Karl Leisner und seine niederrheinische Heimat

Niederrhein

Karl Leisner kannte seine niederrheinische Heimat gut und war ihr sehr verbunden. Vom KZ Dachau aus verfolgte er mit Bedauern deren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Großen Anteil nähme er sicher an den Presseberichten über das Interesse der Menschen heute an der Kultur und der Geschichte seiner Heimat.

 

1937 im Reichsarbeitsdienst (RAD) war Karl Leisner von allem abgeschnitten, was sein Le­ben ausmachte: Familie und Heimat (Vom Niederrhein bin ich hier das ein­zige Kind.[1]), Ver­wandte und Bekannte, Kirche und Jugend­arbeit, Klassen­kameraden und Stu­dienkol­legen sowie Lehrer und Freunde.
Auf der Zugfahrt am 1. April 1937 in den RAD schaute er aus dem Fenster und schrieb in sein Tagebuch:
Die Stadt liegt im abendlichen Vorfrühlingsnebel. Wie oft sah ich dies Bild meiner Heimatstadt. – Mir greift’s wiederum ins Herz. Werd’ ich als rei­fer [Mensch/Mann] zurückkommen?

[1]    Karte von Karl Leisner vom 4.4.1937 an seine Familie

Aus dem RAD kam er zurück, aber nach seiner Verhaftung 1939 in St. Blasien, kehrte nur noch sein Leichnam zurück nach Kleve.
Aufmerksam verfolgte Karl Leisner vom KZ Dachau aus, was Schreckliches in seiner Heimat geschah. So schrieb er zum Beispiel am 7. Oktober 1944 an Walter Vinnen­berg:
Mein lieber Walter!
Es drängt mich, Dir nach langen Jahren wieder einmal persönlich treuen Gruß zu sagen. Von Willi höre ich über daheim hier und da von Dir. Am herrlichen Reichswald steht der Englän­der. Ich dachte heute noch an die „Schlacht“ am Puhl[1], wo wir Dir [im März 1928] Dein feines Sonntagshemd zerfetz­ten. Jetzt geht’s in unsern alten Jagdgründen ernst zu. Gott wird un­sere herrliche, liebe Heimat und unser Volk beschirmen. Das ist unser Hof­fen und Gebet.

[1]    auch Verhuvens-Puhl genannter kleiner Tümpel auf einer Lichtung im Reichswald in der Nähe der Sieben Quellen bei Nütterden – heute Bundeswehr-Übungs­ge­lände

Karl Leisner würde aus vollem Herzen zustimmen, wenn er in der Presse läse: „Es ist ein Irrglaube, dass sich die Verbrechen, die im Zeichen des Nationalsozialismus begangen wurden, nicht wiederholen können. Wir müssen die Geschichte in die Zukunft transportieren und im Bewusstsein der Vergangenheit die Gegenwart begreifen“. Mit diesen Worten eröffnete der Kranenburger Bürgermeister Günter Steins die Ausstellung „Operation Market Garden“ im Foyer des Rathauses Kranenburg.

Link zur RP ONLINE vom 10. September 2016

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Die Erinnerungsstele für die beiden ermordeten amerikanischen Soldaten vor dem Kranenburger Rathaus stammt von dem Bildhauer Dieter von Levetzow, der auch verschiedene Plastiken zu Karl Leisner geschaffen hat.

Siehe Link zu Dieter von Levetzow und Karl Leisner

 

 

Im folgenden Artikel berichtet Marianne Broekmann ausführlich über das, was am 27. September 1944 in Kranenburg geschah.

Link zur WAZ vom 20. September 2016

Was im September 1944 in Kranenburg geschah, erlebte Karl Leisner im KZ Dachau in vielfacher Weise, die Erschießung von Menschen.

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Mit froherem Herzen läse er gewiß folgenden Artikel über den Radausflug der St. Jakobus- und Johannesgilde aus Emmerich zu vier ihm wohl bekannten Kirchen seiner Heimat.

Link zur WAZ vom 20. September 2016

Besonders gut kannte er die Kirche St. Clemens in Wissel.[1]

[1]    Gründung eines Kanonikerstiftes im 9. Jh. – Errichtung der roma­nischen Kirche in der ersten Hälfte des 12. Jh. – spätgotische Chorer­wei­terung im 15. Jh.

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Kleve, Freitag, 28. März 1930
Um 16.00 Uhr setzte ich mich auf meine „Kiste“ (Rad) und fuhr über Schloß Moyland – Till, wo ich mir eben die ganz nette gotische Kirche [St. Vincen­tius] an­sah, nach Wissel. Vor dem eigentlichen Ort standen zwei große – echt [ty­pisch] nie­derrheinische Windmühlen. Von weitem sah man auch schon die roma­ni­schen Kirchtürme von [St. Clemens in] Wissel auftauchen. Bald lan­dete ich dann auch glück­lich an der Kirche. – Es ist eine stilechte, wunder­volle romani­sche Kirche. Nur ein Teil des Chores, der später ange­baut ist, ist gotisch. – Ich setzte mich zuerst etwas hin und ruhte mich von der Fahrt aus. Dabei betete ich still für mich. – Nun begann ich einen kleinen Rundgang durch das schöne Gottes­haus. Zum Teil waren noch sehr alte Sachen vor­handen. – Nachdem ich nun so ziemlich was gesehen hatte, setzte ich mich auf mein „Stahlroß“ und fuhr von dannen. Hinter Wissel rastete ich bei einem Bach (an einer Brücke) et­was. Es war herrlicher Sonnen­schein und Wetter zum „Eierlegen“. Ich fuhr über Till – Schloß Moyland – nach Bed­burg, wo ich mir die alte schöne (go­tische) Kirche [St. Markus] beschaute. Von dort gings durch den Sternbusch dem „Heimat­kral“ zu, wo ich um 18.30 Uhr lan­dete.

Wo immer Karl Leisner sich aufhielt, besuchte er auch die Kirchen, aber nicht nur als Tourist, sondern auch als Beter.

Zu seiner Zeit gab es am Niederrhein im deutschen Teil nur die Brücke in Wesel. Somit benutzte auch er oft die Ponte, um den Rhein zu überqueren.

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Rheinbrücke bei Emmerich
Vor Fertigstellung der Rhein­brücke 1965 gab es dort eine Auto- und Personenfähre.

 

 

Fotos Manfred Zentgraf, Gabriele Latzel und IKLK-Archiv