Karl Leisner und Worms

Worms_JohannaDie F.A.Z. vom 2. Juni 2016 brachte im Reiseblatt einen Artikel von Gundula Werger unter der Überschrift „Derbe Szenen soll es geben – Aber der Dom ist der Star: Ein Spaziergang durch die Nibelungenstadt Worms und eine Vorschau auf die Nibelungenfestspiele.“

 

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Im Gespräch mit Gestaltern der vom 15. bis 31. Juli 2016 stattfindenden Nibelungenfestspiele begibt sich Gundula Werger mit dem Leser „auf Schatzsuche im goldenen Worms“. Sie führt ihn zu den Schauplätzen der einzelnen „Events“ durch die mittelalterliche Stadt. Dabei fehlen weder geschichtliche Hintergründe noch kulinarische Genüsse. Und im Mittelpunkt des gesamten Geschehens steht immer wieder der geschichtsträchtige Dom.

Link zum Festspielprogramm (inzwischen gelöscht und für 2017 aktualisiert)

1932 beschäftigte sich Karl Leisner in einem Schulaufsatz mit dem Nibelungenlied.

Donnerstag, 28. Januar 1932
6.
Klassenaufsatz.
Eine Gestalt aus dem Nibelungenlied.

Das Nibelungenlied ist das schönste, furchtbarste, das deutscheste der deut­schen Heldenlieder. Die lieblichste und zugleich furchtbarste Gestalt des Liedes ist Kriemhild. Der Dichter versteht es meisterhaft, uns die liebende, trauernde und rachedürstende Frau lebendig vor Augen zu führen.
Kriemhild, die Tochter des Burgunderkönigs, wächst zu einer herrlichen, blü­henden Jungfrau heran. Zunächst will sie von Liebe nichts wissen; denn ihre Mutter hat ihr gesagt, Liebe endige immer in Leid. Als aber der tapfere Sieg­fried um sie wirbt, vergißt sie all ihre Bedenken und entbrennt in Liebe zu ihm. Allen hatte sie bis dahin widerstanden. Nur ihm kann sie sich nicht ver­sagen. So sehn wir sie als glückliche Braut und Gattin Siegfrieds. Sie zieht mit ihm nach Xanten und erlebt an seiner Seite Jahre reinsten Glücks. Sie gebärt Siegfried einen Sohn, und so ist ihr letztes Sehnen erfüllt. Aber nicht lange mehr sollte ihre Gatten- und Mutterfreude dauern. Nachdem sie schon zehn Jahre vom Hofe der Burgunder fern war, lädt ihr Bruder, der König Gunther, auf Drängen seiner Frau Brunhilde Siegfried und Kriem­hild ein, zu kommen. Sie stimmen zu und reisen an den Hof nach Worms. Hier werden sie in Liebe und mit Freuden empfangen. Zu ihren Ehren wer­den Festspiele ver­anstaltet. Dabei aber kommt es zum Streit zwischen Brun­hild und Kriemhild, wer schöner und stärker sei, Gunther oder Siegfried. Mit diesem Streit be­ginnen sich dunkle Wolken des Neides und Hasses in Brunhildens Herz zu­sammenzuballen. Sie ahnt, daß sie von Gunther betro­gen wurde, und erfährt es auch bald aus Kriemhilds Munde während des erregten Wort­wechsels vor der Kirchtür. Hiermit ist Brunhilde auf das al­lertiefste beleidigt, und jetzt sinnt sie auf Rache, auf Siegfrieds Ermordung. Hierzu gibt sich der ihr treu­ergebene grimme Hagen her. Durch seine Ränke, durch seine Hand fällt Siegfried, Kriemhildens über alles geliebter Mann. Als die Nichtahnende ihn von feigen Mörders Hand erschla­gen sieht, ist sie ganz untröstlich. Man möchte mitweinen und klagen, wenn man die Tieftraurige an der Bahre ihres Gatten zusammenbrechen sieht! – Sie trau­ert Jahre hindurch um ihn, aber aus ihrem ohnmächtigen Schmerz ent­wickelt sich immer stärker der Ge­dan­ke, Siegfried zu rächen. Als dann der Hunnenkönig Etzel um sie werben läßt, willigt sie ein, weil sie in der Heirat mit ihm die einzige Möglichkeit sieht, ihre Rache zu verwirklichen. Sie lebt nun als Königin der Hunnen am Hofe Etzels. Aber nicht ihm gehört ihr Herz, ihr Herz gehört ihrem ersten Gatten, und sie sinnt nur auf eins, auf blutige Rache. Dem Gedanken der Rache lebt sie, und er gibt ihr Mut wei­terzuleben. Endlich schreitet sie zur Tat, indem sie in erheuchelter Freund­lichkeit die Burgunden an ihren Hof lädt. Sie kommen, – sie die ihr ihr Kleinod, ihren höchsten Schatz, raubten, – ihren Siegfried. – Jetzt kann sie sich und ihn rächen, jetzt hat sie die Macht dazu. Ihr Herz wallt in satani­scher Freude und Lust auf. Jetzt hat sie die in ihren Klauen, die ihr des Le­bens Glück und Freude nahmen. Wie eine wilde Löwin rächt sie sich an ihren eigenen Ver­wandten. Erst, als sie dem letzten Burgunder, ihrem Tod­feind Hagen, mit eigener Hand das Haupt abgeschla­gen hat, ist ihr Rache­durst gestillt. – So wurde aus der zartfühlenden, edlen Jungfrau Kriem­hild durch das Schicksal eine rasende Teufelin, eine wilde Bestie, die selbst vor dem schrecklichsten Verbrechen, dem Mord, nicht zu­rückschreckt.

Gut

Im August 1932 besichtigte Karl Leisner auf der Fahrt mit seinen Freunden in die Schweiz die Stadt Worms.

Dienstag, 16. August 1932, 3. Tag
Ge­gen 16.30 Uhr starten wir nach Worms, nachdem wir uns vorher von uns­rem freundlichen Beherberger dankend verabschiedet hatten. Bald sind wir wieder auf der Straße längs des Rheins. Es ist ’ne Bullenhitze. Da sehn wir vor uns auf der Landstraß’ ’n Auto stehn. Wir fragen, ob sie uns nicht bis Worms mitnehmen könnten. Die Antwort war: „Ich glob’ ihr sit woll katho­lisch“ [Ich glaube, ihr seid wohl katholisch]. – Wir stellen unsre Rä­der an die Chaussee­bäume, ziehn uns die Badebux an und tummeln uns schwim­mend im Rhein rum. Hei, das tat gut. Über Guntersblum geht’s weiter. Wir sehn den Rhein nicht mehr von der Straße aus. Wir fahren, was das Zeug hält; denn wir hatten uns mit der Strecke doch etwas arg ver­schätzt. – Kurz vor Dunkelheit sind wir am Stadteingang von Worms. Da geht Manes [Her­mann Mies] der Träger kaputt. Er kommt zu Fuß nach. Wir fahren ohne Licht noch bis ungefähr zur DJH im Gymnasium [am Barbarossa­platz]. Gegen 21.00 Uhr sind wir da. Voll! – Wir können Notla­ger bekom­men. Egal, man rin! – Schnell kocht Willi einen Pfef­fer­minztee, wäh­rend ich für Brot etc. sorge. Gegen 22.00 Uhr sind wir fer­tig. Es geht auf die schmutzigen Stroh­säcke. Verflixt, was’n Mückenloch. Die ganze Nacht quä­len die Biester einen. Ge­pennt haben wir aber doch so leidlich.

Mittwoch, 17. August 1932, 4. Tag
In aller Herrgottsfrühe stan­den wir gegen 5.00–5.30 Uhr schon auf, brausten uns und verließen die JH gegen 6.00 Uhr, holten uns einen Ge­päckträger und so begann der 4. Tag.

Worms_DomUnser Morgenziel war der uralte Wormser Dom. Bald stehen wir vor ihm und stehen staunend vor der Wucht und Majestät des sagenumwo­benen Got­teshauses.[1] Alles ist massiv und gewaltig an diesem Bauwerk. Wir können gerade nach der 7.15-Uhr-Schulmesse den Innenraum anschauen, ohne den Obolus beim Küster zu entrichten. Das Innere ist ro­manisch-schlicht, fast kahl. Jedoch der wuchtige Barockaltar wiegt das auf. Auch hier ist Wucht. Außer ein paar Bischofsgräbern und einigen Altären gibt’s in der Eile nichts zu sehn, denn der Domkustos wirft uns höflich raus.

[1]    Karl Leisner dachte vermutlich an seinen Klassenaufsatz vom 28.1.1932 über das Nibelungenlied.

Auch 1936 auf der Fahrt ins Allgäu (1. bis 28.8.1936) kam Karl Leisner nach Worms. Über diese Fahrt sind in seinem Nachlaß keine Aufzeichnungen vorhanden. Die folgende Notiz stammt aus dem Fahrtenbuch von Wilhelm Elshoff.

Mittwoch, 5. August 1936, 5. Tag
Um 11.15 Uhr standen wir vor dem Dom in Worms. Ein Führer zeigte uns die Gräber der deutschen Kaiser und Könige und machte uns auf beson­dere Sehenswürdigkeiten aufmerksam. Hinter Worms machten wir unsere Mittags­rast.

Während seiner Haft im Gefängnis von Freiburg beschäftigte sich Karl Leisner erneut mit den Nibelungen.

Dienstag, 28. November 1939
Karl Leisner aus dem Gefängnis in Freiburg/Br. an seine Familie in Kleve:
Meine Lieben daheim!
Bis 19.00 Uhr bete und lese ich dann noch. Die letzte halbe Stunde in einer „Deutschen Helden­sage“[1]. Die Nibe­lungen und Gudrun habe ich schon gelesen. Das ist herrlich.

[1]    Vermutlich: Weiß, Eckehart: Nibelungen- und Gudrun­lied, Leipzig 1922

Quelle des Fotos: Karl-Leisner-Archiv