischler[1] sprach zu uns grade vom göttli­chen Wohl­gefallen, vom Freundsein mit Gott.
Gott, bist Du mein Freund? Du Gewal­tiger, Ge­heimnisvoller, Dunkler – Gott! Darf ich Dich Freund nennen, da ich doch nicht weiß, ob Du wirklich mein Freund bist oder besser: ob Du mich Freund nennst, ob ich Dein Freund bin. Ob ich in Dei­nem Wohlgefallen stehe und Dir Freude bereite.
Darf ich heute mein Herz vor Dir ausgießen? Ich bin Mensch. Darf ich mit Dir reden, Du Un­aussprechlicher? – Wir sind von den Schreck­nissen Dei­ner Geheimnisse umwittert. – Du furchtbarer Gott!
Heute muß ich endlich sie aussprechen, meine Trauer: ich klage mein Herz vor Dir aus. Höre mich bitte, wenn Du mein Freund bist. Höre mich, Herr! Warum hast Du uns aus dem Para­dies versto­ßen? [vgl. Gen 3,23f] Ich be­greife Dich nicht – lag es nur an uns? Du hast doch alles in der Hand. Wür­den wir Dir nicht tau­sendmal besser dienen können, Dir herrli­chere Freude bereiten – und selbst froher ein­herge­hn, im Glanze des Schöp­fungs­morgens und der ersten Gnade!
Ich weiß, im Glauben singen wir Dir Lob dafür: O felix culpa, quae talem ac tantum nobis me­ruit [habere] Salvato­rem [Redemptorem!] [O glückliche Schuld, die ei­nen so großen, so erha­benen Er­löser zu erhalten verdiente![2]] Aber – Du hättest uns doch auch ins Paradies Deinen Sohn senden können. Du, Du sag’ mir, warum? Lag es nur an uns? O furchtbares Ge­heimnis, Du Abgrund aller Abgründe, Du Fluch der Sünde!
Rede ich vermessen mit Dir, es steht mir nicht an, mit Dir so zu reden – aber gestatte mir in Deiner Güte, daß ich klage und jammere in tief­ster Erschütte­rung vor Dir, daß ich an Deinem Herzen mich ausweine, all mein Fragen und Su­chen und Ringen vor Dich trage in bitte­rer Klage. – Mein Herz muß sich befreien darin. Ich bin kein toter Klotz, ich bin ein Mensch aus Geist und Blut.
Du, Du sage mir – Du, warum? Warum hast Du mich so geführt, warum hast Du mich in diese Zeit hineingeboren werden lassen? Warum hast Du Schuld und Leid in mein Herz dringen las­sen – mit und ohne meine Schuld? Was soll alles Sterben, aller Verzicht auf Güter, die Du ge­schaffen? Wes­halb die grau­samen Katastrophen in Deiner Schöpfung, weshalb das grau­same Schlachten Deiner Ebenbilder ringsum? Wes­halb hat der Satan und die böse Lust, der Stolz des Menschen eine solche Macht über die, die doch durch Deinen Sohn erlöst und geheiligt sind?
Oder ist alles nur Täuschung – o, verzeih mir meine Rede – ich glaube an Dich und Deine hei­ligen Ordnungen, aber ich sehe sie nicht!
Wes­halb, sag mir, soll ich auf das größte Gut der Natur, die heilige Ge­mein­schaft zwischen Mann und Weib [verzichten], die Du selbst im Para­dies zur Freude füreinander geschaffen und zum lebensspendenden Bund? [vgl. Gen 2,24] – Warum hast Du die Geschlechtskraft Adams so stark in mir werden lassen, Du tust doch alles – und [hast] mich trotzdem zu jung­fräulichem Priester­tum gerufen? O, die dunklen Stimmen meines tiefsten Herzensgrun­des möch­ten sich aufbäu­men gegen Deinen Ruf – und doch, ich kann und darf nicht! Du, Du warum? – Ach, ich weiß, ich habe ja nichts zu fragen, und doch hast Du mich als Frager ge­schaffen! Du, Du!
Ja, ich weiß, was ich mir jetzt alles richtig ant­worten könnte, alles dogma­tisch richtig. – Aber ich kann mir nicht antworten und will es auch nicht – ant­worte Du mir, Du bist doch mein Freund! Ich bitte Dich flehentlich! O schenk mir Deine Gnade! Führe mich zu Deiner Freund­schaft!
Ich weine heiße Tränen der Schmerzen vor Dir, ich weine sie mit tausenden von Menschen vor Dir, Vater! Vor Dir, Freund! Unbegreiflicher! Ich weine und klage mit Deinem Sohn am Öl­berg – errette uns! Wir sind erlöst, aber erlöse uns.
Ein Lied könnte ich Dir nun singen wegen Dei­ner unbegreiflichen Herrlich­keit und Liebe. Aber ich will Dir schweigend danken; denn ich bin es heute nicht wert. In manus Tuas, Domine … [In Deine Hände, Herr … (Ps 30/31,6; Lk 23,46)].

(Antwort gab mir Isaias in Kapitel 54 und 55)[3]

[1]    Pater Peter Mischler SJ (* 20.2.1879 in Waldeck/Lothringen/Moselle/F, † 27.11.1943 in Hamburg) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 4.10.1902 in Feldkirch/A – Priesterweihe 24.8.1913 – Letzte Gelübde 2.2.1916 – Spiritual im Priesterseminar in Münster 1932–1939
[2]    aus dem Exsultet, dem Osterlob der Osternacht
[3]    In der Einheitsübersetzung lautet die Über­schrift von Kapitel 54 und 55: Die Ver­heißung des Glücks im neuen Zion.

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Und heute?

Unter der Überschrift „Elf katholische Priester beklagen Ehelosigkeit“ brachte Lothar Schröder einen Artikel, in dem Jubilarpriester ihre durch den Zölibat gegebene Einsamkeit beklagen.

Siehe Link zur RP ONLINE vom 13. Januar 2017

Christ in der Gegenwart Nr. 3 vom 15. Januar 2017 berichtete auf Seite 35 unter dem Titel „Adam weckt Eva im All“ über die Einsamkeit des Menschen, die nicht nur zölibatäre Priester erfahren. In dem Artikel geht es um den Science-Fiction-Film „Passengers“. Die Einsamkeit im Alleinsein könnte überwunden werden von denjenigen, die statt Einsamkeit das Alleinsein als das „Eins-mit-dem-All-sein“ erfahren. Der Film führt den Betrachter durchaus zum Nachdenken über Kernfragen des Menschseins.

Artikel

Adam weckt Eva im All;14_View

Aus der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART (Nr. 3/2017, Freiburg i. Br., www.christ-in-der-gegenwart.de).