Prälat Dr. phil. Walter Vinnenberg (4)

Vinnenberg

 

Fortsetzung der „Lebenslinie“ von Walter Vinnenberg an Hand der in seinem Nachlaß vorhandenen Urkunden und Daten sowie weiterer Recherchen.

 

 

 

 

Nach seiner Promotion im Frühjahr 1922 verbrachte Walter Vinnenberg ein Jahr in Italien.

Walter Vinnenberg im Lebenslauf vom 28. Juli 1929:
Das folgende Jahr verbrachte ich als Hauslehrer im Collegio Borromeo zu Pavia, einer alten italienischen Studentenburse. Ich gab dort Italienern Deutschunterricht und hörte Vorlesungen über Archeologie[sic!] und italienische Literaturgeschichte, von Herbst [1922] bis Ostern [1923] auch theologische Vorlesungen am bischöfl. Seminar.

Sein weiteres Studium absolvierte er von Ostern 1923 bis Herbst 1925 in Münster.

Am 27. Februar 1926 empfing er mit 32 Kursgenossen im Dom zu Münster die Priesterweihe.

Nach seiner Priesterweihe war er zur Aushilfe in Emsdetten. Bischof Dr. Johannes Poggenburg hatte offensichtlich vor, ihn anschließend als Kaplan nach Kleve zu versetzen „mit dem besonderen Auftrage, an der Berufsschule den Religionsunterricht zu erteilen“.

Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Münster Nr. 11, Art. 91 vom 26. Juli 1926, S. 75

13AB_Kleve1926

 

Tatsächlich aber erhielt er, ohne daß es im Amtsblatt vermeldet wurde, den Auftrag, auch am Gymnasium zu unterrichten. Dies geschah vermutlich wegen der Beurlaubung von Professor Bernhard Peters.[1]

[1]     Dr. theol. Bernhard Peters, genannt Omel Bernd, (* 17.12.1876 in Winnenthal, † 5.5.1957 in Kleve) – Priester­weihe 9.6.1900 in Münster – Bi­schöfli­cher Kaplan 1900–1902 – Kaplan in Krakau/Kraków/PL 1902–1903 – Re­petent im Collegium Borromaeum in Münster 1903–1908 – Religionslehrer am Gymnasium in Kempen 1908–1914 – Professor am Gymnasium in Kleve 1914–1937 (Beur­laubung nach Haifa/IL 1927–1929) – Präses des Klever Taubstummenvereins 1932 – Pen­sio­nierung 1937 – Kleve, Bergstr. 18

Walter Vinnenberg im Lebenslauf vom 28. Juli 1929:
Einige Monate war ich [1926] zur Vertretung eines erkankten Kaplans in Emsdetten (bei Münster) tätig. Kurz nach Pfingsten 1926 erhielt ich den Auftrag, in Cleve (am Niederrhein) den Religionsunterricht an der Berufsschule und einige Stunden am Gymnasium zu erteilen. Als Ostern 1927 der Religionslehrer des Clever Gymnasiums, Dr. Peters, für einen zweijährigen Aufenthalt in Palästina beurlaubt wurde, wurde ich am Gymnasium voll beschäftigt. Ich übernahm auch den hebräischen Unterricht und einige Stunden Turnen und Spielturnen.

Walter Vinnenberg am 21. Juli 1981 im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner:
Ich kenne den DG KL [Diener Gottes Karl Leisner] seit dem Jahre 1926. Als ich Religionslehrer am Staatlichen Gymnasium in Kleve war, ist er für zwei Jahre mein Schüler gewesen. Später habe ich mit ihm noch korrespondiert. Die Briefe, die ich von ihm empfangen habe, sind dem Geschäftsführer des Internationalen Karl-Leisner-Kreises, Herrn Rektor [Wilhelm] Haas, von mir übergeben worden.[1] Ebenso habe ich Herrn Haas einige Tagebücher Karl Leisners gegeben, die dieser mir in früheren Jahren anvertraut hatte. Als das Buch von P. Otto Pies [SJ] „Stephanus heute“ erschien, habe ich es sehr bald gelesen.
[…]
KL war, solange ich ihn gekannt habe, ein frischer, aufgeschlossener Junge und junger Mann, der damals offensichtlich ganz gesund war. Er war abgehärtet durch Wandern, häufigen Aufenthalt im Freien und durch Übernachten in Zelten. Er war ein guter und hilfsbereiter Kamerad. Ich habe später gehört, dass er sich dem Schönstattwerk angeschlossen hat. Soweit ich mit ihm zusammen war, konnte ich an seiner Marienverehrung nichts Ungewöhnliches feststellen.
[…]
In den Jahren, in denen ich mit KL in Kleve zusammen war, habe ich noch keine besonderen Anzeichen von Heiligkeit beobachten können. Er war damals ein guter, aufgeschlossener, frischer Junge, wie viele andere auch. Als Theologiestudent war Karl Leisner schon wesentlich gereifter. Die Schwierigkeiten und Widerstände, nicht zuletzt wegen der schärfer werdenden Verfolgung durch die Nazis, halfen ihm, auch innerlich zu wachsen und die christlichen Tugenden in seinem Leben mehr und mehr zu entfalten. Das, was ich über Karl Leisners Zeit in Dachau und Planegg gehört und gelesen habe, zeigte mir, wie konsequent er in der christlichen Tugendhaltung gewachsen ist bis hin zu einer hervorragenden Treue und Standhaftigkeit in der Zeit vor seinem Tode. Ich bin durchaus der Überzeugung, dass im Leben Karl Leisners ein echtes Fundament an christlicher Tugendhaltung für einen Seligsprechungsprozess vorhanden ist. Ich bejahe auch vorbehaltlos die Opportunität des Seligsprechungsprozesses für den DG, weil ich sein Leben als Vorbild vor allem für unsere Jugend bezeichnen möchte. Grosse Achtung vor KL habe ich schon durch seine Briefe gewonnen, die er mir schrieb. Später hat vor allem das Buch von P. Pies mich zu der Überzeugung geführt, dass KL, durch sein Leiden gereift, nach seinem Tode von Gott unmittelbar in den Himmel aufgenommen worden ist.[2]

[1]    siehe Link

[2]    Seligsprechungsprozeß: 734f.

Zusatzprotokoll vom 5. Dezember 1978:
Nach Pfingsten 1926 kam ich schon bald nach meiner Priesterweihe als Religionslehrer an das Staatliche Gymnasium Kleve. Etwa zwei Jahre war ich dort tätig. Soweit ich mich erinnere, war KL damals Quintaner. Ich hatte ihn zwei Jahre hindurch als Schüler im Religionsunterricht. Nach einiger Zeit kam KL mit einigen anderen Jungen zu mir. Sie baten mich, ihnen beim Aufbau einer Jugendgruppe zu helfen. Ich habe der Gruppe, die bald selbstständig zu arbeiten begann und sich dem Jungkreuzbund anschloss, einige Anregungen gegeben. (Glaubensleben, Gruppenmesse, Mitarbeit in einer Choralgruppe des Gymnasiums, wandern, Kasperspielen, Mitgestalten von Feiern innerhalb des Kreuzbundes usw.) Die Zielstrebigkeit mancher dieser Jungen besonders auch KL, kam unter anderem darin zum Ausdruck, dass sie sich eine ältere Windmühle, die eine Ruine war, zu einem sehr schönen Jugendheim ausbauten.

Pfingsten 1929 war Walter Vinnenbergs Zeit in Kleve zu Ende. Professor Bernhard Peters kam zurück und Walter Vinnenberg orientierte sich neu. Er ging zur „Heimschule Maria Laach“. Der Weg­gang war ein arger Verlust für die Jungen, aber auch aus der Ferne inspi­rierte er sie und sorgte für sie.

Zusatzprotokoll vom 5. Dezember 1978
Nach meiner Klever Zeit blieb ich mit der Gruppe, insbesondere mit Karl, in enger Verbindung, nicht nur durch häufige Briefe, dann auch durch Besuche und gemeinsame Ferienfahrten; die gemeinsamen Fahrten wurden in großer Einfachheit durchgeführt. Hin und wieder übernachteten wir in Jugendherbergen, Scheunen, zumeist aber in unseren Zelten, die der damaligen Zeit entsprechend keinerlei Komfort boten. Fahrten bzw. Zeltlager wurden durchgeführt zum Beispiel in der Eifel (Nideggen), ein andermal ging es nach Buldern, dann aber auch nach Rügen und in die Schweiz. Die Zeltlager waren oft mit Bundestreffen des Jungkreuzbundes verbunden. Oft haben mich die Jungen auch in Telgte besucht, wo meine Mutter ihnen ein einfaches Mittagessen kochte und die Jungen an der Ems zelteten. Ein beliebtes Ziel war auch Marienthal bei Wesel. Pfarrer [Augustinus] Winkelmann und die schöne alte Klosterkirche waren ein beliebtes Zentrum der katholischen Jugend damaliger Zeit. Ein Zeichen der Lebendigkeit dieser Gruppe dafür war der Aufbau eines Handpuppentheaters. In der ganzen Umgebung von Kleve bis hin nach Münster wurde nachmittags für Kinder und abends für Erwachsene Vorstellung gegeben, unter anderem auch als Höhepunkt das alte Puppenspiel „Dr. Fausts Leben und Höllenfahrt“. Da in der Gruppe nicht nur Schüler, sondern auch Werktätige waren, konnte Vieles in Eigenarbeit bewältigt werden. Zum Beispiel Herstellen der Kulissen, der Vorhänge, Beleuchtung. Bei den Vorstellungen wurde gleichzeitig auch das richtige Sprechen und Singen, Schlagfertigkeit usw. gefordert. Nebenbei sprang auch etwas an finanzieller Hilfe dabei heraus, das vor allem den größeren Fahrten der Gruppe zugute kam.
Neben Hermann Mies war KL von den Gymnasiasten zweifellos die treibende Kraft der Gruppe. Auf ihn konnte man sich wirklich verlassen. Immer wieder zeigte sich seine ganz natürliche und echte religiöse Haltung, sei es beim Messe dienen, bei Jugendgottesdiensten oder auch beim Morgen- und Abendgebet auf Fahrten. Es war selbstverständlich, dass Karl bei den Gottesdiensten, die von der Schule aus oder bei den Fahrten gehalten wurden, aktiv dabei war und gern, wenn es notwendig war, ministrierte oder vorbereitete.

Tagebucheintrag

Kleve, Donnerstag, 18. April 1929
Nach der letzten Gemeinschaftsmesse, die Walter uns las, dampfte er zur „Heimschule [in Maria Laach]“ ab. – Wir verabschiedeten uns alle von Walter. Föns [Alfons van Thiel] ging noch mit zur Bahn. – Schade, daß Walter weg ist.

Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Münster Nr. 6, Art. 50 vom 25. März 1929, S. 46

14AB_Laach1929

 

Walter Vinnenbergs weitere „Versetzungen“ sind nur noch dann im Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Münster angezeigt, wenn sie mit einer kirchlichen Aufgabe verbunden sind. Seine vom Staat vorgenommenen Versetzungen als Lehrer sind lediglich im Schematismus und Priesterbuch der Diözese Münster vermerkt.

Josef Stenmans, in den Gaesdoncker Blättern 1985: 10
„Ein Leben aus dem Glauben. Zum Tod von Dr. Walter Vinnenberg“:
Religionslehrer in Maria Laach
Zu Ostern 1929 übernahm Walter Vinnenberg, vom Bischof von Münster für zwei Jahre vom Dienst in der Heimatdiözese freigestellt, eine Stelle als Religionslehrer an der „Heimschule am Laacher See“. Damit war die Möglichkeit zu ergänzenden Studien an der Benediktinerakademie verbunden. Abt von Maria Laach war seit 1913 Ildefons Herwegen, einer der geistigen Begründer der Liturgischen Bewegung in Deutschland. Unter ihm war die Benediktinerabtei zum Mittelpunkt dieser Bewegung geworden.
Den Bestrebungen um eine Erneuerung des Lebens mit der Kirche schloß sich schon früh der Jugendbund Quickborn an. Es liegt deshalb der Gedanke nahe, Vinnenberg habe selber diese Freistellung für den Dienst in der Heimschule am Laacher See beantragt. Sicher, er fühlte sich wohl in Kleve, hatte eine wichtige Aufgabe dort und besaß das Vertrauen mancher Jungen, die ihn als Menschen und als Geistlichen schätzten und die zu großen, religiös motivierten Erwartungen Anlaß gaben. Vinnenberg war aber überzeugt, daß das weitere religiöse Wachsen dieser Klever Gruppe am besten von ihr allein und selbständig bewältigt würde. Zudem lag ihm neben der religiösen Entwicklung der ihm anvertrauten jungen Menschen auch die Erneuerung der Gesamtkirche am Herzen. Somit gab er nun den zukunftsweisenden Bestrebungen von Maria Laach den Vorrang vor seinen Aufgaben in Kleve.

Stefan Nicolay vom Bistumsarchiv in Trier am 22. September 2015 an Professor Dr. Georg-Joachim Mies:
Informationen zu Ihrer Fragestellung finden sich in der bei uns aufbewahrten zweibändigen Akte zur „Heimschule Maria Laach“ (1927–1939, 1943; BATr Abteilung B III 13,16 Bd. 2a–b). Sie ist entstanden aus der Wahrnehmung der Aufgabe des hiesigen Bischöflichen Stuhls als einem der Gesellschafter des Schulträgers („Gesellschaft für ländliches höheres Schulwesen GmbH“). Hinsichtlich der von Ihnen formulierten Fragen lassen sich der Akte folgende Angaben entnehmen.
Im Juli 1928 wurde der Schulbetrieb in der Heimschule Maria Laach aufgenommen, zunächst ohne einen festen Religionslehrer, da der dafür vorgesehene Kölner Studienrat von Lassaulx „in letzter Stunde“ verhindert war. Vorübergehend konnte der Religionsunterricht von der Geistlichkeit der Umgebung und von Benediktinern aus Maria Laach erteilt werden. Auch die Abtei war neben anderen Gesellschafterin der Trägergesellschaft. Im Januar 1929 schlägt Schulleiter Dr. [Benno] Benten, gleichzeitig Geschäftsführer der Trägergesellschaft, dem Bischof von Trier [Franz Rudolf Bornewasser] Kaplan Dr. Walter Vinnenberg, einen „alten Freund der Heimschule“, für die Zeit seiner (philologischen) Studien als Religionslehrer an der Heimschule vor. Da Dr. Vinnenberg, der zu dieser Zeit vertretungsweise den Religionsunterricht am Gymnasium in Kleve erteilt, Münsteraner Diözesangeistlicher war, musste er durch den Bischof von Münster [Dr. Johannes Poggenburg] für diese Aufgabe freigestellt werden. Der Bischof von Trier ist in diesem Verfahren insoweit involviert, als ihm die Erteilung der „missio canonica“ zufällt. Im Februar desselben Jahres ist die erbetene Freistellung erfolgt. Das betreffende Schreiben aus Münster trägt den zusätzlichen Vermerk: „Wir setzen voraus, dass ihm dort genügend Zeit für seine Studien verbleiben wird.“ Neben der Erteilung des Religionsunterrichts gehörten die Seelsorge und die Feier der Gottesdienste an der Heimschule zu seinem Aufgabenbereich. Bereits im Oktober 1930 bemüht sich Dr. Benten um einen Nachfolger für Dr. Vinnenberg. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits absehbar, dass man ihn nicht über Ostern hinaus wird halten können. Als Grund nennt Dr. Benten in einem Schreiben an das Bischöfliche Generalvikariat (BGV) am 25.2.1931, dass Dr. Vinnenberg seine Studien unbedingt zu Ende führen müsse. Man habe ihn daher nicht zu einem weiteren Aufenthalt an der Heimschule bewegen können. Am 16.4.1931 zeigt Walter Vinnenberg dem BGV in Trier an, er habe dem Ruf seines Bischofs folgend zu Ostern die Heimschule verlassen und sei in seine Heimatdiözese zurückgekehrt.
Da ich keinen über das Dienstliche hinaus reichenden Schriftverkehr von oder mit Walter Vinnenberg in unserem Archiv ausfindig machen konnte, ist mir eine Auskunft hinsichtlich der Intensität seiner Verbindung zu Maria Laach nicht möglich. Ebenso wenig ergeben sich Hinweise auf die Person Vinnenbergs für die Zeit nach April 1931.

Laut „Zeugnis über die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen“ war Walter Vinnenberg von Ostern 1929 bis Herbst 1930 zum Studium auch in Bonn und von Ostern 1931 bis Ostern 1932 zum Studium in Münster.[1]

[1]    siehe Link

Walter Vinnenberg im Lebenslauf vom 28. Juli 1929:
Ostern 1929 beurlaubte mich die Bischöfliche Behörde [in Münster], damit ich mich auf das philologische Staatsexamen vorbereite. Seit dieser Zeit bin ich als Religionslehrer in der „Heimschule“ und besuche von hier aus die Hochschule in Bonn.

Stefan Nicolay vom Bistumsarchiv in Trier am 22. September 2015 an Professor Dr. Georg-Joachim Mies:
Der Schulbetrieb an der Heimschule musste am 26.7.1934 wegen Geldmangel eingestellt werden.
In anderen Beständen, insbesondere in den Nachlässen von Generalvikar Tilmann oder von Domkapitular Prälat Kammer, bin ich nicht fündig geworden. Letzterer hat den Bischöflichen Stuhl regelmäßig als Gesellschafter der Trägergesellschaft vertreten. Da Dr. Vinnenberg in der Diözese Münster inkardiniert war, beschränken sich die Kontakte zwischen ihm und der Trierer Bistumsverwaltung auf seine Tätigkeit als Religionslehrer an der Heimschule Maria Laach von Ende Februar 1929 bis Ostern 1931. Darüber hinausgehende Unterlagen sind hier nicht zu erwarten. Es wäre ein sehr großer Zufall gewesen. Im Allgemeinen hält sich der dienstliche Schriftverkehr zwischen Bistumsverwaltung und Religionslehrern in engen Grenzen. Jedenfalls wenn die Lehrer, wie auch hier, dem Bistum keinen Anlass zum Einschreiten geben.

Walter Vinnenbergs Lebenslauf vom 28. Juli 1929

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