Karl Leisners „Zürcher Spaziergang“

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Unter der Überschrift „Mein Zürcher Spaziergang. Erst Bukarest, dann Berlin. Aber eine Preisverleihung in Zürich hat alles verändert. Wie schön es hier ist, sagten wir uns – und blieben.“ beschrieb Dana Grigorcea in der F.A.Z. vom 27. Oktober 2016, wie sie Zürich erlebt hat.

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Ganz so viel wie Dana Grigorcea hat Karl Leisner nicht zu berichten. Aber er will auch nicht bleiben, sondern seine Fahrt fortsetzen.

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Dienstag, 23. August 1932, 10. Tag
In schneidiger Fahrt geht’s über Bremgarten nach Zürich. Auf einem gro­ßen Reisebüro inmitten der verkehrsreichen größten Stadt der Schweiz schauen wir uns die Möglichkeiten für unsere [Fahrt] näher an. Von dort zum Zen­tralverkehrsbüro der Schweiz, wo wir feine Prospekte holen. (Bild von Zürich siehe Schweizprospekt Seite 14[1])
Am Münster vorbei über die Limmatbrücke [Münsterbrücke] zum [Zürcher] See[2], in den die Limmat[3] einmündet. Wir fahren den Zürchersee[4] entlang.

[1]    im Nachlaß nicht vorhanden

[2]    Das Großmünster liegt rechts, das Fraumünster mit Chagall-Fenstern links der Limmat.

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Münsterbrücke

 

 

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Großmünster in Zürich
evangelisch-reformierte Kirche in der Altstadt – bis zur Re­for­mation Teil eines weltlichen Chorherren­stifts u. Pfarr­kirche – Seine charakteristischen Doppel­türme gelten als ei­gent­liches Wahrzeichen der Stadt.

 

 

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Fraumünster in Zürich
ehemaliges Benediktinerinnenstift Kloster Fraumünster in Zürich – Ausstattung des Chorraumes (13. Jh.) der ehe­­­ma­ligen Klosterkirche mit Glasfenstern von Marc Chagall (1887–1985) ab 1967 – ebenfalls Gestaltung ei­nes Fensters für die Rosette des südlichen Quer­schiffes 1978 – Die Kir­che zählt zu den Wahr­zeichen Zürichs.

 

 

[3]    Limmat
ca. 140 km langer Fluß – Quelle als Linth ca. 1.000 m ü. NN im Kanton Glarus – Einzugs­gebiet ca. 1.283 km2 – nach Durchfluß des Zürchersees bis Zürich als Limmat 406 m ü. NN Abfluß aus dem See – Mündung bei Brugg in die Aare – Einzugsgebiet ca. 2.416 km2

[4]    Zürichsee – südöstlich von Zürich in den Kantonen Zürich, St. Gallen u. Schwyz – Fläche ca. 88 km² – Wasserspiegel 406 m ü. NN – Fassungsvermögen ca. 4 km³ – Tiefe ca. 136 m

Es ist diesiges Wet­ter. Fern schimmert das andre Ufer im neblichten Himmel. Sonne ist ver­steckt in Wolken, kommt erst langsam durch. Sicht keine! Schade. Sonst sähen wir die Alpen leuchten. – Rast an einem Tannenhang im Gras (siehe Bilder). Wun­derfeines Schauen und Staunen. Villenkranz säumt das Gestade. Sehn­süchtig blicken wir in des Sees Antlitz. – Klopstocks und Goe­thes Verse[1] steigen auf.

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[1]    Johann Wolfgang von Goethe:
Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

 

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

 

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

 

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

 

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

 

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

 

Friedrich Gottlieb Klopstock:
Der Zürcher See

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,

Oder, flohest du schon wieder zum Him­mel auf,
Komm in rötendem Strahle
Auf den Flügeln der Abendluft,
Komm und lehre mein Lied jugendlich heiter sein,

Süße Freude, wie du, gleich dem beseelteren
Schnel­len Jauchzen des Jünglings,
Sanft, der fühlenden Fanny gleich.
Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß

Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt;
Schon war man­ches Gebirge
Voll von Reben vorbeigeflohn.
Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh’,

Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender,
Schon verriet es beredter
Sich der schönen Begleiterin.
Hallers „Doris“, die sang, selber des Liedes wert,

Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt;
Und wir Jünglinge sangen,
Und empfan­den wie Hagedorn.
Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden

Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt;
Da, da kamest du, Freude,
Volles Maßes auf uns herab!
Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich!

Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit,
Deiner Unschuld Gespielin,
Die sich über uns ganz ergoß!
Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch,

Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft
In der Jünglinge Herzen
Und die Herzen der Mädchen gießt.
Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich

Jede blühende Brust schöner, und beben­der,
Lauter redet der Liebe
Nun entzauberter Mund durch dich!
Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen,

Beß’re, sanftere Lust, wenn er Gedan­ken winkt,
Im sokra­tischen Becher
Von der tauenden Ros’ umkränzt;
Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen,

Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt,
Wenn er lehret ver­achten,
Was nicht würdig des Weisen ist.
Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silber­ton

In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit
Ist ein großer Gedanke,
Ist des Schweißes der Edlen wert!
Durch der Lieder Gewalt bei der Urenkelin

Sohn und Tochter noch sein, mit der Entzückung Ton
Oft beim Namen genennet,
Oft gerufen vom Grabe her,
Dann ihr sanfteres Herz bilden und, Liebe, dich,

Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz,
Ist, beim Himmel, nicht wenig,
Ist des Schweißes der Edlen wert!
Aber süßer ist noch, schöner und reizender,

In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein,
So das Leben genießen,
Nicht unwürdig der Ewigkeit!
Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen,

In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick
Auf die silberne Welle,
Tat ich schweigend den frommen Wunsch:
Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt,

In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut,
Die in seligen Stunden
Meine suchende Seele fand;
O, so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!

Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald
Wandelt uns sich in Tempe,
Jenes Tal in Elysium!

Foto Wikimedia Commons

Klopstock_Cover

Friedrich Gottlieb Klopstock (* 2.7.1724 in Quedlinburg, † 14.3.1803 in Hamburg) – Dichter

Horst Gronemeyer und Klaus Hurlebusch (Hg.)
Friedrich Gottlieb Klopstock: „Oden“. Apparat und Kommentar.
Berlin 2015. 2 Bde., zus. 1779 S.

Unter der Überschrift „Gerechtigkeit für Klopstock – Sein Einfluss ist nur noch mit dem Luthers zu vergleichen. Die nun abgeschlossene kritische Edition der Oden Klopstocks ist ein Monument der Forschung in einem kurzatmigen Betrieb.“ besprach Roland Reuss in der F.A.Z. vom 4. August 2016 eine neue Veröffentlichung zu den Oden von Friedrich Gottlieb Klopstock. Roland Reuss begrüßt die Wiederentdeckung des Dichters, mit dem „in Europa die literarische Moderne“ beginnt.

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Fotos Britta Gerloff, Franz Joseph Wiebusch und IKLK-Archiv