Karl Leisner und Papst Benedikt XV.

BenediktXV

 

Giacomo della Chiesa (* 21.11.1854 in Genua/I, † 22.1.1922 in Rom) – Priesterweihe 21.12.1878 – Bischofsweihe 2.12.1907 – Kardinal 25.5.1914 – Papst Benedikt XV. 3.9.1914

Foto Wikimedia Commons

 

 

 

BenediktXV_CoverJörg Ernesti
„Benedikt XV.“ – Papst zwischen den Fronten.
Freiburg 2016

Unter der Überschrift „Ohne Rücksicht auf die Nation – Nicht nur Armenier sind ihm zu Dank verpflichtet: Jörg Ernesti erinnert an Papst Benedikt XV., der sich als Diplomat im Ersten Weltkrieg Verdienste erwarb – und einen folgenreichen Fehler machte“ besprach Bernhard Lang in der F.A.Z. vom 12. Juli 2016 eine Biographie über Papst Benedikt XV.

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Der von Jörg Ernesti in der Überschrift des Zeitungsartikels erwähnte „Fehler“ des Papstes besteht darin, daß er „den reformatorischen Kirchen die kalte Schulter gezeigt“ hat. Das hätte auch Karl Leisner nicht gefallen, der zum Beispiel den Protestanten, unter denen er auch Freunde hatte, für seine Zeit erstaunlich offen gegenübertrat.

Karl Leisner war Papst Benedikt XV. zugetan wegen dessen Einstellung zu Dante Alighieri, dem dieser eine eigene Enzyklika gewidmet hat.[1] In seiner Bücherlese zeigt Karl Leisner seine Wertschätzung des Papstes durch eine Einfügung in ein Zitat von Otto Miller.[2]

[1]    Benedikt XV. veröffentlichte am 30.4.1921 die Enzyklika „In praecalara summo­rum“. Sie ist dem Andenken des 600 Jahre zuvor verstorbenen christlichen Dich­ters Dante Alighieri gewidmet. Der Papst verkündete, gerade in der Not der Gegenwart müsse das Vorbild dieser im besten Sinne katholischen Dichtung Ita­liens wieder fruchtbar gemacht werden.

[2]     Miller, Otto: Der Individualismus als Schicksal, Freiburg/Br. 1933 (zit. Miller 1933)

Miller_Cover

 

Miller, Otto
Der Individualismus als Schicksal

 

 

 

 

 

Originaltext von Karl Leisner

Tgb

 

Katholische Auffassung vom Dichten[1]
Also muß hohes Dichtertum im katholischen Kosmos doch wohl etwas sehr Hohes und Erhabenes sein. (Huldigung des Papstes [Benedikt XV.] zum Dante-Zentena­rium[2])[3]. Das ist es auch. Denn wie das größte Kunstwerk der katholischen Kirche, ihre Liturgie, wesentlich Anbetung Gottes und Lob­preis und Dank ist, so ist die Dichtung in dem großen Lobge­sange der Schöpfung, in ihrem weltenaufrauschenden, gotthinanbrausenden Ak­kord eine der mächtigsten Stimmen, die mächtigste wohl nach dem Ge­bet, sei sie nun Schauspiel oder Epos oder Lyrik, ist es auch dann noch, wenn sie die irdische Liebe preist, die etwas Gottgewolltes ist und schön ist wie das Hohelied.[4] Denn die Dich­tung ist jene Stimme der Schöpfung, durch die die stummen Dinge der Welt Spra­che bekommen, die Kräfte der Welt Melo­die und Gesang werden. Die Dichtung ist der Urlaut der Seele und des Men­schen­tums, aus dessen Fülle sie emporkommt wie der Quell aus verbor­ge­nen Tiefen, und weckt darum der dunkeln Gefühle Gewalt, die im Herzen wunder­bar schliefen. Darum auch bricht in ihr das Leid der Welt durch, bekommt der Schmerz der Menschheit in ihr die erschütterndste Stimme, und sie wird zur großen Zwiesprache und Aussprache der Mensch­heit mit der Gottheit, wie in der größten religiösen Dichtung aller Zeiten, dem Buche Job, so in der griechi­schen Tragödie, so in der großen deut­schen Lyrik. Auch in unsern, ach so seelenarmen Zeiten ist diese Stimme im Ak­kord der Schöpfung nicht ver­stummt, (…) und wer solcher Dichtung Stimme nicht vernimmt, ist ein Bar­bar, er sei auch, wer er sei.
Aber das Tiefste spricht der Dichter dann aus, wenn er wie der Mystiker durch die Welt der Erscheinungen hindurch in die unsichtbare Welt blickt, wenn er, und er mit dem Mystiker allein, an das Wesen der Dinge rührt, wenn er jene Stunde der Begnadigung erlebt, da ein Blitzstrahl die letzten Wolkenhüllen des sinnlich Erscheinenden zerteilt. Die große Stunde Dantes
[Ali­ghieri]: „Dazu genügten nicht die eignen Schwingen. Da ward mein Geist von einem Blitz durchzuckt, und seine Sehnsucht konnte dorthin drin­gen.“[5]

[1]    Einfügung von Karl Leisner

[2]    Otto Miller: Als das Zentenarium [100jährige Jubiläum] von Dantes Todestag gefeiert wurde, hat der Stellver­treter Christi selbst und mit ihm und durch ihn die ganze katholische Kirche seinem Genius gehuldigt. Das war, wie uns dünkt, ein symbolisches Ereignis von einiger Bedeutung. Also muß hohes Dichter­tum … (Miller 1933: 58).

[3]    Einfügung von Karl Leisner

[4]    Das Hohelied Salomos, Bibel 1980: 733–737

[5]    Miller 1933: 58f.

Text von Otto Miller

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Siehe auch Aktuelles vom 19. April 2015