Vor 175 Jahren starb Friedrich Hölderlin

 

Friedrich Hölderlin (* 20.3.1770 in Lauffen am Neckar, † 7.6.1843 in Tübingen) – Lyriker

Quelle des Fotos: Wikimedia Commons / gemeinfrei (abgerufen 16.06.2018)

 

 

 

Unter der Überschrift „Hölderlin oder die Frage, wie das Wetter wird „Komm! Ins Offene! Freund!“’ – was heißt das eigentlich? Schwer zu sagen. Und doch könnte es deutlicher nicht sein. Hölderlin-Texte sind Zauberkunststücke angewandter Dialektik. Eine Annäherung.“ stellte Daniel Kehlmann in der F.A.Z. vom 16. Juni 2018 Überlegungen zu Friedrich Hölderlin an.

Es handelt sich um seine gekürzte Dankesrede anläßlich der Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg. Daniel Kehlmann behandelt vor allem Friedrich Hölderlins Roman Hyperion. Auf Grund von Karl Leisners Liebe für Gedichte, derer er, wie seine Tagebücher ausweisen, auch selbst zahlreiche verfaßt hat, ist es durchaus möglich, daß er den Roman gelesen hat.
Friedrich Hölderlins Werk besteht im Wesentlichen aus Gedichten. Auch „Hyperion“ ist, obwohl in Prosa geschrieben, alles andere als ein Roman. Das Opus ist in gewisser Weise ein Selbstbekenntnis, eine Vergegenwärtigung von „Lebensschau und Seelentum“ des Autors. Die in den Schlußbriefen „hymnisch gefeierte Natur“ gleicht einer Verehrung als „gotterfüllter Raum“.

 

Unter der Überschrift „Eine kommende Welt der Freiheit – ‚Der Menschen Worte verstand ich nie’: Zum 175. Todestag des Dichters Johann Chrlstian Friedrich Hölderlin“ beschrieb Alexander Lohner in der Wochenzeitung Die Tagepost vom 7. Juni 2018 das Leben des Lyrikers.
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Siehe auch „Daniel Kehlmann mit Hölderlinpreis 2018 ausgezeichnet“ unter bad-homburg.de.

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Karl Leisner begegnete Friedrich Hölderlin vermutlich zum ersten Mal in der Vorlesung von Professor Peter Wust.

Aus der Vorlesung von Mittwoch, 23. Januar 1935
Peter Wust: Geschichte der Philosophie [Universitätsmitschrift 5, 5f.]
Diktat:
4. Kapitel. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854)
33. Sch. [Schelling] ist 1775 zu Leonberg in Württemberg als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren. Den frühreifen Sohn bringt der Vater schon 1790 ins Tübinger Stift, wo Sch. sich dem Studium der Theologie und der Philosophie widmet und Freundschaft schließt mit den älteren Stiftsge­nossen [Georg Wilhelm Friedrich] Hegel und Hölderlin.

In der Bücherlese vom März 1938 notierte er das Gelesene:

Aus „Individualismus als Schicksal“ von Otto Miller[1]:
„Der Blick des geschichtlichen Betrachters aber sucht die Quellen des Ge­schehens, und die sind in allen Bereichen des Lebens, auch hier (bei der Entwicklung der neueren Dichtung[2]) nicht nur äußerer Art. Wer den wah­ren Sinn und Wert der Dichtung kennt, weiß, daß sie nicht nur Begleit­erschei­nung des ge­schichtlichen Wechsels und Werdens oder gar ein Orna­ment des Lebens ist, sondern ein Teil dieser Geschichte selbst, weil sie ein Teil der menschli­chen, ein Stück der völkischen Existenz ist, daß sie daher bald als Folge und Wirkung, bald als Mitverursachung in das Geschehen verwo­ben ist und besser als Politiker und Wirtschaftsgelehrte nach Hölderlins Wort „Die Göttersprache das Wechseln und das Werden versteht“[3], Vergangenes auf­bewahrt, Gegenwärtiges deutet, Künfti­ges ahnt und weissagt, sie, die Stimme über dem rauschenden Strom der Zeit, Stimme menschlicher Be­wußtheit und Sprache der Seele inmitten des Wandels der Dinge und Men­schen, inmitten der Verwandlung der Erschei­nungen und des Wechsels der Meinungen. Denn der Dichter ist „das Herz der Welt“. [Miller] Ste. 1[f.].
[1] Miller, Otto: Der Individualismus als Schicksal, Freiburg/Br. 1933
[2] Einfügung von Karl Leisner
[3] aus „Der Archipelagus“ von Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Bd. 2, Stuttgart 1953: 83–84, V. 107–116, hier V. 116

Seine Liebe zu Deutschland drückt Karl Leisner durch den Anklang an einen Vers aus Friedrich Hölderlins Gedicht „Gesang des Deutschen“ aus.

Münster, Montag, 30. Januar 1939
Was bist du traurig, meine Seele, was verwirrst du mich? Vertrau’ auf den Herrn und du darfst ihn wieder preisen.[1]
Herr, vernichte meine Müdigkeit und Feigheit, durchflamme mich mit Dei­ner Glut!
Sechs Jahre sind seit jenem umstürzenden 30.1.1933[2] vergangen. Sechs Jahre einer Umwälzung von ungeheurem Ausmaß. Und wir leidend, schau­end, tuend in ihr. Herrgott, ich danke Dir für alles, trotzdem ich nicht ver­stehe … Führe gnädig Dein deutsches Volk.
O heilig Land der Völker – o Vaterland![3
] Mein Deutschland – Großes Deut­sches Reich! Ich liebe dich. In Gott sei dir Friede!
[1] s. Ps 42,6.12. – Er wurde früher im Stufengebet der Eucharistiefeier gebetet.
[2] Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg
[3] Friedrich Hölderlins Ode „Gesang des Deutschen“ (1799) beginnt mit den Wor­ten: „O heilig Herz der Völker, o Vaterland!“

Gesang des Deutschen
O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend gleich der schweigenden Mutter Erd’
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben.

Sie ernten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflücken gern die Traube, doch höhnen sie
Dich, ungestalte Rebe! daß du
Schwankend den Boden und wild umirrest.

Du Land des hohen, ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! Bin ich der deine schon,
Oft zürnt’ ich weinend, daß du immer
Blöde die eigene Seele leugnest.

Doch magst du manche Schöne nicht bergen mir;
Oft stand ich, überschauend das holde Grün,
Den weiten Garten, hoch in deinen
Lüften auf hellem Gebirg und sah dich.

An deinen Strömen ging ich und dachte dich,
Indes die Töne schüchtern die Nachtigall
Auf schwanker Weide sang, und still auf
Dämmerndem Grunde die Sonne weilte.

Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
Die edeln, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
Die Wissenschaft, wo deine Sonne
Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.

Kennst du Minervas Kinder? Sie wählten sich
Den Ölbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
Noch lebt, noch waltet der Athener
Seele, die göttliche, still bei Menschen,

Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
Am alten Strome grünt und ein dürft’ger Mann
Die Heldenasche pflügt, und scheu der
Vogel der Nacht auf der Säule trauert.

O heilger Wald! O Attika! Traf Er doch
Mit seinem furchtbarn Strahle dich auch so bald?
Und eilten sie, die dich belebt, die
Flammen entbunden zum Äther über?

Doch wie der Frühling wandelt der Genius
Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
Von unsern Jünglingen, der nicht ein
Ahnden, ein Rätsel der Brust, verschwiege?

Den deutschen Frauen danket! Sie haben uns
Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
Und täglich sühnt der holde klare
Friede das böse Gewirre wieder.

Wo sind jetzt Dichter, denen der Gott es gab,
Wie unsern Alten, freudig und fromm zu sein,
Wo Weise, wie die unsren sind, die
Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!

Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
Mit neuem Namen, reifeste Frucht der Zeit!
Du letzte und du erste aller
Musen, Urania! sei gegrüßt mir!

Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
Und sinnst, das von dir zeuge, ein neu Gebild,
Das einzig wie du selber, das aus
Liebe geboren und gut, wie du, sei.

Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
Daß wir uns alle finden am höchsten Fest?
Doch wie errät der Sohn, was du den
Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?
(Hölderlin, Friedrich: Das himmlische Feuer. Gedichte, Potsdam 1942: 23–25)