Karl Leisner und die Blutzeugen des Nationalsozialismus

Horten_FotoPater Titus (Franz) Horten OP (* 9.8.1882 in Elberfeld, † 25.1.1936 in Oldenburg) – Ein­tritt bei den Domini­kanern 1909 – Priesterweihe 27.2.1925 – Verhaftung wegen angeb­li­cher Devisenvergehen 7.5.1935 – Verurteilung in einem Schauprozeß zu zwei Jahren Ge­fäng­nis u. einer Geldstrafe von 70.000 RM 4.11.1935 – Er konnte zwar in ei­ner Beru­fungs­verhandlung einen der höchst seltenen Freisprüche während dieser Prozeß­reihe gegen Prie­ster erzielen, verstarb letztlich aber noch vor seiner Freilassung unter un­geklärten Umstän­den, wahrscheinlich wegen Isolationshaft und Mangelernährung. 1948 leitete Bischof Dr. Mi­chael Keller den Seligsprechungsprozeß für ihn ein.

 

Wo sich heute das Grab von Karl Leisner befindet, gedachte der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen[1] bereits 1936 des Blutzeugen Pater Titus Horten OP.

[1]    Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dinklage i. O., † 22.3.1946 in Münster) – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933. Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.

1936 war ein Jahr der Großen Viktortracht in Xanten. Die Auffindung des Martyrergrabes und die Einweihung der Krypta im Dom hingen eng damit zusammen. Bischof Clemens August Graf von Galen hielt am 9. Februar 1936 im Xantener Dom vom Lettner des Chores aus eine viel beachtete Pre­digt[1] anläßlich der Weihe des Altares in der 1935 künstlerisch gestalte­ten Kryptakapelle. Dort hatte Dr. Walter am 26. Oktober 1933 ein Dop­pelgrab zweier Männer gefun­den, die eines gewalt­samen Todes gestor­ben waren. In der Predigt sagte der Bischof unter ande­rem:
Es gibt in deutschen Landen frische Gräber, in denen die Asche solcher ruht, die das katholische Volk für Martyrer des Glaubens hält, weil ihr Leben ihnen das Zeugnis treuester Pflichterfüllung für Gott und Vater­land, Volk und Kirche ausstellt, und das Dunkel, das über ihren Tod gebreitet ist, ängstlich gehütet wird.[2]

[1]    s. Löffler, Peter: Bischof Clemens August Graf von Galen. Akten, Briefe und Predigten 1933–1946, 2 Bde., Paderborn 21996 Bd. I: 339–344 (zit.: Löffler 1996 Bd. I), s. auch: Neuhäusler, Johannes: Kreuz und Hakenkreuz. Der Kampf des Nationalsozialismus gegen die katholische Kirche und der kirchliche Widerstand, München 1946 II: 158f.
Die Predigt befin­­det sich als Maschinenabschrift im Nachlaß von Karl Leisner.

[2]    Löffler 1996 Bd. I: 343

Der Bischof spielte auf den Tod von Ministerialdirektor Dr. Erich Klause­ner[1] und Reichsführer der DJK Adalbert Probst[2] im Zusammenhang mit dem „Röhm-Putsch“[3] vom 30. Juni 1934 sowie auf den Dominikaner­pater Titus Hor­ten an. Diesen hatte man wegen angeblicher Devisenvergehen verhaftet. Nach seiner Verurteilung war er am 25. Januar 1936 im Gefäng­nislazarett Oldenburg gestorben.

[1]    Dr. jur. et rer. pol. Erich Klausener (* 25.1.1885 in Düsseldorf, † erschossen von einem SS-Kommando während des Röhm-Put­sches 30.6.1934 in seinem Büro im Reichsverkehrs­mi­nisterium in Berlin, offizi­elle Version: Suizid) – Vorsitzen­der der Katholischen Aktion in Deutschland 1928 – erster katholischer Blutzeuge während der Kirchenverfolgung im Natio­na­lsozialismus – Sein Sohn, Domkapitular Erich Klausener (* 18.1.1917, † 14.10. 1988), war mit der Vorbereitung der Beisetzung Karl Leis­ners und weiterer nationalsozia­listischer Blut­zeu­gen 1966 in der Martyrerkrypta in Xanten befaßt und nahm daran teil.

[2]    Adalbert Probst (* 27.7.1900 in Regensburg, † ermordet beim sog. Röhm-Putsch, laut offizieller Version „auf der Flucht erschossen“ am 2.7.1934 in Braunlage) – Leiter der wehr­sportlichen Schulung November 1932 – Reichsführer der DJK 10.12.1933

[3]    Ernst Röhm (* 28.11.1887, † ermordet 1.7.1934) – nationalsozialistischer Politiker – Stabs­chef der SA 1931 – Streben nach Verschmelzung von SA u. Reichswehr – Ermordung unter dem Vorwand der Planung eines Putsches (Röhm-Putsch) – Unter gleichem Vorwand hatte man am 30.6.1934 andere SA-Führer und weitere mißliebige Personen erschossen.
[Ernst Röhm] forderte eine „zweite Revolution“ mit einer radikalen sozialen Umgestaltung. In „seiner“ SA sah Röhm den Kern einer neu zu gründenden „Volksmiliz“, der er auch die Reichswehr einverleiben wollte. Von der traditionsbewußten Reichswehr wurde diese Idee entschieden verworfen. Den schwelenden Konflikt zwischen SA und Reichswehr mußte Adolf Hitler entscheiden. Gegen Röhm und seine sozialrevolutionären Vorstellungen sprach sein unverhüllt vorgetragener Machtanspruch. Aber auch innerparteiliche Rivalen Röhms – vor allem Heinrich Himmler und Hermann Göring – bestärkten Hitler in seinem Entschluß, nicht die SA, sondern die Reichswehr zu einer modernen, möglichst schnell kriegs­fähigen Armee auszubauen. Die Schutzstaffel (SS) schürte gezielt Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch der SA und betonte die – seit langem bekannte – homo­sexu­elle Veranlagung Röhms. Anläßlich einer Führertagung der SA ließ Adolf Hitler dann am 30.6.1934 die gesamte SA-Führung durch SS-Einheiten liquidieren. Gleichzeitig wur­den „alte Rechnungen“ beglichen, denen „alte Kämpfer“ der Nationalsozialistischen Deut­schen Arbeiterpartei (NSDAP) ebenso zum Opfer fielen wie NS-Gegner. Wider­spruchslos nahm die Reichswehr es hin, daß auch der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, General Kurt von Schleicher, ermordet wurde. Die von den Nationalsozialisten als „Röhm-Putsch“ verschleierte Mordaktion rechtfertigte die Reichsregierung am 2.7.1934 nach­träglich per Gesetz als „Staatsnotstand“ (URL http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/roehm/ – 3.1.2014).

Die Dominikaner haben mit der Seligsprechung von Pater Titus Horten OP ähnliche Schwierigkeiten wie der IKLK mit der Heiligsprechung von Karl Leisner, bei dem zwei als Wunder erscheinende Heilungen als medizinisch erklärbar abgelehnt wurden.

Freundesgabe der Dominikaner der Provinz Teutonia „Kontakte 43/2015“: 54f.

Horten

 

2015 begingen die Dominikaner ihr 800-jähriges Bestehen.

siehe Link zu Aktuelles vom 13. Mai 2015

siehe Link zu L’OSSERVATORE ROMANO vom 25. Dezember 2015