Karl Leisner und Platon

Buchmüller_CoverWolfgang Buchmüller (Hg.)
Christliche Mystik im Spannungsfeld der antiken und mittelalterlichen Philosophie – Internationale Fachtagung an der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz am 22. und 23. März 2013
Heiligenkreuz 2015

Link zum Buch

Christoph Böhr besprach dieses Buch in der Tagespost vom 5. Dezember 2015 unter dem Titel „Gott und Wahrheit sind untrennbar – Der Platonismus als Inspiration für die Mystik des Christentums weist auf die große Bedeutsamkeit der Philosophie Platons hin“.

siehe Link zur Tagespost

Platon

 

Platon (* ? 427 in Athen, † 347 v. Chr. G. ebd.) – griechischer Philosoph – Begründer der Platonischen Akademie – Schüler des Sokrates – vielseitige Begabungen als Denker, Schrift­steller u. Wissenschaftsorganisator – eine der bekanntesten u. einflußreichsten Per­sön­lichkeiten der Geistes­geschichte

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Tagebucheinträge

Kleve, Montag, 22. Mai 1933
Morgens um 9.00 Uhr Zug der Nazis an der Schule vorbei. Der Oberbonze Görlich[1] wird als Bürgermeister eingesetzt. Zur selben Zeit lasen wir Plato: Apologie [des Sokrates]; Kapitel XIX, folgende Sätze, die recht „aktu­ell“ wa­ren: siehe Kapitel XIX, S. 25. Zeile 11 – Schluß.[2]

[1]    Alwin Görlich, von den Schülern Gröhlich genannt wegen seines lauten Auftretens als Bürgermeister u. seiner Einfluß­nahme im schulischen Bereich, (* ?, † ?) – Kleve, Mater­bor­ner Allee 97 – Spediteur – als Mitglied der NSDAP kommissarischer Bürgermei­ster von Kleve 22.5. bis 9.12.1933

[2]    Platon:
Mir aber ist dies von meiner Kindheit an gesche­hen: eine Stimme nämlich, welche jedes­mal, wenn sie sich hören läßt, mir von etwas abredet, was ich tun will, – zugeredet aber hat sie mir nie. Das ist es, was sich mir widersetzt, daß ich nicht soll Staatsgeschäfte betreiben. Und sehr mit Recht scheint es mir sich dem zu widersetzen: Denn wißt nur, ihr Athener, wenn ich schon vor lan­ger Zeit unternommen hätte, Staatsgeschäfte zu betreiben, so wäre ich auch schon längst umge­kommen und hätte weder euch etwas ge­nutzt noch auch mir selbst. Werdet mir nur nicht böse, wenn ich die Wahrheit rede! Denn kein Mensch kann sich erhalten, der sich – sei es nun euch oder einer andern Volksmenge – tapfer widersetzt und viel Ungerechtes und Gesetz­wid­riges im Staate zu verhindern sucht: sondern not­wendig muß, wer in der Tat für die Gerech­tigkeit streiten will, auch wenn er sich nur kurze Zeit er­halten soll, ein zurückgezogenes Leben führen, nicht ein öffentliches (Platon: Des Sokrates Verteidigung Bd. I: 24).

Kleve, Mittwoch, 19. Juli 1933
Morgens die ersten zwei Stunden 1. Griechischarbeit aus „Protagoras“[1]. (Plato!) über den Sophist [griechischen Wanderlehrer]. (Ein Gespräch zwi­schen Sokrates und Hippo­krates, als der auf dem Weg mit ihm zu Prota­goras ist[2].) Ergebnis: 2! Fein.

[1]    Protagoras ist ein nach dem gleichnamigen Sophisten benannter Dialog von Platon, in dem es um das Wesen der Tugend geht.

[2]    Platon:
Nachdem wir nun dies beschlossen hatten, machten wir uns auf den Weg. Als wir aber auf dem Platze vor der Türe angelangt waren, blieben wir stehen, um uns noch über einen Gegenstand zu unterhalten, auf welchen wir unterwegs verfallen waren. Um also diesen nicht unausgeführt zu lassen, sondern ihn noch vor unserem Eintreten zu erledigen, verweilten wir uns hier und bespra­chen ihn weiter, bis wir uns über ihn geeinigt hatten. Das mochte nun wohl der Türhüter, ein Verschnittener, mit angehört haben, und überdies scheint er wegen der Menge der herzuströmenden Sophisten gegen alle, welche das Haus betreten, mißtrauisch zu sein. Kurz, als wir an die Türe geklopft hatten, rief er, nachdem er geöffnet und uns erblickt: „O weh, wieder Sophisten! Der Herr hat keine Zeit.“ Und zugleich schlug er mit beiden Händen gar hastig, so stark er nur konnte, die Türe wieder zu, und als wir nun von neuem anpoch­ten, da gab er uns hinter verschlossener Türe zur Antwort: „Ihr Leute, habt ihr denn nicht gehört, daß der Herr keine Zeit hat?“
Aber, mein Guter, beschwichtigte ich ihn, beruhige dich nur, wir wollen we­der zum Kallias, noch sind wir Sophisten. Wir wünschen vielmehr nur den Protagoras zu sprechen. Melde uns also ihm an!
So erlangten wir es denn endlich mit genauer Not, daß uns der Mensch die Türe aufmachte (Platon; Protagoras Bd. I: 64f.).

Aus der Vorlesung von Freitag, 18. Januar 1935
Peter Wust[1]: Psychologie II
56. Damit wird die geistige Liebe ein entscheidendes Merkmal menschlicher Seins- und Welthaltung. Diese geistige Liebe ist nicht zu verwechseln mit dem vitalen Eros. (Auch zu unterscheiden vom Begriff „Eros“ bei Platon).[2]

[1]    Prof. Dr. phil. Peter Wust (* 28.8.1884 in Rissenthal/Saarland, † an Gaumenkrebs 3.4.1940 in Münster) – Philo­sophieprofessor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 1930–1940 – Er vertrat eine christliche Philosophie unter Einbeziehung augustinisch-fran­ziskanischer Ge­dan­ken.

[2]    Agape und Eros
Während das Griechische zwischen eros und agape differenziert, gibt es im Deutschen nur den Be­griff Liebe. Eros findet sich in der deutschen Sprache heute fast aus­schließlich in sexuellem Zusammenhang. Agape läßt sich als „Fähigkeit zu lieben“ über­set­zen, während Eros die „Fähigkeit geliebt zu werden“ bezeichnet. Agape und Eros sind zwei Seiten der Liebe und gehören untrennbar zusammen. Agape und Eros sind nur mög­lich zwischen zwei Individuen, zwischen denen Energie fließt. Agape gibt Energie ab, während Eros Energie aufnimmt.

Aus der Vorlesung von Mittwoch, 23. Januar 1935
Peter Wust: Geschichte der Philosophie
34. Als Philosoph hat Sch. [Schelling[1]] mehrfache Wandlungen durchgemacht. Jedoch lassen sich die etwa sechs Epochen seiner Entwicklung in zwei Haupt­epo­chen einteilen. Die erste Hauptepoche von 1794 bis 1804. In dieser Epoche schafft Sch. ein mehr rationales System, das den subjektiven Idealis­mus Fichtes[2] umbildet in einen objektiven Idealismus im Sinne Platons. In der zweiten, mehr mystisch gerichteten Hauptepoche (1804 bis 1854) tritt an die Stelle des monistischen Idealismus ein gewisser Dualismus.

[1]    Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (* 27.1.1775 in Leonberg, † 20.8.1854 in Bad Ragaz/CH) – deutscher Hauptvertreter der Philosophie des „Deutschen Idealismus“

[2]    Johann Gottlieb Fichte (* 19.5.1762 in Rammenau, † 29.1.1814 in Berlin) – Philosoph – Vertreter des „Deutschen Idealismus“

Aus der Vorlesung vom Donnerstag, 7. Februar 1935
Peter Wust: Psychologie II
72. Zu diesen Zerspaltern des seelischen Ganzheitsprinzips gehören schon Platon und Aristoteles, der eine mit seiner Lehre von der Trieb-, Mut- und Geistseele (Phaidros), der andre mit seinem „von außen“ in die Seele eintretenden Geist.

Aus der Vorlesung vom Freitag, 8. Februar 1935
Peter Wust: Psychologie II
10. Kapitel. Der beharrende Grund der Person im Spiegel von Gedächtnis und Gewissen
73.
Die Bedeutung des metaphysischen Gedächtnisses ist eigentlich schon in Platons Wiedererinnerungslehre ahnungsweise erfaßt, wenn auch Platon, wie schon bemerkt, in seiner Lehre von den drei Seelentrieben dem Ganzheitscharakter der menschlichen Seele nicht gerecht geworden ist.

Münster, Montag, 3. Juni 1935
Fehler:

1.)   Stolz: Du bist noch viel zu eingebildet. Sobald eine Sache etwas klappt, Teufelchen Hochmut: Ego [Ich]: da! Mist! Weg damit! Demut schafft!
2.)   Aufstehen: punctum!
3.)   Silentium fürchterlich schlecht gehalten! Morgen früh ran.
Besonderes:
1.)   Peter Wust: Platon im Kolleg zur „Geschichte der Philoso­phie“. – Sein Idealrealismus mit Seitenblicken auf die Zeit. Pla­tons ehr­fürchtige, klare Haltung. Sein und Mensch in Harmonie in der Gottheit.
2.)   Pater Bernardin[1]: Betrachtung über die rechte Ord­nung im Studium. Prächtig, mir auf den Leib geschrieben!
„Serva ordi­nem, et ordo serva­bit te!“ [Diene der Ordnung und die Ordnung wird dir dienen.[2]] Rechtes Studium in Tiefe und Kraft nur bei 1.) klarer Eintei­lung 2.) Gewissen­hafter, opferstarker, ganzer Ausnützung der Zeit!

[1]    Pater Dr. theol. Bernardin (Franz) Goebel OFMCap, genannt Pater Bart, (* 1.10.1881 in Valwig/Mosel, † 3.12.1973) – Eintritt bei den Kapuzinern 30.9.1900 – Priester­weihe 1.6.1906 – Spiritual im Colle­gium Borromaeum in Münster 20.1.1930 bis 19.5.1956

[2]    Dieser lateinische Sinnspruch wird dem hl. Augustinus zugeschrieben.

Münster, Freitag, 14. Juni 1935
Mehr beten vor der Arbeit und dann kon­zentriert schaffen! Es wird Zeit: Platon und Logica maior[1] morgen. Jede Minute nützen.

[1]    Der Begriff „Logica Maior“ taucht in verschiedenen Buchtiteln auf, z. B.: Institutio­nes Logicales / secundum principia / S. Thomae Aquinatis / Ad usum scholasticum. Pars II. Logica Maior. Volumen 2. Continens logicam realem et conclusionem polemicam, Freiburg/Br. 1890
Karl Leisner dachte aber vermutlich an sein Philosophicum, für das er das Thema Logik studieren mußte. Die Vorlesung bei Professor Peter Wust im SS 1934 hieß „Logik“, die im SS 1935 „Logik und Erkenntnislehre“.

Münster, Samstag, 15. Juni 1935
Plato: Gorgias – Phaidon – Symposion deutsch gelesen.

Münster, Montag, 17. Juni 1935
Platon gele­sen – Erlebnis. Polite…a [Politeia – Der Staat]. – Immer weiter gelesen und gelesen … den halben Morgen.

Bücherlese nach dem 16. Februar 1936
„Lernen heißt: sich wieder erinnern.“ (Platon – Augustin)

Die Literaturliste der Lebens-Chronik zeigt, wie sehr sich Karl Leisner mit Platon beschäftigt hat:

Platon
Sämtliche Werke, 3 Bde., Berlin o. J. (zit. Platon: Titel Bd.)
ders.
Des Sokrates Verteidigung (Die Apologie des Sokrates), Bd. I: 7–36
von Karl Leisner erwähnt: 22.5.1933
ders.
Gorgias, Bd. I: 303–409
von Karl Leisner erwähnt: 15.6.1935
ders.
Kriton, Bd. I: 39–54
von Karl Leisner erwähnt: 11.9.1933
ders.
Phaidon, Bd. I: 731–811
von Karl Leisner erwähnt: 15.6.1935
ders.
Politeia [Der Staat], Bd. II: 7–407
von Karl Leisner erwähnt: 17.6.1935
ders.
Protago­ras, Bd. I: 57–128
von Karl Leisner erwähnt: 19.7.1933
ders.
Symposion [Das Gastmahl], Bd. I: 659–727
von Karl Leisner erwähnt: 15.6.1935

Die F.A.S. brachte am 31. Januar einen Artikel von Otfried Höffe unter dem Titel „Hinaus aus dem Dunkel. Irrtümer gehören zum Leben. Platon erklärt in seinem Höhlengleichnis, dass Menschen oft zum Glück gezwungen werden müssen“.

Sokrates trägt in Platons „Politeia“ dieses Höhlengleichnis zu Beginn des Siebten Buches vor. Vermutlich hat Karl Leisner dieses Gleichnis während des Studiums am 17. Juni 1935 gelesen. Mit Sicherheit wird er ihm aber auf dem Gymnasium bereits begegnet sein.

Höhlengleichnis von Platon (Politeia Bd. II: 248 – 254 )

Platon_Hoehlengleichnis