Pilgerwanderung zum Weltklimagipfel nach Paris – Karl Leisner hätte sicher daran teilgenommen

LogoÖkumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit
13. September bis 28. November 2015

Geht doch! Unter diesem Motto lädt unser ökumenisches Bündnis aus Landeskirchen, Diözesen, christlichen Entwicklungsdiensten, Missionswerken und (Jugend-) Verbänden Einzelpersonen, Gruppen und Jugendgruppen zum Mitpilgern auf den Pilgerweg für Klimagerechtigkeit ein.
Der internationale Pilgerweg verläuft von Flensburg über Trier nach Paris und wird ergänzt durch einen südlichen Zulauf von Ludwigshafen nach Metz. Durch Workshops und politische Aktionen entlang des Wegs schaffen wir Bewusstsein für die Klimagerechtigkeit auf unserem Planeten. Bei der ökumenischen Abschluss-Veranstaltung während der Klimakonferenz in Paris treffen wir mit Pilgern und Aktivisten aus der ganzen Welt zusammen. Auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 wird ein neues internationales Klimaabkommen beschlossen. Unser Pilgerweg macht im Vorfeld auf die globale Dimension des Klimawandels aufmerksam.

Link zu klimapilgern.de

siehe auch Link zum Artikel des Bistums Münster im INTERNET PORTAL DER KONFERENZ WELTKIRCHE

Vom 13. bis zum 19. Oktober 2015 durchquerten die Klimapilger das Münsterland. Viele Münsteraner schlossen sich für eine oder auch mehrere Tagesetappen den sogenannten „Dauerpilgern“ an. Diese sind zum Teil bereits ab Flensburg auf dem Weg. Einige wollen sogar die gesamte Strecke bis Paris gehen. So auch Eva Katharina, protestantische Pfarrerin, aus Schweden. Sie hat für dieses Anliegen ihren gesamten Urlaub geopfert. (siehe Link zur Lokalzeit Münsterland vom 14.10.2015, ca. 23:15 – 27:35). Am Freitag, dem 16. Oktober, starteten nach dem Reisesegen in St. Martinus in Greven insgesamt 85 Pilger zur Tagesetappe nach Münster. In der Kirche St. Johannes Baptist in Gimbte übernahmen die „Jakobsfreunde Münster“ unter Leitung von Rita Maria Meyer die Wegbegleitung der Pilger bis zur Station des Naturschutzbundes (NABU) unweit von Rinkerode. Nach einer naturkundlichen Führung in den Rieselfeldern erwartete die Pilger ein deftiger Mittagsimbiß in der evangelischen Andreas-Kirchengemeinde Münster-Coerde. Ehe es wieder hinaus in den Dauerregen ging, betete Pfarrer Frank Beckmann mit der Pilgergruppe vor dem Nagelkreuz das Versöhnungsgebet von Coventry „Vater, vergib“ (Link zum Gebet).

Am Pumpenhaus, einem der münsterschen Theater, warteten zahlreiche Pilger, um sich der Gruppe auf dem Weg in die Innenstadt anzuschließen. Abgesichert durch eine Motorradstreife und einen Einsatzwagen der Polizei, erreichten über 100 Pilger wie vorgesehen gegen 16.00 Uhr den Prinzipalmarkt und versammelten sich unter kräftigem Beifall der Bevölkerung und musikalisch begleitet von der Band des Kantors Hans Werner Schwarnowski vor dem historischen Rathaus des Westfälischen Friedens. Bürgermeister Gerhard Joksch und Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen begrüßten die zum Teil völlig durchnäßten, aber dennoch fröhlichen Pilger: Pfarrer Martin Mustroph für die evangelische Kirche, Weihbischof Stefan Zekorn für die katholische Kirche, Sharon Fehr für die jüdische Gemeinde und für den christlich-islamischen Arbeitskreis Annethres Schweder und Hüseyin Demir.

Bürgermeister Gerhard Joksch

Joksch

 

Pfarrer Martin Mustroph

Mustroph

 

Weihbischof Dr. Stefan Zekorn

Zekorn

 

Sharon Fehr, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde

Fehr

 

Annethres Schweder

Schweder

 

Koranrezitation von Imam Güdük und Hüseyin Demir

Sure

 

Zum Abschluß der Veranstaltung ließen die Anwesenden an die 1000, natürlich aus umweltfreundlichem Material erstellte, blaue und grüne Luftballons in den Himmel steigen und sangen das Lied „Die Gedanken sind frei…“ in der Umdichtung von Ingo Barz:

Ich denk mir ein Haus aus Reimen und Noten,
wo keinem der Aus- und Eintritt verboten.
Die Türen stehn offen
für alle, die hoffen,
wer will, komm herbei:
Die Gedanken sind frei.

Ich denk mir ein Land mit tiefgrünen Wäldern,
mit sauberem Strand und kornschweren Feldern,
wo See, Fluß und Tümpel
frei sind von Gerümpel,
von Stickstoff und Blei,
wo Gedanken sind frei.

Ein Volk denk ich mir, das nicht schon erblindet,
beim Geldzählen hier nur Seligkeit findet,
das Mut hat zum Streiten,
wo auch Minderheiten
sich finden dabei
und Gedanken sind frei.

Ich denk mir die Welt mit Tischen für jeden,
ein freundliches Zelt zum Essen und Reden.
Kein Hunger, kein Schweigen,
ein fröhlicher Reigen
und Menschlichkeit sei
und Gedanken sind frei.

Ich denk mir ein Lied aus Güte und Klarheit,
das, wo es geschieht im Anspruch auf Wahrheit,
nicht hart und verbittert
die Hirne vergittert,
das ohne Geschrei
die Gedanken läßt frei.

An den einzelnen Ballons hing jeweils ein Handzettel mit folgender Aufschrift:
Vorderseite
Wir fordern von den EntscheidungsträgerInnen des UN-Klimagipfels in Paris:

–       Vereinbaren Sie auf nationaler und internationaler Ebene gerechte, ehrgeizige und dauerhafte Klimaschutzmaßnahmen, die den Klimawandel stoppen können und die globale Erderwärmung deutlich unter 2°C halten!
–       Vereinbaren Sie eine deutliche Erhöhung der finanziellen Mittel, damit eine Anpassung an den Klimawandel und eine nachhaltige, kohlenstoffarme Entwicklung für die Ärmsten möglich ist

Rückseite
„Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle.“
(Papst Franziskus, Enzyklika „Laudato si“)

„Die Herausforderung, vor die der Klimawandel Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche stellt, sind gewaltig. Es geht um das Überleben vieler und ein würdiges Leben aller Menschen.“
(Evangelische Kirche in Deutschland, Denkschrift „Umkehr zum Leben)

Impressionen von der Etappe Greven – Münster

Link zur Tageszeitung WN vom 17. Oktober 2015

Kirche + Leben vom 25. Oktober 2015

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Am Samstag, dem 17. Oktober, versammelten sich die Pilger zum Reisesegen um 8.00 Uhr in der Kirche St. Lamberti in Münster. Die Zahl der Teilnehmer war inzwischen auf 135 angewachsen, darunter auch sehr viele junge Menschen. Pfarrer Bernd Krefis vom Evangelischen Kirchenkreis Münster hielt eine beeindruckende Ansprache:
Krefis

 

Nach dem Reisesegen ging es über den offiziell ausgezeichneten Weg der Jakobspilger zunächst zum MSC-Welthaus Hiltrup. Dort genossen die Pilger durch die Leiterin Sr. Annette Hemming MSC und deren Team einen geradezu fürstlichen Empfang mit hervorragender Bewirtung, der Möglichkeit eines Fußbades und/oder einer Massage für die geschundenen Füße sowie einer Ruhe- bzw. Meditationsmöglichkeit. Nach einer circa zweistündigen Erholungspause dankte die Pilgergruppe den Schwestern mit dem als Kanon gesungenen Lied „Shalom Alechem – Friede sei mit Euch“. Der weitere Weg bis zur NABU-Station beim Gut Heidhorn verlief entlang des historischen Pilgerweges, der heutigen Bundesstraße 54. Diese Strecke bewältigte auch die an Parkinson erkrankte Heike, begleitet von ihrer ausgebildeten Hündin Alma. Heike ist bereits seit Flensburg dabei und möchte bis Wuppertal gehen. Für die Strecken, die sie nicht zu Fuß zurücklegen kann, hat sie sich mittels Internet einen Fahrplan erstellt, der es ihr ermöglicht, diese mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen, und wenn das verkehrstechnisch nicht möglich ist, steigt sie auch schon einmal in das für die gesamte Strecke zur Verfügung stehende Begleitauto. Heike macht diesen Weg, um für ihre Kindern eine bessere Zukunft zu erreichen. Eine bewundernswerte Pilgerin!!!

Die Mitarbeiter der NABU-Station empfingen die Pilger mit Apfelsaft bzw. -punsch aus der gerade beendeten Ernte der münsterländischen Streuobstwiesen. Anschließend bestand die Möglichkeit, in Begleitung eines Försters an einer kurzen Führung durch das angrenzende Waldgebiet der Davert oder an einer Powerpoint-Präsentation über die Aktivitäten des NABU im unmittelbaren Umfeld der Station teilzunehmen. Am dortigen Standort endete die Verantwortung der Jakobsfreunde Münster, und der Heimatverein Rinkerode übernahm die Leitung der Pilgergruppe. Durch das jenseits der B 54 angrenzende Waldgebiet der Hohen Ward führte die letzte Etappe des samstäglichen Pilgerweges entlang der Bahnstrecke zur Pfarrkirche St. Pankratius in Rinkerode. Dort verabschiedeten sich die „Dauerpilger“, wie am Ende einer jeden Etappe üblich, von den Tages- bzw. Etappenpilgern mit dem irischen Segenslied „Möge die Straße uns zusammenführen“:

Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in deinem Rücken sein;
sanft falle Regen auf deine Felder und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.
Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand;
und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.

Führe die Straße, die du gehst, immer nur zu deinem Zielberg ab;
Hab´, wenn es kühl wird, warme Gedanken und den vollen Mond in dunkler Nacht.
Und bis wir uns wiedersehen …

Hab´ unterm Kopf ein weiches Kissen, habe Kleidung und das täglich Brot;
sei über vierzig Jahre im Himmel, bevor der Teufel merkt, du bist schon tot.
Und bis wir uns wiedersehen …

Bis wir uns mal wiedersehen, hoffe ich, daß Gott dich nicht verläßt;
er halte dich in seinen Händen, doch drücke seine Hand dich nie zu fest.
Und bis wir uns wiedersehen …

Impressionen von der Etappe Münster – Rinkerode

Link zu wa.de

Karl Leisner war ein Liebhaber der Schöpfung und offen für die Ökumene, insofern hätte ihn die Thematik
„Ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit“
sehr interessiert, und er hätte vermutlich an der Aktion teilgenommen.

Die Art und Weise, wie er bereits als 16jähriger Schüler Walther von der Vogelweide als Naturfreund charakterisiert, zeigt auch seine eigene Liebe zur Natur.

Donnerstag, 29. Oktober 1931
4.
Klassenaufsatz.
Die Persönlichkeit Walthers von der Vogelweide auf Grund seiner Lieder und Sprüche.
Walther zieht als fahrender Sänger durchs deutsche Land. Wenn es wieder Frühling wird, bricht er von seinem oft armseligen und schlechten Winter­unterschlupf auf und zieht von Burg zu Burg. In seinen Liedern besingt er immer wieder die Maien- und Sommerzeit. Wir sehen darin, wie innig er mit der Natur verbunden ist. Er erlebt auch sein ganzes Minneleben mit und in der Natur. Er trifft sich mit seiner Geliebten auf grüner Au, unter einer schattenspendenden Linde oder am klaren Quell. Prächtig weiß er uns die Mai- und Sommerlandschaft zu schildern. – Wie alles grünt und blüht, wie er sich des Sonnenscheins und der Blumen und Bäume freut! Er vergißt darob alles Leid, das er im strengen Winter hat erdulden müssen. Aber eins geht ihm selbst über die Schönheit und blühende Pracht der Maienzeit; das ist seine „Fraue“, der er in treuer Minne dient, und der er seine schönsten Lie­der widmet. – In seinen Natur- und Minneliedern tritt uns Walther also als ein feiner Naturbeobachter, als ein echter Naturfreund und als „min­nender“ Mann entgegen.

Immer wieder erfreut er sich an Gottes Schöpfung und der Schönheit der Natur. Besonders intensiv schlägt sich dieses Empfinden wiederum in einem Aufsatz nieder.

Mittwoch, 24. Februar 1932
7.
Hausaufsatz.
Winterstimmungen.
Ein schneidender Nordost fegt über die hartgefrorenen Erdschollen dahin. Nur mit Mühe komme ich gegen den starken Wind an. Der Himmel ist dü­ster­grau. Alles Leben scheint erstarrt zu sein. Ein geheimnisvoller Schauer packt mich. Ich bleibe stehn, um tief zu atmen; denn ich bin vom Kampfe gegen den eisigen, pfeifenden Nordost erschlafft. Auch jetzt bekomme ich fast keinen Atem mehr. Mit aller Willenskraft kann ich schließlich weiter. Doch, damit noch nicht genug, beginnt es auch noch zu schneien. Die spit­zen, scharfen Schneekristalle stechen mir prickelnd in die Gesichtshaut. Ich beiße die Zähne zusammen, ich will, ich muß weiter. Endlich habe ich mein Ziel er­reicht, ich stehe auf dem Damm und schaue auf den weiten, wildbe­wegten Strom [Rhein]. Weit und breit ist nichts zu sehn, als die hartgefrorene Erde, der vom Sturm aufgepeitschte Strom und der eintönige graue Himmel. Das ist nieder­rheinischer Winter! Alles um einen her ist grau, farblos, und dazu brüllt der Nordost seine eintönige Melodie. – Doch neben diesem „grauen“ Winter gibt’s auch noch einen „weißen“.
Es hat geschneit. – Die Erde liegt da im weißen Schneekleid. Alles zieht mit den Schlitten auf die nächsten Hügel, um zu rodeln, um sich in der frischen, stärkenden Schneeluft zu freuen und herumzutummeln. Ich aber gehe ohne Schlitten weiter hinein in den tiefen Tann. Längst bin ich aus dem Lärm und Trubel der sich des Schnees freuenden Menschen heraus. Einsam schreite ich durch den verschneiten Wald. Ringsum das wohltuende Schweigen des Wal­des. Ich sauge die herbe Winterluft mit begierigen Zügen ein. Es ist ganz still, nichts regt sich um mich her, kein trübes Wölkchen stört den kri­stall­klaren Winterhimmel, von dem herab die Sonne ihre goldenen Strahlen sendet. Es glitzert und gleißt ringsum. Die zahlreichen Schneekristalle strahlen das goldene Licht der Sonne in allen Regenbogenfarben wider. Ich glaube mich in einen Märchenwald versetzt. Wie herrlich ist doch Gottes freie Natur im Winter! Ich gehe langsamer, immer langsamer. Plötzlich halte ich im Gehen inne. Es kommt mir vor, als ob ich das jungfräuliche Weiß des Schnees mit meinen Schuhen beschmutzte. Ich stehe still und staune. Meine Augen öffnen sich, mein Blick wird weiter und klarer; ich spüre, wie der reine Hauch Got­tes über dieser stillen, klaren, einsamen Natur liegt, ich fühle, wie ich von diesem Odem Gottes mitberührt werde. Dasselbe Gefühl, wie wenn ich in einem wundervollen Dome stände, befällt mich. Ich verstehe jetzt die Worte der drei Jünglinge im Feuerofen aus jenem herrlichen Lobge­sang, den sie zu Gottes Preis und Ehre anstimmten: „Preise den Herrn, du Eis und Schnee! [vgl. Dan 3,68f]“ Ganz in Glück versunken gehe ich end­lich wieder weiter. Es wird immer später. Der Him­mel taucht sich in blutiges Rot, die Sonne geht unter. Die weiße Erde schimmert in einem feenhaft röt­lich-rosigem Glanz. Doch schnell wird das flammende Rot schwächer, es verglüht hier zu hell- oder dunkelviolett, dort zu rosa-, gelb- oder blaufarb­nen Tönun­gen. Schließlich verlöschen auch die letzten Farb­töne und Licht­flecken. Der Him­mel hat einen weißgrauen, dämmernden Schein. Schon geht der strah­lend­helle Abendstern auf. Es wird dunkler und dunkler, bis der Himmel einem schwarzsamtenem Teppich gleicht, in den eine kunstfertige Hand prächtige Goldmuster gestickt hat. Ich starre in die endlose Weite des gestirnten Win­terhimmels und höre nichts als den unter meinen Füßen knir­schenden Schnee. Ich spüre den schweigenden Frieden der Winternacht, den Frieden der Weihnacht. Win­terszeit – Weihnachtszeit! Friede in der Natur – Friede im Menschen! Das ist der „weiße“ Winter, nämlich der Friedenbrin­ger für arme Menschenherzen. Winterszeit – Weih­nachtszeit – Friedenszeit!

Während der Schweizfahrt notiert er in sein Tagebuch:

Einsiedeln, Mittwoch, 24. August 1932
Wir kommen auf die weltberühmte Axenstraße. Zur Rechten der See. Tiefe Bläue. Berghäupter spiegeln sich in seiner klaren Flut. Wir stau­nen, schauen, die Augen können sich nicht satt trinken an dem Wunder­bild der Natur. Der See ist heute etwas unruhig. Ein Dampfer zieht seine schnurge­rade Bahn. Wolkenfetzen fegen um die hohen Bergspitzen. Hier und da blit­zen die schnee­igen Berghäupter durch. Es wird immer schöner. Wir träu­men. –
[…]

In Sisikon kauften wir Schweizer Kas’ – und ließen ihn uns gut schmecken. Einige 100 m nur fahren wir die wundervollen Bogen längs. – Wir lehnen uns über die Straßenböschung – jäher Absturz der Felswand in das See­becken. Man bebt im ersten Moment ein wenig zurück. – Kühn und trotzig und steil ist die Natur der Berge.
Immer wieder neues Staunen – der Abschied vom Ende des Sees (Flüelen) fällt schwer (siehe Bild Seite 140!). Eine fast andächtige Ergriffenheit packt unsre Herzen ob dieser Größe und Schöne der Gottesnatur. In solchen Augenblicken kann man kaum zweifeln daran, daß es einen lebendigen Gott gibt, der alles er­schaffen, erhält und regiert.[1] Stille kommt uns vor ehr­fürch­­­ti­gem Staunen. – Wir schweigen. Dann heißt’s: Aufgesessen! Der Rück­weg muß angetreten werden.
[…]
Am Uri-Rotstock
Du, meine Seele, preise den Herrn! Gewaltig groß bist du, Herr, mein Gott, In Pracht und Hoheit gewandet. (Psalm 104,1)

[1]    Anklang an die zweite Strophe des Liedes „Lobe den Herren“

Während der Exerzitien in ’s-Heerenberg macht er zu einem Vortrag folgende Notiz:

’s-Heerenberg, Freitag, 8. Dezember 1933
Das sagt uns unser Verstand. Er fragt: Woher all das um mich? Woher der menschliche Ver­stand? Es muß einer sein, ein großer Geist, der das alles schuf. Denn von nichts kommt nichts. Ihn nennen wir Gott! Be­trach­ten wir die herrliche Natur! Den Sternenhimmel! Das Wachsen! Wie klein sind wir im Weltall! Wie herrlich hat der große Geist alles ge­schaffen.

Zahlreiche Tagebucheinträge zu unterschiedlichen Aktivitäten und Erfahrungen spiegeln Karl Leisners Liebe zur Natur und sein Ergriffensein von der Schönheit der Schöpfung wider.

Münster, Sonntag, 13. Mai 1934
2.20 Uhr (noch dunkel!) raus. Auf zur Marienfahrt der Jungmänner Mün­sters[nach Telgte]. Wir alle mit. – Feine Wall- und Betfahrt durch den wundervollen Mai­morgen. – Muttertag. Um 3.30 Uhr nach Reisegebet und sakramentalem Segen Auszug der 2.300 (!) aus [der St.-]Ludgeri[-Kirche]. Erlebnis: Natur und Über­natur in ganzer Entfal­tung. Grünende Maiwelt, schlagende Amseln – grau­ender Morgen, her­vorglutende Sonne – Muttergottesverehrung. – Man hat keinen Anlaß, müde zu werden, so schön ist es!

Münster, Samstag, 14. Juli 1934
Dann los allein: Raus aus der „Zi­vilisation“! – Auf einer Bank an der verlängerten Kanalstraße gestreckt und „geträumt“ über die Kämpfe meiner Jugend und Gottes heim­liche, große, gute Führung zum Priestertum![1] Wundervolles inneres Erleb­nis: Spannender Lebensfilm! Dann in der „Wacht“ gelesen den prächtigen Auf­satz von „Blu­men und Pflanzen“[2] – Erlebnis! Ich ver­stehe jetzt [Profes­sor] Peter Wusts Wort von der wunderbaren Kraft in den Dingen! Eine neue Welt geht mir auf: Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Abbild von Gottes „Künstlergeist“! – Ehr­furcht vor und Liebe zu den Din­gen.

[1]    Vermutlich hatte Karl Leisner in der Juli-Wacht 1934: 29 den Artikel „An einen Priester“ gele­sen.

[2]    Wilhelm Hähner:
Blumen und Pflanzen (Wacht 1934: 9–11)

Münster, Mittwoch, 30. Oktober bis Samstag, 2. November 1935
[Exerzitien im Collegium Borromäum]
Immer tiefer und tiefer erfassen wir das alles, wie alles zutiefst seine Wurzel und sein Ziel hat im Geheimnis der Dreieinigkeit. – Schöpfung, Mensch, Engel, Erde und Himmel, alles preist und jubelt und jauchzt zu dem „Ewi­gen, zeitlosen und unsichtbaren König der Ewigkeit.“
Mit herrlichen neuen Augen schau’ ich so an die Natur, das „Buch Gottes“, und schaue und schaue Seine wunderbare Güte und Macht.
Mit großartiger psychologischer Feinheit und mit tiefblickendem und des­halb so freien und gütigen und humorvollem Ernst erschließt uns P. Kronseder SJ die ganzen Tiefen des Menschen, der Menschheit und ihrer Geschichte.
Der Mensch, die herrlichste Krone der Schöpfung! Das Wesen, an dem Gott Seine ganze Güte verschwendet hat – und das im Sündenfall sich stolz von Ihm abwandte.
Ach, lies und lies und durchdenke immer wieder das, was uns da aufleuch­tete!!
Ich schwinge in tiefster Dankbarkeit und herrlicher erhebender Freude mit. Es ist, als habe ich einen ganz neuen Sinn und eine herrlich neue und tiefe Schau meines und des Lebens aller Menschen gefunden!
Voll Glück und Frieden vergeht ein Tag schöner und aufschlußreicher und glücklicher als der andere.

Bad Schandau, Montag, 17. Mai 1937
Da steh ich droben auf des Felsens Höh’
Weit über sonniges Land und silbern Fluß ich seh’ –
Meine Augen schauen an Sonne und Schönheit sich trunken.
Ach, hätt’ ich doch von deiner Nähe, – einen Funken!
Da steh’ ich nun – einsam zutiefst im Herzen,
Und schaue weit übern Fluß. Mit Schmerzen
denke deiner feinen Seele ich
– und ein jähes Sehnsuchtsfeuer fällt über mich.
Hei, Erde, wie bist du göttlich schön,
Nicht satt kann ich mich an Gottes Schöpfung sehn!
Und doch eines einzigen Menschengeistes Schimmer
– all deinen Glanz übertrifft er immer.
Wie könnt ich dich S [?]
wie könnt’ ich deiner holden Seele je vergessen!
Mir ist’s, als seist du gefallen in meines Herzens Tiefen
– und sie verlangend sehnend ständig nun nach dir riefen.
Groß ist, wer einsam stehen kann.
Und doch muß auch der Größte eine Liebe – ja die größte – han!
17.5.1937, 23.00h [1]

[1]    von Karl Leisner verfaßt

Kleve, Samstag, 30. Oktober 1937
8.00 Uhr vom [St.-]Antonius-Hospital: Beerdigung der lieben Mutter [Hendrina, gestorben am 27.10.,] unseres Thej [Theo] Köster. Acht Kinder stehen am Sarg! Wer versteht die Wege unseres Gottes? Ich bete den Rosen­kranz. Ein selten schöner Spätherbsttag wieder. Ehern und dumpf klingt die Totenglocke vom Turm der Christus-Kö­nig-Kirche – Sinnbild des harten Geschicks!
Kaplan [Wilhelm] Hetterix betet mitfühlend die erquickenden Gebete der Heiligen Kirche am offenen Grabe. Die herrliche Stadtsilhouette unserer Heimatstadt[1] schließt das ergreifende Bild ab: Trauernde, weinende Bu­ben und Jungmänner um das Grab der liebsten Mutter. Es ist so hart – und so plötzlich überfiel die Familie dies Geschick. Der Vater [Theodor Köster] und Thej können es gar nicht fassen. Man möchte hadern mit seinem Gott. Aber nein: Vita mutatur, non tollitur! [Deinen Gläubigen, Herr, kann ja das Leben nicht geraubt werden, es wird nur neugestal­tet![2]]
Der Glanz des Glaubens an das ewige Leben überstrahlt gleich der golde­nen Herbstsonne dies Bild der Trostlosigkeit, der Nacktheit des irdischen Daseins des Menschen, das ich versinnbildet sehe in der kahlen Kraftlosig­keit der Natur ringsum. Aber die Sonne leuchtet darüber und verklärt alles mit wun­der­feinem Schein!
Ergriffen reiche ich Thej die Hand. Er ist tief­traurig. Das Requiem, bei dem ich mitsingen darf, versöhnt und gibt Kraft zu tragen.

[1]    Der Neue Friedhof liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf Kleve.

[2]    Damalige Präfation der Totenmesse, heute Präfation von den Verstorbenen I. s. Schott, Anselm: Lateinisch-deutsches Meßbuch der hei­ligen Kirche, Freiburg/Br. 361932: 433

Das Thema seiner am 8. Januar 1938 bei Professor Michael Schmaus eingereichten Wissenschaftlichen Arbeit lautet:
Vom Sinn und Geheimnis des Wachsens im Leben von Natur und Gnade
Münster, im Dezember 1937                     Karl Leisner, cand. theol.

Prof. P. Dr. Bruno Schüller SJ
Die Beziehung von Natur (Leib und Geist) und Gnade im Menschen war ihm seit den Tagen der Jugendbewegung ein Thema, über das er nach­dachte, weil er es für die Selbsterziehung und Bildung grundlegend er­achtete; als Christ wollte er ein volles Ja zur Schöpfung Gottes sagen.[1]

[1]    Seeger, Hans-Karl / Latzel, Gabriele (Hgg.): Karl Leisner. Tagebücher und Briefe – Eine Lebens-Chronik, Kevelaer: Butzon & Bercker 2014: 34

Münster, Sonntag, 17. April 1938, Osternacht
Der Bischof [Clemens August Graf von Galen] im vollen Ornat und Cappa magna. Christus unter uns. Der Nachfolger der Apostel. – Die Natur jauchzt mit ob der Schönheit der Gnade. Der strahlend blaue Sonnenhimmel – das zarte Grün der Linden – das Licht, das Leben! Und wir feiern Chri­stus, den strahlenden Sieger, qui nobis reseravit aditum aeternitatis [der uns den Zu­gang zur Ewigkeit geöffnet hat].
Gnadengeheimnis! Das Hochamt und der nachfolgende päpstliche Segen – unvergeßlich. Alleluja! Alleluja! Alleluja!
Und die Stunden jetzt unter dem gestirnten Himmel unter uns beiden.[1] Es ist zu schön. Es ist Letztes, was nicht zu sagen ist.
Hora erat – hora Dei inter nos. Hora! [Das war die Stunde – die Stunde Gottes unter uns. Die Stunde!] Alleluja!

[1]    Vermutlich dachte Karl Leisner an Elisabeth Ruby und sich selbst, möglicherweise aber auch an sich selbst und den Bischof.

Selbst in der Gefangenschaft erfreut er sich noch an den kleinen Dingen der Natur.

Am 28. November 1939 schreibt er aus dem Gefängnis in Freiburg/Br. an seine Familie in Kleve:
Nach dem Essen wasche ich mich und mache einen klei­nen Gang bis es zum „En­gel des Herrn“ läu­tet. Meist kommt dann ein al­ler­lieb­stes Rotkehlchen und bringt mir ein Kon­zert und Gruß vom lieben Gott. Auch die Amseln er­heitern mich den Tag über.

In der Hölle des KZ Dachau sehnt er sich nach seinem geliebten Reichswald.

Sonntag, 25. Februar 1945
Karl Leisner aus Dachau, Block 26/3, an seine Familie in Berlin und Nieder­mörmter:
Hier ist seit 1.2. mildes – zu mildes Übergangswetter, das mir schwer zu schaffen macht. Bin manchmal regelrecht fertig. Na ja, es wird ja auch dieses Jahr wieder Frühling, und dann geht’s wieder bergauf, hoffent­lich. Mit Schmerz denke ich manchmal an unsern herrli­chen Reichswald, den jetzt der böse Krieg zer­zaust. Was gäb’ ich dafür, wenn ich mal wie­der so rich­tig durch einen grünen Wald wandern dürfte.

Nach der Befreiung aus dem KZ dankt er Gott für die Schönheit der Schöpfung und preist ihn mit einem Loblied.

Schwester Arsenia Stöger:
KL [Karl Leisner] war anfangs noch ganz ver­stört. Er konnte es gar nicht fas­sen, daß er von der „Hölle“ Da­chau befreit sein sollte. In der Frühe, als die Sonne aufging, stand er am offe­nen Fenster und sagte: „Mein lie­ber Gott, wo bin ich denn jetzt? Schon im Himmel? Sechs Jahre lang habe ich kein Blüm­lein mehr gese­hen und kein Vöglein mehr singen gehört.“ Oft sagte er voll Freude und Dankbarkeit: „O Gott, wie groß, wie gut bist Du, wie schön ist Deine Welt.[1] […][2]

[1]    Karl Leisner hatte vermutlich das Lied von Georg Thurmair „Mein Gott, wie schön ist deine Welt“ im Sinn.

[2]    Seligsprechungs­prozeß: 1283

siehe auch Link zur Sendung von Radio Horeb vom 24. März 2015 „Karl Leisner und seine Liebe zur Natur und Kunst“ (Beitrag zur Natur ca. 20 Minuten zu Beginn der Sendung)

Weitere Tagebucheinträge zum Thema „Natur und Schöpfung“ finden sich in der Biographie zu Karl Leisner in dem Kapitel „Der Naturfreund“[1].

[1]    Seeger, Hans-Karl: Karl Leisner. Visionär eines geeinten Europas, Kevelaer: Butzon & Bercker 22012: 113–118

Zum Thema „Ökumene“ siehe Link zur Sendung von Radio Horeb vom 27. Oktober 2014 „Karl Leisner – Seine Beziehung zur Ökumene“

In der oben erwähnten Biographie zu Karl Leisner finden sich in dem Kapitel „Der Ökumeniker“[1] weitere Tagebucheinträge zum Thema.

[1]    a. a. O.: 106–112

Fotos Gabriele Latzel