Karl Leisners „Lloyd-Fahrt“

Firmensitz in Hamburg

Firmensitz in Hamburg

Lloyd
Deutsche Reederei – Gründung in Bremen 20.2.1857 – Entwicklung zu einem der bedeu­tend­sten deutschen Schiffahrtsunter­nehmen des späten 19. u. frühen 20. Jh. – Förde­rung der wirtschaftlichen Entwicklung von Bremen u. Bremerhaven – Fusion der Nord­deutschen Lloyd mit der Hapag zur Hapag-Lloyd AG 1.9.1970

 

Die „Augusta Victoria“ war von 1888 bis 1889 das größte deutsche Passagierschiff

Die „Augusta Victoria“ war von 1888 bis 1889 das größte deutsche Passagierschiff

Unter der Überschrift „Eine Kreuzfahrt für 43 000 Euro Hapag-Lloyd feiert Geburtstag und stellt sich neu auf“ brachte die F.A.Z. vom 22.
Januar 2016 einen Artikel anläßlich des 125. Jahrestages der ersten „Luxuskreuzfahrt der Geschichte“. Bis zu 2.400 Goldmark (ca. 43.000 €) verlangte der damalige Hamburger Reeder Albert Ballin[1] für die zweimonatige Mittelmeerrundreise auf dem Schnelldampfer „Augusta Victoria“. Start der außergewöhnlichen Reise war am 22. Januar 1891.

[1]    Albert Ballin (* 15.8.1857 in Hamburg, † 9.11.1918 ebd.) – Hamburger Reeder u. Kauf­mann – Generaldirektor der Hapag 1899 – Freund Kaiser Wilhelms II. – gläubiger Jude u. deutscher Patriot – Er sprach Hafenplatt, aber auch fließend Hoch­deutsch und Englisch.

Link zur F.A.Z.

Welch ein Unterschied zu Karl Leisners entschieden preiswerteren „Lloyd-Fahrt“ in Wilhelmshaven 1933 auf dem Weg nach Rügen.

Dienstag, 15. August 1933, Mariä Himmelfahrt
Am Ems-Jade-Kanal ent­lang fahren wir auf Wilhelmshaven zu. Im Hafen liegen ein paar alte Kriegs­kähne. […]
Dann bummeln wir ein wenig im Hafen rum.
Wir kamen zur großen elek­trischen Drehbrücke, die gerade die Ehre hatte, gedreht zu werden. Dann bummeln wir durch die Stadt und entdecken ein Plakat des Nord­deut­schen Lloyd, das verschiedene preiswerte Dampfer­fahr­ten anpreist. Eine geht nach Helgoland für 8,00 RM. „Su [zu] teuer!“ – Halt, da steht eine für morgen nach Bremerhaven: Mit Besichti­gung der „Europa“[1] für 3,00 RM. Mensch, das wird gemacht. Sa­che! Unsere Kasse ist noch prall ge­füllt, also los! Kartenausgabe im Bahn­hofspa­villon. Hin! An der Marine­kaserne vor­bei geht’s dorthin. Wir be­kommen die Karten für die Hälfte. Aber die Rad­karten nicht, vielleicht mor­gen an Bord! Na, ganz egal, wir fahren auf jeden Fall.

[1]    Europa – Schiff der Reederei Norddeutscher Lloyd (NLD) – 49.746 BRT – Länge 282,77 m, Breite 30,65 m, 2.800 PS – Stapellauf auf der Werft Blohm & Voss in Ham­burg 15.8.1928 – aus ungeklärter Ursache auf der Werft völ­lig ausgebrannt 26.3.1929 – nach Instandsetzung erste Pro­­befahrt 20.2.1930 – Jungfernfahrt nach New York mit Erhalt des Blauen Bandes ab Bremerhaven 19.3.1930 – Beschlagnahme durch die Ameri­kaner 1945 – Übernahme als Reparationsleistung von den Franzosen Mai 1946 – Namens­änderung in Liberté 1950 – Abwrackung 1962

Mittwoch, 16. August 1933
Nach eiliger „Morgentoilette“ packen wir schnell die Sachen auf die Stahlrösser. Um 5.50 Uhr fahren [wir] über die Hafenbrücke. Hinten an der ersten Hafeneinfahrt liegt schon unser Dampfer, die „Ro­land“[1]. Bald sind wir da. Die Sirene heult zum Trommelfellplatzen. Wir ge­hen an Bord. Um 6.15 Uhr setzen die Schrauben an und die Sirene heult noch einmal. Wir fahren los. Wilhelmshaven liegt noch im Frühnebel. Bald sind wir auf „hoher See“. Kein Land ist mehr zu sehn. An Feuerschiffen, Bojen und Leuchtsignalen vorbei nimmt unser Schiff seinen Weg. Als wir genug gesehen und geforscht haben, setzen wir uns ins Innere des Schiffes an Tische, packen die abends vorher ge­schmierten Butterbrote aus und holen uns heißes Wasser für unsren Kaffee in der Schiffsküche. Alles ist „tipp-topp“ eingerichtet. Mit In­brunst verzehren wir Kaffee mit Brot. (Wir be­kom­men die Räder für 0,90 RM pro Stück mit! Ia!) Dann schrei­ben wir Karten und schauen hinaus auf die See. An den Kopf der Karten schreiben wir „Auf hoher See, den ..“ und lassen uns dazu noch den Stem­pel – „Auf hoher See“ „Ro­land“ – aufdrucken.

[1]    „Roland“ – Seebäderschiff – 4.174 BRT – Bau auf der Stettiner Vul­kan‑Werft 1921 – Indienststellung beim Nord­deut­schen Lloyd 1926 – Namensänderung in Hameln 1936 – Be­schlag­nahme in Veracruz/Mexi­ko u. Namensänderung in Oaxaca 1941 – Versenkung 1942

Karl Leisners Tagebuch

Seite-62-63

Um Punkt 9.00 Uhr laufen wir in Bremerhaven ein. Neben der großen Schwester legt die „Roland“ an, nämlich neben der gewaltigen „Eu­ropa“. Wir steigen aus, stellen unsre Räder unter, kaufen uns Karten für die um 12.30 Uhr beginnende Europabesichtigung. Dann bummeln wir durch den Hafen.
Wir sehen den Bootsappell. Darauf schauen wir uns die andern „Seeunge­heuer“ im Hafen des Norddeut­schen Lloyd an. Die „Sierra Nevada“[1] fährt gerade aus. – Um 12.30 Uhr gibt’s Eintopfgericht (eine steife Suppe). – Um 13.00 Uhr beginnt die „Europabesichtigung“. Zunächst heißt’s: „Schlange­stehen!“ Bald betreten wir den Schiffspalast. Treppauf, treppab durch prächtige Säle, einfache Kabi­nen, über Promenaden, weite Gänge, durch die elektrischen Küchen, Kühl­räume, Ladenstraße etc., etc. schleppt uns unser Füh­rer. Wir sind erschlagen von dem Luxus, der Technik und Ausstattung des Schiffspalastes. „Schöner kann ein Königs­schloß nicht sein“, sagt einer. – Der Luxus der „Staatska­bine“ und der Gesellschaftsräume 1. Klasse kommt uns übertrieben vor. Die Touristen- und 3. Klasse ist uns gut genug. – Nach­her kaufen wir uns eine Be­schreibung des Dampfers und bestaunen noch einmal die technische Lei­stung des Riesenschiffsbaues. Die Ausmaße sind gewaltig!

[1]    „Sierra Nevada“ – Kombischiff – 13.589 BRT – Länge 152,30 m, Breite 19,50 – Bau als Antonio Delfino auf der Hamburger Vulcanwerft – Stapel­lauf 10.11.1921 – Jungfernfahrt nach Südamerika 16.3.1922 – Ver­char­terung als Sierra Nevada an den Norddeutschen Lloyd 1932–1934 – anschließend erneut als Antonio Delfino im Dienst der Hamburg-Süd – im Zweiten Weltkrieg u. a. Marinewohnschiff u. Verwundetentransportschiff – Über­nahme als Kriegsbeute durch die Briten Mai 1945 – Abwrackung in Al­muir/Schott­land 1956

Fotos Wikimedia Commons und IKLK-Archiv