|
Legendenbildung Von den Heiligen der frühen Kirche sind wir es gewohnt, daß sich neben den geschichtlichen Zeugnissen Legenden gebildet haben. Was in den Legenden zum Ausdruck kommt, ist nicht eigentlich unhistorisch, sondern deutet auf eine noch tiefere Wahrheit hin, die sich mit historischen Kriterien gar nicht fassen läßt. Von den Heiligen, die dem frommen Gottesvolk besonders wichtig sind, haben wir viele Legenden, wissen aber historisch sehr wenig über sie. Erstaunlich ist, daß sich, obwohl noch Zeitzeugen leben, auch schon um Karl Leisner Legenden gebildet haben. Beispiele. Karl Leisners Zingulum Erlaubnisse der zuständigen Bischöfe zur Priesterweihe Karl Leisners Geigespielender Jude bei der Priesterweihe Karl Leisners
Karl Leisners Zingulum Von den Heiligen der frühen Kirche sind wir es gewohnt, daß sich neben den geschichtlichen Zeugnissen Legenden gebildet haben. Was in den Legenden zum Ausdruck kommt, ist nicht eigentlich unhistorisch, sondern deutet auf eine noch tiefere Wahrheit hin, die sich mit historischen Kriterien gar nicht fassen läßt. Von den Heiligen, die dem frommen Gottesvolk besonders wichtig sind, haben wir viele Legenden, wissen aber historisch sehr wenig über sie. Erstaunlich ist, daß sich, obwohl noch Zeitzeugen leben, auch schon um den seliggesprochenen Karl Leisner Legenden gebildet haben. Karl Leisner hatte sich in den Außensemestern in Freiburg in Elisabeth Ruby, die älteste Tochter seiner Wirtsleute verliebt. Er wußte, wenn er Priester werden wollte, mußte er auf die Erfüllung dieser Liebe verzichten. Aber Verzicht heißt nicht, nicht mehr lieben. Vermutlich hat ihn diese Liebe bei all dem hochgehalten, was er in seinem Leben noch durchmachen mußte. Wenn diese Liebe für ihn eine Kraftquelle war, so fand sie ihren symbolischen Ausdruck im Zingulum, das Elisabeth ihm zum Namenstag 1939, dem Gedenktag des heiligen Karl Borromaeus am 4. November, schenkte. Sie schickte es ihm ins Lungensanatorium nach St. Blasien, es erreichte ihn aber erst im Gefängnis von Freiburg. Karl Leisner schrieb am Donnerstag, dem 23. November 1939 in sein Missale: Elisabeth schickte mir ein Zingulum zum Namenstag. Es kam mit aus St. Blasien. Soviel Freude! Sonntag, 26. November 1939 Elisabeths Zingulum beschaute und erprobte ich. Gott, wie gute Menschen hast Du mir geschenkt. Karl Leisner am 1. November 1941 aus Dachau an Familie Ruby in Freiburg: Verehrte, liebe Mutti Ruby und liebe Elisabeth! Zu Euerm Namenstag [am 19. November] möchte ich Euch aus frohem Herzen Glück und allen Segen Gottes wünschen. Zwei Jahre sind’s her, daß Dein Zingulum, Elisabeth, mir zur Johannisstraße [Johanniterstraße ins Gefängnis nach Freiburg] nachgesandt wurde. Im Geiste des Sichgürtens [vgl. Ex 12,11; Joh 21,18; Eph 6,14] hab’ ich die Zeit gut genützt und danke Euch immer wieder für den Trost und die Freude, die Ihr mir schenktet. Gebe der Herr Euch die Kraft, Seine Opfer zu tragen. Es ist verständlich, daß sich zahlreiche Legenden um dieses Zingulum gebildet haben.[1] Die Legendenbildung beginnt bereits in der von Pater Otto Pies S.J. verfaßten Biographie über Karl Leisner[2]: Eben die Seele [Elisabeth Ruby] , deretwegen er vor Jahren so heftige Kämpfe um den Beruf und den Verzicht auf irdische Liebe und Familienglück durchgefochten hatte, schickte ihm in das Gefängnis als Zeichen des Gedenkens und Verstehens ein Weihnachtsgeschenk. Nicht war darin ein Tannenzweig oder Gebäck oder Sonstiges, was man zu solcher Zeit schenkt. Nein! Karl hielt in seinen Händen ein Cingulum[3], einen zu den priesterlichen Gewändern gehörenden Gürtel, auf den die Worte gestickt waren: vinctus Christi = Gefangener Christi.[4] Heinrich Tenhumberg, der Bischof von Münster und Kursgenosse von Karl Leisner, sagte in einer Ansprache im Bayrischen Rundfunk zum Sonntag, dem 19. März 1978, unter dem Titel: KATHOLISCHE WELT – Gefangener für Christus – Das Zeugnis des Diakons Karl Leisner: Sieben Jahre später schickt sie [Elisabeth Ruby] ihm ein handgearbeitetes Zingulum ins Freiburger Gefängnis. Ein Zingulum, das ist ein Strick, mit dem der Priester sich für den Dienst am Altar gürtet. Darauf hatte sie die Worte gestickt „Vinctus in Domino – Gefesselter für den Herrn!“ Zwei junge Menschen opfern ihre junge Liebe dem Herrn. Das klingt beeindruckend, wenn man bedenkt, wie sehr Karl Leisner gerungen hat, ob er Elisabeth heiraten und mit ihr eine Familie gründen solle. Doch statt sich an sie zu binden, blieb er dem Ruf zum Priestertum treu und band sich an Christus, wurde sein „Gefangener“. Elisabeth Ruby hat Karl Leisner in seinem Wunsch, Priester zu werden, unterstützt. Das Zingulum ist noch erhalten, aber es befindet sich darauf keine Stickerei. Am 8. Mai 1974 schrieb Pfarrer Josef Perau an Dr. Emil Spath vom Informationszentrum Berufe der Kirche in Freiburg: Ein Schwager Karl Leisners, Herr Rektor Haas, hat in den Osterferien in Freiburg und St. Blasien unmittelbare Zeugen der Verhaftung und Haftzeit besucht und festgestellt, daß einiges nicht genau stimmt, was Otto Pies S.J. in seiner Biographie: Stephanus heute, wahrscheinlich nach Erzählungen K. L. berichtet. So auf Seite 104. Die beteiligte Dame [Elisabeth Ruby] weiß sicher, daß sie die Worte „vinctus Christi“ nicht auf das Zingulum gestickt hat. Wohl haben beide die Symbolik des Geschenkes so verstanden. René Lejeune erwähnt in seiner Biographie über Karl Leisner[5] zwar keine Stickerei, verwechselt aber den Anlaß für das Geschenk: An Weihnachten bekam er ein Päckchen mit einem kostbaren Geschenk, das einen großen Symbolwert hatte: Ein geflochtener Stoffgürtel für das priesterliche Gewand: das Zingulum. Elisabeth hatte dieses Zingulum angefertigt.[6] Die Legende verbreitet sich weiter und verändert sich noch. Das „Informationszentrum Berufe der Kirche“ in Freiburg hat 1996 im Heft 34 „Berufung – Zur Pastoral der geistlichen Berufe“ unter anderem auch über Karl Leisner berichtet. Dort ist zu lesen, Karl Leisner habe sich während seiner Studien in Freiburg 1936/37 in Elisabeth Ruby verliebt, sei aber seiner Berufung treu geblieben. Dann heißt es wörtlich: Später – Leisner ist Diakon – kreuzen sich die Wege nochmals [von Elisabeth Ruby und Karl Leisner]. Der Ort der Begegnung ist das Freiburger Gefängnis. Zu Weihnachten überreichte sie ein Zingulum mit den aufgestickten Worten „Vinctus Christi“. Und er ist wirklich ein „Gefangener Christi“, der seine Berufung und Entscheidung bis in die letzte Konsequenz durchträgt...[7] Es ist bemerkenswert, daß die Pfingsten 1943 gegründete Schönstattgruppe in Dachau in der Fastenzeit 1944 den Namen „Victor in vinculis“ annahm und diese Worte auch in den Bischofsstab geschnitzt sind, den Bischof Gabriel Piguet bei der Priesterweihe verwendet hat. [1] Siehe: Rundbrief des IKLK Nr. 34, S. 42f. [2] Otto Pies, Stephanus heute – Karl Leisner, Priester und Opfer, Kevelaer 1950. [3] Joseph Lechner, Ludwig Eisenhofer: Das Gebet, welches bei der Anlegung gesprochen wird, faßt das Zingulum, weil es die Lenden, den Sitz der Begierlichkeit, einschnürt, als Symbol der Keuschheit auf. (Liturgie des römischen Ritus, Freiburg 1953, Seite 117.) Das Gebet: Praecinge me, Domine, cingulo fidei et virtute castitatis lumbos meos, et exstingue in eis humorem libidinis; ut jugiter maneat in me vigor totius castitatis. – Umgürte meine Lenden, Herr, mit dem Gürtel des Glaubens und der Tugend der Keuschheit, und lösche in ihnen die Glut der Begierde, damit die Kraft der vollkommenen Keuschheit immer in mir bleibt. [4] Pies, S. 104. P. Otto Pies hat das Zingulum persönlich nie gesehen. Vermutlich hat Karl Leisner ihm im KZ Dachau alles erzählt und sich inzwischen die eingestickten Worte selbst eingebildet, oder sie sind eine Erfindung von Otto Pies. [5] René Lejeune, Wie Gold im Feuer geläutert“, Hauteville 1991. [6] Ebd., S. 210. [7] Berufe der Kirche, Freiburg 1996, Heft 34, S. 50.
Erlaubnisse der zuständigen Bischöfe zur Priesterweihe Bischof Clemens August Graf von Galen, Münster Karl Leisner hatte am 23. September 1944 in einem Terminbrief über seinen Bruder Willi in Berlin seinen Bischof Clemens August Graf von Galen in Münster um die Erlaubnis gebeten, im KZ Dachau die Priesterweihe empfangen zu dürfen. Willi Leisner bekam den Brief am 30. September 1944 und schickte die erste Seite im Original mit einem Begleitbrief am 1. Oktober 1944 an den Bischof nach Münster. Sonntag, 1. Oktober 1944 Willi Leisner an Bischof Clemens August Graf von Galen: Berlin-Lichterfelde, den 1. Oktober 1944 Exzellenz, Hochwürdigster Herr Bischof! Mit beigefügtem Brief erlaube ich mir, Ihnen, Hochwürdigster Herr Bischof, die Bitte meines Bruders Karl, im Konzentrationslager Dachau zum Priester geweiht zu werden, vorzutragen. Meine Eltern und Schwestern, denen ich nach Kleve hoffentlich noch Nachricht zukommen lassen kann, werden nur zu gern Ja zu dem Schritt sagen, daß unser Sohn und Bruder Karl nach so langer und harter Schule zum Priestertum gelangt. Darf ich Eure Exzellenz bitten, auf beigefügtem, vorbereiteten Brief [Sammelbrief] Ihre Antwort für meinen Bruder zu geben und mir zur Weiterleitung nach Berlin zuzusenden. In treuer Ergebenheit Ihr Willi Leisner Auf Grund der kriegsbedingten Verhältnisse ging dieser Brief verloren, er ist jedenfalls bisher nicht gefunden worden. Weil Willi Leisner keine Antwort bekam, machte er am 13. Oktober 1944 einen weiteren Versuch. Freitag, 13. Oktober 1944 Willi Leisner an Bischof Clemens August Graf von Galen in Münster: Berlin-Lichterfelde, den 13. Oktober 1944 Exzellenz, Hochwürdigster Herr Bischof! Am 1. Oktober übersandte ich Ihnen ein Schreiben meines Bruders Karl mit der Bitte, Ihre Entscheidung für die Priesterweihe meines Bruders in Dachau zu geben. Infolge der unausgesetzten Feindeinwirkungen im Westen nehme ich an, daß dieser Brief Sie nicht erreichte. Daher sende ich Ihnen nochmals eine Abschrift dieses Briefes zu und erbitte Ihre Entscheidung für meinen Bruder. In ergebener Hochachtung Ihr Willi Leisner Montag, 30. Oktober 1944 Bischof Clemens August Graf von Galen an Willi Leisner in Berlin: Der Bischof von Münster.Sendenhorst Westfalen, 30. Oktober 1944[1]Westtor 360 Sehr geehrter Herr Leisner! Erst gestern habe ich Ihr Schreiben vom 13.10.[1944] samt Anlagen empfangen. Der Brief vom 1.10.[1944] ist bisher nicht in meine Hände gekommen. Auf dem anliegenden Blatt[2] habe ich eine Antwort für Ihren Bruder aufgeschrieben, welche meine Zustimmung enthält zu seiner Bitte, in Dachau die hl. Priesterweihe empfangen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Sie ihm das Blatt so zusenden können, und gebe Ihnen anheim, in einer anderen Form, wenn Ihnen das besser scheint, meine Zustimmung übermitteln zu wollen. Sollten Sie erfahren, daß Ihr Bruder sein Ziel erreicht, so bitte ich um baldige Nachricht. Tief erschüttert bin ich durch das Unglück, das über Ihre Heimat, das schöne Kleve, gekommen ist. Hoffentlich haben Sie gute Nachrichten, daß Ihre Eltern und Angehörigen keinen Schaden genommen haben. Gestern erhielt ich die Nachricht, daß die Leiche des hochw. Herrn Propstes [Jakob] Küppers endlich unter den Trümmern des Hauses gefunden und bestattet worden sei. Mit Gruß und Segen † Clemens August
Bischof Clemens August Graf von Galen an Karl Leisner: Mein lieber Herr Karl Leisner! Auf die Anfrage vom 23. September [1944], die ich heute erst erhielt, erwidere ich Ihnen, daß ich gern meine Zustimmung gebe, daß die heilige Handlung dort vollzogen wird. Voraussetzung ist, daß alles sicher gültig und für später nachweisbar geschieht. Gott gebe seinen Segen dazu! Mit den besten Grüßen an alle lieben Mitbrüder und Segen, den 29. Oktober 1944 † Clemens August
Sonntag, 12. November 1944 Bischof Clemens August Graf von Galen aus Sendenhorst an Dr. Hermann Eising in Berlin: Sendenhorst 12.11.1944 Die Frage hinsichtlich der Weihe des Diakons Leisner ist vor etwa 14 Tagen durch seinen Bruder W. Leisner, Berlin-Lichterfelde, Wildenowstr. 2a, an mich gekommen. Ich habe demselben sofort schriftlich, durch die Post, meine Zustimmung zugesandt. Hoffentlich ist sie übergekommen. Ich meine, ich kann diese Bewilligung verantworten, und hoffe gelegentlich darüber Nachricht zu erhalten.[3]
Dienstag, 14. November 1944 Am 14. November 1944 erreichte Willi Leisner in Berlin-Lichterfelde der Schreibmaschinenbrief des Bischofs von Münster Clemens August Graf von Galen vom 30. Oktober 1944, den er mit dem Vermerk Ls [Leisner Eingang] 14/11. B [Beantwortet] 19/11 kennzeichnete. Noch am selben Tag schrieb Willi Leisner unter den Brief des Bischofs: Berlin, den 14. November 1944 Mein lieber Bruder Karl! Nach langer Wartezeit traf heute das Jawort zu Deiner Ausweihung ein. Diese frohe Nachricht wird die traurigen Botschaften, die ich Dir in letzter Zeit aus unserer geliebten Heimat bringen mußte, aufwiegen. Vater, Mutter und die drei Mädels wünschen nicht, daß Du Dir Sorge und Kummer um sie machst. Sie sind bei lieben Menschen [auf dem Bauernhof August Janssen] aufgenommen und fühlen sich dort auf niederrheinischer Scholle wohl. Nur im Notfall wollen sie die Heimat verlassen.[4] Wir sind alle froh mit Dir, daß Deine Berufung zum Priestertum nun ihre Erfüllung findet. Ist es auch nicht in der hohen Domkirche [in Münster], so wird Dir die Gnade Gottes frohgemute Kraft verleihen. Hoffen und bitten wir, daß Du dann auch bald als sehnlichsten Wunsch die Freiheit wiedererlangst. – Vater hat mit dem Gericht seine Zelte in Kalkar aufgeschlagen. Paula und Elisabeth wirken als Köchinnen für die Westwallarbeiter. Einige Fahrten konnten sie noch nach Kleve machen, um Gut aus den Trümmern zu bergen. Aus unserer Straße fanden nur Herr [Max] und Frau [Babetta] Haas den Tod unter den Trümmern [in der Flandrischenstraße 14]. Fränz Ebben besuchte unsere Leutchen in Niedermörmter. Heinz’ [Ebbens] Frau [Maria] schenkte einem kleinen Heinz das Leben. Das wird ihr Trost sein in der Trauer um ihren [am 23.9.1944 gestorbenen] Gatten. Die Klever sind in alle Teile des Reiches zerstreut und so erhalte ich nur spärlich Nachricht. Von Gottfried Wellen erhielt ich durchs OKM [Oberkommando der Marine] neuen Funkspruch aus der Festung Lorient, wo er sich tapfer schlägt. Ich suche jetzt seine Lieben, um den Gruß zu vermitteln. So habe ich manche Brücke zwischen den Lieben zu schlagen. – Meine Fränzl ist von ihrer Hochzeitsreise in den Spessart wohlbehalten zurückgekehrt. In letzter Stunde traf erst die Braut [Maria] aus Bentheim ein, als der Schwager Ludwig [Sauer] schon bald wieder an die Front reisen mußte. Da alles so unbestimmt war, konnten nur wenige seiner Lieben dabei sein. Fränzl hat nun mit den Vorbereitungen für unseren kleinen Erdenbürger begonnen. Das ist so schön für uns beide, daß wir diese Zeit in herrlicher Zweisamkeit erleben können. Kurz vorher wird Fränzl allerdings in den Spessart ziehen müssen, da es uns hier an allem fehlt. – Friedel [Karl Leisner] schickte uns vom Einsatz sein Bild in Aquarell von einem PK-Kameraden [Plantagen-Kommando-Kameraden] gemalt.[5] Er und Hans [Otto Pies] lassen Dich herzlichst grüßen. Gott befohlen und Gnade im Herrn Dir zur Ausweihung. Wir sind im Gebet innigst mit Dir verbunden. In herzlichster Bruderliebe Dein Willi Lieber Karl! Immer wieder gibt es neue Freuden. So wollen wir Gott danken, daß Du bald Priester werden darfst und erflehen für Dich viele Gnaden von oben. Innigen Gruß Fränzl
Außer den beiden Briefen – die Erlaubnis zur Weihe vom 30.10.1944 und der Abschrift davon – gibt es im Bistum Münster kein weiteres Dokument bezüglich der Priesterweihe Karl Leisners. Es ist nicht bekannt, wer wann für den Eintrag der erfolgten Priesterweihe ins Taufbuch in Rees gesorgt hat.
Mittwoch, 19. November 1944 Willi Leisner am 19. November 1944 an Bischof Clemens August Graf von Galen: Exzellenz, Hochwürdigster Herr Bischof! Voller Dankbarkeit erhielt ich am 14. November Ihre Zustimmung zur Ausweihung meines Bruders Karl. Ich habe ihm sogleich Ihren werten Brief im Original mit der nächsten Monatspost [im Sammelbrief] zugesandt, und es wird ihm eine große Freude bereiten, nun endlich seine Lebensberufung zu erreichen. Ich werde Sie über den weiteren Verlauf umgehend unterrichten. Meinen Eltern und Schwestern, die, Gott sei Dank, die furchtbaren Schrecken des Klever Angriffs vom 7. Oktober gesund überstanden und in Niedermörmter Zuflucht gefunden haben, konnte ich die frohe Nachricht von der bevorstehenden Weihe meines Bruders übermitteln. Herzlichen Dankesgruß in treuer Ergebenheit Ihr Willi Leisner
Gabriel Piguet: Eines Tages im Dezember [1944] kam Pater [Léon] de Coninck wieder zu mir und strahlte vor Freude. Er zeigte mir einen Brief, den eine Schwester des deutschen Diakons geschrieben hatte.[6] Mitten in diesem Brief gab es einen Schriftwechsel mit diesen einfachen Worten, die vielleicht wörtlich, auf jeden Fall aber sinngemäß lauteten: „Ich genehmige die erbetenen Zeremonien unter folgenden zwei Bedingungen: erstens, daß sie gültig vollzogen werden, und zweitens, daß von ihnen ein sicherer, materieller Beweis vorliegt.“ Es folgte die Unterschrift nur mit dem Vornamen des Erzbischofs [Bischofs] von Münster, des berühmten Msgr von Galen, der 1945 [am 18.2.1946] Kardinal werden sollte und der, weil er den deutschen Machthabern sehr verdächtig war, alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen hatte treffen müssen, um eine Nachricht dieser Art, verloren inmitten eines Briefes der Familie, zu schicken. „Genügt Ihnen dieses Dokument?“ fragte mich Pater de Coninck. „Selbstverständlich“, antwortete ich. „Unter diesen Umständen kann ich kein kanzleigeprüftes Schriftstück fordern. Das Wesentliche für mich ist, die Sicherheit zu haben, daß der vor der Weihe stehende Geistliche von seinem Bischof zugelassen ist, und dessen Einwilligung gilt unter den vorliegenden Umständen genauso wie das sonst unerläßliche Entlaßschreiben. Die Einwilligung des Erzbischofs von München war durch die Vermittlung unseres Hostienlieferanten, den Pfarrer [Friedrich Pfanzelt] von Dachau [St. Jakob], leichter zu erfragen und zu erhalten. Tatsächlich erhielt ich einige Tage später [am 11.12.] ein Pontifikale, das zur Priesterweihe nötige Katechumenenöl und darüber hinaus die Tunicella und die [Pontifikal]Handschuhe, die die liturgischen Gewänder unserer Sakristei vervollständigten.[7]
Michael Kardinal von Faulhaber, München und Freising Neben dem Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen mußte auch der Erzbischof von München und Freising Michael Kardinal von Faulhaber die Erlaubnis zur Priesterweihe geben, weil das KZ Dachau in seinem Erzbistum lag. Während die Erlaubnis zur Priesterweihe Karl Leisners aus „Münster“ über den offiziellen Postweg des KZ Dachau verlief – alle Briefbögen tragen den Stempel der „Postzensurstelle KL Dachau“ – gingen die Anfragen nach München „geheime Wege“. Donnerstag, 23. November 1944 Ferdinand Schönwälder: Es war an einem nebeligen, grauen Novembermorgen (23.11.44) des Jahres 1944, als mir Pater [Otto] Pies mitteilte, er wolle nun alles daran setzen, daß sein Freund Leisner noch in diesem Jahre die Priesterweihe erhalte. Ich konnte es kaum fassen. Aber P. P. [Otto Pies] hatte öfters Einfälle, die einem gewöhnlichen Sterblichen kaum in den Kopf gekommen wären. Wir standen zu Arbeitskommandos formiert auf dem Appellplatz und warteten auf die Posten, die uns zur Arbeitsstelle begleiten sollten. P. P. weihte mich in seinen Plan ein. Ich sollte helfen, die Verbindung mit der Außenwelt herzustellen. Damals hatte ich einen Posten inne, der mir Gelegenheit gab, mit Zivilisten zusammenzukommen, und ich hatte auch schon dank der Vorsehung eine feste und ständige Verbindung mit dem Kloster der Armen Schulschwestern in Freising. [...] Jede Woche kam auch von dem Kloster eine Kandidatin, die jetzige Schwester Imma [Mack], von uns mit dem Decknamen „Mädi“ bedacht, und brachte für die polnischen Geistlichen, die damals nur im geheimen zelebrieren durften, Meßwein und Hostien. Es galt nun, auch die Frau Oberin [Schwester Saba Gigl] für unser Vorhaben zu gewinnen, und wie zu erwarten war, ging sie uns sofort mit jugendlichem Eifer an die Hand. Die Arbeit konnte beginnen. Strengste Diskretion war Bedingung. Zuerst mußte Mädi zwei wichtige Briefe herausschaffen. Einen an S. Eminenz, den Herrn Kardinal Faulhaber, den anderen an S. Exzellenz, den Bischof von Münster [Clemens August Graf von Galen[8]], aus dessen Diözese Karl Leisner stammte. Beide Kirchenfürsten gaben ihre Bewilligung überraschend schnell. Im Lager befand sich damals der französische Bischof von Clermont [Gabriel Piguet], der die Weihe vornehmen sollte. Sie wurde auf den dritten Advents-Sonntag des Jahres 1944 festgesetzt. Der Priesterkandidat lag damals schwer krank im Revier. P. P. pflegte ihn mit hingebungsvoller Liebe, es fehlte aber an den nötigen Arznei‑ und Lebensmitteln, um dem Kranken wenigstens etwas zu helfen. Als dies die Frau Oberin erfuhr, sprangen die Schulschwestern in Freising sofort ein. Es wurde ja schon damals viel für die Geistlichen getan, jetzt aber schien es, die Schwestern hätten ihre Rührigkeit verdoppelt. Mädi kam auch zweimal wöchentlich, hochbepackt mit Arzneien und Lebensmitteln. Die Schwestern hatten es sich in den Kopf gesetzt, daß Karl Leisner seine Weihe erhalten sollte und daß er zu dieser Weihe gesund und munter sein sollte! Das Beste vom Guten wurde für den jungen Leviten geschickt und ins Lager hineingeschmuggelt. Butter, Eier, Wein und Cognac und viele andere Sachen, die uns Häftlingen nur dem Hören nach bekannt waren. Mir kam es manchmal vor, daß sich die Schwestern viele Sachen vom Munde abgespart hatten. Nun konnte P. P. pflegen. Der Kranke gedieh prächtig. Eine Woche vor seiner Priesterweihe konnte er sogar schon ein bißchen im Saal herumspazieren. Jetzt fehlten nur noch die liturgischen Gewänder und Bücher. Mädi schleppte auch dies aus Freising herbei, und wir brachten es auf Schleichwegen ins Lager.[9]
Imma Mack: In der ersten Adventswoche[10] sagte mir [Ferdinand] Schönwälder, daß er einen ganz wichtigen Auftrag von Pater [Otto] Pies für mich hätte. Dabei überreichte er mir zwei Briefe von ihm, die noch nicht zugeklebt waren. Der eine war für Kardinal Faulhaber bestimmt, der andere für den Jesuitenfrater Johannes Zawacki. Vor der Weitergabe an die Adressaten sollte ich sie zuerst selbst lesen, damit ich genau um den Inhalt wüßte. Schönwälder erklärte mir dann noch, daß der Diakon Karl Leisner, der bereits lange Zeit im KZ Dachau inhaftiert sei, schwerkrank im Revier liege. Pater Pies betreue ihn freundschaftlich, zeitweise würde er ihn auch pflegen. Vor kurzem sei ein französischer Bischof [Gabriel Piguet] auf dem Priesterblock eingeliefert worden. Pater Pies habe mit Karl Leisner und Exzellenz Gabriel Piguet überlegt, ob dieser nicht den todkranken Diakon in der Lagerkapelle zum Priester weihen könne. Dafür sei aber Verschiedenes nötig; Näheres stehe in den beiden Briefen. Pater Pies habe ihm gesagt, daß ich das Schreiben für den Kardinal persönlich überbringen solle. Zawacki sollte mich dabei begleiten. Ich solle die schriftliche Bitte von Pater Pies, die Priesterweihe von Karl Leisner zu genehmigen, mündlich bekräftigen und Zawacki könnte mich dabei unterstützen. Aus folgenden Gründen sollte ich die Erlaubnis schon nächste Woche nach Dachau bringen: Zum einen werde der Bischof sicher nicht lange auf dem Priesterblock bleiben, sondern bald in den Bunker zu den „Ehrenhäftlingen“ kommen. Zum anderen sei der Gesundheitszustand des Diakons so schlimm, daß niemand mehr zu glauben wage, Leisner könne die Befreiung aus dem KZ noch erleben. Der Auftrag, den ich mit diesen beiden Briefen erhalten hatte, beeindruckte mich tief. [...] Zu Hause [in Freising] angekommen, las ich mit Frau Oberin und Schwester Vigoris [Wolf] die beiden Briefe. Dann klebte ich sie mit dem Wunsch zu, daß sie die Adressaten sicher erreichen möchten. Den für den Jesuitenfrater Zawacki in Pullach bestimmten warf ich in einen Briefkasten der Stadt. Den für Kardinal Faulhaber verwahrte ich sorgsam.[11]
Fr. Johannes Zawacki: Ich wußte von ihrer [Josefa Macks] Tätigkeit, sonst aber arbeitete jeder aus Sicherheitsgründen für sich allein. In diesem Fall sollte ich allerdings mit ihr gemeinsam zum Bischof [zu Michael Kardinal von Faulhaber] gehen und ihm die Bitte der Häftlinge vortragen sowie das Mädchen vorstellen und als vertrauenswürdig empfehlen. Kardinal Faulhaber empfing uns sehr gütig und verständnisvoll. Nachdem ich ihn kurz informiert hatte, erklärte er sich einverstanden, und ich brauchte mich mit der Angelegenheit nicht mehr zu befassen. Ich hörte erst später, daß alles geglückt war. Von dem Mädchen erfuhr ich auch, daß meine Gänge ins Lager von einigen Leuten, die in der Gärtnerei wohnten, bemerkt und wahrscheinlich beobachtet wurden. Trotzdem geschah die ganze Zeit hindurch nichts.[12]
Donnerstag, 7. Dezember 1944Schwester Imma Mack am 13. August 2002 an Hans-Karl Seeger: Frater Johannes Zawacki rief von Pullach aus in Freising an, und man vereinbarte vor dem zerbombten Bahnhof in München ein Treffen am Donnerstag, dem 7. Dezember 1944. Von dort ging es zu Fuß zum Bischofspalais. Von Pullach aus hatten die Jesuiten den Besuch beim Kardinal angemeldet, daher erwartete uns der Sekretär des Kardinals Hubert Wagner.
Imma Mack: Am Donnerstag [7.12.1944] fuhren wir zusammen nach München und brachten die Bitte um die Priesterweihe für Karl Leisner bei H. H. Kardinal bescheiden vor. Freundlich gewährte er sie, und wir erhielten auch gleich das Öl und alles andere, was nötig war.[13]
Bei diesem Besuch erhielt Josefa Mack alles für die Weihe Notwendige.[14] Michael Kardinal von Faulhaber notierte sich auf einem Zettel in Gabelsberger-Kurzschrift[15]: [Donnerstag] 7.12.44 [begleitet] fr [Frater Johannes] Zawacki [SJ] persönlich Josefa Mack [zu mir ins Bischofspalais]: Münster hat durch litterae die Erlaubnis gegeben (dimiss. [dimissoriae]), Diak[on] Karl Leisner zu weihen. Er wurde 39 kurz vor der Weihe hierher versetzt. [Ich habe] Gleich mitgegeben in weiser Ahnung: Pontificale, Kat. [Katechumenenöl] möglich, 2 viol. [violette] Tunic. [Tunicellae][16], viol. [violette] Strümpfe und Handschuhe (Schuhe[17] war nicht möglich). Sowie 3 heilige Oele und 2 Chorröcke.[18]
Prälat Johannes Waxenberger, der letzte Sekretär von Michael Kardinal von Faulhaber, hat Einsicht in die Besuchertagebücher des Kardinals genommen und teilte am 14. Februar 2002 telefonisch mit, der Kardinal habe in Gabelsberger-Kurzschrift folgende Notiz gemacht: Do. 7.12.1944, 10.30 Uhr. Jos. Mack mit Brief von Πιες [Pies]. Rückbericht durch Frater Zawacki. Ordin. pres. [Weiheerlaubnis] erteilt worden Λεισνερ [Leisner] Münster. Und dazu die Sachen schicken.
Montag, 11. Dezember 1944 P. Otto Pies: Imma Mack brachte die von Michael Kardinal von Faulhaber erhaltenen Dinge nach Dachau.[19]
Imma Mack: Pater [Otto] Pies kam unter irgendeinem Vorwand zu [Ferdinand] Schönwälder ins Verkaufsbüro [der Plantage]. Er wollte möglichst bald erfahren, wie unser Gespräch bei Kardinal Faulhaber verlaufen sei, und ob ich die wichtigen Unterlagen mitgebracht hätte. Zu seiner großen Freude konnte ich ihm alles übergeben. Er sagte mir, daß schon am kommenden Sonntag, 17. Dezember, dem Gaudete-Sonntag, die Weihe stattfinden werde.[20]
Erzbischöfliches Sekretariat München am 1. Februar 1974 an Wilhelm Haas[21]: Der Brief an den Kardinal ist nicht mehr vorhanden. Er dürfte sicher mit der Bitte um Vernichtung versehen gewesen sein, da es sich ja um ein höchst gefährliches Schriftstück handelte. Ein Antwortbrief des Kardinals scheint nie vorhanden gewesen zu sein, vermutlich hat der Kardinal mündlich geantwortet. Erwin Obermeier, Erzbischöflicher Sekretär
P. Ludwig Volk SJ am 21. September 1978 an Heinrich Kleinen: Als Herausgeber der „Akten Kardinal Faulhabers 1917–1945“ kam ich seinerzeit auch mit der Anfrage des Karl‑Leisner‑Kreises bezüglich der von Kardinal Faulhaber erteilten Weiheermächtigung in Berührung. Zu diesem Punkt hat sich auch bis heute nichts gefunden.
Als Antwort des Kardinals auf die Bitte um die Weiheerlaubnis wird folgendes Schreiben angesehen, das mit einem Begleitschreiben in Schreibmaschinenschrift auf offiziellem Briefpapier des Pfarramtes St. Jakob Dachau durch Friedrich Pfanzelts Vermittlung weitergeleitet wurde: Kath. Stadt-Pfarramt St. Jakob Dachau, Ruf-Nr. 481 Dachau, den 4. November 44 Hochwürden Herrn Georg Schelling – Dachau KL/Block 26. Im Auftrage Seiner Eminenz übermittle ich [Friedrich Pfanzelt] Ihnen beifolgendes Schreiben betr. Geistliche Vollmachten und bitte um Empfangsbestätigung. Falls Sie für die Lagerseelsorge irgend etwas brauchen, stehe ich gerne zur Verfügung. Priesterlichen Gruß!
Abschrift des Schreibens Seiner Eminenz an [Georg] Schelling. München, 25. Oktober 1944 Wie ich gehört habe, besitzen Sie das Vertrauen der Kommandantur und sind [von der KZ-Lagerleitung] mit der Ordnung des Gottesdienstes betraut. Da dieser, wie schon wiederholt zu vernehmen war, sehr eindrucksvoll ist[22], lege ich einem Paket, das gleichzeitig an Ihre Adresse gesandt wird, auch eine Mitra und ein violettes Birett bei, die Sie einem etwa anwesenden Bischof zur Verfügung stellen können. Als Ihre seelsorgerliche Aufgabe als Lagerdekan betrachte ich es, daß Sie jedem neueintretenden Priester, der von seinem Bischof zur Zeit des Eintrittes Celebret und Jurisdiktion hat, mitteilen, daß er für die Dauer seines Aufenthaltes Zelebrationserlaubnis und Jurisdiktion hat. Ich gebe Ihnen aber zugleich die Vollmacht, wenn es notwendig ist, beides zu widerrufen. Ich bin der Lagerleitung sehr dankbar, daß nunmehr seit einigen Jahren die Gottesdienstfrage so glücklich gelöst ist.[23] In Zukunft werde ich Ihnen, soweit es die Ordnung zuläßt, gelegentlich Pakete schicken, von deren Inhalt Sie nach Belieben auch anderen mitteilen können.[24] M. Card. Faulhaber
Michael Kardinal von Faulhaber notierte sich auf einen Zettel in Gabelsberger-Kurzschrift: Dachau [An] Lagerdekan [Georg] Schelling. [Über] Pf. [Pfanzelt] [Mittwoch] 25. Okt 1944: Frl. Benz[25]: Mitra, Birett vom Dom ([Domkapitular Dr. Franz] Hartig), viol. [violette] Strümpfe[26], [Pontifikal]Handschuhe, 2 zucch. [Zucchetti] warm, 1 P. [Paar] ganz warme Winterschuhe, Zwiebacktüte, Schachtel mit 50 Zig. [Zigarren] à 20 [? zu 0,20 Reichsmark], Aepfel. Violine nicht nötig weil sie einen Chor haben und Messen von Pf. [? Pfanzelt] gehalten hat. Dem Bischof von Clermont [Gabriel Piguet] lasse ich sagen durch Schell. [Georg Schelling], warum ich nicht [direkt an ihn] schreibe und nicht schicke. Ob nicht in den Ehrenbunker? [27], [28]
Im Archiv der Pfarrei St. Jakob Dachau befindet sich ein Schreiben in Schreibmaschinenschrift auf offiziellem Briefpapier, auf dem die Übergabe des oben genannten Paketes bestätigt wird: Kath. Stadt-Pfarramt St. Jakob Dachau, Ruf-Nr. 481 Dachau, den 31. Oktober 1944 Unter obigem Datum wurden an das KZL für die Kapelle auf Block 26 – Lagerkaplan [Georg] Schelling – geliefert: 20.000 kleine Hostien, 130 große Hostien, 8 Kerzen, 6 Flaschen meßwein [sic!], ein Päckchen Wachsdraht, Mitra, violettes Birett, violette Strümpfe, Handschuhe, zwei Zucchetti, warme Winterschuhe, düte [sic!] Zwieback, Schachtel mit 50 Zigarren, Äpfel. Unterschrieben ist das Dokument: Pietrykowski[29]
[1] Willi Leisner machte den Vermerk: [Eingang] 14/11 [14.11.1944]. B [Beantwortet] 19/11 [19.11.1944]. [2] Auf diesem Blatt schrieb Willi Leisner am 14.11.1944 den Sammelbrief an seinen Bruder weiter. [3] Bistumsarchiv Münster, Slg G-A 9. [4] Familie Leisner hatte erwogen, zu Pfarrer Burkard Sauer nach Rothenbuch zu ziehen. [5] Gemeint ist, Karl Leisner möge das Bild Willi Leisner schicken. Eleonore Philipp am 11.3.2008 an Hans-Karl Seeger: Wenn auch der Maler unbekannt ist, so vermute ich stark, dass die Malfarben für dieses Bild aus der Plantage stammen könnten, wo eine ganze Anzahl von „botanischen Malern“ beschäftigt war, die auch für das vom SS-Personal in Auftrag gegebene Gemälde herstellten. Bei Pater Augustin Hessing arbeiteten ja einige Priesterkameraden (z. B. P. Sales Heß u. a.), die evtl. den Kontakt zum Maler herstellten und die Anregung für das Portrait gaben. Michaela Haibl: In den Bereich der offiziellen Lagerkunst gehören die Artefakte der sogenannten Malerkolonie in der „Plantage“ [...] Für die Häftlinge, die hier bei der Bebauung des Freilandes unter erschwerten Bedingungen absichtsvoll zu Tode geschunden wurden, war das Arbeitskommando Plantage eines der schlimmsten. Die Maler hingegen, die seit 1940 an dem von Heinrich Himmler vorangetriebenen Prestigeprojekt eines groß angelegten illustrierten Heilpflanzenbuchs arbeiten durften, hatten bestmögliche Arbeitsbedingungen und größte Überlebenschancen. Für sie öffnete sich ein geschützter Raum. Die meist tschechischen und österreichischen Zeichner und Maler waren mit dem Abzeichnen von Heilpflanzen beschäftigt. Für sie galten Sonderregelungen, so daß sie relativ unbehelligt auch über ihre Aufgabe der botanischen Zeichnung hinaus künstlerisch tätig werden konnten. [...] Einige der Maler aus den Malerkolonnen zeichneten auch illegal und für Mithäftlinge oft Glückwunschkarten, die innerhalb des Lagers verschenkt wurden. Ein weiterer Ort, an dem Zeichnungen entstanden, war das „Revier“. [...] Das Pflegepersonal in den Krankenbaracken war ähnlich wie die Maler der Plantage weitgehend des gewöhnlichen Lageralltags entbunden. Die Pfleger mußten nicht zum Appell; auch das Essen wurde gebracht, so daß sich, oft geschützt von Quarantäne-Verordnungen bei Seuchengefahr, Freiräume ergaben. (Haibl, S. 49–52.) Siehe: Sammelbrief von Familie Leisner vom 20./30.11.1944 an Karl Leisner; „Karl Leisners letztes Tagebuch“ und Rundbrief des IKLK Nr. 33. Heute hängt das Aquarell im Haus von Elisabeth Haas. [6] Es handelt sich um den Brief, den Willi Leisner seinem Bruder am 14.11.1944 mit der offiziellen Post ins KZ geschickt hat. [7] Piguet 1947, S. 103f. [8] Clemens August Graf von Galen hatte bereits seine Zustimmung gegeben. Der zweite Brief war für Jesuitenfrater Johannes Zawacki. [9] Pies 1950, S. 155–157. [10] Der 1. Adventssonntag war 1944 am 3.12. [11] Mack, S. 78–83. [12] „Stimmen von Dachau“ Nr. 10, Sommer 1968, S. 61. [13] In: Pies 1950, S. 162. [14] Siehe: Mack, S. 83–85. [15] Die Transkription der zitierten Faulhaber-Notizen hat Herr Alois Schmidmaier vorgenommen. Herr Hans Gebhardt, ebenfalls Fachmann für Gabelsberger-Kurzschrift, hat den Text gegengelesen und einige Unklarheiten beseitigt. Siehe: Ausführliche Kommentierung Seeger 2005/2. [16] Zwei sind es vermutlich, weil eine als Dalmatik verwendet wurde. [17] Es handelt sich vermutlich um Pontifikalschuhe. [18] Erzbischöfliches Archiv München „NL Faulhaber 6831“. [19] Pies 1950, S. 162. [20] Mack, S. 84. [21] Wilhelm Haas am 15.1.1974 an das Generalvikariat München: Nach Auskunft des Buches „Stephanus heute“ von P. Pies hat „Mädi“ (heute Schwester Josefa Imma Mack) 1944 aus dem Lager Dachau einen Brief an Kardinal Faulhaber mit der Bitte um Ordinationserlaubnis geschafft. Der Verfasser des Briefes war vermutlich P. Pies SJ, auch Häftling in Dachau. Der „Karl Leisner Freundeskreis“ bittet höflich um zwei Kopien dieses KZ-Briefes sowie des Antwortbriefes des Kardinals. [22] Diese Aussage bezieht sich vermutlich auf die Anwesenheit des Bischofs Gabriel Piguet, der durch Pontifikalassistenz zur Feierlichkeit der Gottesdienste beitrug. [23] Anfangs durfte nur der von der Lagerleitung ernannte Lagerkaplan zelebrieren. Später wurde diese Vorschrift gelockert. [24] Schreibmaschinendurchschrift im Archiv der Pfarrei St. Jakob Dachau Nr. 28–24. Im Faulhaber-Archiv in München ist kein weiteres Dokument bezüglich der Weiheerlaubnis zu finden. [25] Vermutlich meint Michael Kardinal von Faulhaber die Fotografin Maria Penz aus München. Sie lebte damals, weil sie in München ausgebombt war, im Pfarrhof von St. Jakob in Dachau. [26] Violette Strümpfe zu tragen war das Recht des höheren Klerus. [27] Offensichtlich rechnete Michael Kardinal von Faulhaber damit, daß Bischof Gabriel Piguet in den Ehrenbunker käme, was dann auch am 22.1.1945 geschah. [28] Erzbischöfliches Archiv München „NL Faulhaber 6831“. [29] Archiv der Pfarrei St. Jakob Dachau Nr. 28–24. Albert Knoll vom Archiv der KZ Gedenkstätte Dachau am 5.4.2004: In unseren bruchstückhaften Dokumenten zur Kommandantur und dem Stab der Wachleute taucht der Name Pietrykowski nicht auf. Eleonore Philipp am 5. August 2005 an Hans-Karl Seeger: Hier bin ich sicher, dass die Unterschrift nicht von einem SS-Mann stammt. Meine Vermutung stützt sich darauf, dass in diesem Schreiben die Abkürzung „KZL“ verwendet wurde, was bei der SS nicht üblich war. Die Abkürzung war „KL“. Pietrykowski könnte jemand aus der Stadt Dachau oder aus dem Seelsorgebereich von St. Jakob (Pfarrhelfer o. ä.) sein. Das Dokument ist ein Lieferschein und keine Empfangsbestätigung. Wieso sollte auch ein SS-Mann auf einem Briefbogen des Pfarramts unterschreiben? Er hätte für die Bestätigung bestimmt ein Blatt aus seinem Büro verwendet und bei der Unterschrift Dienstgrad und Siegel hinzugefügt. Zu diesem „Lieferschein“ las ich im Aufsatz von Dr. Hubert Vogel „Über die katholische Pfarrseelsorge bei den Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau“: Unterm 26.9.1944 bestellte Lagerkaplan Georg Schelling beim katholischen Pfarramt in Dachau 20.000 kleine Oblaten, 100 große Oblaten, Messwein und Kerzen. Er bemerkte dazu: „Der Bedarf an kleinen Oblaten ist größer geworden, außerdem sind die Meßweinreserven aus Mainz aufgebraucht. Eine Kleinigkeit Presskohle wäre uns ebenfalls erwünscht.
Geigespielender Jude bei der Priesterweihe im KZ Dachau Beeindruckend ist auch folgende Legende von René Lejeune: Während der Priesterweihe spielte ein deportierter Jude draußen Geige, um die Aufmerksamkeit der SS-Wachposten abzulenken...[1] René Lejeune hat die Idee vermutlich von Christian Bernadac übernommen: Ehe Karl wieder ins Revier zurückging, umarmte er einen Häftling und sagte: „Danke, Danke ihnen. Ich habe lange für alle verfolgten Juden gebetet.“ Der Häftling kniete nieder und bat: „Segnen Sie mich!“ Dieser jüdische Häftling, der erste Geiger aus dem berühmten Orchester von Karl Furtwängler [1886–1954], hatte während des gesamten Weihevorgangs Werke von Bach, Händel und Mozart gespielt.[2] KZ-Priester halten diese Episode für eine Legende. Johannes Sonnenschein am 31. Juli 1997 an Hans-Karl Seeger: Bei der Priesterweihe ist keine einzige Geige erklungen. Es ist auch höchst unwahrscheinlich, daß ein jüdischer Mithäftling überhaupt im Lager hat spielen können. Hermann Scheipers am 16. August 1997 an Hans-Karl Seeger: Auf keinen Fall hat ein Jude bei der Weihe Karl Leisners Geige gespielt. Auf Zweifel und Kritik an dieser Episode reagierte René Lejeune am 11. Februar 1998: Eins bin ich sicher, die rührende Episode ist meinerseits keine Erfindung.
[1] Lejeune 1989, S. 251; Lejeune 1991, S. 257; Lejeune 2002, S. 107. [2] Bernadac S. 331. |