Karl Leisner und seine Lieder (1)

 

 

Karl Leisner mit seiner Schwester Maria 1937 im Allgäu

 

Quelle des Fotos: Karl-Leisner-Archiv

 

 

 

Einführung

Da die Rundbriefe des IKLK mit dem Präsidiumswechsel an Gaudete 2010 durch den Karl-Leisner-Kurier ersetzt wurden, ist der damals bereits vorbereitete Rundbrief des IKLK Nr. 57 mit dem Thema „Karl Leisner und seine Lieder“ nicht mehr erschienen. Heute beginnt unter Aktuelles eine aus dem Rundbrief-Material erstellte neue Reihe. Darin werden unter anderem die Lieder vorgestellt, die Karl Leisner laut seiner Tagebucheinträge mit seinen Jungen gesungen hat.
So wie in Karl Leisners Tagebucheinträge Bibelzitate eingeflossen sind, erscheinen dort auch Sätze aus Liedern, verständlicherweise nicht immer genau zitiert. Letzteres trifft vor allem für seine Notizen und Briefe aus den Gefängnissen und den Konzentrationslagern zu.
Die Lieder und ihre Inhalte geben ebenso wie die Bücher, die er gelesen hat, einen Einblick in seine facettenreiche Persönlichkeit.[1]

[1] s. Rundbrief des IKLK Nr. 56 – Februar 2010: Karl Leisners Bibliothek

Heinrich Brey[1], der während seiner Kaplanszeit in Kleve Karl Leisner intensiv erlebt hatte, schrieb in seinen Erinnerungen:
Er liebte das Fahrtenleben, das Wandern und Zel­ten – die wehenden Banner und flat­ternden Wimpel, die Lieder zur Laute und das frohe Spiel im freien Ge­lände – die ganze Welt der Jugendbewegten.
Was Karl auf Fahrt mit seinen Jungen so oft sang, das lebte in seiner Seele: „Wir sind jung, die Welt ist offen, o du schöne, weite Welt. Unser Sehnen, unser Hoffen zieht hinaus in Wald und Feld. Bruder, laß den Kopf nicht hängen, kannst ja nicht die Sterne sehen – aufwärts blicken, vorwärts drängen, wir sind jung, und das ist schön.“[2]

[1] Heinrich Brey war vom 12.4.1928 bis 18.7.1935 Kaplan in Kleve St. Mariä Himmel­fahrt.
[2] Heinrich Brey, Erinnerungen aus meiner Klever Kaplanszeit (Typoskript vom 2.2.1948): 1f.

Unter der Überschrift „Ständchen, Schlaflied oder doch ein Kriegsgeschrei? Der Mensch schmückt sich selbst auf jede nur erdenkliche Weise. Wann aber entstand die Musik? Und wozu wurde sie geschaffen? Mythologie, Philosophie und Religionen liefern wichtige Antworten zum Ursprung des Homo musicus.“ ging Melanie Wald-Fuhrmann in der F.A.Z. vom 15. Februar 2017 der Frage nach, wie der Mensch zur Musik kam und anfing zu singen.

Link zum Artikel

Link zur Ankündigung des Vortrages „Ständchen, Schlaflied oder Kriegsgeschrei? –Theorien zum Ursprung der Musik und ihrer Funktion für den Menschen“ von Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ am 8. Februar 2017, veranstaltet von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Goethe-Universität Frankfurt.

In unserer Zeit scheint das Singen bedroht. Vielleicht ermutigt diese Reihe in Aktuelles zum Singen. Yehudin Menuhin (1916–1999), einer der größten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts, verfaßte 1999 zur Jahrtausend­wende als Schirmherr von „Il canto del mondo“[1] folgenden Text:
„Das Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen: denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen. Das Singen ist zuerst der innere Tanz des Atems, der Seele, aber es kann auch unsere Körper aus jeglicher Erstarrung ins Tanzen befreien und uns den Rhythmus des Lebens lehren. […]
Singen gehört fraglos zur Natur des Menschen, so daß es gleichsam keine menschliche Kultur gibt, in der nicht gesungen würde. In einer Zeit, in der die natürlichen und geistig-seelischen Vermögen der Menschen immer mehr zu verkümmern scheinen, so daß möglicherweise unsere Zukunft überhaupt bedroht ist, brauchen wir notwendig alle nur möglichen Quellen der Besinnung, die uns offen stehen. Singen birgt nun unvergleichlich das noch schlummernde Potential in sich, wirklich eine Universalsprache aller Menschen werden zu können: Im Singen offenbart sich der gesamte Sinn- und Sinnenreichtum der Menschen und Völker. Dieser einmalige Sprachschatz darf uns nicht verloren gehen, was aber tatsächlich zur Zeit geschieht. Deshalb gilt es, das Singen nicht nur zu bewahren, sondern weltweit zu fördern. […]
Wenn wir Menschen uns selbst als Klangkörper, als Musikinstrument in der Sinfonie der Schöpfung begreifen und uns singend immer wieder auf’s Neue befrieden lernen, dann können wohlmöglich – mit unserer eigenen Gesundung durch die Musik einhergehend – auch die durch uns verursachten Verwundungen der Erde heilen.
Wir Menschen sind im Singen schöpfende und schöpferische Klangwesen: Wir vermögen durch Gesang unsere Welt und unser Handeln zu beseelen, singend Liebe, Freude, Hoffnung und Zuversicht zu schenken, uns aber auch den Schmerz von der Seele zu singen und unser Herz durch Verzeihen zu beschwingen: wir vermögen zum Lobpreis der Schöpfung einigender Gesang zu sein.[1]

[1] s. URL http://www.il-canto-del-mondo.de/ – 29.8.2016

Früher war Singen in unserer und auch in anderen Kulturen derart selbstverständlich in den Alltag integriert und die Fähigkeit zu singen wurde so organisch tradiert, daß man sich über den Stellenwert des Singens für Individuum und Gesellschaft kaum Gedanken machte. Heute erklingen viel­fach Tonträger und das Singen unterbleibt. Singen erfüllt nicht mehr alle Lebensbereiche vom Wiegenlied bis zur Totenklage.

Alfred Tomatis (1920–2002) findet in all seinen Forschungen überzeugende Belege dafür, daß das Singen der Mutter und des Vaters für das ungeborene Kind sowie für den Säugling und mit dem Kleinkind zentrale Bedeutung für die gesunde Entwicklung des Kindes hat.[1]

[1] s. Alfred Tomatis, Das Ohr und das Leben, Erforschung der seelischen Klangwelt, Solothurn und Düsseldorf 1995

Singen wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus; denn der Mensch kann dadurch Selbstheilungsprozesse in Gang setzen und zum Beispiel das Gemüt belastende Empfindungen von Kummer, Leid, Angst oder auch Streß verarbeiten und bewältigen.
All das, aufgezeigt am Leben von Karl Leisner, kann Anregung sein, das Singen zu pflegen.
Bis zum Beginn der Zeit des Nationalsozialismus war der Gesang in der Jungschar unbeschwert. Laut seiner Tagebücher hat Karl Leisner 1934 in der Jugendarbeit mit dem Jungschar-Werkheft Nr. 8./9. „Jungen, wie sie sind – Bücher, die sie lesen“ von Pater Heinrich Horstmann SJ gearbeitet. Dabei wird er auch folgende Artikel von Adolf Lohmann (* 10.1.1907, † 19.10.1983) gelesen haben:

Jungenliederbücher
Eine kritische Schau

Die Liederbücher der Jugendbewegung lassen sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe wollen wir „Quellenliederbücher“ nennen. Sie tragen ihr Liedgut erstmalig in die Jugend, überhaupt in unsere Zeit. Sie sind richtungweisend und bestim­men die Arbeit aller ernst schaffenden Kreise auf Jahre hinaus. Die Herausgeber sind durchweg berufene Volksliedkenner, Sammler und Forscher, deren Schaffen zudem von einer bestimmten Idee der Volks­musikerneuerung getragen ist. Ihre Haupt­lieder­bücher lieferten das Singgut der gesamten Volksmusikbewegung.
Die zweite Gruppe bilden die „Sammellieder­bücher“. In ihnen werden die in der Jugend gesungenen Lieder teils wahllos, teils nach bestimmten Gesichtspunkten gesammelt. Da nun nicht nur Wertvolles, sondern auch viel Kitsch gesungen wird, so werden diese Sammelbücher ein böses Gemisch, abhängig vom Geschmack ihrer Herausgeber. Friedlich stehen die alten Meister­lieder neben mißglückten Versuchen. Ein typisches Abbild der Kultur- und Geschmacksverwirrung unserer Zeit! Welcher Gruppenführer von heute kennt sich in der Formensprache der Musik und Dichtung so aus, daß er wenigstens mit einiger Sicherheit ein Werturteil fällen kann? Die Herausgeber sind meist Beauftragte bestimmter Bünde oder Verlage. Die gemischten Liedersammlungen zerschlagen vielfach unbewußt mit ihren minderwertigen Liedern, was sie mit ihrem wertvollen Liedgut aufbauen.
Es gibt noch eine dritte Sorte von Jugendliederbüchern. Das sind die vielen, meist jüngeren „Komponisten“ und „Liederfabrikanten“, die beim Anblick eines Volksliedes gleich dachten: „Das kann ich auch“, und die dann ihre zahllosen Kompositionen, teils aus naivem Sinn, teils aus Eitelkeit, teils auch aus Geschäftstüchtigkeit, auf die Jugend losließen. Unkraut wächst schneller als Weizen. Es verbreitet sich auch unglaublich schnell. Zeitweise überwuchert es sogar den Weizen.
Hier liegt unsere Aufgabe. Wir müssen uns ernsthaft mit wertvollen Liedern befassen und unser Urteilsvermögen schärfen. Das kann man nur anhand der besten Liederbücher. – Die folgende Bücherbesprechung ist keine „Geschmackssache“ eines Einzelnen, sondern die einfache Konsequenz all derjenigen, denen es um mehr geht als um ein bißchen Jugendsingrummel.
Unter den „Quellenliederbüchern“ ist das weitaus beste, in seiner Art einzige Jungenliederbuch, das „Strampedemi“ von Walther Hensel. (Bärenreiter-Verlag Kassel, kart. Mk. 1.80). Es enthält sowohl alte als auch ganz neue Lieder verschiedenster Art, u. a. viel echte Landsknechts- und Geusenlieder[1]. Einige Zeilen aus der Vorrede: „Unser Strampedemi hat sich zum Ziele gesetzt, die jungmännliche Art, das trutzige Wesen in reiner, ungefälschter Art aufleuchten zu lassen in Lied, größter Schlichtheit und Formenstrenge. Die Weisen sind so geartet, daß einerseits ihr stürmischer Rhythmus von dem brausenden, schäumenden Leben der Jugend zeugt, ihre Gebundenheit und Formenstrenge andererseits zugleich Zucht und Maß bedeuten“. An anderer Stelle steht: „Vieles, was ihr für tapfere, frischfeurige Musik haltet, zeigt sich bei näherem Zusehen als hohle, polternde Phrase“. Die geschmackbildende und erzieherische Wirkung des „Strampedemi“ ist außerordentlich stark. Es birgt die Kraft in sich, das Singen einer Gruppe in einiger Zeit völlig umzustellen und zu veredeln, wenn die störenden Einflüsse wertloser Lieder ausgeschaltet werden. Es wird den Gruppenführern nicht schwer fallen, für die Jüngeren aus dem „Strampedemi“ leichtere Lied­formen auszuwählen. Die angegebenen 2. Stimmen kann man auch fortlassen. Ebenso die Instrumentalsätze.
Das allgemeine Volksliederbuch der katholischen Jugend, dessen Lieder die weiteste Verbreitung fanden, war von jeher „Der Spielmann“ von Klemens Neumann, (Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, M. 3.-). Ihm wurde auch das bekannte „Singeschiff“ größtenteils nachgebildet. Der „Spielmann“ bringt in seinen Abteilungen „Wanderlieder“, „Naturlieder“, „Lustige Lieder“, „Morgen- und Abendlieder“, „Festlieder“ und „Geistliche Lieder“ reiche Auswahl für die Jungscharen.
Wo sich die ideale Möglichkeit bietet, Schulgesang und Gruppengesang miteinander zu verschmelzen, sei besonders empfohlen:
„Der Jungbrunnen“, herausgegeben von Adolf Seifert im Bärenreiter-Verlag, Kassel, (M. 1.60), das Volksschulliederbuch aus dem Geiste der Volksmusikbewegung.
Der Kanon als einfachste Art mehrstimmigen Singens findet sich in der umfassenden Kanonsammlung von Fritz Jöde „Der Kanon“ (Kallmeyer-Verlag, Wolfenbüttel). Die leichteren Kanons sind in einem kleineren Auszug „Der Irrgarten“ (M. 1.80) gesammelt. Auch befinden sich in den bereits genannten Liederbüchern viele Kanons.
Neben dem überall bekannten „Singeschiff“ (Jugendhaus Düsseldorf, Notenausgabe M. 1.80) ist von den Sammelliederbüchern das für unsere Zwecke am brauchbarsten der „Jung Volker“, herausgegeben von den Neudeutschen, jedoch kein enges Bundesliederbuch. Die billige Sammlung bringt viele Lieder aus dem „Spielmann“, aber darüber hinaus noch manch anderes Lied der Singbewegung. Über einige weniger gut geratene Lieder wollen wir hinwegsehen. Besonderer Wert wurde auf die Lautenbuchstaben gelegt. Leider ist zur Zeit nur die Textausgabe (M. -.50) lieferbar.
Viel wertvolles Singgut bringt auch eine Reihe von 7 kleinen Liederblättern, eigens für die Jungscharen unter dem Titel: „Jungvolk singt!“ zusammengestellt von H. M. Sambeth, (Verlag Kepplerhaus Stuttgart, Einzelpreis 15 Pfg., ab 10 Stck. 10 Pfg.). Die Überschriften der einzelnen Blätter lauten:
1. „Lobgesang“, 2. „Morgen und Abend“, 3. „Zu Tisch“, 4. „Unterwegs“, 5. „Froh im Nest“, 6. „Zur Feier“, 7. „Am Feuer“. Sie eignen sich vorzüglich zum Gebrauch bei Treffen, Lagern und dergl.
Hiermit können wir die Liederbücher-Empfeh­lungen abschließen. Jedoch sollen noch einige Bücher genannt werden, weil sie in Kreisen der katholischen Jugend teilweise bereits bekannt und verbreitet sind. Zunächst das „St. Georgs-Lieder­buch“. Es besteht aus drei Teilen: „Lieder der Reiter­buben“, „Lieder der Landstraße“ und „Lieder am Feuer“. (Verlag Günther Wolff zu Plauen i. V.) Das Buch rühmt sich, „ein bisher in dieser Vollständigkeit nicht vorhandenes Bild des in der deutschen bündischen Jugend lebendigen Liedgutes“ zu geben. In der Tat hat man hier treu und brav gute Volkslieder mit vielem bedenklich stimmenden Material bunt durcheinander abgedruckt. Auf dieses Buch kann man das eingangs über Sammelliederbücher Gesagte fast restlos anwenden. Da findet sich manch dürftiges, unwahrhaftiges Zeug. Das Vorwort ist bezeichnend: „Weil unsere Lieder gesungene Bekenntnisse sind, daher durfte um seines Inhaltes willen manches Lied aufgenommen werden, gegen dessen Form sich künstlerische Bedenken erheben lassen“.(!) Man kann doch Form und Inhalt nicht so einfach trennen! Ein formloses Bekenntnis ist eben ein Bekenntnis zur Formlosigkeit, oder – ein Armutszeugnis. Da hilft keine Entschuldigung.
Das gleiche wäre über Fritz Sotkes „Unsere Lieder“ (Sauerland-Verlag, Iserlohn) und seine sonstigen Veröffentlichungen zu sagen. Sie wurden früher viel benutzt, sind aber recht dürftig und fehlerhaft. – Sammelliederbücher gibt es noch eine Unmenge, da sie heute leicht herzustellen sind. Die Haupt­arbeit haben ja die Führer der Singbewegung in langjähriger Forschungs- und Bildungstätigkeit geleistet. Bei den Herausgebern ist zwar guter Wille vorhanden, es fehlt aber an Gestaltungskraft, und der künstlerischen Sicherheit, die wir bei Walther Hensel so sehr bewundern müssen.
Die folgenden Hefte würden hier sicherlich nicht genannt werden, wenn nicht von unkundiger Seite versucht würde, solche Produkte als die vorbildlichen Liederbücher der heutigen Jungenschaft hinzustellen und in der katholischen Jugend zu verbreiten. Der Verlag Günther Wolff zu Plauen i. V. brachte neben anderen die folgenden Hefte heraus: „Wir traben in die Weite“ und „Aus grauer Städte Mauern“, bearbeitet von Robert Götz. Da strotzt es von manierierter Wildheit, von kitschiger Pathetik, von abgedroschenen Phrasen. Man spürt so recht die Unwahrhaftigkeit ihrer Entstehung; denn solch ein albernes Zeug hätte unter Landsknechten und Rittern niemals entstehen können.
Im gleichen Verlage erschienen auch die „Lieder der Südlegion“. Schade, daß es Jungführer gibt, die auf diesen internationalen Bluff hereinfallen. Nichts als schlimmster Musikdilettantismus! Es wimmelt nur so von Unmöglichkeiten „eigener wort- und tonformen einer südlicheren welt“, die „das urtümliche ihrer abstammung aus dem zauberkreis nordischer götterwelt und landschaft“ verraten. Ein trauriger Beweis, wohin man kommt, wenn man sich vom deutschen Volkslied abwendet, um möglichst international zu erscheinen und sensationell zu wirken. Einen ähnlichen, doch etwas besseren Versuch stellen die „Lieder des Bundes“ dar, im gleichen Verlag vom Musikant des deutschen Pfadfindertums herausgegeben. Hier spürt man wenigstens bei einigen Liedern ein Ringen um die Form. Druckreif sind sie jedoch noch nicht alle. Alle Liederbücher dieser letzten Abteilung zeigen deut­lich, daß ohne Schulung in musikalischen Dingen nicht geschafft werden kann und daß man die Architektur eines Liedes nicht aus dem Hemdärmel schütteln kann. Das Lied braucht Reife und Können.
Jungschararbeit ist Aufbauarbeit. Auch in der Singstunde. Dazu kann man kein schlechtes Baumaterial brauchen.[2]

[1] „Geuz“ ist eine holländische Verballhornung des französischen Wortes „gueux – Bettler“. „Geuzen“ wurde der Sammelname für eine gewaltbe­reite Gruppe, die aus Verbannten, Flüchtlingen, mit­tello­sen Adeligen und Rand­gruppen bestand. Sie machten Jagd auf spani­sche Schiffe. Da sie je­doch ohne Bestallung wa­ren, wurden sie als Seeräu­ber behandelt. Die „Wider­standsbe­wegung zu Wasser“ gegen die spanischen Herr­scher bekam danach mehr und mehr Unterstüt­zung aus allen Schichten der Bevölkerung.
[2] 8./9. Werkheft, Düsseldorf 1933: Jungen, wie sie sind – Bücher, die sie lesen, ein Werkheft von P. Horstmann SJ und Rektor Meurer, S. 29–32

Aus dem Leben der Jungschar
Hier soll einmal der Raum geschaffen werden für die Aussprache über das, was in der Jungschar wächst und lebt. Darum wird das hier Gesagte nicht endgültig sein, sondern es soll euch alle ansprechen und anregen zum Suchen und Formen.
Unser Singen.
In manchen Gruppen kann man von einer ausgesprochenen Singmüdigkeit reden, in anderen dagegen wird froh und ungehemmt gesungen. Es kommt darauf an, daß wir das rechte, dem Jungen und seinem Empfinden eignende Lied auswählen, daß wir es richtig einüben und richtig singen.
Jeder weiß, wie sehr es an rechtem Liedgut mangelt. Vieles, was die Jungschar singt, ist Liedgut der Jungenschaft. Jungenlieder gibt es in Menge, Jungscharlieder dagegen wenig. Hier liegt eine Gefahr.
Das rechte Jungscharlied muß sich in Text und Melodie der Erlebniswelt der Jungen anpassen. Der Text muß möglichst irgendwie Handlung enthalten und einfache Gedanken, die dem Empfinden des Jungen entsprechen, über die er nachdenken und die er verstehen kann. Die Melodie muß einfach und klar im Aufbau sein.
Das Lied „Wir sind deine Jungen …“ ist gut in der Melodie, wenngleich manche Textstellen wie „Du aber bist der Brunnen im Herzen …“ für den Jungen reichlich schwer sind.
Wenn ich die Lieder „Kameraden, wir marschieren“ oder „Es leben die Soldaten“ hier anführe, wird mancher denken: Sooon Bart. Aber wie kommt es, daß diese Lieder so viel gesungen sind? Allein daher, weil man fühlt: Aha, hier ist ein Lied, das unseren Kerlen liegt. Und es ist ja tatsächlich so bei diesen Liedern: Text und Melodie sind für jeden Jungen begreiflich.
Nun stimmt es längst nicht immer, daß jedes Lied, das den Kerlen gefällt, für die Jungschar geeignet ist. Wenn das Empfinden der Kerle gesund und unverbogen wäre, könnte es so sein. Zumeist aber ist das Empfinden nicht mehr ganz gesund, und darum ist es notwendig, für seine Gesundung zu sorgen und es nicht noch stärker verbiegen zu lassen.
Es ist freilich so, daß der Mangel an guten Liedern für die Jungschar äußerst stark ist, und daß es unbedingt notwendig ist, auf diesem Gebiete Neues zu schaffen.
Allen Führern aber unserer Jungschargruppen muß klar sein: „Gloria Dei“ ist auch hier die wesentliche Aufgabe, das Lob Gottes. Alles rechte und schöne Singen von jungen Christen ist Lob Gottes. Aber es geht hier besonders um das unmittelbare Lob Gottes: das religiöse Lied, das Kirchenlied. Es gibt einen ganzen Schatz davon in unseren Liederbüchern. Natürlich darf nicht damit übertrieben und überfüttert werden, aber in jeder Heimstunde ein religiöses Lied muß Regel sein, und im Laufe eines Jahres eine ganze Reihe neuer religiöser Lieder mit vielen Strophen lernen, muß eine Aufgabe sein!
Wichtig ist also zunächst das gute Lied. Doch fast gleich wichtig ist die Art des Einübens, vor allem dann, wenn das Lied nicht ganz für das Empfinden der Jungen sich eignet, wie es bis jetzt ja meist gewesen ist und auch weiterhin sein wird. Und gerade da sind große Fehler gemacht worden.
Der Jungführer verkündet feierlich: Heute wollen wir ein neues Lied lernen. Allenthalben lange Gesichter! Doch der Jungführer läßt sich nicht erweichen. Wozu ist er denn Jungführer! Der Text wird gepaukt, er spricht ihn vor, die Jungen sagen ihn nach. Darauf wird die Melodie auf die gleiche Weise gelernt. Kein Wort wird gesprochen, das den Jungen das Verständnis des Liedinhaltes erschließen könnte. Er steigt vor ihnen auf und versinkt bald wieder; ein Übel, das man mit in Kauf nehmen muß.
Wie ganz anders ist es, wenn der Jungführer mit keinem Wort davon spricht, daß ein neues Lied gelernt werden soll. Wenn er beginnt zu sprechen und den Kerlen in einer kleinen Erzählung den Inhalt des Liedes nahebringt; wenn er ihnen dann den Text vorspricht und sagt, daß es darauf auch eine Melodie gibt, dann werden die Kerle sie unbedingt singen wollen. Der Jungführer singt die ganze Melodie vor in sauberer Begleitung mit seiner Klampfe und läßt die Jungen Vers um Vers nachsingen. Unterdes und zwischendurch spricht er weiter, erklärt ganz kurz den Verlauf der Melodie, wie sie so lustig dahertanzt, wie der Rhythmus des Trommelschlages ist, daß die Melodie langsam daherschreitet wie ein Zug ernster Mönche, wie sie versucht, sich auf eine Höhe zu schwingen, dazu ein paarmal Anlauf nimmt und dann, nachdem ihr der Sprung geglückt ist, wieder hinunterhüpft und noch manches andere. Dann wird das ganze Lied vom Jungführer noch einmal in Klampfenbegleitung sauber vorgesungen, während die Kerle still zuhören. Darauf dürfen sie mitsummen, dann endlich singen. Wenn darauf noch die Unreinheiten ausgemerzt sind, haben die Jungen das neue Lied wie im Fluge erlernt. Es mag wohl schon eine ziemliche Zeit gedauert haben, aber die Jungen haben es nicht gemerkt, es war ihnen nicht langweilig.
Nur nicht erst den Text pauken und dann die Melodie. Zusammen lernt sich beides leichter, weil dann die eine Erinnerung der anderen hilft.
Wenn das Lied es erlaubt, setzen wir uns auch einmal rittlings auf einen Stuhl und lassen ihn als Pferd „durch die Gegend“ hopsen. Oder wir hocken uns im Kreis auf den Boden. Oft teilen wir uns in Chor- und Vorsänger oder in zwei Halbchöre, je nachdem das Lied es erfordert. Bei „Es wollt ein Schneider wandern“ läßt es sich sehr gut machen, daß einer vorsingt und alle als Chor der Teufel einfallen. Der Luzifer muß natürlich besonders auftreten. So sind der Möglichkeiten eine Unmenge, wenn der Jungführer nur recht versteht, sie auszuwerten, und lebendig genug ist, neue zu finden.
Noch eins ist wichtig. Wir unterscheiden zwischen leise und laut, schnell und langsam. Wer singt heute noch leise? Überall herrscht die Unsitte, die Lieder zu brüllen anstatt zu singen. Ganz abgesehen davon, daß die Stimme des Jungen darunter leidet und allzubald heiser und klanglos wird, schlägt das Brüllen häufig genug das Lied tot, strengt die Kerle auch zu sehr an und verleidet das Singen. Die Jungen müssen erst wieder den Sinn für leises Singen bekommen. Lassen wir sie einmal eine Melodie summen, ganz leise und fein, sie werden spüren, daß das Lied ganz anders klingt als sonst. Sie werden darauf aufmerksam, was man alles in ein Lied hineinlegen kann, und werden erst jetzt dazu kommen, all seine Feinheiten zu verstehen.
Gut läßt sich das machen beim Singen eines Kanons, der aber nur dann gesungen werden kann, wenn eine Reihe von Jungen da ist, die eine gute Stimme und ein reines Gehör haben.
Wenn wir den Jungen auf diese Weise die verschiedenen Geschwindigkeiten und Lautstärken klargemacht haben – inzwischen können sie die Melodie sehr sicher singen, was besonders beim Kanon notwendig ist –, versuchen wir den Kanon mit zwei, dann mit drei Chören usw. Wir achten dabei auf das, was wir vorher geübt haben. Den Jungen wird das Singen viel Freude machen.
Wenn wir so mit den Jungen singen, wird es von ihnen nie als Last und notwendiges Übel empfunden, sondern im Gegenteil, sie werden mit Begeisterung dabeisein. Und dabei ist diese Art gar nicht so schwer. Man muß natürlich einmal den Versuch machen und anfangen. Wenn es das erstemal nicht gleich glänzend gelingt, so tröste dich damit, daß noch nie ein Meister vom Himmel gefallen ist.
A.L. [Adolf Lohmann][1]

[1] Der Jungführer, Heft 3/4, 1937, S. 139–141

Papst Franziskus äußerte sich zum Wert des Singens und der Musik am 4. März 2017 vor etwa 400 Teilnehmer eines Kongresses zu geistlicher Musik.

Link zum Artikel von Radio Vatikan

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Inhaltsverzeichnis der Reihe
„Karl Leisner und seine Lieder“

Artikel 1 Einführung
Artikel 2 Der Mensch als singendes Wesen
Artikel 3 Die Jugendbewegung und ihre Lieder
Artikel 4 Instrumente in der Jugendbewegung
Artikel 5 Liederbogen
Artikel 6 Liederbücher und Zeitschriften als Gesangshilfen
Artikel 7 Singen in Gemeinschaft – Singekreis
Artikel 8 Von Karl Leisner verwendete Liederbücher
Artikel 9 Von Karl Leisner gesungene Lieder (A – B)
Artikel 10 Von Karl Leisner gesungene Lieder (C – D)
Artikel 11 Von Karl Leisner gesungene Lieder (E – H)
Artikel 12 Von Karl Leisner gesungene Lieder (I – K)
Artikel 13 Von Karl Leisner gesungene Lieder (L – N)
Artikel 14 Von Karl Leisner gesungene Lieder (O – S)
Artikel 15 Von Karl Leisner gesungene Lieder (T – V)
Artikel 16 Von Karl Leisner gesungene Lieder (W – Z)
Artikel 17 Karl Leisners Zitate aus Liedern
Artikel 18 Singen unter verschiedenen Aspekten (1) – „Mit Sang und Klang“ (1)
Artikel 19 Singen unter verschiedenen Aspekten (2) – „Mit Sang und Klang“ (2)
Artikel 20 Singen unter verschiedenen Aspekten (3) – „Mit Sang und Klang“ (3)
Artikel 21 Singen unter verschiedenen Aspekten (4) – „Mit Sang und Klang“ (4)
Artikel 22 Singen unter verschiedenen Aspekten (5) – „Mit Sang und Klang“ (5)
Artikel 23 Singen unter verschiedenen Aspekten (6) – „Nicht schön, aber laut“
Artikel 24 Singen unter verschiedenen Aspekten (7) – Singen in der Weihnachtszeit
Artikel 25 Singen unter verschiedenen Aspekten (8) – Von Instrumenten begleitetes Singen