Karl Leisners Firmung

Karl Leisner 1934 in Ommerborn

Karl Leisners Entscheidung, sich firmen zu lassen, war kein Mitlaufen mit der Schulklasse, sondern von eigenen Überlegungen geprägt. Er wurde am 20. Juli 1927 mit seinem Bruder Willi von Bischof Dr. Johannes Poggenburg in der Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt in Kleve gefirmt.

Dieses Datum stimmt nicht mit den Eintragungen in noch vor­han­denen Kirchenbüchern überein; denn Karl Leisner hat sich nicht mit seiner ganzen Klasse zur Firmung am 22. Juli 1927 in der Unterstadtkirche St. Mariä Empfängnis gemeldet, sondern eigenständig gehandelt.

 

 

In Karl Leisners Geburtsort Rees ist im Tauf­buch der Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt Karl Leisners Firmung für den 22. Juli 1927 in Kleve eingetragen[1] und in Willi Leisners Geburtsort Goch ist im Tauf­buch der Pfarrgemeinde St. Maria Magdalena Willi Leisners Firmung ebenfalls für den 22. Juli 1927 in Kleve eingetragen.[2] An diesem Datum gab es eine Firmung in Kleve in der Unterstadtkirche St. Mariä Empfängnis.
[1] s. Taufbuch unten
[2] Brief des Bistumsarchivs Münster vom 2.10.2009 an Hans-Karl Seeger

Stiftskirche  in Kleve                           Unterstadtkirche in Kleve

 

 

 

 

 

 

 

 

St. Mariä Himmelfahrt in Rees      St. Maria Magdalena in Goch

Mit dem Firmdatum und Firmort verhält es sich wie folgt:
Will man erfahren, wann einem Menschen das Sa­krament der Firmung gespendet wurde, schaut man im Taufbuch nach, wo normalerweise auch Fir­mung, Eheschließung und Weihen eingetragen werden. Karl Leisners Firmung ist im Tauf­buch der Pfarrgemeinde Rees für den 22. Juli 1927 in Kleve eingetragen.

Firmbuch_ganz2jetzt (1)

 

Mutter Amalia Leisner hat im Seligspre­chungsprozeß beeidet, Karl sei am 20. Juli 1927 in Kleve in der Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt von Bi­schof Johannes Poggenburg gefirmt worden.[3]
[3] Im Protokoll in deutscher Sprache steht als Datum der 22. Juli 1927. Siehe Seligsprechungsprozeß: 140.
Im Protokoll in italienischer Übersetzung steht als Datum der 20. Juli 1927. Siehe Congregatio de Causis Sanctorum. P.N. 1332, Positio super martyrio Vol. II.: 601f.

Vermutlich ist Mutter Leisner zwischen der Abfassung des deutschen Protokolls und der späteren Übersetzung ins Italienische zur Erkenntnis des tatsächlichen Firmdatums 20. Juli 2017 gekommen.

René Lejeune nennt in seinem Buch über Karl Leis­ner als Firmdatum eben­falls den 20. Juli 1927.[4] Das Datum wird er von Mutter Leisner erfahren haben, mit der er ausführlich über Karl Leisners Leben gesprochen hat.
[4] Lejeune, René: Wie Gold im Feuer geläutert, Hauteville 1991: 292

Josef Perau, der anläßlich des Seligsprechungs­prozesses eine Karl Leisner-Biographie verfaßt hat, gibt als Firmdatum den 22. Juli 1927 in der Stifts­kir­che an.[5]
[5] Perau, Josef: Biographie Karl Leis­ners zur Seligsprechung 1996: 8

Pater Josef Vermeegen, ein Schulkamerad von Karl Leisner, hatte zunächst als Firmdatum den 22. Juli 1927 in der Unterstadtkirche St. Mariä Emp­fängnis angenommen, da auch er selbst dort gefirmt worden war.

Pater Josef Vermeegen am 5. Februar 1997 an Hans-Karl Seeger:
Ich könnte mir allerdings gut denken, wie Mutter Leisner zu ihrem Da­tum kommt: Damals kam der Bischof nur alle fünf Jahre in unserem De­kanat zur Firmung. Vielleicht hat der Bischof am 20. Juli 1927 in der Stifts­kirche und am 22. Juli 1927 in der Unterstadtkirche gefirmt. – Es wäre für mich nicht überra­schend, wenn K. L. auf Grund seiner personalen und lokalen Bindung an seine geliebte „Stiftskirche“ in unserer Gymnasial­gemeinschaft „ausgeschert“ wäre, um in der Stifts­kirche gefirmt zu wer­den.

Wir hatten als Gymnasialgemeinschaft gemeinsam unseren Firmun­terricht, wurden auch als Gymnasialge­meinschaft am 22. Juli (Fest der heiligen Maria Magda­lena, der Patro­nin der Pfarrkirche Goch) von Bi­schof Dr. Johannes Poggenburg ge­firmt und der Studiendirektor Dr. Bast war unser Firmpate.

Pater Josef Arnold Vermeegen SAC/ISch (* 21.2.1913 in Goch, † 24.3.2008 in Schön­statt) – Eintritt in die Sexta des Gymnasiums in Kleve 1926 – Abitur 7.3.1933 – Noviziat bei den Pal­lottinern in Olpe 1.5.1933–1.5.1935 – Priesterweihe 26.3.1939 in Limburg – Er kannte Karl Leisners Großeltern väterli­cherseits, da diese wie er in Goch wohnten. 1932/1933 war er als Oberprimaner in der gemischten Prima zusammen mit Karl Leisner als Unterprimaner und machte ihn auf Schönstatt aufmerksam. Nach der Gründung des Institutes der Schönstattpa­tres (ISch) am 18.7.1965 trat er diesem bei und machte am 18.10.1966 seine Ewig-Ver­tragsweihe als Schönstattpater.

Die Angaben von Pater Josef Vermeegen stimmen mit den Eintragungen in den noch vorhandenen Firmbüchern der Unterstadtkirche St. Mariä Empfängnis in Kleve überein, und in der langen Liste der 466 Firmlinge sind die Namen „Karl Leisner“ und „Willi Leisner“ eingetragen.

Im Zweiten Weltkrieg sind viele Unterlagen verlorengegangen, so auch im Generalvika­riat in Münster und im Archiv der Stiftskir­che in Kleve. Daher läßt sich nicht eindeutig feststellen, ob Bischof Johannes Poggenburg am 20. Juli 1927 in der Stifts­kirche gefirmt hat.
Im Stadtarchiv Kleve gibt es auch keine Zeitung von 1927, in der sich gegebenenfalls ein Bericht über eine Firmung am 20. Juli 1927 in der Stiftskirche befindet.
Auf Grund folgender Hinweise scheint sich das Datum jedoch zu bestätigen:
Im Stadtarchiv Kleve existiert eine durch Bürgermeister Dr. Hein­rich Wulff erstellte Chro­nik von 1927. Darin hat dieser in einem Nachtrag zum 19. Juli 1927 Bischof Dr. Johannes Poggenburgs Ankunft zur Firmung in Kleve ver­merkt.
Außerdem befindet sich im Foto­album von Walter Vin­nen­berg folgendes Foto mit der Unterschrift „In Erwar­tung des Bischofs – 19. Juli 1927“.

v.l.: Pfarrer Paul Hellraeth, Dechant Jakob Küppers, Kaplan Philipp Brockhausen,
Rektor Heinrich Josten, Kaplan Heinrich Maags sen., Kaplan Theodor Pasch,
Kaplan Hermann-Josef Wolffram, Kaplan Johannes Haefs

Ein weiteres Foto im Album von Walter Vin­nen­berg trägt die Unterschrift „Der Bischof wird abgeholt (Firmlinge) Cleve 19. Juli 1927“.

 

Der Bi­schof kann also durchaus am 20. Juli in der Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt gefirmt haben.

 

 

 

 

Erzbischof Dr. theol. Johannes Poggenburg (* 12.5.1868 in Ostbevern, † 5.1.1933 in Münster, beigesetzt im Westchor des Domes) – Prie­ster­weihe 15.6.1889 in Münster – Generalvikar im Bistum Münster 1911 – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Münster 16.10.1913 – Ernennung ehrenhalber zum Titularerzbischof von Nicopsis/Krim 1930

 

Wie mag Karl Leisner auf die Idee gekommen sein, sich in der Stiftskirche, losgelöst von seiner Schulklasse, firmen zu lassen?
In Karl Leisners Heimatpfarre St. Mariä Himmelfahrt (Stiftskirche) in Kleve war Jakob Küppers von 1899 bis 1909 Kaplan gewesen und ab 1918 dort Pfar­rer. Er kam gebürtig aus Goch, dem Geburts- und Wohnort von Karl Leisners Eltern. Familie Wilhelm Leisner zog 1921 von Rees nach Kleve und gehörte dort zur Pfarre St. Mariä Himmelfahrt. Vermutlich bestand seitdem ein persönlicher Kontakt zu Jakob Küppers. Daher ist es durchaus denkbar, daß Karl Leisner in seiner Heimat­pfarrkirche gefirmt werden wollte. Da er immer sehr um seinen jüngeren Bruder besorgt war, hat er ihn vermutlich einfach mitgenommen. Insgesamt ein für die 1920er Jahre sehr be­achtli­ches Unternehmen, von dem selbst die Büro­kratie, wie die Einträge in den Taufbüchern von Rees und Goch zeigen, überfordert war.

 

 

 

Jakob Küppers (* 22.7.1873 in Goch, † beim Luftangriff auf Kleve 7.10.1944) – Prie­ster­weihe 18.3.1899 in Münster – Kaplan in Kleve St. Mariä Himmelfahrt 1899–1909 – Kaplan in Keve­laer 1909–1918 – Pfarrer in Kleve (Kapitelstr. 8) 25.9.1918 – Definitor 1922 – Dechant 21.12.1926 – Propst h. c. 1943 – Karl Leisner schrieb ihm mehrmals aus dem KZ Dachau.

 

Willi Leisner wußte genau, daß er mit seinem Bruder Karl in der Stiftskirche ge­firmt worden war. Die Predigt des Bischofs habe den Leitgedanken gehabt: „Contra torrentem – Gegen den Strom!“, wobei der Bischof das „r“ sehr rollend ausgesprochen habe. Willi Leisners Firmbildchen trägt als Firmdatum den 22. Juli 1927 und als Ort die Un­ter­stadtkirche.

Laut Willi Leisner fanden die Schüler­gottes­dien­ste für die Gymnasiasten in der Unterstadtkirche statt. Warum aber er selbst und sein Bruder Karl in der Stiftskirche das Sakrament der Firmung empfangen hatten, wußte er nicht mehr.

 

 

Es ist interessant, daß Karl Leisner 1934, als er sich im Col­legium Borromaeum in Münster zum Theologiestudium anmeldete, einem Notizzettel zufolge, auf dem er allerdings mit 1926 das falsche Datum notiert hat, ein Firmzeugnis bei Pfarrer Paul Hellraeth in der Unterstadtkirche St. Mariä Empfängnis abholte, wohl wissend, daß er dort hätte gefirmt werden sol­len. Daraus läßt sich schließen, daß er ganz gezielt zur Firmung in die Stiftskirche „ausgeschert“ ist.

* * * * *

Johanna Nass, eine Tante von Hans-Karl Seeger, am gleichen Tag geboren wie Karl Leisner (28. Februar 1915), wurde auch 1927 gefirmt. Sie erinnerte sich noch gut an die Firmung am 22. Juli 1927 in der Unter­stadtkirche St. Mariä Empfängnis. Sie wurde mit ihrem Jahrgang aus der Unterstadtschule gefirmt, und ihr Firmpate war der Leiter dieser Schule, Rektor Albert Lingenbrings. Sie wußte noch, daß sie ein schwarzes Samtkleid, das Beikleid anläßlich ihrer Erstkommunion 1924, getragen hatte. Nach der Firmung gab es einen Empfang und eine Feier mit dem Bischof. Die Firmlinge sangen und trugen Gedichte vor. Johanna Nass hatte noch gut in Erinnerung, wie ihr jüngerer Bruder Heinz[1] ein von Lehrer Josef Müller gedichtetes Gedicht auswendig gelernt hatte. Den Schluß dieses Gedichtes zitierte sie wie folgt:
Alle Kinder, die hier stehen,
glaub es mir, ’s ist wirklich wahr,
zum Schutzengel für dich beten,
doch auch für uns, das ist doch klar.
Was wird der Engel Freude haben,
wenn wir uns wiedersehn,
und kommst du wieder nach fünf Jahren,
erzähl ich dir noch viel, viel mehr.

Für die damalige Zeit war es erstaunlich, den Bi­schof mit „Du“ anzureden, wenn auch nur in einem Ge­dicht.
[1] Heinz Nass, mit Spitznamen Natje, dem Namen seines Großonkels (von Not als niederrheinische Form von Bernhard), war später in einer Gruppe von Karl Leisner und ging mit 14 Jahren nach Köln, um Koch zu lernen. Später hat er Mutter Leisner versprochen, bei der Primiz von Karl für sie zu kochen.

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Auch ein im Kirchenrecht promovierter Bischof wundert sich, daß kirchliche Dokumente nicht immer beweiskräftig sind:

 

Bischof Reinhard Lettmann (* 9.3.1933 in Datteln; † 16.4.2013 in Bethlehem/ISR) – Bischof von Münster 1980 – 2008

 

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Die ersten Christen wurden gleich bei der Taufe gefirmt, aber dann waren sie meist schon älter. Als auch kleine Kinder getauft wurden, entwickelte sich die Firmung zu einem eigenen Sakrament. Damit wird, im allgemeinen im Jugendalter, erneut die christliche Initiation gefeiert, die das Kind im Fall der Kindertaufe selbst noch nicht bewußt mit­vollziehen konnte. In der Firmung wird durch Sal­bung, Handauflegung und die Spendeformel be­tont, was grundsätzlich zu jedem Sakrament ge­hört: die in der Kraft des Heiligen Geistes ge­schenkte Teilhabe an Jesus Christus.
Ein junger Mensch sollte sich die Firmung spen­den lassen, wenn er vom Mit-Glauben zum Selber-Glauben gelangt ist. Bei Karl Leisner zeigte sich diese Selbständigkeit sehr deutlich durch das Übernehmen von Verantwortung für andere. Sein Glaubenszeugnis wirkte ansteckend und gemein­schaftsbildend. Seine größte Bewährung bestand in seiner Verhaftung in St. Blasien und dem daraus folgenden Opfer des Lebens im Mar­tyrium.

Quelle der Fotos: Karl-Leisner-Archiv und Gabriele Latzel