Karl Leisners „Begegnungen“ mit Pyramiden

 

Mark Lehner, Zahi Hawass
„Die Pyramiden von Gizeh“
Aus dem Englischen von Martina Fischer, Renate Heckendorf und Cornelius Hartz
Philipp von Zabern Verlag/WEG, Darmstadt 2017
560 S., Abb., geb., 129,- €.

 

 

Unter der Überschrift „Die Jäger des verlorenen Schatzes – Ein Standardwerk, doch etwas beschwerliche Lektüre: Mark Lehner und Zahi Hawass breiten aus, was sich über die Pyramiden und Gräberfelder von Gizeh definitiv wissen lässt.“ besprach Ulf von Rauchhaupt in der F.A.Z. vom 14. April 2018 das Buch.

Online-Version des Artikels unter FAZ.NET vom 21. Mai 2018

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Vermutlich hätte Karl Leisner das Buch interessiert.

Nach wie vor geben die zu den Sieben Weltwundern der Antike zählenden Pyramiden von Gizeh Rätsel auf.

„Bis heute ist ungeklärt, wie diese Meisterwerke der Architektur innerhalb eines Jahrhunderts errichtet werden konnten. Durch tausende von Fellachen unter Vernachlässigung der Ernte, im Hau-Ruck-Verfahren über Rampen? Der griechische Historiker Herodot (500-424 v.Chr.) behauptete, Cheops hätte über 100.000 Sklaven beschäftigt, der Bau der Großen Pyramide hätte 40 Jahre gedauert. Abgesehen davon, daß Herodot 2000 Jahre nach Cheops lebte und auf die Angaben ägyptischer Priester angewiesen war, ist dies kaum möglich: Cheops (2551-2528 v.Chr.) regierte nur 23 Jahre, und sein Nachfolger Chephren baute (angeblich) schon wieder die nächste Pyramide.“ (Michael Hesemann: Das Land der Götter in: Magazin für neues Bewußtwein Nr. 90, 1992: 62)
„Tatsache ist: Die Cheopspyramide war ursprünglich 146,6 Meter hoch. Das entspricht der Entfernung Erde-Sonne in Millionen Kilometern. Ihre durch die doppelte Höhe dividierte Grundfläche ergibt die Zahl Pi=3,1416. Sie liegt exakt im Schwerpunkt der Kontinente. Ein sie durchlaufender Meridian würde das Verhältnis Land/Wasser auf der Erde exakt angeben. Der Pyramiden-Winkel teilt das Nildelta in zwei gleiche Hälften. Ihr Durchmesser entspricht einer halben Längenminute am Erdäquator oder 1743.200 des Erdumfangs am Äquator, während ihre Höhe, mit 43.200 multipliziert, den Polarradius der Erde ergibt. Die drei Gizeh-Pyramiden sind untereinander im Pythagoreischen Dreieck ausgerichtet, deren Seiten stehen im Verhältnis 3:4:5. Mit der Pyramide läßt sich der Kugelinhalt wie auch die Kreisfläche berechnen. Sie ist ein Denkmal der Quadratur des Kreises. Der gesamte Flächeninhalt der vier Pyramiden-Seiten entspricht dem Quadrat der Pyramiden-Höhe. Die Seitenlänge der viereckigen Basis der Cheopspyramide ergibt 365,342 Ägyptische Ellen – das ist die Anzahl der Tage des tropischen Sonnenjahres. Und der Abstand der Pyramide vom Mittelpunkt der Erde ist genau so groß wie der Abstand zum Nordpol und entspricht damit der Entfernung Nordpol-Erdmittelpunkt. Die Reihe ließe sich sich beliebig fortsetzen und ergänzen durch die Berechnungen der „Pyramidologen“, die zudem prophetische Hinweise und Datierungen aus den Maßen der Cheopspyramide herauslesen wollen.“ (Hesemann: 63)

Bevor Karl Leisner sich 1934 in der Vorlesung von Peter Wust mit dem Begriff Pyramide beschäftigte, sah er 1932 während eines Besuches bei seiner Tante Helene Längin[1] und ihrer Familie in Karlsruhe das Wahrzeichen der Stadt, die Pyramide auf dem Marktplatz.
[1] Helene (Leni) Längin, geb. Schmitz (* 22.7.1874 in Kleve, † 25.3.1940 in Karlsruhe) – Schwester der 2. Mutter von Mutter Amalia Leisner: Maria Christine Dorothea Schmitz, verh. Falkenstein

Karlsruhe-Mühl­burg, Donnerstag, 18. August 1932, 5. Tag
Karlsruhe besichtigt
Den Morgen über besehen wir uns die badische Residenzstadt. […] Zunächst zum Schloßplatz, der ist die Spitze der Stadtanlage und die Hauptsache. An den badischen Ministerien vorbei kommen wir hin. Willi kann natürlich das Knipsen nicht lassen. Ein Maler steht auf dem lindenumstandenen Platz und malt eine Kindergruppe.
Das Schloß zeigt den alten Reichtum der badischen Groß­herzöge. Sie haben sich eine „Pfundsresi­denz“ angelegt – nach Plan; daher auch die großen breiten Straßen und Alleen. Dann geht’s zum Pyrami­denplatz [Markt­platz] – rings umstanden von Ge­bäuden im klassizistischen Stil: Landestheater[1] und son­stige Sachen der Art. – Ge­gen Mittag haben wir unsere „Gondel­fahrt“ durch die Stadt beendet – müde und voll von allem Sehen.

[1] Das Badische Landestheater stand am Schloßplatz. 1944 wurde es zerstört und später an anderer Stelle wieder aufgebaut. Am ursprünglichen Platz steht heute das Bundesverfassungsgericht.

Zu Professor Peter Wusts Vorlesung vom 17. Juli 1934 notierte Karl Leisner in seinem Tagebuch eigens den Begriff Pyramiden, obwohl dieser expressis verbis in der entsprechenden Universitätsmitschrift nicht vorkommt.

Münster, Dienstag, 17. Juli 1934
7.15 Uhr Peter Wust: Über den Begriff (Pyramiden!) – und Begriff und Sprache.

Aus der Vorlesung von Dienstag, 17. Juli 1934
Peter Wust: Noetik und Logik [Universitätsmitschrift Nr. 3, 62f.]
31. Diktat:
§ 28. (§§ 53–55) Aufbau des Begriffs
Seinem Aufbau nach ist der Begriff die geistig aufgefaßte Einheit jener wesentlichen Merkmale, die seinen Inhalt ausmachen und seinen gegenständ­lichen Geltungsbereich oder seinen Umfang abgrenzen. Demnach haben wir drei Aufbauelemente des Begriffs zu unterscheiden, nämlich die logische Form der Einheit seiner wesentlichen Merkmale (unum logicum), den Inhalt als sein quale und den Umfang als sein quantum.

Bei der Bildung des Begriffs wird abstrahiert (abgesehen) von den unwesent­lichen oder zufälligen Merkmalen, und nur die wesentlichen Merkmale wer­den festgehalten. Von den wesentlichen Merkmalen werden wiederum nur die ursprünglich wesentlichen oder konstitutiven Merkmale beachtet; die ab­ge­­leitet oder konsekutiv wesentlichen dagegen außer Betracht gelassen (zum Beispiel ist die Denkfähigkeit beim Menschen konstitutiv wesentlich, die Sprach­­fähigkeit jedoch konsekutiv wesentlich). Die ursprünglich wesent­li­chen Merkmale gliedern sich in die beiden Bestandteile des Allgemeinen und des Besonderen (notae communes und notae propriae). Das Allgemeine gibt die nächst höhere Gattung der Sache an (genus proximum), das Besondere enthält das artbestimmende Moment (differentia specifica). So ist zum Bei­spiel die animalitas für den Menschen dasjenige Merkmal, das er als Sin­nenwesen mit dem Tier gemeinsam hat (nota communis), die rationalitas dagegen dasjenige, was das Besondere seiner Gattung betrifft (differentia specifica).
Inhalt und Umfang des Begriffs stehen zueinander im Verhältnis der umge­kehrten Proportionalität, das heißt je größer [der] Inhalt um so kleiner der Umfang (Beispiel: Unter den Begriff Sinnenwesen fallen Tier und Mensch, unter den Begriff geistiges Sinnenwesen fällt nur der Mensch.)

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Pyramiden „begegnete“ Karl Leisner bei unterschiedlichen Gelegenheiten. So zum Beispiel am Lagerfeuer; denn dieses läßt sich erst entfachen, nachdem ein zuvor aufgebautes Pyramiden– oder Stapelfeuer etwas niederge­brannt ist.

 

An eine Zeltform erinnernde Pyramidendächer, vor allem an Kirchen, stehen unter anderem für das Unterwegssein des Menschen zu Gott.
Solche Dächer sah Karl Leisner zum Beispiel am Dom in Münster, an der Klosterkirche von Gerleve und am Osnabrücker Dom.

 Dom in Münster

Errichtung einer dreischiffigen Basilika als geschlossene Ordensanlage (monasterium) mit Kreuzgang, Klausur, Wohnungen für Kleriker und Wirtschaftshof auf dem Horsteberg durch Ludgerus 792 – Grundsteinlegung des heutigen Domes 1225 – Weihe auf das Patrozinium des Apostels Paulus 30.9.1264 – fast völlige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg – Wiederaufbau mit Wiederherstellung der kupfergedeckten Pyramidendächer des Nord- und Südturmes am Westwerk 1946-1956

Zum ersten Mal besuchte Karl Leisner den Dom in Münster während der Westfalenfahrt (3. – 18.8.1928). Damals beeindruckte ihn vor allem die innere Ausstattung.

Telgte, Freitag, 17. August 1928
Dann be­sichtigten wir das Rathaus und den Weinkeller [das „Stadtweinhaus“]; hierauf den herrli­chen Dom, mit dem großen Christophorus, den zwei Mar­morgrup­pen [Pieta und Kreuzabnahme] von [Wilhelm] Achtermann, der wunderba­ren [astronomi­schen] Uhr, die wir schlagen hörten.

Auf einer Ansichtskarte, die er auf der Rückseite mit dem Vermerk „Dom von Münster auf der Westfalenfahrt 1928 von innen und außen be­sich­tigt. 17.8.1928“ versehen hat, sind die Pyramidendächer zu erkennen.

Weitere Besuche folgten 1932 und 1933 sowie regelmäßig ab 1934 mit Beginn seines Studiums in Münster. Er wohnte dort im direkt dem Dom gegenüberliegenden Collegium Borromaeum. So fiel, wenn er das Haus verließ, sein Blick auch auf das Pyramidendach des Südturmes.

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Kloster Gerleve

Gründungstag des Klo­sters 19.9.1899 – Grundsteinle­gung 7.7.1901 – Beginn des Chorgebetes in der neu erbau­ten Kirche 10.6.1904 (Herz-Jesu-Fest) – Wäh­rend die Mönche früher vorwiegend auf Rü­benfeldern arbeiteten, bieten sie heute im Exer­zitien­haus Ludgeri­rast Menschen, die mit ihren Fragen und ih­rem Su­chen zu ihnen kom­men, Hilfe an.

In den Jahren 1937 und 1938 wurde die durch Witterungseinflüsse stark beschädigte Westfassade nach Plänen des Kölner Architekten Dominikus Böhm restauriert und mit zwei Pyramidenturmdächer umgestaltet.

Siehe auch Aktuelles vom 1. September 2013 – Karl Leisner und seine Exerzitien in Gerleve.

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Dom in Osnabrück

Gründung des Bistums Osnabrück durch Karl den Großen um 780 – erste Kirche 785 – Zerstörung durch die Nor­mannen 885 – Wieder­aufbau u. heutige Gestalt des spätromanischen Domes St. Petrus um 1100 – schwere Beschädigungen durch Bomben 13.9.1944 – Beim Wie­der­aufbau nach dem Krieg wurden anstelle der ursprünglichen Renaissance- und Barockdächer zwei Pyramidenturmdächer aufge­setzt.

Diepholz, Freitag, 18. August 1933
An der Marien­kirche vorbei zum Dom (Mischstil von gotik-barock Rosette – Orgel­spiel)

Münster, Freitag, 7. Dezember 1934
In Osnabrück vor dem Bahnhof wun­dervolle Abendstimmung: Vom herbst-winterli­chen rot-hellweißstrahlen­den Abend­sonnenhimmel hebt sich ab die Stadtsilhouette mit dem „un­gleich­türmigen“ Osnabrücker Dom, meinem lieben „alten Be­kann­ten“ vom vori­gen Jahr (Bal­trum-Fahrt [5. bis 19.8.1933]). Auf dem Bahn­hofsvorplatz ver­zehre ich in Ruhe mein Zehnuhr-Butterbrot mit dem heimatlichen Spe­ku­latius und den Printen.

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Die Sieben Weltwunder der Antike

WELTWUNDER ONLINE – Die sieben Weltwunder der Antike

Quelle der Fotos: Gabriele Latzel und Karl Leisner-Archiv

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Auf dem Serpentine-See des Londoner Hyde Parks schwimmt ein Vorläufer der Pyramiden: ein Mastaba.

Die Riesenmastaba des Schepseskaf, 4. Dynastie

Quelle der Fotos: Wikimedia Commons / Author: Jon Badsworth (abgerufen 19.06.2018)

 

Süddeutsche Zeitung vom 18. Juni 2018

– „Mastaba“ im Hyde Park – Groß, bunt und selfietauglich – Im Londoner Hyde Park präsentiert Verhüllungskünstler Christo seine jüngste Arbeit – eine Art Pyramide aus 7605 Ölfässern. Nicht nur Enten wundern sich über ein ‚Mastaba’“.

Basler Zeitung vom 18. Juni 2018«The Mastaba» schwimmt im Londoner Hyde Park – Christo hat im Londoner Hyde Park sein erstes grosses Aussenprojekt in Grossbritannien vorgestellt: Auf der Serpentine, mitten im Hyde Park, ruht «The Mastaba».