Karl Leisner und die St.-Lamberti-Kirche in Münster

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Karl Leisner bestieg 1928 den Turm von St. Lamberti in Münster, auf dem seit 2014 eine Frau als Türmerin Dienst tut.

 

 

 

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Münster hat zum ersten Mal eine Frau als Türmerin. Am 1. Januar 2014 ist die 33jährige Oldenburgerin Martje Salje in die Turmstube von St. Lamberti eingezogen.

 

 

Am 17. August 1928 schrieb Karl Leisner auf der Rückfahrt von einem Zeltlager in Telgte in sein Tagebuch:
Heute standen wir früh auf, da wir nach Münster wollten. Gegen 9.00 Uhr fuhren wir dorthin mit Male Wetmar. Vom Bahnhof gingen wir zum Schloß, das uns Hans Würmeling, der dort wohnte [und] im Lager war, zeigte. Dann be­sichtigten wir das Rathaus und den Weinkeller [das Stadtweinhaus]; hierauf den herrli­chen Dom, mit dem großen Christophorus, den zwei Mar­morgrup­pen [Pieta und Kreuzabnahme] von [Wilhelm] Achtermann, der wunderba­ren [astronomi­schen] Uhr, die wir schlagen hörten. Endlich besichtigten und be­stiegen wir noch die [St.]-Lamberti-Kirche. Zu­letzt noch das ganz vorzügli­che Landesmuseum und die Überwasserkirche, diese von außen.

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Die Lambertikirche kam immer wieder in den Blick, wenn Karl Leisner in Münster war.

Freitag, 23. August 1929
Sofort gings im „Trab“ durch Münster, über den Prinzipal­markt (Rathaus, [St.-] Lam­berti-Kirche usw.) zur Fisch­halle, wo es für 0,55 Reichs­mark Fisch mit Kartoffelsalat zu essen gab.

Freitag, 4. August 1933
Zu Fuß durch die Stadt! Überwasser[-Kirche]! – Dom (Bischof [Johannes] Pog­genburgs Grab![1]) Rathaus. – Lamberti-[Kirche] – Clemenskirche – Stenderhoff (Anti­quariat! [auf der Salzstraße]) – Ser­va­tii-[Kirche] zu! – Domuhr 12.00-Uhr-Schlag! (Walter getroffen vorher!) – Fisches­sen [in der Fischbrathalle]!

[1]     Johannes Poggenburg war am 5.1.1933 gestorben.

Ab 1934, während seines Studiums in Münster, erwähnte er in seinen Tagebucheinträgen häufiger die Lambertikirche. Besonders beeindruckt hat ihn folgendes Ereignis:

Dienstag, 15. Januar 1935
Abends 20.45 bis 22.15 Uhr Große Parade auf dem Prinzipalmarkt [aus Anlaß der Rückkehr des Saarlandes ins Deutsche Reich]. Der [St.] „Lamberti“[Kirchturm] ist rot erleuchtet. Festesglanz in allen Augen: Alt und Jung freut sich – endlich mal das ganze Volk! Parade: Reichswehr – Glanznummer!

Berichte zum „Türmerwechsel“:

Westfälische Nachrichten vom 4. Dezember 2013

Die Welt vom 4. Dezember 2013

Bild.de vom 4. Dezember 2013

Westdeutsche Zeitung newsline vom 4. Dezember 2013

WDR

Karl Leisner hat an keiner Stelle im Tagebuch die Körbe am Turm von St. Lamberti erwähnt.

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Nach ihrer Verurteilung am 16.1.1536 erfolgte zu Füßen der Lambertikirche am 22.1.1536 die öffentliche Marterung und Hinrichtung der drei verbliebenen Anführer des Täuferreichs von Münster Bernhard Knipper­dolling, Johann Bockelson (Jan von Leyden) und Bernd Krechting. Sie wurden am Turm der Kirche in drei eisernen Körben aufgehängt, „daß sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, daß sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten“ (Thomas Seifert: Die Täufer zu Münster. agenda Verlag, Münster 1993: 42).

 

Der Turm in der Geschichte der Menschen
Besteigt man einen Berg oder einen Turm, löst dies ähnliche Gefühle aus: Die Dinge des Alltags verkleinern sich, und der Himmel scheint näher zu rücken. Der Turm mit seiner ausgeprägten Vertikalstruktur deutet symbolisch die Himmel und Erde verbindende Weltenachse an.
Schon bei den Sumerern (3000 v. Chr. G.) war der Stufen­turm ein religiöses Ursymbol, es bedeutet ein heiliges „Hinauf!“. Bei dem in der Genesis (11,1–9) erwähnten babylonischen Turmbau war dieses religiöse Moment offenbar mit gewaltigem Hochmut und An­maßung Gott gegenüber vermischt, sonst hätte Gott das Unternehmen nicht vereitelt. Dieser Sachverhalt spiegelt sich auch in der Tarotkarte „Der Turm“ wider. Sie stellt ein vom Blitz getroffenes Bauwerk mit herab­stürzenden Menschen dar.
Im Altertum gab es oft durch ein Tor verbundene Wach- und Befestigungstürme. Sie dienten dazu, frühzeitig zu erkennen, wer sich der Stadt näherte. Aber auch im Stadtinnern gab es Türme, die als letzte Zuflucht dienten, wenn der Feind die Stadt eingenommen hatte. Als einen solchen Turm sieht der Psalmist Gott, wenn er betet: „Du bist meine Zuflucht, ein fester Turm gegen die Feinde“ (Ps 61,4); und im Buch der Sprichwörter heißt es: „Ein fester Turm ist der Name des Herrn, dorthin eilt der Gerechte und ist geborgen“ (Spr 18,10).
Im „Hirten des Hermas“, einer christlichen Pastoralschrift aus dem 2. Jahrhundert, wird der Aufbau der Kirche geschildert. Aus den Mee­restiefen ragt ein hoher Turm empor, den Engel erbauen. Sie ziehen Steine aus dem Wasser und passen diese so vollkommen in das Mau­erwerk ein, daß keine Fugen zu sehen sind und der Turm wie aus ei­nem einzigen Stein erstellt erscheint. Der Turm und die Steine kom­men aus dem Wasser, denn die Kirche ist durch die Taufe geboren.
Im Hohenlied wird der Hals der schönen Braut mit einem Elfenbein­turm verglichen (vgl. Hld 4,4; 7,5) und in der Lauretanischen Litanei Maria als „Turm Davids“ und „Elfenbeinerner Turm“ angerufen.
Wächtertürme dienen zum Ausschauen und Wachehalten. Der Feind ist von weitem zu erspähen, daher bieten sie Schutz vor einem Angriff. Die Wachtürme der ehemaligen DDR hatten eher die Funktion, den Bewohnern die Flucht zu vereiteln. Leuchttürme in der Nähe von Häfen sind den Schiffen auf dem Meer Wegweiser in den Hafen. Kirchtürme (Campanile) standen ursprünglich abseits, erst in späterer Zeit verband man sie mit dem Kirchenschiff. Der Turm der Lambertikirche in Münster gehört noch heute der Stadt, während das Kir­chenschiff der Pfarrei und damit der Kirchengemeinde gehört. Insofern bezahlt auch die Stadt den Türmer bzw. die Türmerin. 1379 ist die Aufgabe des Türmers erstmals urkundlich erwähnt und 1777 heißt es in einer Magistratserklärung: „Die ganze Wohlfahrt der Stadt hängt von dem Türmer ab.“ Noch heute bläst er von 21.00 Uhr bis 24.00 Uhr halbstündig ins Horn, das wie ein Nebelwarnsignal klingt. Abend für Abend sind es 298 Stufen zur Turmstube hinauf. Solche Türmer gibt es heute nur noch weni­ge. Wie die Türmerin vom Lambertikirchturm in Münster bläst noch ein Türmer vom sogenannten „Daniel“-Kirchturm der St. Georgskirche in Nörd­lingen. Während in Münster und Nördlingen die Türmer außerhalb des Turmes wohnen dürfen, ist der Türmer von Bad Wimpfen „residenzpflichtig“, seit 650 Jahren wohnen die Türmer dort auf dem sogenannten Blauen Turm, seit Februar 1996 ist es erstmals eine Frau. Vom Turm der St. Michaeliskirche in Hamburg erklingen täglich um 10.00 Uhr und 21.00 Uhr Trompetenklänge. Vom Turm der evangelischen Stadtkir­che in Schorndorf spielen Bläser an Sonn- und Feiertagen jeweils vor dem Früh- und nach dem Hauptgottesdienst dem Kirchenjahr entsprechende Choräle. In Krakau bläst stündlich ein Türmer ein Trompe­tensignal, das an einem bestimmten Punkt abbricht, um an den Sturm auf Krakau zu erinnern. Damals, so heißt es, habe man dem Türmer während des Hornsignals einen Pfeil durch die Kehle geschossen.
Türme wurden notwendig für die Glocken, die als Mahner der Men­schen dienen und deren Klang weit hinausgetragen wird. Hier und da werden sie nicht nur gleichzeitig geläutet, sondern auch nacheinander, so daß nicht nur ein ungestümer Schall, sondern eine geordnete Melodie entsteht. „Beiern“ nennt man diese vor allem in Belgien und den Niederlanden gebräuchliche Spielart der Glocken.
Wie ein erhobener Zeigefinger steht der Turm inmitten von Häusern, die ihn erst in moderner Zeit überragen. Darüber hinaus ist der Kirch­turm ein steinernes „Sursum corda!“ –  „Erhebet die Herzen!“ Er zeigt den Menschen von weitem: Hier ist eine heilige Stätte. Es entste­hen immer mehr Moscheen mit ihrem Minarett, von dem der Muezzin zum Gebet ruft.
In der christlichen Symbolik ist der Turm ein Zeichen für Keuschheit, z. B. als Attribut der heiligen Barbara. Der fensterlose Turm ist Zeichen für Jungfräulichkeit. Hat der Turm der heiligen Barbara drei Fenster, so ist das ein Hinweis auf die Drei­faltigkeit.
Der Turm gilt als Bollwerk des Guten. Als befestigter, weltabgeschie­dener Raum ist er ein Symbol für philosophisches Denken und für Meditation. Abwertend spricht man vom Elfenbeinturm.