Karl Leisner und Johann Sebastian Bach

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Johann Sebastian Bach (* 21.3.1685 in Eisenach, † 28.7.1750 in Leipzig) – Komponist der Barockzeit

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John Eliot Gardiner
Bach – Musik für die Himmelsburg
München 2016

 

 

 

Unter der Überschrift „Ein menschlich mittelmäßiges musikalisches Genie. Auf die geistliche Vokalmusik läuft alles hinaus: John Eliot Gardiner feiert Johann Sebastian Bach und ein wenig auch sich selbst als dessen Interpreten.“ rezensierte Eleonore Büning in der F.A.Z. vom 15. Oktober 2016 die neue Biographie zu Johann Sebastian Bach.
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Unter der Überschrift „‚Diese Musik durchglüht mich’ – John Eliot Gardiner hat ein wunderbares Buch über Johann Sebastian Bach geschrieben. Ein Gespräch mit dem Dirigenten über seine Passion für den großen Komponisten“ veröffentlichte DIE ZEIT am 26. November 2016 das Gespräch von Wolfram Goertz mit John Eliot Gardiner.
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Siehe auch
Link zur NZZ
Link zu WELT N24
Link zum SWR2
Link zu Rezensionen unter buecher.de

Karl Leisners Verbindung zu Johann Sebastian Bach zeigt sich in zahlreichen Tagebucheinträgen.

Kleve, Sonntag, 13. März 1932
Matthäuspassion von Bach

Kleve, Sonntag, 26. März 1933
Singvereinskonzert: Brahms: Deutsches Requiem.[1] (Bach: a-moll Suite[2], Joerges: Baß- und Nachtlieder) Guter Er­folg!

[1]    Brahms, Johannes: Ein deutsches Requiem op. 45 (1868)
[2]    Bach, Johann Sebastian: Suite a-moll (BWV 818) für Klavier oder Cembalo

In Münster erlebte Karl Leisner am Donnerstag, dem 4. April 1935, einen Passionsabend.

Programmblatt:

KATHOLISCHER JUNGMÄNNERVERBAND BEZIRK MÜNSTER
P A S S I O N S A B E N D am 4. April 1935
DER ABEND:
Dichter Franz Johannes Weinrich liest aus seinem neuen Buch „Die Mar­ter unseres Herrn“.
Es singt der Gregorius‑Chor unter Leitung des Hochw. Herrn Domvikar Leiwering.
Folge:
Es singt der Chor:
1. „Tenebrae factae sunt“
4 stimm. gem. Chor                                                M. Ingegneri († 1592)
Es liest der Dichter.
Es singt der Chor:
2. „O vos omnes“
4 stimm. gem. Chor                                     Jac. de Berchem (um 1550)
3. „O Haupt voll Blut und Wunden“
4 stimm. gem. Chor                                     Joh. Seb. Bach (1685–1750)
Es liest der Dichter.
Es singt der Chor:
4. „Popule meus“
4 stimm. gem. Chor                                     L. da Vittoria (1540–1613)
Das Hungertuch wurde uns von dem Künstler Baur zur Ver­fü­gung gestellt.
Den Buchstand hat die Herdersche Verlagsbuch­handlung Poertgen, Salz­strasse.
Zum Schluss des Abends zeichnet der Dichter die gekauften Bücher mit seinem Namen.
Weinrich Bücher in der Buchhandlung Poertgen und in den anderen katho­lischen Buchhandlungen Münsters!
Liedertexte umseitig:
1. Tenebrae factae sunt dum crucifixissent Jesum Judaei. Et circa horam nonam exclamavit Jesus voce magna: Deus meus, utquid me dereliquisti? Exclamans Jesus voce magna ait: In manus tuas, Domine, commendo spi­ritum meum. Et incli­nato capite emisit spiritum.
Finsternis ward, als die Juden Jesum kreuzigten. Etwa um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und mit lauter Stimme rief Jesus: „In deine Hände, Herr, be­fehle ich meinen Geist.“ Und er neigte sein Haupt und gab den Geist auf.
2. O vos omnes qui transitis per viam, attendite et videte, si est dolor similis dolori meo.
O ihr alle, die ihr vorübergeht des Weges, merket auf und schauet, ob ein Schmerz gleich sei meinem Schmerze.
3. O Haupt voll Blut und Wunden.
4. Popule meus, quid feci tibi? Aut in quo contristavi te? Responde mihi. Agios o Theos. Sanctus Deus. Agios Ischyros. Sanctus fortis. Agios Atha­natos eleison imas. Sanctus immortalis, miserere nobis.
Mein Volk, was habe ich dir getan? Womit betrübt’ ich dich? Antworte mir! Heiliger Gott! Heiliger starker Gott! Heiliger unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

[1]    Weinrich, Franz Johannes: Die Marter unseres Herrn. Erzählt von seinen Hen­kern, von Menschen und En­geln, Freiburg/Br. 1935

Die Erinnerung an Musik von Johann Sebastian Bach half Karl Leisner auch, mit den Schwierigkeiten seiner Krankheit und Gefangenschaft zurecht zu kommen.

Karl Leisner aus St. Blasien am 2. August 1939 an seinen Bruder Willi:
Na ja – wenn nur alles wieder heil wird [mit der Tbc]. Und das hoffen die Ärzte bestimmt bis Oktober [1939]. – „Wer nur den lieben Gott läßt walten und hoffet auf Ihn allezeit …“ – So Gott will …

Wer nur den lieben Gott läßt walten
1. Wer nur den lieben Gott läßt walten und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wun­derbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.
2. Was helfen uns die schweren Sorgen? Was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, daß wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.
3. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das deine nur getreu und trau des Him­mels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Wer immer seine Zuver­sicht auf Gott setzt, den verläßt er nicht.
(Worte u. Weise: Georg Neumark 1641)

Das Lied steht in der Tonart a-moll im 1938 erschienenen „Kirchenlied“ und wurde so damals auch in den Kir­chen gesungen. Johann Sebastian Bach hat Vorspiele zu diesem Choral in diese Tonart gesetzt. Laut Karl Leisners Schwester Elisabeth Haas war der Satz „Wir singen weiter in a-moll“ eine Redensart von Karl Leisner. Er findet sich auch hier und da in seinem Tagebuch.

Karl Leisner aus dem Gefängnis in Freiburg/Br. am 28. November 1939 an seine Familie in Kleve:
So und jetzt wollen wir voll innerer Fröhlichkeit und Dankbarkeit und gro­ßem Vertrauen miteinander weiter singen mit Johann Sebastian Bach in a-moll!

Johann Sebastian Bach fehlte auch im KZ Dachau nicht.

Ferdinand Maurath aus Dachau am 1. Januar 1944 an seine Familie in Lör­rach:
Wie wohl kein Domchor dieses Jahr hatten wir die Orchestermesse (mit Presbyterassistenz) von Heinrich Huber Salve regina pacis in voller Be­setzung und gestern Geistliche Konzertstunde mit Lied: Kommet ihr Hir­ten von Höfer und Flötenbegleitung.[1] Dann J. B. In dulci jubilo von Bach mit Geige, Cello, Harmonium. Dann Solo Es wird scho glei dun­kel, Salzburger Hirtenlied [von Anton Reidin­ger[2]]. Improvi­sationen. Lieb Nachtigall, wach auf! Post­­ludium von Bach!

[1]    Übliche Zuordnung dieses Liedes: Worte: Karl Riedel, Weise: Altböhmische Weise
[2]    Es wird schon gleich dunkel
1. Es wird scho glei dumpa, es wird scho glei Nacht, drum kimm i zu dir her, mein Heiland auf d’Wacht. Wüll singa a Liadl dem Liabling dem kloan’, du magst ja nit schlaf’n i her’ die nur woan’.
Hei, hei, hei, hei, schlaf siaß, herzliabs Kind!
2. Vergiß iatzt, o Kinderl, dein’ Kummer, dein Load, daß d’ da-da muaßt leidn in’ Stall auf der Hoad. Es ziern ja die Engerl dein Liagestatt aus, mecht schener nit sein drin in’ Kenig sein Haus.
Hei, hei, hei, hei, schlaf siaß, du liabs Kind!
3. Ja, Kinderl, du bist halt in’ Kripperl so schen, mi ziemt, i kann nimmer da weg von dir gehn. I winsch da von Herzn die siaßaste Ruah, die Engerl von’ Himml, die deckn di zua.
Hei, hei, hei, hei, schlaf siaß, di liabs Kind!
(Worte u. Weise: Volkslied aus dem 16. Jh.)

Selbst auf dem Sterbebett verliert Karl Leisner den Mut nicht.

Planegg, Freitag, 15. Juni 1945
Nicht mutlos und ungedul­dig werden, gel’!
8.15 Uhr Dilau­did[1]. Hilft am besten diese Spritze. Nur das arme Herz leidet dr­unter etwas (dicke Füße). Vertrauen behalten! „Wir sin­gen weiter in a-moll!“ („Wer nur den lie­ben Gott läßt walten …“)

[1]    Als Mor­phiumabkömmling ein hochwirk­sames Schmerzmit­tel, das schon da­mals dem Opi­um­­­gesetz (dem heuti­gen Betäu­bungsmittelgesetz) unter­stand und nur kontrol­liert ein­gesetzt werden durfte. Es hat eine stär­kere und nachhaltigere Wirkung als Morphium und besitzt im Gegensatz zu diesem keine läh­mende Wirkung auf den Darmtrakt.