Karl Leisner und Gottfried Wilhelm Leibniz

Leibniz

 

Gottfried Wilhelm Leibniz (* 1.7.1646 in Leipzig, † 14.11.1716 in Hannover) – Philosoph – Seine Metaphysik ist geprägt von den Grundla­gen der von Gott im voraus festgelegten harmonischen Übereinstimmung von Körper und Seele.

Foto Wikimedia Commons

 

 

leibniz_coverEike Christian Hirsch
Der berühmte Herr Leibniz
Eine Biographie
Überarbeitete Neuauflage mit 60 Abbildungen.
München (Verlag Beck C. H.) 2016

Anläßlich des 300. Todestages von Gottfried Wilhelm Leibniz veröffentlichte der Journalist Eike Christian Hirsch eine überarbeitete Neuauflage seiner Leibniz-Biographie.

In „Christ in der Gegenwart“ vom 23. Oktober 2016 berichtete Christian Heidrich auf Seite 469 unter der Überschrift „Alles wissen, alles begreifen. Gottfried Wilhelm Leibniz wollte als ein ‚Beauftragter für das Ganze’ wirken – an der Schwelle zur Moderne. Eine Biografie anlässlich seines 300. Todestages erinnert an den Universalgelehrten.“ über die neu aufgelegte Biographie zu Gottfried Wilhelm Leibniz von Eike Christian Hirsch.

Link zur Rezension

„Christ in der Gegenwart“ vom 13. November 2016 zum Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz

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Gesamtausgabe von „Christ in der Gegenwart” Nr. 46 www.christ-in-der-gegenwart.de

Karl Leisner lernte den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, ohne den es weder Computer noch deren „Ableger“ gäbe, im Studium zunächst im Fach Kirchengeschichte und später im Fach Philosophie kennen

Sommersemester 1934 – Universitäts­mitschrift
Georg Schreiber: Kirchengeschichte des Reformationszeitalters
§ 1. Vor dem eigentlichen Eintritt in die Geschichte des Reformationszeit­alters sind erst einige Vorfragen zu behandeln:
a.) Sprachgebrauch, b.) Kulturbegriffe, c.) historische Grundtatsachen.
[…]
5.
Auch der abendländische Gemeinschaftsgedanke des Mittelalters ist nie ganz erstorben. Nach dem 30jährigen Krieg macht sich ein starkes katholi­sches Sehnen bemerkbar. Man will aus dem permanenten Chaos zur Union (Um 1700: Bischof der böhmischen Brüder [Johann Amos] Comenius [1592–1670], Leibniz, [Jacques Bénigne] Bossuet [1627–1704] reden von Union). Auch der Gemeinschaftsgedanke gegen den türkischen Osten ist nie erstorben, obwohl [Martin] Luther von den Türkenkriegen als einem „weltlich Ding“ gesprochen hatte. Auch im 30jährigen Krieg kommen solche Unionsgedanken auf (zum Beispiel im Lager [Axel] Oxenstiernas [1583–1654]). Sie ziehen sich hinein bis in die Romantik. Bei Novalis [Georg Friedrich Philipp von Hardenberg] finden wir solche katho­lisie­renden Ele­mente, wenn er an die Stelle des wörtlichen Evangeliums (Überbetonung des Schrift­prinzips) die Idee des Gottesvolkes und der Froh­botschaft setzen will.
Luther und [Johannes] Calvin [1509–1564] lehnen sodann mit Sakrament- und Sakramentalelehren einen großen Teil germanischen Wesens ab. Doch diese Gedanken setzen sich immer wieder durch: In Pommern zum Beispiel findet sich noch eine benedictio pro infirmo [Segnung der Kranken] und ebenso die kirchliche Aussegnung der jungen Mutter bei ihrem ersten Kir­chenbesuch. In der Kirche von Spiekeroog hängt ein großes Schiff als Votiv­gabe. Ins Katholische übertragen will dieses Symbol das Gebet „pro felici reditu peregrinorum – für die glückliche Rückkehr der Pilger“ dar­stellen.

Donnerstag, 14. Februar 1935
Aus der Vorlesung von Peter Wust: Psychologie II – Universitätsmitschrift
Diktat:
77.
Trotzdem gibt es verschiedene Stellen bei [Immanuel] Kant, die darauf hindeuten, daß er bei diesem Problem auch den substantiellen Identitätskern der Person zuweilen im Auge hatte. So läßt sich schon der Begriff vom „Radikal­ver­mö­gen“ der Vernunft nur dann verstehen, wenn man die transzendentale Apper­zeption auch metaphysisch und psychologisch zu deuten versucht. Die erste Auflage [1781] der „Kritik der reinen Vernunft“ enthält sogar einen größe­ren Abschnitt, der eigens in die metaphysische Problemrichtung weist. Es ist bezeichnend, daß gerade dieser Abschnitt in der zweiten Auflage [1787] der „Kritik“ fortgeblieben ist, wohl deshalb, weil Kant dem Metaphysischen, das in seiner Problemstellung lag, ausweichen wollte. Auch der bei Kant so oft wiederkehrende Begriff „Gemüt“ kann als letzter metaphysischer Rest be­zeich­net werden, in etwa verwandt dem Begriff des „intellectus ipse“, der so bedeutsam von Leibniz der „tabula-rasa-Lehre“ [John] Lockes entgegengestellt wird.

Auch im Tagebuch und in der Bücherlese schlägt sich Karl Leisners Beschäftigung mit Gottfried Wilhelm Leibniz nieder.

Münster, Mittwoch, 4. Dezember 1935
Heute über Leibniz.[1] ( 14. Nov. 1716 in Hannover). Wie groß und ideal und herrlich begabt war doch dieser herrliche Mensch der „Har­monie“.[2]

[1]    Kiefl, Franz Xaver: Katholische Weltanschauung und modernes Denken. Gesammelte Essays über die Hauptstationen der neueren Philosophie, Regensburg 2+31922: 38–57, 2. Leibniz und der deutsche Idealismus (zit. Kiefl 1922)

[2]    Leibniz, Gottfried Wilhelm: Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal – Die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels, Frankfurt/M.

Bücherlese vom 4. Dezember 1935
„Soviel jemand Wunder der Natur weiß, soviel lebendige Bildnisse der gött­lichen Majestät trägt er in seinem Innern.“ (Leibniz)[1]
„In unserem Selbstwesen steckt eine Unendlichkeit, ein Fußstapf, ein Eben­bild der Allwissenheit und Allmacht Gottes.“ (Leibniz)[2]

[1]    Kiefl 1922: 52

[2]    a. a. O.: 53

Bücherlese vom 5. Dezember 1935
3. Leibniz und der Gottesgedanke
I. Die prästabilierte Harmonie als Gottesbeweis
II. Das Problem der Theodizee[1]
„… Ich erkannte, daß nicht alle Wahrheiten der körperlichen Dinge aus blo­ßen logistischen und geometrischen Grundsätzen (wie denen vom Großen und Kleinen, vom Ganzen und Teile, von Figur und Lage) abgeleitet wer­den können, sondern daß andere Grundsätze wie die von der Ursache und Wir­kung, von der Aktion und Passion hinzukommen müssen, um das System der Natur zu begründen. … So kam ich wieder auf die Entelechien und vom mate­riellen auf ein formelles (Format), geistiges Prinzip zurück.“ (Leibniz)[2]

[1]    a. a. O.: 57–82

[2]    a. a. O.: 58

Münster, Samstag, 7. Dezember 1935
Kiefl „Katholische Weltanschauung und modernes Denken“ (Von Luther an, dessen Psyche und Not fein und ver­ste­hend gezeigt wird, bis in die neueste Zeit hinein.) Leibniz ist mir ein klein wenig bekannt (und lieb und wert) dadurch gewor­den![1]

[1]    s. Tagebucheintrag und Bücherlese 4.12.1935

Bücherlese vom 10. Dezember 1935
„Wer Gott liebt, liebt alle. Wer die Weisheit hat, liebt alle. Wer Weisheit hat, sucht aller Nutzen. Wer Weisheit hat, ist ein Freund Gottes. Ein Freund Gottes ist glückselig.“ (VII 77.) Leibniz[1]

[1]    Kiefl 1922: 68

„Nichts ist dem Menschen nützlicher als der Mensch, nichts süßer als die Freundschaft, nichts kostbarer bei Gott als die vernünftige Seele. Alle zu lieben, auch unsere Feinde, keinen zu hassen, ist deshalb nicht mehr eine Vorschrift Christi als die der höchsten Vernunft.“ (Leib­niz)[1]

[1]    a. a. O.: 68

„Sooft uns an den Werken Gottes etwas tadelnswert erscheint, muß man schließen, daß es uns nicht hinlänglich bekannt ist.“ (VI 446) (Leibniz)[1]

[1]    a. a. O.: 69

„Wir kennen nur einen geringen Teil der sich ins Unermeßliche erstrecken­den Ewigkeit. Denn wie winzig ist die Erinnerung der paar Tausend Jahre, von denen uns die Geschichte erzählt! Und doch urteilen wir nach einer so kleinen Erfahrung über das Unermeßliche und Ewige!“ (VII 306, 1697) [Leibniz][1]

[1]    a. a. O.: 73

„Bis hierher sind wir vom Lichte der Natur und vom Lichte der Gnade er­leuchtet, aber noch nicht vom Lichte der Glorie. Hier auf Erden sehen wir die scheinbare Ungerechtigkeit und glauben und wissen sogar die Wahrheit von der ver­borgenen Gerechtigkeit Gottes. Schauen aber werden wir diese Gerechtig­keit erst, wenn die Sonne der Gerechtigkeit sich zeigen wird, ganz wie sie ist.“ (VI 98) Leibniz[1]

[1]    ebd.

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Link zur F.A.S. vom 13. November 2016

Link zur Sendung Zeitzeichen im WDR 5 vom 14. November 2016 „Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz“

Link zur Sendung Das philosophische Tagebuch im WDR 5 vom 26. August 2016 „Das Übel der Welt – wie kann ein Gott das zulassen?“