Karl Leisner war ein großer Ökumeniker

1935

Gewiß hätte er das mit dem heutigen Reformationstag, dem 31. Oktober 2016, beginnende Jubiläumsjahr, in dem sich am 31. Oktober 2017 die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers zum 500. Mal jährt, mit großem Interesse verfolgt.
Zahlreiche Begebenheiten zeigen seine Offenheit und Weite gegenüber den Protestanten.

Der IKLK fühlte sich bereits bei seiner Gründung vor 40 Jahren dieser Haltung verpflichtet; denn bei der Aufnahme von Mitgliedern gibt es keinerlei Einschränkungen in Bezug auf die Religionszugehörigkeit

 

Schon als Junge hatte Karl Leisner keine Berüh­rungsscheu vor evangelischen Christen. Viele seiner Freunde waren Pro­testanten. Am 22. April 1925 kam er auf das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Kleve und saß dort sieben Jahre neben seinem evangelischen Mitschüler Hermann Ringsdorff.[1] Mit ihm stand er sein Leben lang in Kontakt.

[1]     Dr. rer. pol. Hermann Ringsdorff (* 25.3.1913 in Essen/Ruhr, evangelisch getauft, † 14.10.2002) – Er studierte nach dem Abitur zunächst zwei Semester evangelische Theolo­gie in Bonn, wohnte Bergstr. 211 bei Frau Ganter, zusammen mit den Konabi­turienten Hermann Mies und Jupp Gerlings, war Universitätsassistent im Fachbereich Altes Testa­ment, promovierte aber auf Wunsch des Vaters zum Dr. rer. pol., um als Verkaufs­direktor die Ringsdorffwerke in Bonn zu übernehmen. 1937 verlobte er sich mit seiner späteren Frau Margot Schloenbach. Im Zweiten Weltkrieg war er Oberleutnant im Kavalleriere­giment von Philipp Freiherr von Boeselager (1917–2008), der mit seinen Offizieren dem militärischen Widerstand angehörte.
Hermann Ringsdorff aus Kalkar an Hans-Karl Seeger:
Im Zuge weiterer französischer Maßnahmen, dem aktiven und passiven Widerstand der Bevölkerung an der Ruhr Einhalt zu gebieten, wurde unsere Familie 1923 ins unbe­setzte Gebiet ausgewiesen. Mein Vater war als Reichsfinanzbeamter führend im Passi­ven Widerstand engagiert.
Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat Hermann Ringsdorff 1981 als Zeuge ausgesagt.
Ringsdorff-Werke
ringsdorffwerkeGründung als P. Ringsdorff oHG (offene Handelsgesellschaft) in Essen 1886 – Installation, Wartung u. Handel von elektrischen Be­leuch­­tungs- und Förderanlagen – Beginn der Herstellung von Natur­­graphitbürsten 1900 – Übersiedlung nach Bonn 1910 – Dort firmiert das Unternehmen heute als „SGL CARBON GmbH Werk Ringsdorff“ und zählt weltweit zu den führenden Herstellern von Produkten aus Carbon.

Hermann Ringsdorff aus Kalkar am 3. Dezember 1998 im Gespräch mit Hans-Karl Seeger:
Karl Leisner hat mich, den pietistisch erzoge­nen Jun­gen, als Schüler ge­fragt: „Bekreuzigst Du Dich, wenn Du morgens aufstehst?” – „Nein” – „Dann tue es nur!” – „Ich tue es auch heute noch.“ Das Kreuz war für Karl Leisner etwas ganz Wichti­ges. Es war so, als wäre in ihm das Märtyrer-sein-Müssen schon ange­legt gewesen.

Daß Karl Leisner auch eine gute Beziehung zu anderen evangelischen Klassenkameraden hatte, zeigt sich unter anderem darin, daß einige von ihnen im Seligsprechungs- bzw. Märtyrerprozeß ausgesagt haben, so zum Beispiel:
Dr. med. dent. Otto (Ött) Andrae (* 27.11.1912 in Kalkar, evangelisch getauft, † 1991) – Er wechselte Ostern 1929 von der Rektoratsschule in Kalkar in die Obertertia des Gym­nasi­ums in Kleve und war Konabiturient von Karl Leisner. Er trug als erster aus der Klasse lange Hosen und Schlips, wurde Zahnarzt und übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg die Pra­xis seines Vaters. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.
Karl-Heinz Schulz (* 18.3.1912 in Moers, evangelisch getauft, † nach 1981) – Molke­reileiter in Neu­stadt an der Weinstr. – Im Seligsprechungsprozeß 1981 und Martyrerpro­zeß 1990 für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.

Als am 3. Februar 1927 die Gruppe St. Werner gegründet wurde, deren Mitglieder zunächst alle aus der Quinta des Gymnasiums in Kleve stammten, waren die ersten Mitglieder alle katholisch, aber sie hatten keine Scheu, mit evangelischen Jungen etwas zu unternehmen.

Karl Leisners ehemaliger Lehrer und Mentor Walter Vinnenberg[1] brachte Karl Leisners Gruppe mit gleichaltrigen evangelischen Jungen zusammen, so zum Beispiel am Sonntag, dem 26. Juni 1932, beim Johannisfeuer.
An Leuten waren da: Die Jungkreuzbundmädchen, die Sturmschar Mater­born, die „C.-P.-ler“ [Evangeli­schen Christlichen Pfadfinder] und wir [vom Katholi­schen Wandervogel].

[1]    Prälat Dr. phil. Walter Vinnenberg (* 8.6.1901 in Lippstadt, † 1.12.1984 in Bocholt) – Priesterweihe 27.2.1926 in Münster – Kaplan in Kleve St. Mariä Himmelfahrt u. Religionslehrer am Gymnasium in Kleve in allen Klassen 1.4.1926 bis Pfingsten 1929 – Außerdem unterrichtete er Hebräisch und Sport und leitete eine religionsphilosophische Arbeitsgemeinschaft. Später unterrichtete er auch Französisch. Er gewann Karl Leisner für die Jugendarbeit und gab den Anstoß zur Gruppenbildung. Mit den Jungen unternahm er zahlreiche Fahrten auch noch nach seiner Tätigkeit in Kleve.

* * * * *

Auf der Gruppenfahrt nach Rügen erwähnt Karl Leisner eine Begegnung mit zwei protestantischen Missionaren.

Hamburg, Donnerstag, 8. August 1929, 6. Tag
Von Lübeck gings nach Büt­zow. Eine Station vorher stiegen ein protestanti­scher deutscher und ein indischer Missio­nar zu uns in den Zug. Der Inder sprach uns allerhand auf tamulisch [tamilisch] vor, was uns der deutsche Missionar übersetzte. Zum Beispiel: Über die indische Schule, über indische Sitten und Gebräu­che. Hierbei zeigte der Inder uns viele Bil­der und das indische Trin­ken.

Flasche Hände Mund

Flasche Hände Mund

Er trank, wie die Figur zeigt, ohne da­bei die Lippen zu berühren und ohne zu „schlabbern“, während der Zug fuhr.
In Bützow mußten wir leider nach Rostock umsteigen, während die beiden protestantischen Missionare weiter nach Güstrow fuhren. Wir ver­abschie­deten uns herzlich von ihnen.

 

Im November 1929 freute er sich sehr über den „Brückentag“ auf Grund des Reformationsfestes.

Kleve, Donnerstag, 31. Oktober bis Sonntag, 3. November 1929
Kleine Ferien – Fein!
Dieses Jahr hatten wir es sauber. Am 31.10. war Reformationsfest der Evan­gelischen, am 1.11. Allerheiligen, am 2.11. Allerseelen (Eigentlich kein Fei­er­­­tag. – Doch diesen Tag bekamen wir an den Weihnachtsferien abge­zogen.) und am 3.11. war Sonntag. So hatten wir vier Tage frei! „Ia“!!

Zum Osterfest 1932 machte er folgenden Eintrag in sein Tagebuch:
Kleve, Sonntag, 27. März 1932, Ostersonntag
Auferstehungsfeier katholisch und protestantisch

Im Mai 1932 fand er mit seiner Jugendgruppe auf dem Weg zum Bundestag des Katholischen Wandervogels in Marienthal bei Wesel eine Übernachtungsmöglichkeit bei einer evangelischen Familie.

Monreberg, Freitag, 13. Mai 1932, 2. Tag
Auf der Landstraße irrten wir von Kilometer zu Kilometer weiter auf der Suche nach einer Lagerstätte. Auf gut Glück bogen wir irgendwo ein und sahen eine feine Obstwiese. Ich geh’ fragen. „Ja si­cher, gerne!“
Also los, Affen runter! Willi und ich schlagen das Zelt auf. – Den Tee kocht die Bauersfrau [Änne Sons]. Ich helfe mit und komme mit der Großmutter ins Ge­spräch. Ich hatte schon vorher an einem Wandkalender gesehen, daß die Familie protestantisch war. Wir redeten über die Gefahr des Bolsche­wismus und wie wir Christen beider Kirchen uns dagegen stemmen sollten. Ich erzählte der Frau so allerhand von den katholischen Jugendverbänden. Aus dem ganzen Leben konnte man das echtfromme Wesen der Familie er­kennen. Jawohl, es gibt gute Christen in beiden Kirchen! (Leider auch schlechte!) – Nach dem warmen Tee schliefen wir auf Decken, die wir noch bekamen, und nach dem anstrengenden Tag großartig. Willi[1] pennte mit Fränz [2] auf den Spänen in der Schreinerwerkstatt.[3]

[1]    Wilhelm (Willi) Josef Maria Antonius Leisner (* 9.5.1916 in Goch, † 24.8.2010 in Berlin) – Am 22.4.1934 übernahm er von seinem Bruder Karl das Amt des Bezirksjung­scharführers. Er bekam am 25.1.1940 die Dienstverpflichtung in der Rüstungs­­indu­strie bei Tele­funken in Berlin. Im Seligsprechungsprozeß 1981 und Martyrerpro­zeß 1990 für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.

[2]    Franz (Fränz) Ebben, genannt Schluff wegen Gehbeschwerden durch Blasen auf einer Wanderfahrt, (* 20.10.1920 in Kleve, † 30.9.1994 ebd.) – Nach der Volks­schule be­such­­te er die Höhere Landwirtschaftsschule in Kleve und wurde kaufmännischer Ange­stellter. Er gehörte zu der von Karl Leisner geführten Gruppe und hat am Pfingstlager 1932, an der Fahrt in die Bock­holter Berge 1932, der Baltrumfahrt 1933, der Pfingstfahrt 1934 und der Flan­dern­fahrt 1935 teilgenommen. 1940/1942 war er als Soldat in Norwegen und bis 1948 in russi­scher Gefangen­schaft. Dort erhielt er Anfang 1945 einen Brief mit einem Primizbild von Karl Leisner. Später arbeitete er in der Molkerei Wöhrmann zwi­schen Kal­kar und Marien­baum und war im IKLK lange Jahre als Beisitzer tätig. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leis­ner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

[3]    Die Jungen übernachteten bei Familie Wilhelm Sons/Bernhard Hardacker, Klein­bau­ern in Obrighoven-Lackhausen, Löhrhof 69, mit einer kleinen Schreine­rei. Das Haus hat sich seit 1932 kaum verändert, die Schreinerei gibt es jedoch nicht mehr. Magdalene Lause, geb. Hardacker (*27.11.1920, † 27.6.2009) erin­nerte sich an einen Jungen (Willi Leisner), der eine Behinderung an Hals und Rücken hatte. Sie besaß noch das Foto, das Karl Leisner an Familie Wilhelm Sons geschickt hatte.

Unsere Gastgeber Familie Sons; und wir als Gäste

Unsere Gastgeber Familie Sons und wir als Gäste

Familie Wilhelm Sons/Bernhard Hardacker aus Wesel am 31. Dezember 1933 an Karl Leisner in Kleve:
Herzlichen Segenswunsch zum Jahreswechsel sendet Ihnen, sowie Ihrer Grup­pe, Familie W.  Sons und B. Hardacker. Herzlichen Dank für Ihren Weih­nachtsgruß. Kämen Sie mit Ihrer Gruppe noch mal in diese Gegend, würden wir Sie gerne wieder aufnehmen.

 

Wesel, Samstag, 14. Mai 1932, 3. Tag
Um 7.00 Uhr raus! Die Bauersfrau [Änne Sons] kochte uns Griespapp. So konn­ten wir uns nach dem Zeltabbruch sofort an den „gedeckten Tisch“ set­zen. Nachher machten wir obenstehende Aufnahme. Wir bedankten uns und zo­gen los.

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Auf der Gruppenfahrt nach Baltrum erlebte Karl Leisner zum ersten Mal Diaspora.

Emden, Montag, 7. August 1933
Um 6.30 Uhr stehn wir auf, während Walter [Vinnenberg] im fast ganz evangelischen Emden nach einer katholischen Kirche sucht, um die Messe zu lesen. – Wir ma­chen uns fertig und packen unsre Sachen. Um 7.50 Uhr ist endlich der „Morgenpapp“ für uns fertig. Wir beten und essen. Um 8.15 Uhr heißt’s „Opstappen!“. Es eilt, wenn wir noch die Fähre nach Baltrum bekommen wollen. […] Wir fah­ren und tram­peln, als ob wir meersüchtig wären. Ab und zu kommen wir durch Dör­fer. Eins heißt Marien­hafe. Es hat zwei mächtige Kirchen aus Backstei­nen erbaut gegen die starken Winde, die vom Meere her wehn. Ma­rien-Hafe! In ganz protestanti­scher Gegend ein Name, der uns an die Mut­tergottes, an die katholische Zeit erin­nert.

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Während seiner Exerzitien in ’s-Heeren­berg notierte er am 8. De­zember 1933:
Ich bedaure aufs tiefste die Streitig­keiten in der Kirche unsrer getrennten Brüder in Christo – der Prote­s­tan­ten – , die sich in den letzten Wochen zu­getra­gen. [1]

[1]    Nach einem Brief von Walter Stempel aus Wesel vom Oktober 1997 an Hans-Karl Seeger:
Es handelt sich vermutlich um die generellen Aus­einan­dersetzungen, die damals theologisch und kir­chenpolitisch in der Evangeli­schen Kirche in Preu­ßen und in ganz Deutschland stattfanden. Es war kein Kampf der Evangeli­schen Kirche gegen den Staat, sondern ein innerhalb der Kirche ent­brann­ter Kampf um den vor Gott verantworteten Weg der Kirche in dem sich zunehmend totalitärer ge­bär­den­den Staat.
1933 überwog bis Mitte Juni im Protestan­tismus in Deutschland die Zustim­mung zum nationalen Aufbruch und zum Ende der Weimarer Republik. Durch die staatlich begrüßte und unter­stützte allgemeine Kir­chenwahl am 23.7.1933 kam es auf allen Ebenen zu einer Mehrheit der „Kirchenpar­tei“ der Glaubensbewegung „Deutscher Christen“, die weltanschaulich dem Einheit­sprin­zip und dem Führer- und Gehor­samsprinzip der NSDAP nahestand und einge­bunden war. Sie be­trieb sofort die organi­satorische Umbildung der Kirchen und ihrer Lei­tungsorgane. Dage­gen gründete Martin Niemöller, Pfarrer in Berlin, am 21.9.1933 den Pfarrer-Notbund. Damit begann die Bildung der „Be­kennenden Kirche“, der sofort ca. 2.300 Pfar­rer in Deutschland beitraten, ⅛ al­ler Pfar­rer. Im Rheinland hatte die (letzte) ordentli­che Synode am 23./24.8.1933 zum Bei­spiel spontan mit dem Sin­gen des Horst-Wessel-Liedes ge­schlossen!
In Preußen, in der Evangelischen Kirche der alt­preußischen Union, zu der auch das Rheinland ge­hörte, wählte man am 5.9.1933 den Pfarrer aus Kö­nigsberg, Ludwig Müller, zum preußischen Bischof, noch im glei­chen Monat wurde er „Reichsbischof“, genannt „Reibi“.
Am 13.11.1933 stellten sich die „Deutschen Christen“ bei der Sport­palast-Kund­gebung in Berlin mit der Forderung nach der Ab­schaffung des Al­ten Te­sta­men­tes bloß. Sie verloren viele Anhänger. Zwischen ihnen und der „Beken­nen­den Kir­che“ fand sich zunehmend eine kir­chenpoliti­sche Mitte, die sich ge­gen jede Poli­tisie­rung der Kirche wandte und die Wahrung der Ei­genstän­digkeit der kirch­li­chen Organe zum Ziel setzte.
Im Dezember 1933 war der Kirchenkampf im vollen Gang, die Evangeli­sche Jugend war zum größten Teil in die Hitler-Jugend über­führt worden. Den Pfar­rern, die kirchenpoli­tische Auseinander­setzungen führten, drohte man Amts­ent­hebung an.
Die Evangelische Kirche war organisatorisch, kirchenpolitisch und theolo­gisch in drei Gruppen zerbrochen: „Deutsche Christen“, „Be­kennende Kir­che“ und Mitte. Jede einzelne Gemeinde und jede Landeskirche suchte für sich einen Weg.

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Auch während seines Theologiestudiums setzte Karl Leisner sich mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Offenheit mit anderen Glaubensrichtungen auseinander.

Münster, Freitag, 11. Mai 1934
9.00–10.00 Uhr Schreiber[1]: Über die „Reformations­zeit“. Sehr auf­schlußreich und blickweitend. Es gibt nicht nur eine protestan­tisch-evangelische Reforma­tion des 15./16. Jahrhunderts, sondern auch eine ka­tholische. Aus Urkräften des ka­tholischen Gedanken­gutes bricht neues Leben aus den Elitekreisen der ita­lienischen Bruderschaften hervor. Das Wort „Gegen-Reformation“ fälschlich von einer rein protestanti­schen Geschichtsschrei­bung geprägt, die lange nicht unsere modernen Quellenstudien kannte. Selbst der große Ranke[2] da noch „rückständig“.

[1]    Prof. Prälat Dr. phil. Dr. theol. Georg Schreiber (* 5.1.1882 in Rüdershausen, † 24.2.1963 in Münster) – Prie­ster­weihe 7.4.1905 in Hildesheim – Professor für Kirchengeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 1917–1935 u. 1945–1951
Prof. Georg Schreiber hielt im SS 1934 am Donnerstag und Freitag eine Vorlesung über „Kirchengeschichte des Reformationszeitalters“.

[2]    Prof. Franz Leopold von Ranke (* 21.12.1795 in Wiehe, † 23.5.1886 in Berlin) – Histori­ker – Er erblickte in der Geschichts­forschung einen „Weg zur ahnenden Erkenntnis des gött­li­chen Wir­kens“.

Münster, Donnerstag, 17. Mai 1934
Schreiber äußerst tief Geschichte lehrend. Das ist doch was ande­res als das Getöne mancher protestanti­schen, geistig antiquierten Ge­schichts­bücher! Hei, katholisches Leben!

Im Kollegheft zu Professor Georg Schreibers Vorlesungen findet sich keine zeitliche Zuordnung der Diktate über die Kirchengeschichte des Reformati­onszeitalters. Daher ist im Folgenden die gesamte Mitschrift wiedergegeben.

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georgschreiber

 

 

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Zum Hören kam das vertiefende Lesen. Karl Leisner hatte keine Scheu, in evangelischen Schriften zu stöbern, wozu man damals noch eine eigene Erlaubnis brauchte.

Münster, Samstag, 23. No­vember 1935
Um 11.05 Uhr nach „Rücker“[1], wo wir im Lesesaal [Universitätslesesaal am Domplatz] herumpendel­ten – feine Neuent­deckungen. Unter anderem in der evangelischen [Schülerzeitschrift] Jungwacht [November-Nr. 1935] (vom CVJM [Christlichen Verein Junger Män­ner]) der Spruch: „Siegen kommt nicht von Liegen!“

[1]    Prof. Dr. theol. Dr. phil. Adolf Rücker, genannt Purim, von רופ pur (hebr.) = Los, Plural םירופ purim, (* 26.5.1880, † 13.11.1948) – Priesterweihe 23.6.1906 – Priester im Erzbistum Breslau/Wrocław/PL – Professor für Kunde des christlichen Orients, alte Kirchen­ge­schichte u. christli­che Archäologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 1928–1948

Münster, Diesntag, 26. November 1935
Ich probiere einmal statt Kollegs Privatstudium im Le­sesaal. ([Johann Peter] Kirsch [1861–1941] „Kir­chengeschichte“ – Zeitschriften (evangelische Theolo­gie) (aus allem spüre ich die gewaltige Sehnsucht nach Gott und zur einen hei­ligen Kirche. Wieviel Schönes steht und wächst auch bei den getrennten Brüdern!)

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Mit Hermann Ringsdorff hatte er ein ökumenisches Gespräch.

Kleve, Donnerstag, 2. Januar 1936
Mit Hermann plaudere ich morgens über Theologie. Er zeigt mir ‘ne gute Bibelkunde von seinem Profes­sor Thilo, der neben seinem Professorat noch ‘ne prakti­sche Pfarrstelle hat.[1] – Abends spazieren wir zusammen bis Donsbrüggen, und er erzählt mir vom Leidensweg der evange­lischen Kirche, der bekennen­den Brüder [in der Bekennenden Kir­che]. Im Gespräch ist christliche Höhe und Brudersinn.Furchtbar beschämend diese Dinge, die er mir erzählt von seiner Kirche. – „Ach – hätten wir doch christliche Einheit.“ Das ist mein Denken. Aber nur in christlicher Liebe und im Leiden der Zeit, die so groß und schwer ist, wird sie kommen. Unsere Generation ist der Samen, der sterben muß.[2] Ich glaube, es kommt durch uns und nach uns die Einheit. Das ist unsere Le­bens­auf­gabe: christliche Gaben der Liebe bringen für das Werk der Ein­heit im Glauben. – Es beginnt zu regnen. Fest und froh, in herrlicher Laune verab­schieden wir uns – beide einmal, so ist unser Hoffen, Priester nach dem Her­zen Gottes.

[1]    Thilo, Martin: Alttestamentliche Bibelkunde. Ein Handbuch für Bibelleser, Stutt­gart 1935
Prof. Dr. theol. Emil Martin Thilo (* 23.6.1876 in Borgholzhausen, † 14.3.1950 in Eitorf) – Pfarrer – Privatdozent für Altes Testament an der Rheinischen Friedrich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn

[2]    Karl Leisner dachte vermutlich an das Gleichniswort vom Weizenkorn (Joh 12,24) oder auch an den Satz von Tertullian „Semen est sanguis Christianorum – (lat.) = Samen [neuer Christen] ist das Blut der Christen [der Martyrer]“.

Karl Leisner am 28. Dezember 1936 an Walter Vin­nenberg:
Hermann[1], unser stud. paed. [Student der Pädagogik], wird Dir ja auch „tropfen­weise“ aus seiner Ar­beit schreiben. Er wohnt mit zwei Con­abiturienten zu­sammen.[2] Hermann Ringsdorff kennst Du ja davon. In den Weihnachtstagen trafen wir uns. Er leidet stark unter den bösen Verhältnis­sen im deutschen Protestantismus. Adam’s „Wesen des Katholizismus“[3] studierte er damals grade im Ver­gleich zu Heim’s „Wesen des Protestantis­mus“[4]. Bei allem Elend und aller getretenen Freiheit (manchmal möcht’ ich Eierbomben schmeißen!) ist’s doch fein, daß wir Christen uns langsam in­nerlich näher kommen. Und vielleicht – Gott weiß es – ist das der tiefste Sinn dieser elenden Zeit heute, daß wir uns zum Cor­pus Christi mysticum [Mysti­schen Leib Christi] durchleiden, zu der so heißersehnten Einheit der Kirche.

[1]     Karl Hermann (Manes) Joseph Mies (* 27.4.1915 in Kleve, † 27.1.1984 in Goch) – Klassenkamerad von Karl Leisner in der Volksschule Mittel­stadt u. am Gym­na­sium in Kleve –Mitglied der Jungkreuzbund­gruppe St. Werner – Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

[2]    Hermann Mies, Hermann Ringsdorff und Josef Gerlings wohnten in Bonn, Burg­straße 211, bei Frau Gan­ter.

[3]    Adam, Karl: Das Wesen des Katholizismus, Düsseldorf 81936

[4]    Heim, Karl: Das Wesen des evangelischen Christentums, Leipzig 1926

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Auch im Reichsarbeitsdienst, den Karl Leisner vom 1. April bis zum 23. Oktober 1937 in Sachsen und im Emsland ableistete, zeigt sich seine ökumenische Offenheit. Gleich zu Beginn bekam er einen Eindruck vom Leben in der Diaspora.

Oschatz, Samstag, 3. April 1937
An der Kapelle treffe ich den Hochwürdi­gen Herrn Pfarrer Gewinner[1] – wie abgepaßt. „Mit üblichem Schwein“, schrieb ich heim. […] Wir sind gleich Freunde. Los geht’s gleich mit dem kleinen DKW älteren Modells: Aber den König tragen wir bei uns in unserer Mitten im allerheiligsten Sakrament. Ihn dürfen wir zu stiller Fahrt beglei­ten. Er will zu einer Kranken in den Offizierswoh­nungen der Luftwaffe. – 10.00 Uhr zur Gräfin (von Harbu­val)-Chamare „Konver­titenunterricht“. Ich bleibe bis 12.30 Uhr in der Stadt (Trampkarte, Gene­ralstabs­karte von Oschatz und Umgebung besorgt, Kirche [St. Aegidien] angeschaut: Erinnert noch an die große katholi­sche Zeit in vielem […]) 12.30 Uhr Mit­tagessen bei der Gräfin und ihrem Gemahl, dem Rittmeister an der Re­mon­ten-Schule. – Feine Kultur beim Essen. – Rundfahrt nach Strehla. Vasen für die Kapelle geholt. Wir schmücken das schöne Gotteshaus, das aus ei­nem alten zerfalle­nen Tanz­saal hergerichtet wurde. – Bei der Fami­lie, die den Schlüssel verwaltet, sind wir zu Kaffee und Mohn­kuchen eingeladen, der mir schlecht bekommt. Ganz „internationale“ Gesellschaft. – Kinder aus Haar­lem, deren Eltern Heils­armisten sind, zu Be­such. Der alte Opa ist evan­ge­lisch. – Echt Diaspora! – Um 17.30 Uhr – nach dem Beten des Kreuz­wegs – starten wir nach Dah­len. 18.00 Uhr Abschied von­einander.

[1]    Maximilian (Max) Gewinner (* 8.2.1901 in Kronach/Oberfranken, † 3.1.1986) – Abitur am Gymnasium in Passau – Theologiestudium in München u. Innsbruck/A – Eintritt ins Prie­sterseminar in Schmochtitz (Diözese Meißen) – Prie­sterweihe 1.2.1931 – Pfarrvikar in Hu­bertusburg u. Oschatz 1934–1938 – Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

Dahlen, Mittwoch, 7. April 1937
Rühl Trupp 6, Abiturient, gut evangelisch, lerne ich ken­nen. Ein feiner bescheidener Mensch. (Schwarzer Schmaler). […]
Vom Dienst weg läßt der Chef [Oberstfeldmeister Walter Franz] mich in die Kan­tine holen. Dort sitzt er mit dem Dahlener Orts­grup­penleiter, einem Forstmeister. – Ein zweistündi­ges Gespräch entspinnt sich. Man will mich aus­horchen. „Was halten Sie von konfessionel­ler Schule? Judenfrage?[1] Kirche und Staat etc.“ Ich gebe ehr­lich und freiweg ohne jede Hemmung Bescheid. – Etwas zu sehr will ich imponieren und lasse mich dadurch zu weit aus. Die Klugheit und das Maß fehlen noch. – Sonst ist’s wohl recht geworden. Über Gefängnis[2], Erb­sünde wird Tf. [Truppführer] Kowzak, ein gekippter evangeli­scher Theologe[3], dazuge­holt. – Fm. [Feldmeister Thilo] Riemer mischt sich näselnd ein. – Sonst war’s ur­gemüt­lich und bequem, das Abendessen kriegte man serviert und guten Trank dazu. – Der Chef hat mich seit­dem aber nie mehr kommen lassen. Er hatte, scheint’s von einem Mal genug. Und um ruhiges, ehrliches, gemein­sames Wahrheitssuchen war’s ihm ja nicht zu tun. – Er wußte wohl, was er an mir hatte, und das war gut so.

[1]    Dies ist die einzige Tagebuchstelle, in der Karl Leisner die Juden erwähnt. Fami­lie Leisner kaufte noch in jüdischen Geschäften, nachdem dies bereits verboten war.
Hermann Ringsdorf aus Kalkar am 25.9.2001 an Hans-Karl Seeger:
Als er [Karl Leisner] 1936/1937 von Willi Joosten einmal auf das Juden­pro­blem angesprochen wurde, antwortete er: „Du hast doch im Geschichts­unter­richt gelernt, daß die Gottesmutter eine Jüdin war. Was sollte ich gegen sie und ihr Volk haben?“

[2]    Vermutlich dachte Karl Leisner an die Unbefleckte Empfängnis Mariens, auf Grund derer die katholische Kirche Maria als ohne Erbsünde empfangen verehrt.

[3]    Einen Theologiestudenten, der sein Studienfach ge­wechselt hat, bezeichnet man als gekippten Theologen.

In gleich­gesinn­ten Kameraden wie Franz Schöndorf[1] und dem Protestanten Walter Flämig[2] fand Karl Leisner gute und engste Freunde. Sie finden in seinen Tagebuchnotizen mehrfach Erwähnung.

Flämig

Walter Flämig

Franz Schöndorf

Franz Schöndorf

[1]    Dr. phil. Walter Flämig (* 8.10.1918 in Eilenburg, evangelisch getauft) – Abitur u. RAD 1937 – dort intensiver Kontakt mit Karl Leisner – Soldat im Zweiten Weltkrieg – Einsatz im Polenfeldzug – Verwundung in Rußland – Studium der Germanistik, Geographie u. Phi­lo­sophie in Leipzig 1942–1945 – Staatsexamen 1946 – Oberstufenlehrer am Gymna­sium 1946–1953 – Er erkrankte an Lungen-Tbc, wurde mit einem Pneumothorax behandelt, durfte aber nach seiner Gesundung den Lehrerberuf nicht mehr ausüben. Von 1953–1959 arbeitete er mit zwischenzeitlicher Promotion 1957 als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Leipzig. Anschließend war er bis zur Emeritierung 1983 wissenschaft­li­cher Arbeitsgruppen­leiter an der Akademie der Wissenschaften in Berlin.

[2]    Franz Schöndorfs Schwester Agnes Schöndorf-Zemann aus St. Ingbert, Koh­lenstr. 24, an Hans-Karl Seeger:
Franz Schöndorf (*als Sohn eines Schmiedemeisters 22.1.1918 in St. Ingbert, † an den Folgen einer Infek­tion als Assistent bei einer Operation 9.9.1944 im Reserve-Lazarett in Stettin/Szczecin/PL) – 1937 guter Ka­merad von Karl Leisner im RAD – Gaugraf im ND – zwei Jahre Studium der Theolo­gie in Eich­stätt für den Priesterberuf – Medi­zin­stu­dium mit dem Ziel Hirn­spezialist – Sein Vater wäre wegen einer Äußerung gegen Hitler fast ins KZ Dachau gekommen, wenn sich der Bürgermeister von St. Ingbert nicht für ihn eingesetzt hätte.

Dahlen, Dienstag, 13. April 1937
Am Abend (es kann auch morgen oder übermorgen gewesen sein) hal­ten die andern „Saufabend“. Franz S., Walter Fl. und ich – uns wird’s zu doof – wir schlei­chen uns hinter die Kammer mit Klampfe und Schiffer­klavier.[1] – Mondnacht – Jugenderinnerun­gen. Unser Ideal – Freund­­­­­­­­schaft – Singen: Das feinste Erlebnis! Wir drei haben uns beglückt ge­funden. Wir halten eine geistige Linie im Trupp hoch. Die Mistviecherei hört auf! – Das Triumvirat beginnt. Faktum est! [Es ist Tatsache!]

[1]    Ein Arbeitsmann aus einem anderen Trupp spielte das Schifferklavier.

Walter Flämig aus Leipzig am 12. Mai 2008 an Hans-Karl Seeger:
Als junger unerfahrener Abiturient war mir die Freundschaft erfahrener Stu­denten besonders wert. Die Gespräche und Diskussionen „hinter der Baracke“ haben mir die öde Zeit im Moor sehr erleichtert. Nach unserer Ent­lassung habe ich keine persönlichen Kontakte mehr gehabt – außer der Todes­nachricht von Franz Schöndorf.
Von der Seligsprechung Karl Leisners erfuhr ich durch die Presse, und ich durfte wohl annehmen, daß es sich um „unseren“ K. L. handelte. Aus der glei­chen Quelle habe ich erfahren, daß Papst Johannes Paul II. Karl Leisner zum Märtyrer erklärte. […]
Daß Karl Leisner angenommen hatte, ich wollte Theologie studieren, mag mit meinem allgemeinem „theologischen Interesse“ zusammenhängen, das ja in unseren gemeinsamen Gesprächen immer wieder deutlich wurde. […] Außer­dem bin ich evangelisch getauft, allein daraus könnte man eine mehr „lutheri­sche“ Einstellung erwarten. Gerade darin sehe ich das „spannende Element“ in unseren Emsland-Diskussionen.

Karl Leisner aus Dahlen am 24. April 1937, an Walter Vinnenberg in Coesfeld:
Grüß Gott, lieber Walter!
Nun sollst Du endlich von mir aus dem RAD hö­ren. […]
Der „tonus moralis“ [moralische Ton] unter den Kameraden ist oft „sub omnibus canonibus“[1], aber es gibt auch einige feine Kerls unter dem allgemeinen Schlamm, den ich in solcher Niedrigkeit und Verbreitung nicht für möglich gehalten hätte. Was entbehren doch diese armen Kerls. Sie haben ja oft eine derart kata­strophale „Erzie­hung“ erhalten. Im Prote­stantismus Sachsens hat’s doch arg flau gegan­gen. So Mischung zwischen Himbeerwasserchri­stentum und Katho­liken­hetze. Die Vorurteile und Greuelmärchen über die Kirche sind oft direkt zum Krank­lachen, wenn’s nicht so ernst wäre. Aber es gibt auch Suchende drunter. Und das macht froh.

[1]    Diese Redewendung ist abgeleitet vom lat. Substantiv canon = Regel, Norm, Richtschnur, bedeutet „unter aller Kritik“ und hat folglich keinerlei Bezug zu Kano­nen.

Georgsdorf, Dienstag, 22. Juni 1937
Coll. rel. con 2 came­rati pr. [Colloquium religiosum cum duobus sociis protestantibus – Re­ligiöse Gespräche mit zwei prote­stanti­schen Kame­ra­den.] – Fein! Wieder­vereini­gung im Glauben! – Dafür alles opfern!

Georgsdorf, Donnerstag, 15. Juli 1937
anstreichen

So ‘ne Sache. Wie im Nu schon neun Tage ver­strichen. Ich streiche (Kam­mer, Speisesaal, Tü­ren). Das Türenstreichen mit Walter oder Franz ist ganz feine Sache! Colla. [Colloquia – Ge­spräche].

 

 

Georgsdorf, Dienstag, 3. August 1937
0.00 bis 2.00 Uhr mit Walter auf Streife. Feines Ge­spräch über innere Haltung, über religiöse Dul­dung etc., heutige religiöse Situation und Me­thode. Fein! Exempla circa nos. [Beispiele um uns herum.]

* * * * *

Karl Leisner traf auch auf eine ungewöhnliche Ge­meinde mit ei­nem ihm außerordentlich sympathischen Pastor, dem evan­gelisch-altrefor­mierten Pfarrer Egbert Kolthoff[1], der ihn sehr beeindruckte.

[1]    kolthoff-egbertus  Egbert Kolthoff (* 6.1.1870 in Bunde, † 16.3.1954 in Veldhausen) – evan­gelisch-altrefor­mierter Pastor in Veldhausen 17.2.1895 bis 1.1.1940 – unverheiratet – Er gilt als profiliertester altre­for­mierter Theologe der ersten Hälfte des 20. Jh.

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Georgsdorf, Sonntag, 6. Juni 1937

Moorhof bei Georgsdorf

Moorhof bei Georgsdorf

18.00 Uhr raus mit Walter und Franz ins Moor. Bei einem einsa­men Moor­hof (etwa 2,5 km nörd­lich vom Lager) angeklopft. Bald das Ver­trauen der Leute gewonnen. Liebe, junge Frau [Johanna Kruse] mit köst­lichem eineinhalb jährigen Bu­ben [Heinrich]. Zwei kernige Bauern. – Milch mit „Beschütt“ [Zwieback] und guter Butter wird aufgetafelt. 70/80 Jahre steht das Haus schon da. Vor­her alte Torfbrennerei gewesen. Geplaudert und mit dem Jungen ge­spielt. Fein. Vor zwei bis drei Jah­ren in Veldhausen in der [evangelisch-]altrefor­mierten Kirche noch hollän­disch gepredigt (Pastor Kolt­hoff). Forschen![1]

Heinrich Kruse, 1937 eineinhalb Jahre alt, mit seiner Mutter Johanna und seiner Frau

Heinrich Kruse mit seiner Mutter Johanna und seiner Frau

[1]    Un­ter holländischem Einfluß hatte sich die altreformierte Gemeinde 1838 von der evange­lisch-reformierten (auch calvinistischen) Kirche der Grafschaft Bent­heim u. a. wegen Fragen des strengen Prädestinationsver­ständnisses, wegen der Einfüh­rung neuer Kirchengesänge (neben den bis dato ausschließlich üblichen vertonten Psal­men) und wegen der liberalen Tendenzen in den Predigten junger Pastoren getrennt.

Georgsdorf, Sonntag, 1. August 1937
Nach Veldhau­sen. Pastor Kolthoff nicht daheim. Die holländische Psal­men-Über­setzung[1] gese­hen.

[1]    Glotzbach, An­dreas (Hg.): De Psalmen voor deze Tijd, Bewerkt door An­dreas Glotzbach, van Loghum-Slaternus, Uitge­versmaatschappij N.V., Arnhem – in ’t Jaar MCMXXXVII
Pastor Fritz Baarlink[1] aus Veldhausen am 31. März 1998 an Hans-Karl Seeger:
Das holländische Gesangbuch (nur Psalmenbereinigung – die Reformierten singen die biblischen Psalmen in entsprechender Bereinigung von Jorissen und neuerdings auch neu bereimt noch heute nach der Genfer Melodie) war lange Zeit in unseren Gottesdiensten und entsprechend in den Hausan­dach­ten das einzige Liederbuch der altreformierten Gemeinde. Bis zum Ver­bot durch die Nazis 1936 wurden Gottesdienste ausschließ­lich in der nie­derlän­dischen Sprache gefeiert, auch für den kirchlichen Unterricht mußten nie­derlän­dische Psalmstrophen und Bibelverse aus­wendig gelernt werden.
Wenn bis 1936 die niederländische Sprache auch in Gottesdiensten, Lieder­bü­chern u. ä. benutzt wurde, spricht dies vielleicht dafür, daß 1838 bei der Spal­tung etli­che Niederländer hier über die Grenze gekommen waren.
Ab 1838 entstand in der Grafschaft Bentheim die Evangelisch-altreformierte Ge­meinde.

[1]    Fritz Baarlink (* 27.10.1957) – Ordination 19.5.1985 – Pastor der evange­lisch-altrefor­mier­ten Kirche in Veldhausen 27.10.1991

Georgsdorf, Sonntag, 15. August 1937, Mariä Himmelfahrt
Dann zum altre­formierten Pastor von Veldhausen Kolthoff. – Feine Ge­sprä­­che. Herrli­ches Ge­bet vor und nach Tisch. – Ich „erbe“ das holländi­sche Psalmen­buch [von Andreas Glotzbach] und kaufe mir das deut­sche.[1]

[1]    Es ist nicht klar, um welche deutsche Psalmen­über­setzung es sich handelt.

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Unter der Überschrift „»Herrliches Gebet vor und nach Tisch« Der katholische Märtyrer Karl Leisner als Gast von Pastor Kolthoff in Veldhausen“ verfaßte Karl Koch, ehemaliges evangelisches IKLK-Mitglied aus Nordhorn, folgenden Artikel in der Zeitschrift „Der Grenzbote“ vom14. Juni 1998:

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Unter der Überschrift „‚Er hatte einen feinen Charakter’ – In der Grafschaft Bentheim auf den Spuren Karl Leisners“ verfaßte Astrid Heimermann im Kirchenboten des Bistums Osnabrück Nr. 32 vom 9. August 1998 folgenden Artikel:

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Unter der Überschrift „Kolthoff-Gesprächspartner Karl Leisner erhält eine Gedenkstätte in Kleve“ verfaßte Karl Koch folgenden Artikel in der Zeitschrift „Der Grenzbote“ vom 22. April 2001:

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* * * * *

Karl Leisner lernte im RAD eine weitere evangelische Familie kennen, der er sich sehr verbunden fühlte.

Georgsdorf, Samstag, 3. bis Sonntag, 4. Juli 1937
Schließlich weiter nach Veldhausen. Wuchtiger Kirchturm![1] Für 30 Pfen­nig Waffeln. Dann zu Bü­ssemaker, Bäckerei. Hintenrum. Zwei feine Jungfräulein [Hanna und Diana Büssemaker][2] sitzen im Garten.[3] – Be­scheiden gefragt. – Enderfolg herrli­cher Tee­abend mit Ge­bäck und guten Sachen für uns drei! – Nett ge­plau­dert. Der „Alte“ [Hermann Büssemaker] kennt P. Ho. [Heinrich Horst­mann SJ] und seine Brüder. Interes­sant. – Ab­schieds­lieder. – Wir sind toll von Spaß.

[1]    wuchtigerkirchtumIn Veldhausen gibt es eine evangelisch-reformierte Kirche ohne bestimmtes Patro­­­­zi­nium. Der massive, aus gehauenem Stein erbaute Turm erreicht in drei Ab­sätzen (11 m, 9,60 m, 10,80 m) eine Höhe von 31,40 m. Bis in die Spitze der Kappe gemessen beträgt die Höhe 36,70 m.

[2]    Büssemaker, Familie
1. Generation:

Familie Hermann Büssemaker – Bäckerei in Veldhausen, Hauptstr. – äußerst kritische Ein­stellung der Famili­en­mitglieder gegenüber dem Nationalsozialismus
2. Generation:
2a. Hanna Büssemaker (* 12.7.1912, † 28.2.2006)
2b. Diana Büssemaker (* 25.9.1914, † 21.3.1988)

Hanna Büssemaker (rechts) mit Schwägerin

Hanna Büssemaker (rechts) mit Schwägerin

[3]    Heinz Sloot an Hans-Karl Seeger:
Die Bäckerfamilie Büssemaker gehörte der evangelisch-reformierten Kirchenge­meinde an. Zwischen den Häusern an der Hauptstraße in Veldhausen gibt es einen Zugang nach hinten in den zum Haus gehörenden Garten. Die Bäckerei wur­de später an den Bäcker Arends ver­pachtet. Bis auf die Schaufensterfront ist das Haus seit 1937 fast unverändert. Der Garten mußte einigen Nebengebäuden Platz machen. Hanna Büssemaker erinnerte sich 1998 noch sehr gut an die Besu­che von Karl Leis­ner. Er sei ein gern ge­sehener liebenswerter Gast gewe­sen. Be­son­ders gern habe er sich mit dem Vater unter­halten. Alle seien traurig gewesen, als er eines Abends mit den Freunden gekommen sei, um sich zu verab­schieden. Zum Ab­schied wurde ge­sungen.
(Heinz Sloot (* 19.4.1929 in Georgsdorf) – Wietmarschen-Füchtenfeld – Recherchen zu Karl Leisners Zeit im RAD im Emsland)

Hanna Büssemaker (rechts) mit Schwägerin

Haus Büssemaker, heute Arends

Georgsdorf, Sonntag, 1. August 1937
Dann zu Bäcker Hermann Büssemaker, Haupt­straße. Zum Abendessen ein­geladen. Brief fertig zur Post. Froher Ab­schied. Fein! 21.45 Uhr im Lager.

Georgsdorf, Sonntag, 15. August 1937, Mariä Himmelfahrt
Gespräch und Erzählen von der Romfahrt [22.5. bis 8.6.1936] bei Büsse­maker.

Sogar im Traum begegnete Karl Leisner das Thema Ökumene.

Münster, Montag, 6. De­zember 1937
In der Nacht träumte ich ganz interessant. Ich sitze im Hörsaal. Vor mir ein wundervoll „rassiges“ Mädel; wir kommen eng zueinander, lernen uns kennen. Sie entdeckt sich als Protestantin und zeigt mir ein neue­res evange­lisches Buch und bittet mich um meine Mei­nung als katholischer Theologe; darüber werd’ ich wach. – Interessant.

Die Nachhaltigkeit von Karl Leisners ökumenischen Begegnungen während seiner Zeit im RAD zeigt sich in folgendem Tagebucheintrag:

Das alte Jahr 1937
Was wird der RAD bringen? Und die Freund­schaft mit Franz und Walter, das war Gewinn. Und Pastor Kolthoff in Veldhausen. O – das war alles so fein!

* * * * *

Karl Leisners Priesterweihe und Primz im KZ Dachau war ein außerordentliches ökumenisches Ereignis. Es läßt sich nicht mehr bis auf den letzten Mann nach­vollziehen, wer in der Kapelle bei der Weihe anwe­send war. Daher stellt sich die Frage, ob und wie viele evangelische Geistliche an der Prie­sterweihe teilgenommen ha­ben. Laut Gabriel Piguet war es nur einer, ver­mut­lich Pfarrer Christian Reger[1].

[1]    Christian Reger (* 10.3.1905 in Bruchsal, † 12.10.1985 in Lorch-Weitmars) – evange­li­scher Pfarrer in Steglitz 1932 – Er kam wegen staatsfeindlicher Äußerungen am 11.7.1941 ins KZ Dachau, hat an Karl Leisners Priester­weihe teilgenommen und wurde am 3.4.1945 entlassen. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

Gabriel Piguet[1]:
Um mich herum befanden sich zuerst Priester aus der Diözese Münster, alle Seminar­isten, für die ich bevorzugte Plätze ge­fordert hatte, zahl­reiche Priester, die Gruppen verschiedener Na­tionen vertraten, und ein evan­geli­scher Pfarrer, der die Zeremonien sehen wollte und der einem Priester ge­holfen hatte, meine liturgischen San­dalen anzufertigen.[2]

[1]    Bischof Gabriel Emmanuel Joseph Piguet von Cler­mont (* 24.2.1887 in Ma­con-sur-Saône/Saône-et-Loire/F, † 3.7.1952) – Priesterweihe 2.7.1910 in Paris (St. Sul­pice) – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Autun/Saône-et-Loire/F 27.2.1934 – Wahl­spruch „Verita­tem in caritate – Wahrhaftig in der Liebe“ (Eph 4,15) – Bischof von Clermont 11.3.1934 – Er kam am 6.9.1944 ins KZ Da­chau und dort am 25.9.1944 auf Block 26, am 22.1.1945 kam er in den „Ehrenbun­ker“ und wurde am 4.5.1945 von den Amerikanern auf der Evakuie­rungs­fahrt vom 24.4.1945 nach Südti­rol in Niederdorf/Villabassa/I be­freit.

[2]    Piguet, Gabriel: Mgr Gabriel Piguet. évêque de Clermont. Prison et déporta­tion. Témoignage d’un Évêque fran­çais [Bischof Gabriel Piguet, Bi­schof von Cler­mont, Ge­fan­genschaft und Deportation, Zeugnis eines fran­zö­si­schen Bi­schofs], Paris 1947: 104

KZ-Priester Antonius Bornefeld am 12. September 1979 im Gespräch mit Albert Eise jun. in Wadersloh:
Bei der Priesterweihe von Karl Leisner haben die evange­lischen Pfarrer die Wache am Tor übernommen und somit auch das Risiko einer Bestra­fung auf sich genommen, um möglichst vielen katholischen Geistlichen die Teilnahme zu ermögli­chen, die nicht vom Block 26 waren.[1]

[1]    Eise, Albert: Priester im Konzentrationslager Dachau. Wissenschaftliche Zulassungsarbeit, Münster 1980, (Typoskript): 138

Präses Dr. Ernst Wilm[1], Senior der evangelischen Pfarrer im KZ Dachau, am 3. Januar 1976 an Wil­helm Haas in Kleve:
An dem feierlichen Hochamt mit der Priester­weihe von Karl Leisner haben wir evangelischen Geistli­chen nicht teilgenommen, weil die Kapel­le sowieso die anwesende Gemeinde der katholi­schen Prie­ster kaum fas­sen konnte. Wir evangelischen Pfar­rer hatten es uns aber zur besonderen Ehre ange­rechnet, [am Primiz­tag] dem neuge­weihten Prie­ster, seinem Bi­schof und den Assi­stenten und Conzelebranten ein schlichtes Essen auf gedeck­tem Tisch, soweit man das im Lager heranschaf­fen bzw. „organi­sieren“ konnte, zu bereiten. Und ich weiß noch, wie sich Bruder Leisner über diese brüderlich-ökumenische Gastfreund­schaft gefreut und da­für ge­dankt hat.[2]

[1]    Evangelischer Pastor Dr. theol. h. c. Ernst Wilm (* 27.8.1901 in Reinswalde/Złotnik/PL, † 1.3.1989 in Lübbecke) – Ordination 16.1.1927 – Er kam wegen Stellungnahme zur Euthanasie am 22.5.1942 ins KZ Dachau, nach kurzem Aufenthalt im Quarantäneblock auf Block 26/3 und wurde am 2.1.1945 entlassen. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

[2]    Haas, Wilhelm: Christus meine Leidenschaft. Karl Leisner. Sein Leben in Bildern und Doku­menten, Kevelaer 11977, 21981, 31985: 57

Ernst Wilm:
So haben wir evangelischen Pfarrer – ich war zu der Zeit Senior der evan­gelischen Geistlichen im Konzentrationslager Dachau – an dieser Prie­ster­weihe und Primiz lebendig und mittragend teil­genommen. In das Hochamt mit der Priester­weihe konnten wir nicht gehen, weil unsere La­gerkapelle schon die katholischen Confra­tres nicht fassen konnte, aber wir haben un­sere Teil­nahme an dieser Priesterweihe unse­res Confra­ters und damit un­sere Ver­bundenheit mit ihm dadurch bezeugt, daß wir für ei­nen klei­nen Kreis der an der Weihehandlung unmittelbar Beteilig­ten in Stu­be 3 einen Tisch festlich (Blu­men, Tischtuch, Geschirr wurden dazu „organi­siert“) deckten und den Feiernden ein Mahl be­rei­te­ten.[1]

[1]    Seligsprechungsprozeß: 1466f.
Ähnlich äußerte sich Ernst Wilm beim Besuch von Papst Jo­hannes Paul II. 1987 in Münster, s. Kirche + Le­ben 1987 – Nr. 44 vom 1.11.1987: 20

KZ-Priester Johannes Sonnenschein aus Ahaus am 22. November 1995 an Hans-Karl Seeger:
An der Feier der Priesterweihe des Karl Leisner hat kein evangelischer Pfarrer teilgenommen. So hat es mir inzwischen auch noch der evangeli­sche Mitbru­der Max Lackmann bestätigt. Dies war der Grund: Mit Rück­sicht auf Leisners Atemnot und der schnell verbrauchten Luft in dem klei­nen Ba­rackenraum mußte die Zahl der Teilnehmer sehr eingeschränkt werden. Deshalb waren nur alle Münsteraner, die äl­testen „Senio­ren“, Theo­logie­studenten verschiedener Natio­nen (französische, polnische, bel­gische, nieder­ländische und andere), ein paar von Karl Leis­ner persön­­lich ein­geladene bekannte Häft­linge, sowie die Choral­schola (ca. 15 Per­so­nen) zu­gelassen. Erst gegen Ende der Feier füllte sich dennoch der Raum, da viele den Pri­mizse­gen erwarteten.[…] Die evangelischen Mitbrüder haben wohl eine Glückwunschadresse un­ter­schrieben. Nach dem Primizamt luden sie Karl ein, auf Stube 3 [von Block 26] zu ei­nem „Festfrühstück“, das sie gemeinsam aus ih­ren Paketen zusam­menge­stellt hatten.

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Auf ihren Glück­wunsch­brief haben die evangelischen Mitbrüder eine Art Andenkenbild­chen aus Karton geklebt, auf den in schwarz-roten Farben der Evan­gelientext Mk 13,35–36 ge­druckt ist:
So wachet nun, denn ihr wisset nicht, wann der Herr des Hauses kommt. Ob er kommt am Abend oder zur Mitternacht oder um den Hah­nenschrei oder des Morgens, auf daß er nicht schnell komme und finde euch schla­fend.

Ihre Widmung lautet:
Zu deiner Priesterweihe erbitten und wünschen wir dir, lieber Karl Leis­ner, Gottes Gnade, den Frieden unsres Herrn Jesus Christus und den Bei­stand des Heiligen Geistes, deine evangelischen Mitbrüder: Am 3. Sonn­tag im Advent 1944

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KZ-Priester P. Léon de Coninck SJ:
Fügen wir noch, um vollkom­men zu sein, hinzu, daß die protestanti­schen Geistlichen in großer Zahl ka­men, der Feier beizuwohnen, und sich an­bo­ten, mittags dem Primizianten ein üppiges Festmahl zu be­reiten, was eine ungeheure Aus­nahme von dem mehr als be­scheidenen Alltag be­deu­te­te.[1]

[1]    de Coninck, Léon: Priestergespräche in Dachau. Da­chau, Konzentrationslager für Priester. In: Stimmen der katholischen Welt. Überblick und Auslese, Heft 2, 1946: 67–85, hier 72f.

KZ-Priester P. Otto Pies SJ:
Treue Kameraden hatten für Karl ein gutes Mittagessen bereitet. Es sollte für ihn ein wah­res Festtagsmahl sein. Blumenkohl, Kalbs­bra­ten, Röst­kar­toffeln, Pudding und einge­machtes Obst! Für einen KZler unvor­stellbare Genüsse. Ein evangelischer Kollege und Kame­rad hatte das Beste, was er hatte, hergegeben, noch zu­sam­mengebettelt und den Fest­tags­­schmaus zu­be­reitet. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er das Fest­essen in der Kran­kenstube be­reiten las­sen.[1]

[1]    Pies, Otto: Stephanus heute. Karl Leisner. Prie­ster und Opfer, Kevelaer: Butzon & Bercker 1950: 173f.

KZ-Geistlicher Christian Reger:
Ich habe noch in Erinnerung, daß ich zur Feier des Tages aus der SS-Kü­che Porzellan durch Schliche besorgt habe und auf die Bitte eines anderen katholischen Geistlichen aus der Erzdi­özese Freiburg Rosenkohl kochte und ser­vierte. Es gab sogar Tischkarten und auf die Karte des Bischofs hatte einer geschrieben: „Reverendis­simus …“ [Hochwürdigster …]. Nach der Priester­weihe kam Karl Leisner in die Stube mit roten Backen, einem sichtbaren Zeichen des Fort­schritts seiner Krankheit, um den Se­gen zu ge­ben. Ich stand am Ofen mit einem Schürha­ken in der Hand und habe den Segen auf diese Weise dankbar empfangen.[1]

[1]    Seligsprechungsprozeß: 1263

KZ-Priester Heinz Römer:
Eine besondere Freude war es uns, daß Pfarrer Christian Reger als Ver­treter der evan­g. Kirche [anläßlich der Umbettung der Gebeine von Karl Leisner im Rahmen der Großen Viktortracht 1966 nach Xanten] gekommen war; hatte er doch am Tag der denkwürdigen Prie­sterweihe [Primiz] Karl Leisners wesentlich zur Gestal­tung der „sollemnitas ex­terna“ [äußeren Fest­feier], so­weit man im KZ von ei­ner solchen sprechen kann, beigetragen, indem er aus der SS-Küche an­ständiges Geschirr or­ganisierte, so daß der Neuge­weihte und sein Konsekrator einmal nicht aus dem Blech­napf sich ver­pflegen muß­ten.[1]

[1]    Heinz Römer in: Stimmen von Dachau, 1966/67 – Nr. 7: 1

KZ-Priester Hermann Scheipers:
Am 26.12.1944 feierte der DG [Diener Gottes] seine erste und einzige Messe. Die evange­lischen Geistlichen auf unserer Stube drei haben dem DG das Frühstück bereitet.[1]

[1]    Martyrerprozeß: 151

KZ-Priester Matthias Mertens:
In der Stube III waren inzwischen die evangeli­schen Pfarrer liebevoll be­müht gewesen, einen den Umständen nach glänzenden Frühstücks­tisch herzurichten. Nicht nur ein weißes Tisch­tuch und Porzellan zierten ihn – vorher nie ge­sehener Luxus im Lager –, sondern kostbarste Leckerbis­sen, die die Pfarrersfrauen geschickt hatten, luden den Neu­priester, den Bischof und den engsten Freundeskreis zu einer wohlver­dienten Stär­kung. Danach wurde es bald schon die höchste Zeit, dass der Kranke wie­der zur Krankenstube und damit zur Ruhe kam.[1]

[1]    Mertens, Matthias: Prie­sterweihe hinter Stacheldraht. Aus dem Kon­zentrationslager Dachau. Von Kaplan Matthias Mertens, Arosa. In: Neue Zürcher Nachrichten vom 28., 29., 30., 31.3. u. 1.4.1949. Ab­druck in: Gaesdoncker Blätter 1988: 14–26, hier 25

KZler Alfred Berchtold:
Karl Leisner hat sich der am 26. Dezember 1944 gegründeten Gruppe un­ter uns mitgefangenen katholischen und evangelischen Geistlichen ange­schlossen, die sich verpflichtet haben, jeden Tag ein „Vater Unser“, für die zu beten, die für unsere Verhaftung verantwortlich waren, ein­schließ­lich Himmler und Hitler. Nicht alle Priester im KZ haben sich dieses Ver­sprechen zu eigen gemacht. Das war höchstens ein Drittel aller mitgefan­genen Geistlichen. Ich habe Karl Leisner in der Freizeit ab und zu in der Kapelle in der An­betung des Allerheiligsten angetroffen. Karl Leisner hat mir gesagt, er glaube, daß sein Schicksal in der Hand Gottes liege und Gott alles so wenden werde, daß sein sehnlichster Wunsch, Priester zu werden, in Erfüllung gehen werde. Ich schließe daraus, daß Karl Leisner auch der Hoffnung war, wieder einmal in die Freiheit ent­lassen zu wer­den, weil ja sonst der Wunsch nach dem Priestertum im KZ Dachau nicht erfüllbar schien.[1]

[1]    Seligsprechungsprozeß: 1201

* * * * *

Am Samstag, dem 28. April 1945, begann Karl Leisner im KZ Dachau sein letztes Tagebuch. Auf die erste Seite schrieb er die sechste Strophe des Chorals „Befiehl du deine Wege“ aus dem evangelischen Gesang­buch. Karl Leisner vertraute auf Gottes Hilfe.

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„Hoff’, o du arme Seele, hoff’ und sei unver­zagt!
Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt,
mit großen Gnaden rücken. Erwarte nur die Zeit,
so wirst du schon erblicken die Sonn’ der schönsten Freud’!“

Siehe Aktuelles vom 26. Dezember 2015

Es bleibt offen, woher Karl Leisner das Lied kannte. Johannes Sonnenschein vermutete, daß Karl Leisner im KZ ein evangelisches Gesangbuch erworben hatte. Es könnte auch sein, daß er sein „Magnifikat“[1], das er mit ins KZ gebracht hatte; eingetauscht hat; denn später tauchte dieses bei dem evangelischen Pfarrer Hermann Endres[2] auf.

[1]    Katholisches Gebet- und Gesangbuch für die Erzdiözese Freiburg, Freiburg/Br. 1937
KZ-Priester Richard Schneider:
Ich habe Karl Leisner (KL) am Tage seiner Ankunft im Kon­zentrations­la­ger Dachau (Block 30) am 14.12.1940 kennenge­lernt. Ich war dort seit November 1940. KL wurde vom Lager Oranienburg-Sach­senhausen [KZ Sachsenhausen in Oranienburg] nach Dachau verlegt. KL war damals Diakon, wurde aber dem Priesterblock 30 zugeteilt. […] In der Hand hielt er dabei das Freibur­ger Diözesan-Gesangbuch „Magnificat“, das er auf irgendeine Weise in das Lager hatte ein­schmug­geln können. Wir waren darüber sehr froh, da­mit das erste Ge­sang- und Ge­betbuch in un­serem Priesterblock über­haupt zu haben, nach­dem uns alles – auch Bre­vier und Rosenkranz – bei der Einlieferung ab­genommen worden war. (Seligsprechungsprozeß: 1445)

[2]    Hermann Endres (* 5.4.1910 in Nürnberg, evangelisch getauft, † 2.1.1997) – Er war schon ab 1936 von München aus als Vikar für Dachau zuständig. 1941 wurde die Dachauer Ge­mein­de selbständig und bekam mit Hermann Endres einen eigenen Pfarrer. 1942 wurde er zur Wehrmacht einge­zogen, an die Ostfront geschickt und kehrte erst 1945 zu­rück. Wäh­rend seiner Abwesenheit oblag seiner Frau Elisabeth die Sorge für die Gemeinde. Sie über­nahm auch die Aufgabe der „stillen Vermittlerin“ zwischen der bayeri­schen Landes­kirche und den Häftlingen im Konzentrationslager (Lebensmittelhilfe). Her­mann Endres war bis 1946 Pfarrer in Dachau.

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Magnifikat. Katholisches Gebet- und Gesangbuch für die Erzdiözese Freiburg, Freiburg/Br. 1937
In dem im Nachlaß befindlichen Exemplar steht in der Handschrift von Wilhelm Haas:
28.8.1989 von H. Endres Breslauerstr. 23c, 8912 Landsberg, dem IKLK über­reicht. Sohn des evangelischen Pfarrers Hermann Endres von Dachau.

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Zum Thema Protestantismus und Reformation siehe auch Aktuelles vom 6. Juli 2015

Fotos IKLK-Archiv und Heinz Sloot