Karl Leisner und die Astronomische Uhr im Dom in Münster

Höhe 7,8 m – Breite 4,1 m – Fertigstellung 1408 – Zerstö­rung durch die Wiedertäufer 1534 – Konstruk­tion einer neuen, nach einer Renovierung bis heute funktionieren­den astro­nomi­schen Uhr 1540–1542 – tägliches Schau­spiel: Beim Stundenschlag 12.00 Uhr öffnet sich oben in der Uhr eine Tür, und die Heiligen Drei Könige huldigen der Gottes­mutter und dem Jesuskind in einem zweimaligen Umzug, begleitet von den Melodien der Lieder „In dulci jubilo“ und „Lobe den Herren“.

Quelle des Fotos Wikimedia Commons / Fotograf: Hajotthu / CC-BY-30 (abgerufen 10.03.2017)

 

Unter der Überschrift „Astronomische Uhr wird restauriert. […] Das Domkapitel hat beschlossen, die Uhr im Chorumgang umfassend zu konservieren. Das Zeitmessgerät von 1542 wird längere Zeit nicht sichtbar sein“, berichtete Kirche + Leben Nr. 8 vom 26. Februar 2017 von der Restaurierungsmaßnahme im Hinblick auf den Katholikentag im Mai 2018.

Link zum Bericht „Astronomische Uhr in Münsters Dom verschwindet – auf Zeit” vom 21. Februar 2017 unter Kirche + Leben Netz

Als Karl Leisner 1928 die Domuhr in Münster betrachtete, hat er vermutlich zunächst geschaut, wie spät es war. Pünktlichkeit war nicht seine Stärke. Es ging das geflügelte Wort „Leisner ist da, wir können anfangen!“

Die Domuhr verweist auf viele Aspekte zum Thema Zeit.

Die Griechen verehrten unterschiedliche Götter für die Zeit, unter anderen Chronos und Kairos, den Sohn des griechischen Göt­ter­vaters Zeus.

Wenn Karl Leisner oft zu spät kam, weil er bei einer Tätigkeit ganz die Zeit vergaß, lebte er im Kairos, einem glücklichen Augenblick, in dem er ganz bei der Sache und bei sich selbst war, ähnlich einem völlig im Spiel versunkenen Kind.

Urbild aller Kairos-Darstellungen ist die verschollene Bronzeplastik des Lysipp[1] aus Olympia, von der nur noch Bruchstücke einer römischen Marmorkopie erhalten sind.
Der Gott Kairos hat nur an den Schläfen langes Haar, so kann man ihn beziehungsweise den Augenblick „beim Schopf packen“. Sein Hinterkopf ist kahl. Ist der Augenblick verpaßt, läßt er sich dort nicht mehr fassen. Da Kairos sehr schnell vorübereilt, trägt er am Rücken und an den Knöcheln Flügel. Auf einem Rasiermesser balanciert er eine Waage als Zeichen dafür, daß die Sache „auf Messers Schneide“ steht (nach dem griechischen Dichter Posidippos – 3. Jh. v. Chr. G.).
Laut Paul Tillich[2] verkörpert Chronos die „formale Zeit“, man kann sie auch als ewig dahin­fließende Zeit bezeichnen, Kairos hingegen stellt die „rechte Zeit“ oder den rechten Augenblick dar. Daher gilt Kairos auch als Gott des Glücks. Im Kairos leben wir auf der glücklichen Insel des JETZT, zu der jeder Verkehr abgeschnitten ist. Doch jedes Glückserleben birgt auch eine heimliche Trauer.

[1]    Lysippos (* um 400/390 v. Chr. G. in Sikyon/heute Vasilikos/GR, † Ende des 4. Jh. v. Chr. G.) – Bildhauer
[2]    Paul Johannes Tillich (* 20. August 1886 in Starzeddel/Landkreis Guben, † 22. Oktober 1965 in Chicago/USA) – protestantischer Theologe u. Religionsphilosoph

An der Domuhr in Münster sind an der rechten Seite des Giebels Chronos und der Tod dargestellt. Während der Tod, in der linken Hand den Todespfeil haltend, mit der rechten Hand den Hammer zu jeder Viertelstunde an die Glocke schlägt, dreht Chronos, in der linken Hand die Sense haltend, bei jedem Glockenschlag des Todes mit der rechten Hand seine Sanduhr um.

 

 

 

Auf gleicher Höhe, an der linken Seite, befindet sich der sogenannte „Tutemann“ mit seiner Frau. Zur vollen Stunde trompetet er die Stundenzahl in sein Horn und seine Frau begleitet ihn mit einem jeweiligen Schlag an die Glocke.

 

Mit dem Glockenschlag um zwölf Uhr mittags beginnt auf dem vorgebauten Balkon der Huldigungszug der Heiligen Drei Könige. Sie ziehen von rechts nach links an der Gottesmutter mit dem Jesuskind vorbei und verbeugen sich vor ihnen. Ein junger Diener führt die Gruppe an und ein alter Diener bildet den Schluß, ein Bild für die Lebenszeit des Menschen.

Link zum Glockenspiel auf YouTube

 

Die Uhr hat ein 24 Stunden Zifferblatt und sieben Zeiger, jeweils einen für Sonne und Mond sowie mit Namensfähnchen versehene Zeiger für die fünf Planeten, entsprechend dem Ptolemäischen Weltbild. Der Sonnenzeiger, gleichzeitig der Stundenzeiger, dreht sich gegen den Uhrzeigersinn.

 

Unterhalb des Zifferblattes, in der Mitte des durch ein spätgotisches Gitter geschützten Kalendariums, befindet sich, umgeben von den 12 Tierkreiszeichen und den 12 Monatsbildern der hl. Paulus, der Patron des Domes. Ein von ihm ausgehender langer Pfeil zeigt im äußeren Ring der Kalenderscheibe das aktuelle Jahr an. Insgesamt sind dort die Jahreszahlen von 1540 bis 2071 verzeichnet.
Der am linken äußeren Rand plazierte Soldat trägt einen Schild mit der lateinischen Inschrift „HAEC EST DIES HODIE – Dies ist der heutige Tag“ und zeigt mit einem Stab in den inneren Ring. Unter anderem lassen sich dort jeweils Datum, Wochentag, Monat und Tagesheilige ablesen.

Tagebucheinträge

Freitag, 17. August 1928
Heute standen wir früh auf, da wir nach Münster wollten. […] Dann be­sichtigten wir […] den herrli­chen Dom mit […] der wunderba­ren Uhr, die wir schlagen hörten.

Freitag, 4. August 1933
Am 4.8. ste­hen wir […] um 6.00 Uhr auf. […] Den Vormittag strol­chen wir [in Münster …] in der Stadt rum […]. 12.00 Uhr sind wir im Dom […] – um den 12.00-Uhr-Schlag zu sehen.

Neuer Roman zum Thema Zeit

 

Christoph Ransmayr
Cox oder der Lauf der Zeit
Frankfurt/M. 2016

Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann, aber verweigert er sich dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit.

Siehe auch Link zu Radio Vatikan vom 4. März 2017

und

Münstersche Zeitung.

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Nicht ausgewiesene Fotos Gabriele Latzel und Privat-Archiv Hans-Karl Seeger