Karl Leisner und Franz von Assisi

Assisi

Franz von Assisi, Taufname Giovanni Battista Bernardone (* 1181/1182 in Assisi/I, † 3.10.1226 in der Portiuncula-Kapelle unterhalb von Assisi) – Durch seine Lebensweise streng nach dem Vorbild Jesu zog er Gleichgesinnte an und gründete den Orden der Minderen Brüder (Franziskaner). Gemeinsam mit der hl. Klara gründete er den Frauenorden der Kla­rissen. Bereits zwei Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen. – Gedenktag 4.10.

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In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23. August 2015 schrieb Christoph Nebgen unter der Überschrift „Der Mythos vom Heiligen Franz – Papst Franziskus empfiehlt Franz von Assisi als Vorbild: Ein armer Mönch, der sein reiches Erbe ausschlägt und sich dem Kapitalismus verweigert. Aber taugt der Heilige wirklich zum Vorbild? Höchste Zeit, hinter den süßlichen Legenden den wahren Franz von Assisi zu suchen.“ einen informativen Artikel über Franz von Assisi.

Christoph Nebgen eröffnet seinen Artikel mit der Feststellung, Papst Franziskus habe mit der Wahl seines Namens seinem Wunsch nach „einer armen Kirche für die Armen“ Ausdruck verleihen wollen.
Weiterhin legt er dar, wie schnell sich nach dem Tod von Franz von Assisi dessen Bewegung in zwei Lager teilte, die sich sozusagen als „Fundis“ und „Realos“ kennzeichnen lassen, und wie schnell sich Legenden bildeten. Diese hatten zum Teil einen aus heutiger Sicht süßlichen Ton. Obwohl man ihnen „normative Autorität“ zusprach, wurden sie ordensintern verboten. Statt dessen hatte nur eine Biographie des heiligen Bonaventura Gültigkeit.
Erwähnenswert ist, welche Aspekte aus dem Leben des Heiligen zum Beispiel Aussparungen zum Opfer fielen; so unter anderem dessen Frauenbild oder auch dessen Umgang mit seiner eigenen Sexualität.
Der heilige Franziskus betrachtete sein Leben in Armut bereits als Teil eines guten Sterbens.

Link zur F.A.S. vom 23. August 2015

siehe auch Link zu St. Stephan Mainz

Heinrich Brey[1], Karl Leisners Jugendkaplan, schrieb in seinen „Erinnerungen aus meiner Klever Kaplanszeit“:
In ihm [Karl Leisner] lebte etwas vom Geiste eines hl. Franz von Assisi. So sah und liebte er wie dieser „Bruder Immerfroh“ die Herrlichkeiten Gottes in der Schöpfung und wußte stets ein lautes Lob zu singen auf seinen Schöpfer Gott.

[1]   Schönstattpriester Heinrich Brey, genannt Bölleke wegen seiner Leibesfülle, (* 26.5.1903 in Capellen, † 23.8.1975) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1923 – Priesterweihe 3.3.1928 in Münster – Kaplan in Kleve St. Mariä Himmel­fahrt (Nassauerstr. 51) 12.4.1928 bis 18.7.1935 – als Präses ver­ant­wortlich für die Jugend – Im Seligsprechungs­prozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

Tagebucheinträge

Fioretti

Kleve, Mittwoch, 4. Oktober 1933
Franziskus von Assisi: Etwas aus den „Fioretti“ gelesen.

Fioretti di San Francesco. Die Blümlein des heiligen Franziskus. Franz von Assisi in der Legende seiner ersten Gefährten

 

 

 

Münster, Mittwoch, 6. Juni 1934
Beim Beten Christusgemeinschaft! = Betrachtung! [Professor Peter] Wust über Haltung des Menschen: Franziskus’ H. [Haltung] war echt. Bei uns Menschen ist’s entweder Disziplinlosigkeit oder Pose. „Es gilt von dieser Lüge wegzukommen! Äußeres der Menschen muß von seinem Innern her bestimmt sein!“

Aus der Vorlesung von Freitag, 18. Januar 1935
Peter Wust: Psychologie II
Diktat:
[…]
Deshalb ist auch der Mensch erst dort wahrhaft Mensch, wo er die Welt mit dem Auge der rein geistigen Liebe an­schaut (man vgl. [Friedrich von] Schillers Wort in den „Ästhetischen Briefen über die Erziehung des Menschengeschlechtes“: „Der Mensch ist erst dort ganz Mensch, wo er spielt“). (Anmerkung NT: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.“). → Der heilige Franz von Assisi.

Mittwoch, 23. Januar 1935
Aus der Vorlesung von Peter Wust: Psychologie II
Diktat:
Insbe­sondere wird sich dieses Wunder des Geistes dort offenba­ren, wo sich die natürliche Weisheit in die übernatürliche Weisheit des christlichen Humani­tätsideals verwandelt, wie es uns etwa in den Gestalten eines heiligen Franz von Assisi oder eines heiligen Franz von Sales („The gentleman-saint“[1]) ent­gegentritt.

[1]    Trouncer, Margaret: The Gentleman Saint. St. François de Sales and his times [Der heilige Gentleman. Hl. Franz von Sales und seine Zeit]. 15671622, London 1963

Münster, Donnerstag, 30. Mai 1935, Christi Himmelfahrt
Dann das präch­tige Euchari­stie­gebet aus der „didac»“[1] und der Sonnengesang des heiligen Franz[2] – neue Lichter der Gnade und der Kraft Christi sind mir aufge­gan­gen. Eucha­ristische Lebensgestaltung, Tagesgestaltung, Gei­stes­haltung. Als ewig lieben­de, opfernde Kraft!

[1]    Die Didache enthält im Kapitel 9 und 10 Eucharistische Gebete.

[2]    s. Gotteslob 1975 Nr. 285, Gotteslob 2013 Nr. 559 u. 19,2

Bücherlese vom 11. Dezember 1935
Jene religiösen Dokumente, welche am tiefsten das Leben der Menschheit ergreifen wie das Salve Regina und Stabat mater, sind Dokumente des Her­zens, nicht des Verstandes. Das Sonnenlied des heiligen Franziskus[1] wiegt ganze Bände von verstandesmäßigen Gottesbeweisen auf, und mit unwi­der­steh­licher Gewalt zieht das liebliche Bild des heiligen Lebenskünst­lers auch solche Geister an, die von keiner Verstandesreligion mehr etwas wissen wollen. (Aus Kiefl „Katholische Weltanschauung und modernes Denken.“[2] Abschnitt: [Immanuel] Kants kritischer Idealismus und das Christentum.)[3]

[1]    s. ebd.

[2]    Kiefl, Franz Xaver: Katholische Weltanschauung und modernes Denken. Gesammelte Essays über die Hauptstationen der neueren Philosophie, Regensburg 2+31922: 96 (zit. Kiefl 1922)

[3]    Kiefl 1922: 82–106, 4. Kants kritischer Idealismus und das Christentum

Bad Schandau, Dienstag, 18. Mai 1937
Früh raus! Herrlicher Morgen! 7.30 Uhr heilige Messe. Feiner Kaffee unter schattigen Bäumen. Bezahlt bei Fräulein (Schwester von Lotte Tappe­ser) 4,50 RM. Sehr billig. Abschied von Pfarrer [Hieronymus] Spett­mann[1]. Ein Büchlein vom 3. Ordensgeist geschenkt be­kommen als Lands­mann.[2]

[1]    Dr. Jakob Hieronymus Spettmann (* 14.2.1883 in Oberhausen, † 29.12.1938 in Sons­beck) – Eintritt bei den Franziskanern – Priesterweihe 7.4.1911 in Paderborn – Weltpriester ab 1931 – zunächst Schloßgeistlicher in Wechselburg/Sachsen – anschließend Pfarrer in Alt-Chemnitz u. in Zwickau – Pfarrer in Bad Schandau 1934–1938

[2]    Spettmann, Hieronymus: In der Gefolgschaft des heiligen Franz von Assisi. Be­sinn­­liche Lesungen über den Geist des Dritten Ordens, Wiesbaden 1925
Das Buch trägt die Widmung:
Dem lieben Landsmann Karl Leisner zur Erinnerung an die Pfingsttage. Bad Schandau (Sächsische Schweiz) 1937, Pfr. Dr. H. Spettmann.

Spettmann1Spettmann2Spettmann3

Münster, Freitag, 22. April 1938
Da greift einen wieder die ganze Größe und Gewalt des Hohenpriestertums Christi, des geweihten Priesters an. Es wogt und tobt in meiner Brust, ich möcht’ fast zerspringen vor Glut und wilder Kraft der Natur. Es gärt und kocht und wühlt mir in den heißen Adern. – Werd’ ich diese physische Kraft zum höch­sten Auftrag, zum schlichtesten Dienen der Gnade meistern? – Eine bange, immer wieder neu sich stellende aufwühlende Frage, die mir das Herz zer­gehen machen könnte, wenn es nicht so stark wäre.
Im Angesicht des Todes, des göttlichen Königs und Richters muß ich mir in restlosem Ernst, aber ebensolcher Ehrlichkeit diese Frage allzeit stellen. – Es heißt doch, daß manche Heiligen zeitlebens erschauerten und zurück­bebten vor dieser Würde und Gewalt des Priestertums.[1]

[1]    Der hl. Franz von Assisi z. B. ließ sich nur zum Diakon weihen. Nach allge­mei­nem Dafürhalten war auch der hl. Benedikt von Nursia höchstens Diakon.

Karl Leisner am 27. März 1939 an seinen Bruder Willi:
Vor der Weihe hatten wir drei Tage stiller Einkehr. Pater Mat­thäus Schnei­derwirth OFM[1] hielt sie. Er hat früher im ND mitgearbeitet. War so ein rich­tiger froher Bruder des heiligen Franz. Mir haben die Tage recht zugesagt. Er betonte ganz die innere Ver­bindung mit Christus. Unser Leben sei gleich­sam ein heiliges Spiel, in dem wir Christi Leben darstellen, noch einmal leben – in unserer Art und unse­rer Zeit. Zu diesem heiligen Spiel be­darf es der ganzen durchgeformten, eigenständigen und eigenarti­gen Per­sönlich­keit.

[1]    Pater Dr. phil. Matthäus Schneiderwirth OFM (* 2.7.1877 in Westenholz, † 14.1.1945 in Rietberg) – Eintritt bei den Franziskanern – Priesterweihe 14.8.1902 – Guardian im Fran­ziskanerkloster in Münster 1939 – Bei ihm machte Karl Leisner mit seinem Kurs vor der Diakonenweihe Exerzitien.