Karl Leisner und die Confessiones des Augustinus

Augustinus_CnfRobin Lane Fox
Augustine. Conversion and Confessiones
Allen Lane 2015

Die deutsche Übersetzung erscheint 2017 bei Klett-Cotta.

Die F.A.Z. vom 19. Dezember 2015 brachte zu diesem Buch einen aus dem Englischen von Michael Bischoff übertragenen Artikel von Robin Lane Fox unter der Überschrift „Die Bekehrung als Befreiung – Was ich einst war, was ich jetzt bin: Mit seinem Buch ‚Bekenntnisse’ tritt Augustinus in eine Beziehung zu sich selbst und zu Gott, wie es kein Autor vor oder nach ihm je getan hat“.

Der Autor Robin Lane Fox, geboren am 5. Oktober 1946, würdigt das bedeutende Werk.

Im Alter von vierzig Jahren begann Augustinus „mit der Niederschrift eines intimen Gebetes zu Gott“, indem er sich fragte, was er einst war und was er jetzt ist. „Er reflektiert über die Ewigkeit und erörtert unser Zeitbewußtsein.“ Am Ende des Artikels heißt es: „Die ‚Bekenntnisse’ sind ein Gebet, das kein Heide hätte hervorbringen können, und kein Christ vor oder nach ihm hat jemals etwas geschaffen, das ihm gleichkäme.“

Link zur Online-Version der F.A.Z. vom 26. Dezember 2015

Am 27. November 1935 schrieb Karl Leisner in sein Tagebuch:
Augustin, schon als junger Kerl von 16/17 Jahren griff ich nach seinen „Confessiones“, verstand sie aber nicht, weil ich mich nicht verstand.

Tagebucheinträge, zitiert nach:

Augustinus_Buch3

 

 

Augustinus, Aurelius (Augustin) von Hippo
Bekenntnisse [Confessiones]. Lateinisch und deutsch, Frankfurt/M. 1987 (zit. Augustinus 1987)

 

 

 

Kleve, Samstag, 4. März 1933
Etwas Festes muß ich [mir] auch täglich vornehmen. Jeden Tag unter einen leitenden Gedanken stellen. Für bestimmte Zeit bestimmte Aufgaben erledi­gen: zum Beispiel ein Buch lesen, eine Idee verfolgen usw. – Ich bin noch viel zu träge geistig tätig, körperlich dagegen sehr gekräftigt. Nie träge, immer tätig und in Spannung, aber doch eine tiefe, große innere Ruhe, das zu erlan­gen, muß Richtung, Ziel sein!
Nichts darf einen aus dieser gespannten Ruhe herausbringen können. Ruhe finde ich aber nur in Gott. So sagt ja schon der heilige Augustinus, der geist­volle, immer tätige und gespannte Mensch: „Unruhig war mein Herz, bis es ruht in Gott, in Dir.“[1] Gottversunkenheit also und Aufge­hen in Ihm ist höch­ste, tiefste, letzte, wahrste, vollkommenste Ruhe. Nicht Not, nicht Tod, nicht Brand und Bürgerkrieg, nicht Bedrückung der Freiheit, Zwang und Terror, nichts, nichts, kann und wird einen aus einer solchen Ruhe und inneren Stärke, einer solch mutigen Festigkeit aufschrecken kön­nen. Furcht ist fort, ist ein … Ruhe in Gott ist höchster Mut.
O mein Gott, Du Urquell aller Ruhe, aller Überlegenheit und allen Mutes, laß mich – ich bitte Dich demütig – versinken in das Meer der Ruhe, das Du bist mit Dei­nen ewigen Wassern. Herr mach’ mich …

[1] Augustinus 1987: I,1

Kleve, Dienstag, 27. Juni 1933
Es irrt mein Herz umher, bis es – o Gott – ruhet in Dir.[1] Denn Du, Gott, bist die Ordnung, die Schönheit, die tiefste Ruhe, Du gibst Frieden, den die Welt nicht geben kann [vgl. Joh 14,27], Du gibst uns schon hier auf Erden Ewig­keit, wenn wir in Dir ruhen, leben in Dir.

Münster, Sonntag, 17. Juni 1934, 4. Sonntag nach Pfingsten
NB Ich las Mt 3; 1 Kor 12; Imitatio Christi [Thomas von Kempen, De imita­tione Christi – Nach­folge Christi] 5, Confessiones [Augustinus, Be­kennt­nisse] cap. 1–6[2];

[1] s. Augustinus 1987: I,1: Ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir.

[2] Augustinus, Kapitel 1 bis 4: Lobpreisung Gottes, des Unfaß­lichen, Kapitel 5: Bitte um Herzensreinigung, Kapitel 6: Das Kind: Die ersten Jahre

Aus der Vorlesung von Donnerstag, 31. Januar 1935
von Peter Wust: Psychologie II [Universitätsmitschrift 5, 65–68]
Diktat:
67.
Es war von jeher eine besondere Aufgabe der metaphysischen Psycholo­gie diese Dialektik des Selbst als ein ganz auszeichnendes Merkmal der menschlichen Seele ins Auge zu fassen. So hat zum Beispiel Augustin [von Hippo] als einer der ersten die rätselhafte Erscheinung des mit sich selbst in Widerstreit stehenden Willens betrachtet. Ebenso hat er die unaufhebbare Spannung zwischen Trieb und Geist, zwischen dem biologischen und dem metaphysi­schen Schwergewicht unserer Existenz in seinen „Confessiones“ geschildert.

Münster, Mittwoch, 27. November 1935
Heut’ nachmittag wurde ich „wach“ bis in die Fingerspitzen hinein im Augustin-Kolleg [um 16.15 Uhr] bei [Professor Peter] Wust.[1]
Augustin [von Hippo] – der ganz große Mensch mit urgewaltigen Elemen­tarkräften in sich, mit der hei­ßen Leidenschaft im Blut, heißer Leidenschaft zum Weib, unermeßlicher Wissensgier, und doch das „ewige Kind“ dabei, das immer wieder den rechten Weg findet. In all seiner heißen Leidenschaft und Glut brannte aber am heißesten und unstillbarsten die große Sehnsucht nach Gott. So geht uns erst im Lichte dieses ganz großen Menschen Augustin sein Spruch vom „Cor inquietum“ auf.
Augustin, schon als junger Kerl von 16
/17 Jahren griff ich nach seinen „Confessiones“, verstand sie aber nicht, weil ich mich nicht verstand.[2] Ich stellte unwillkürlich eine Lebenserforschung an und heiße Gedanken an ver­gangene Glut (und doch ist sie noch in derselben Kraft in mir, in Seele und Leib!) – Sehnsucht in unendliche Fernen, zu dem ganz tief Menschlichen, zum Weib, zur Frau, zur Jungfrau. Wie eine Welle überströmt mich die ge­bändigte Jungmannskraft in all ihrer Gesundheit, schlummernde Kräfte schreien auf, wachen – und auch mein Cor inquietum ist voller heißer Lie­besglut zu allen Menschen und durch sie und über sie und in ihnen zu Gott, dem ewig Dreieinigen.
[…]
Ich kann gar nicht mehr schläfrig sein. Augustinus’ Wachheit und Glut und Leidenschaft hat mich gepackt!!

[1] Peter Wust hat offensichtlich in seiner Vorlesung „Geschichte der Philosophie des Mittelalters“ über Augustinus, der dem Altertum angehört, gesprochen.

[2] s. Tagebucheintrag 4.3.1933

Münster, Mittwoch, 4. Dezember 1935
Heut’ morgen Augustinus gelesen „Confessiones“ Buch 5–6.[1] – Gestern und heute.

[1] Augustinus, Confessiones 5. Buch: Rom und Mailand, 6. Buch: Berührung des Glaubens

Bücherlese nach dem 16. Februar 1936
St. Augustin
Sapientia (igitur) plenitudo, in plenitudine autem modus. (Die Weisheit ist also Fülle; aber in der Fülle ist Maß.)[1] (Augustinus, Conf. III, 4,7 [Con­fes­sio­nes I. c. IV,32[2]])

Et ipsa est beata vita, gaudere, ad te, de te, propter te. [Und dies ist das se­lige Leben, sich zu freuen an dir, auf dich hin, um dei­netwillen. (Augusti­nus)] Conf. X, 22,32[3]

[1] Gilson, Étienne: Introduction à l’étude de Saint Augustin, Paris 1929
deutsch: Der heilige Augustin. Eine Einführung in seine Lehre, Hellerau 1930: 26

[2] Karl Leisner hat in der Regel in runden Klammern auch Anmerkungen zu der entsprechenden Stelle zitiert, die bei Étienne Gilson im Anhang auf den Seiten 449–568 aufgeführt sind. Mit „Conf. III, 4,7“ hat Karl Leisner dem Zitat allerdings eine falsche Anmerkung zugewiesen.
Den Hinweis auf Confessiones III, 4,7 hat Étienne Gilson als Anmerkung auf S. 449 zu folgendem Text auf S. 21 gegeben:
Augustin erwachte zum philosophischen Leben, als er einen heute verscholle­nen Dialog Ciceros las, den Hortensius. Von diesem Tage an glühte er immer­fort von heißer Liebe zur Weisheit, und in der Folge blieb für ihn diese Ent­deckung allzeit der erste Schritt auf dem dornenvollen Wege zu Gott.

[3] Augustinus 1987: 540

Mittwoch, 20. November 1946
Wilhelm Haas[1] aus (22a) Keeken Nr. 92 über Kleve an P. Otto Pies SJ[2] in Feldkirch:
Karls Leben ist geeig­net, zu packen, zu be­geistern, Feuer zu schlagen. In ihm lebte so etwas von Pau­lus […], aber auch etwas Augu­stini­sches: Diese Unruhe zu Gott.[3]

[1] Wilhelm (Willy) Haas (* 17.11.1914 in Rindern, † 27.12.1993 in Kellen) – Neben zahlreichen anderen ehrenamtlichen Aufgaben wurde er 1975 Geschäfts­führer des IKLK. Schon früh sammelte er Dokumente über Karl Leisner. Vor allem nach seiner Pensio­nie­rung setzte er im IKLK seine ganze Kraft für die Seligspre­chung seines Schwa­gers ein. Im Seligsprechungsprozeß 1981 und Martyrerpro­zeß 1990 für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.

[2] Pater Dr. Johannes Otto Pies SJ, Deckname im KZ Hans u. Spezi, (* 26.4.1901 in Arenberg, † 1.7.1960 in Mainz) – Eintritt in die Gesell­schaft Jesu in ’s-Heeren­berg/NL 14.4.1920 – Priester­weihe 27.8.1930 – Letz­te Gelübde 2.2.1940 – Am 31.5.1941 wurde er wegen eines Protestes gegen die Klo­steraufhebungen verhaftet. Am 2.8.1941 brachte man ihn aus dem Ge­fängnis in Dresden ins KZ Dachau, wo er die Häftlings-Nr. 26832 be­kam. Dort war er eine der ganz großen Prie­sterge­stalten. Am 27.3.1945 wurde er ohne Angabe des Grundes und ohne Be­dingung entlassen. Bereits im KZ und auch nach seiner Entlassung setzte er sich unermüdlich für Karl Leisner ein. Ohne ihn wäre es vermutlich nicht zur Priesterweihe im KZ gekommen.

[3] Augustinus in Confessiones – Bekenntnisse I,1:
Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te – Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.

Alle Einträge zu und Anklänge an „Augustinus“ in Karl Leisners Tagebüchern finden sich unter Aktuelles vom 28. August 2015 – Karl Leisner und Augustinus von Hippo.