Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (10)

Friedrichs_Totenbild

 

 

Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Erster Brief von Prinz Alban zu Löwenstein-Wert­heim[1] an Reinhold Friedrichs

Foto_Löwenst[1]   Prinz Alban (Alfred Klemens Bernhard Wilhelm Ludwig) zu Löwenstein-Wert­heim (laut Briefunterschriften auch „Franzl“, „Franz“ oder „Francesco“, vermutlich ebenfalls Decknamen im KZ) (* 14.8.1892 in Drehnow, † 6.3.1964 in Salzburg/A) – Priesterweihe 29.6.1924 in München – Er kam am 19.12.1943 wegen einer Predigt ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit. – Tätigkeit in Altenmarkt im Pongau/A 1948–1953 – an der Wallfahrtskirche Maria Bühel bei Oberndorf/Salzburg als Wallfahrtsrektor und Seelsorger 1953–1959 – in St. Jakob im Haus am Pillersee/A1959–1961 – Ruhestand in Kuchl/A 1961 – 1963 erlitt er bei einer Aushilfe in Hintersee/A einen Herzinfarkt.

Siehe auch Aktuelles vom 12. Oktober 2015

Loewenstein

 

Kirchental/Post: St. Martin b. Lofer
Salzburg-Land
Juli 1945

Ex toto corde, carissime Confrater! [Aus ganzem Herzen, lieber Mitbruder!]
Hochwürdiger, lieber Block=&Beichtvater!
Wenn ich es geahnt hätte, meine Schnellheimfahrt [von Dachau] wäre in Rosenheim bestimmt unterbrochen worden und Du hättest einen Überfall erdulden müssen. Nun kommt dieser in Form eines Briefes, also auch eine Belästigung. Dies nur sozusagen „zur formlosen Einleitung“![1]

[1]    Der Brief kam per Boten zu Reinhold Friedrichs, der sich im Juli 1945 noch in Rosenheim aufhielt. Er kehrte erst am 4.10.1945 nach Münster zurück.

Gott zum Gruß, mein lieber Friedrichs! Gern, herzlich gern, das muß ich schon ehrlich sagen, würde ich diesen Gruß Dir mündlich zukommen lassen. Aber es ist nunmal so im Leben der Nachkriegszeit, daß es uns so ergeht wie den beiden Königskindern, die nicht zu einander kommen konnten. Hier hindert uns die Landesgrenze [zwischen Österreich und Deutschland]. Aber, ich meine, ich muß doch bald einmal aus meinem Bergschlupfwinkel heraus und wegen allerhand Geschäften das Bayernland wiedermal etwas unsicher machen. Dann aber kannst Du Dich auf einen Überfall gefaßt machen, dem Du nicht auskommst, so Du bis dahin nicht selbst ausgerückt bist und Dich, in nordwestl. Regionen in entsprechende Sicherheit gebracht hast.
Schon längst ist es mir zu Gehör gekommen, daß Du in Rosenheim bist, und Dich wohl dort auch redlichst bemühst, Dich zu bavarisieren. Hoffentlich geht es Dir in jeder Hinsicht gut, was ich, mit aufrichtigstem Dank gegen Gott, von mir und meiner Minderheit sagen kann. Die Ruhe und der große Friede der so wunderschönen Bergwelt hier heroben tut mir unendlich gut. Dazu hat mich bereits unsere gute Schwester Oberin derart herausgefuttert, daß es wirklich Lüge wäre, wenn ich einem Lagerkommandanten [im KZ[1]], auf seine Frage hin, was mir denn fehle, zur Antwort gäbe: „Nur Hunger, sonst nichts.“ Ja, damals habe ich heimlich für mich gelacht, da ich die Erfahrung machte, daß man selbst im Lager nicht einmal die Wahrheit immer sagen darf, ohne damit einen ganzen Ameisenhaufen (Priesterblock) in Aufruhr zu versetzen. Aber jetzt willst Du, mein Lieber, gewiß etwas ganz anderes von mir hören, und so will ich brav und folgsam sein, die Zeilenweite verkürzen und Dir schön allerhand erzählen.

[1]    Der Chef der Lagerkommandantur stand im Rang eines Obersturm­bannführers oder Sturm­bannführers. Ihm unterstan­den zwei La­gerführer, denen auf Seiten der Häft­linge der Lager­älteste entsprach.

Wie mir erinnerlich, nahmst Du so in der Karwoche [am 5.4.1945] von uns Abschied. Genau kann ich das freilich nicht sagen, denn in Dachau spielte ja die Zeit – für mich wenigstens – keine große Rolle. Ich dachte immer an etwas ganz anderes, was da kommen sollte, die Ewigkeit. Aber, der Mensch denkt, Gott aber lenkt! – Seit Deinem Fortgang hat sich Dein Blockvaternachfolger – ich weiß den Namen des Österreichers nicht mehr – redlich bemüht sich durchzusetzen. Er war aber jung und hatte es reichlich schwer. Alles andere kannst Du Dir ja denken. Der Mann hat mir redlich leid getan! Der Chauvinismus lebte auf. Die Holländer waren die ärgsten. „Gehorsam ist des Christen Schmuck …“ (Kommentar wieder überflüssig!) In der Kapelle[1], – denn vom anderen weiß ich ja nicht viel – zog, nach dem Abgang unseres lieben, guten Dechant Schelling Schorsch[2], ein anderes Leben ein. Der Marienaltar bekam ein Portatele [eine Altarplatte], und so wurden hlg. Messen am laufenden Bande [viele Messen gleichzeitig in der Lagerkapelle] gelesen.[3] Das war die gute Seite, neben so manchen Schattenseiten – siehe oben.

[1]    Pater Alban Prinz zu Löwenstein beim Putzen der Kapelle – Zeichnung von Pierre Laffilé

Alban

In seinem Bericht „Eine unvergeßliche große Gnadenzeit (Dachau 1943 / 45)“ beschreibt Prinz Alban sein Leben mit der Kapelle:
Das [die Lagerkapelle] war unser Schatz! und den hatte ich sauber zu halten, sodaß keiner etwas daran auch nur aussetzen konnte. Das war meine Arbeit aber auch meine ganze Freude. Was ich da geleistet habe, das weiß Gott allein. Tagtäglich (Sonn- und Festtage mehr!) war ein voller Marmeladeneimer voll Staub zum Forttragen – oft auch mehr! Der Betrieb war ja riesig ! Protestanten, Sekten, Orthodoxe und Katholiken, gesondert die Polen (Geistliche 800): Pontifikalämter, Hochämter, Vespern, Andachten, Vorträge und was es nur immer gab. Selbst eine Priesterweihe und Primiz durften wir dort feiern, mit dem franz. Bischof [Gabriel Piguet] von Clermont-Ferrand (Mittelfrankreich).

[2]    Georg Schelling (* als Sohn eines Bergbauern 26.9.1906 in Buch bei Bregenz/A, † 8.12.1981 in Nenzing/A) – Priesterweihe 29.6.1930 in Innsbruck/A – 1934 wurde er mit der Re­dak­tion des Vorarlberger Volksblattes betraut und auf Grund dieser Tätigkeit am 21.3.1938 ver­haf­tet. Er kam am 31.5.1938 ins KZ Dachau in die Strafkompa­nie, am 27.9.1939 ins KZ Buchenwald, dort eben­falls in die Strafkompanie, am 8.12.1940 erneut ins KZ Dachau, wurde dort am 16.(17.)3.1943 dritter Lagerka­plan als Nach­fol­ger von Franz Ohnmacht und ab 1.10.1944 Lagerdekan, außerdem war er Blockschrei­ber. Am 10.4.1945 wurde er aus dem KZ Dachau entlas­sen. Im Selig­sprechungs­prozeß für Karl Leisner hat er 1982 als Zeuge ausgesagt.

[3]    Lagerkapelle am 11. Mai 1945

Messe1 Messe2

An vielen Stellen der Lagerkapelle wurde gleichzeitig Eucharistie gefeiert.

Der Kampf um den Tabernakelschlüssel, den Teuling (Holländer)[1] wahrhaft fanatisch führte, war einfach lachhaft wie lästig. Unser guter Rieser-Andreas[2] war ja auf der Plantage und so herrschte ! Holland. Was ich da [als Verantwortlicher für die Lagerkapelle] einzustecken hatte, war nicht gerade wenig. Der hochwürdigste Herr Bischof kam wieder in den Ehrenbunker zurück, aber hat wohl noch Ostern bei uns gehalten[3]. Wenigstens Ostern war wirklich schön.[4] Ob Du noch den schauerlichen, schwarzen Absperrungsvorhang in der Kapelle kennst, weiß ich nicht genau.[5] Da diese Arbeitsraum, zum Zeltbahnnähen (Knöpfe und Knopflöcher) geworden war, und die geistl. Herrn sich nicht beherrschen konnten, so kam der den Klerus beschämende Vorhang in unser Heiligtum. Mir hat das sehr weh getan – im Gedanken an den klerikalen Geist, und die mangelnde Reverenz vor dem Allerheiligsten. Als die Kapelle endlich noch Dormitorium [Schlafsaal[6]] wurde, war sie nimmer sauber zu halten. Darunter litt ich am allermeisten. Mein Schmuckkästchen wurde zum S…stall, wenn ich so sagen soll. Alle Mühe gab ich mir, bis ich zwei oder dreimal zusammenbrach vor Überarbeitung und Schwäche. „Gott schaut das Herz an“ [vgl. 1 Sam. 16,7] sagte ich mir. Der gute Wille muß für das Werk gelten. – Die letzte Zeit war für mich die schwerste – und auch seelisch schmerzlichste. Ob ich noch heute leben würde, weiß ich nicht. Am Ende aller Kräfte war ich bald wohl angekommen. Nur mit zusammengebissenen Zähnen und Stoßgebetchen hielt ich mich noch aufrecht – und arbeitete und arbeitete weiter und weiter für den Herrgott und U. l. Frau von Dachau.[7]

[1]    Dekan Dr. Jozef Teulings (* 27.9.1894 in ’s-Hertogenbosch/NL, † 21.4.1965) – Priester­weihe 1919 – Er kam als Feind Deutschlands und des Nationalsozialismus am 2.10.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 befreit.

[2]    Nach Georg Schellings Entlassung am 10.4.1945 wurde Andreas Rieser Lagerkaplan/Lagerdechant. Es ist nicht bekannt, ob er auch von Michael Kardinal von Faulhaber als Lagerdechant ernannt wurde.
Andreas Rieser (* 1.7.1908 in Dorfgastein/A, † 3.3.1966 in Bramberg/A) – Priesterweihe 10.7.1932 in Salz­burg/A – Er kam wegen verschiedener Dokumente gegen die NSDAP-Weltanschauung am 3.8.1938 ins KZ Dachau, am 27.9.1939 ins KZ Buchenwald, am 8.12.1940 wieder ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.
Auf Befehl eines SS-Mannes wurde ihm während der Arbeit im KZ eine Dornen­krone aus Stacheldraht auf den Kopf gedrückt.
Papst Pius XII. in einer Rundfunkanspra­che am 2.6.1945:
Viele von diesen Priestern und Laien haben um ihres Glaubens und ihres Berufes wil­len unsägliche Leiden erduldet. In einem Falle ging der Haß der Gottlosen gegen Chri­stus so weit, daß sie an einem internierten Priester mit Stacheldraht die Geißelung und Dornenkrönung unseres Herrn nachgeäfft haben (Bischöfli­ches Ordinariat Berlin 1947: 59f.).
P. Johann Lenz:
Kaplan Rieser muß eines Tages in Dachau mit Stacheldraht arbeiten. „Na, wie war denn das mit der Dornenkrönung Christi?“ fragt plötzlich der wachhabende SS‑Posten. Nach seiner Antwort muß er eine Dornenkrone flechten. Eine Dornenkrone aus Sta­cheldraht. Der SS‑Mann drückt sie dem Priester aufs Haupt. Das Blut rinnt herab. Doch siehe, die erhaltenen Wunden eitern nicht! (Fattinger, Josef: Kirche in Ketten. Die Predigt des Blu­tes und der Tränen. Zeitgemäße Beispielsamm­lung aus den Jahren 1933 bis 1945, Innsbruck 1949: 343)
Richard Schneider aus Buchen am 22.2.1967 an Heinz Römer in Haardt:
Rieser nur Dornenkrönung, nicht Geißelung, auf dem Leichnam keine Spuren zu sehen.

[3]   Bischof Gabriel Piguet war bereits am 22.1.1945 in den „Ehrenbun­ker“ gekommen. Den Gottesdienst hielt Abt Jean Gabriel Hondet OSB (* 10.5.1888 in Hendaye/Pyrénées-Atlantiques/F, † 1.12.1968 in Belloc/F) – Noviziat 12.4.1906 – Ewige Gelübde 15.10.1910 – Priester­weihe 14.7.1912 – Abtsweihe 15.2.1934 zum Abt für die Abtei Belloc im Bistum Bayonne/Pyrénées-Atlanti­ques – Er kam als Gaullist am 17.1.1944 nach Compiègne/Oise/F, von dort am 15.7.1944 ins KZ Neuengamme, am 22.12.1944 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.
Bischof Gabriel Piguet war bereits am 22.1.1945 in den „Ehrenbun­ker“ gekommen.

[4]    Foto vom Gottesdienst am 1. April 1945

Gottesdienst auf Block 26 zu Ostern am 1. April 1945

Gottesdienst auf Block 26 zu Ostern am 1. April 1945

P. Gregor Schwake OSB:
Der 1. April und das heilige Osterfest fielen zusammen. Pontifikalamt. Abt Hondet zelebrierte. Choralproprium etwas lahm, weil gute Sänger entlassen. Ordinarium mehrstimmig. Ich orgelte. Abt Hondet predigte. Lateinisch. Lang. Für manche Aufgeregte viel zu lang, so daß sie die Kapelle verließen, obschon sie Zeit genug hatten. Das Amt wurde illegal photographiert; zu sehen in dem Buch von Sales Hess „Dachau, eine Welt ohne Gott“. Der breite Rücken des Organisten und Schreibers dieser Zeilen ist entzückend drauf gekommen (Schwake, Gregor: Vor zehn Jahren. April 1945, Ostern und Freiheit, in: Singt dem Herrn. Sängerblatt des ACV für Deutschland, Österreich und die Schweiz 6 (1955): 14).

[5]    Gegen Ende der Haftzeit wurde die Kapelle zu einem Mehrzweckraum. In den Berichten der Häft­linge werden immer wie­der Überbelegung und ein schwarzer Vorhang er­wähnt, der den eigentlichen Altarraum von dem übrigen inzwischen zweckent­fremdeten Raum trennte.
Hans Rindermann:
Unsere Kapelle wurde gleichzeitig Gebets‑, Arbeits‑, Wohn- ­und Schlafstätte. Die Lagerleitung hatte ei­nen großen Vorhang zur Verfügung gestellt, so daß der Altarraum vom ande­ren Raum getrennt werden konnte. Der blanke Fußboden war unser Nachtlager (Rindermann, Johannes: Hans Rindermann, Pfarrer in Eschweiler-Bergrath. Erinnerungen an Dachau 1941–1945. In: Selhorst 1972: 140–162, hier 156f. – Selhorst, Heinrich (Hg.): Priesterschicksale im Dritten Reich aus dem Bistum Aachen. Zeugnis der Lebenden, Aachen 21972).

[6]     Johann Lenz:
Unsere Kapelle ist in der Nacht völ­lig belegt. Priester schlafen hier am Boden auf Decken. Das Allerheiligste ist schon monate­lang durch einen großen, schwarzen Vorhang abge­sperrt. Bei Tag arbeitet hier das „Zelt­decken­kom­mando“ – bestehend aus etwa hun­dert Prie­stern – bei Nacht ist die Kapelle Schlaf­raum der Prie­ster. Nur morgens, mittags und abends ist sie frei für Gebet und Gottesdienst (Lenz, Johann: Christus in Dachau oder Christus der Sieger. Ein religiöses Volksbuch und ein kirchen­geschichtliches Zeugnis (mit 100 Bildern). Für Priester und Volk, Wien 61957: 368).

[7]    „Unsere Liebe Frau von Dachau“ nannten die KZ-Priester die Marienstatue, die sie im April 1943 für die Lagerkapelle bekamen. Die Statue wurde von dem Breslauer Holz­schnit­zer E. Hoepker gefertigt und war ursprünglich für das Burgbergklösterle bei Jägerndorf be­stimmt. Es bot sich aber die Mög­lichkeit, sie ins KZ Dachau zu schaffen. In eine Decke ge­hüllt brachte man sie mit einem Schlit­ten in das Jägerndorfer Pfarrhaus. Von dort ge­langte sie in einem unter einen Lastwa­gen gebundenen Sack Ostern 1943 ins KZ Da­chau. Heute befindet sie sich im Karmel „Heilig Blut“.

Madonna

Dachauer Madonna

im KZ                                                     im Karmel

Plötzlich und ganz unverhofft (der allgemeine Erschießungsbefehl v. Himmler[1] war bereits im Lager bekannt geworden, welchen Weiß[3] aber sabotierte und einfach nicht ausführen ließ) kam es ganz anders als wir Menschen es geglaubt und erwartet hatten. Es war der 26. April [1945] (Donnerstag). So gegen 10 od. 11 Uhr hieß es plötzlich: „Alles auf der Blockstraße antreten!“ Was war denn nun schon wieder los? Ich hatte gerade das Presbyterium, d. h. [den Raum der Kapelle] vor dem Vorhang, fertig eingewachst und zur Mittagsarbeit mir hergerichtet. „Das ganze Lager wird aufgelöst. Alles marschiert ab, bis auf die Fußkranken. Es steht uns ein weiter Marsch bevor. Nehmt nur ganz wenig mit, denn tragen könnt ihr doch alles nicht, werft es sehr bald weg. Um 12 ist Antreten auf dem Appellplatz.“ So der Blockälteste. Große allgemeine Bestürzung. Binnen einer Viertelstunde sah die Kapelle ganz furchtbar ! aus. Der Tabernakel stand offen – leer.[4] Ich vergesse den Anblick nie. Es gab mir einen Stich! Jetzt wird es irgendwie ernst, sagte ich mir. Ein Packen und Prassen begann. Was da für Vorräte zum Vorschein kamen! Es wurde gefressen (man kann es nicht anders sagen) und selbst! – staune! – geteilt!!! Es war unmöglich alles so geschwind zu bewältigen oder gar einzupacken. Gebetet wurde nur von ganz wenigen – hinter dem Vorhange, vor dem leeren Tabernakel, dem Kreuz und der Gottesmutter. Ich hatte durchaus keine Angst vor dem Bevorstehenden, doch – es mag dumm sein – mir kamen die Tränen, als ich vor der Madonna kniete und hinter mir den Lärm des Bienenschwarmes hörte. Endlich kam die Kost. Sie war Sonntagskost und diesmal wirklich recht gut. Um 12 standen wir auf dem Appellplatz. Das Wetter war schön, da der Herrgott auch diesen Tag wieder auf uns schaute, wie schon sooft zuvor, wenn wir dort standen. „Alle Reichsdeutschen heraustreten!“ Wo es zum Ehrenbunker geht, dort lagerten wir uns – und zwar bis zum Anbruch der Dämmerung. In den Nachmittagstunden wurden Portionen gefasst, auf 3-4 Tg. Marschverpflegung. Noch immer schwirrten die unglaublichsten Gerüchte hin und her. Keiner wußte Bescheid. Die Zeit schlich langsam dahin. Die Ganzgescheiten drückten sich wie immer – natürlich. Bauer-Peter[5], der sich demütig am evl. Marsche, trotz seiner Malaria, beteiligen wollte, bat mich ihm beim Tragen seiner Sachen zu helfen – und das war nicht gerade wenig. Also, für zwei! In Gottes Namen! Immer mußte ich an diesem Tage an den ersten Tagespsalm denken, der für mich providentiell mir erschien: „Dominus regit me, et n i h i l mihi deerit [Psalm 23,1: Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.]… Basta!“ sagte ich mir und auch anderen – und wurde ausgelacht. „Wenn einen der Herrgott auf den Kreuzweg ruft, dann wird Er einem auch schon die nötige Kraft geben, ihn auch zu gehen“ sagte ich mir und auch anderen.

[1]    Heinrich Himmler hatte aber per Telegramm folgen­den Befehl erteilt:
„Die Über­gabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu eva­kuieren. Kein Häft­ling darf le­bend in die Hände des Feindes fallen. […]
Gezeichnet: Heinrich Himm­ler, Reichsführer SS.“

[3]    SS-Obersturmbannführer Martin Gottfried Weiß (* 3.6.1905 in Weiden, katholisch ge­tauft, † gehängt 29.5.1946 in Landsberg am Lech) – Eintritt in die NSDAP 1926 – Eintritt in die SS 1932 – Mitglied der Wachmannschaft des KZ Dachau April 1933 – Lageringenieur No­vember 1933 bis Februar 1938 – stell­vertretender Leiter des KZ März 1938 – Tätigkeit im KZ Neuengamme April 1940, zuletzt als Kommandant – Kommandant des KZ Da­chau 1.9.1942 bis 31.10.1943 – Kommandant des KZ Majdanek 4.11.1943 bis Mai 1944 – Ende April 1945 hielt er sich wieder im KZ Dachau auf, vermutlich um den dortigen Komman­danten Edu­ard Weiter zu entlasten und Mißstände zu beseitigen. Nachdem sich Eduard Weiter am 26.4.1945 abge­setzt hatte, übernahm Martin Gottfried Weiß wieder die Lager­leitung. Am 28. oder 29.4. floh er aus Dachau. Am 2.5.1945 wurde er von amerikanischen Truppen in Mühldorf am Inn fest­genommen und im Dachauer Kriegsverbrecherprozeß zum Tode verurteilt.

[4]    Andreas Rieser hatte das Allerheiligste herausgenom­men, um es auf den Evakuierungs­marsch mitzuneh­men.

[5]    Peter Bauer (* 25.8.1890 in Trier, † 20.1.1965 in Hüllenberg) – Priesterweihe 12.8.1916 in Trier – Er kam am 30.1.1941 ins KZ Buchenwald, am 15.3.1942 ins KZ Ravensbrück, am 19.5.1942 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit. 1946 lebte er als Pfarrer i. R. in Leutesdorf im Christkönigs-Haus.

Die andern Blöcke waren schon längst wieder eingerückt. Nur auf dem eigentlichen Appellplatz standen oder lagen noch ein ganzer Haufen von Russen und Polen herum, wohl 3-4000 Mann. Endlich ging auch die Sonne unter, und es wurde kühler. Sie hatte bereits schon viele ordentlich erschöpft. Es war halb zehn, als der Befehl kam: „Aufstehen! Es wird doch marschiert. Es geht wirklich los.“ 10 vor 10 [21.50 Uhr] war es, als ich das Lager verließ und durch das Jourhaustor marschierte. Bauer und ich beteten den Rosenkranz. Zumeist war stumpfe Depression um uns her bemerkbar. Keiner sprach ein Wort. Langsam, ganz langsam ging es in Hundertschaften, mit großen Abständen, in die Nacht hinein. Abgezählt oder namentlich festgestellt waren wir nicht worden. Was eben da war, das marschierte. Die Lagerordnung wies scheinbar schon Lücken auf. – Wie ich erst unlängst gehört habe, ist an diesem Nachmittag der Lagerkommandant Weiß von dem Rupert[1], nach einer scharfen Auseinandersetzung, erschossen worden.[2]

[1]    SS-Obersturmbannführer Friedrich Wilhelm Ruppert (* 2.2.1905 in Frankenthal, † ge­hängt 28.5.1946 in Landsberg am Lech) – Erster Lagerführer im KZ Da­chau 6.8.1944 bis 23.4.1945

[2]    sachlich falsch  – s. Fußnote 3 (SS-Obersturmbannführer Martin Gottfried Weiß )

Gleich hinter den letzten Häusern des Lagers lag der erste Tote neben der Straße. Viele, sehr, sehr viele haben alsdann unseren Weg eingesäumt! Oft lagen die Toten, Sterbenden, Kranken, Drückeberger dicht neben einander im Straßengraben auf 20 – 50 und mehr Metern Länge. Niemals habe ich derart oft die Hand zur Absolution [Lossprechung] erhoben wie in den beiden Marschnächten. Die erste brachte uns bis vor Starnberg, wo in einem Walde Lager bezogen wurde – so gegen 11 Uhr vorm. Wir waren über Allach-Pasing marschiert. Schon in dieser ersten Nacht waren meine Schultern derart wund, daß ich die Gepäcklast von uns beiden – Bauer/Peter und ich – verringern mußte. Als ich die Breviere, bis auf die notwendigsten, herausgab und einer guten Frau übergab, hätte mich ein SSmann bald erschossen, doch [ver]fehlte er sein Ziel. Wenn die tapfere Frau nicht dazwischen oder dem SSmann in den Arm gesprungen wäre, hätte wohl die zweite Kugel mir das Lebenslichterl ausgeblasen. So aber hatte ich Zeit fort- und der Kolonne wieder nachzulaufen. Überhaupt hat es fast beständig hinter uns geknallt, wo wohl ganze Arbeit durch die SS gemacht wurde.
Am Abend des 27.IV. (Freitag) wurde aus dem Lager bei Starnberg wieder weiter marschiert. Ich hatte noch das Glück, mir am Nachm. die hlg. Kommunion holen zu können. Aus diesem Lager ist, wohl als erster der Unsern, Stadtpfarrer Muhler-München[1] „abgehaut“. Das Wort „abhauen“ ging mehr und mehr um. Es wurde auch von so manchen getätigt. Ich persönlich habe nicht daran gedacht, denn ich schleppte ja die Sachen des armen Peter Bauer, der sich so tapfer auf den Beinen hielt, und konnte den armen Kerl nicht allein und vor allem ohne seine Malariamedikamente lassen. – Diese zweite Nacht war noch furchtbarer als die erste. Lange Zeit ging ich hinter Rieser her, von dem ich wußte, daß er das Allerheiligste bei sich trug. Ich dachte an Simon von Cyrene – und war glücklich, richtig glücklich dem Heiland auch hier folgen zu dürfen! Der Weg war jetzt noch weit mehr als in der andern Nacht von armen, elenden, sterbenden und bereits toten Menschen eingesäumt. Die Bewachung wurde immer geringer. Selbst Herr Bötcher[2] fuhr auf seinem Fahrrad ganz freundlich und friedlich oft an uns vorbei, als wenn er der beste und harmloseste Mensch der Welt wäre. Man sagte mir, Papiere irgendwelcher Art hat er [und] noch irgendjemand mehr dabei. Über dem Starnbergersee kam der Kriegslärm immer näher und näher. Wir marschierten südöstl. des Sees auf Wolfratshausen zu. Gegen 3 oder 4 Uhr früh wurde mir völlig schwarz vor den Augen, wohl vor Schwäche und Überanstrengung durch die doppelte Traglast. Irgendwie bin ich aus der Kolonne heraus und auf eine Wiese zu liegen gekommen. Hier erwachte ich erst als mich ein Polizeihund kräftiglich in den Oberschenkel biß und ein SSmann mit gezücktem Revolver wiedermal vor mir stand und mich mit seinen Stiefeln in der Rippen- und Bauchgegend ausgiebigst bearbeitete. Da ich ihm erklärte, ich sei Priester, wolle weder abhauen noch mich zu den Toten legen, sondern nachmarschieren, verschwand auch dieser Mensch wieder im Morgengrauen. Als ich mich ein wenig erholt hatte, ging ich – ganz allein – den andern nach. Ich kam in eine Ortschaft, mit Namen Dorfen, über Wolfratshausen –zwar nach reichlich vielen Haltestationen. Dort setzte ich mich auf die Stufen, die zum Friedhof und zur Kirche hinaufführten, bat die Bauersleute um einen Trunk Wasser, doch keiner wagte sich an mich heran, da noch SS um und um die Wege waren. Jetzt war mir schon alles ganz gleich. Ich sah einen Lkw schräg vor dem Eingang zu einem Bauernhause stehen. Also, Franzl, dahinter und dann hinein in das Haus! Gedacht, gesagt, getan.

[1]    Dr. rer. pol. Emil Muhler (* 21.4.1892 in München, † 19.2.1963) – Priesterweihe 21.12.1919 in München – Stadtpfarrer in München St. An­dreas 1924 – Stadtratsmitglied der Bayerischen Volks­partei 1930–1933 – Er kam am 18.9.1944 ins KZ Dachau und floh auf dem Eva­kuierungsmarsch vom 26.4.1945. Nach 1945 war er Stadtratsmitglied der neuge­grün­deten CSU. Seit 1969 ist die Straße bei seiner Pfarrei in der Isarvorstadt in Mün­chen nach ihm be­nannt.

[2]    SS-Ober­schar­führer Franz Böttger (auch Böttcher, Bötscher) (* 1888 in Mün­chen, † hingerichtet 29.5.1946 in Lands­­berg am Lech) – 1933 Juwe­lier in Mün­chen – später Rapportführer im KZ Dachau

„Heilige Mutter-Gottes!“ Mir war wohl auch der allerletzte Blutstropfen aus dem Gesicht entwichen. In der kleinen Küche saß da nicht ein Mensch, der eine Armbinde trug; H. P. Und er hatte eine Nummer aus Dachau. Also, Hilfspolizist, so einer von der Lagerpolizei, die uns 26er [aus Block 26] doch bekanntlich nie grün gesinnt gewesen sind. Die Frau oder irgendjemand fing mich auf, denn wieder brach ich in der Küchentür zusammen. „Vor mir brauchst keine Furcht haben. Ich haue ja selbst ab.“ sagte der Mann mit der Armbinde. Das beruhigte mich doch ein bißchen, und bald war ich auch wieder auf den Beinen, besonders da mir die gute Frau richtig heißen Kaffee einflößte. Dann gab sie mir Brot, gutes Bauernbrot mit reichlicher Butter darauf zu essen, und – schlug einige Eier in die Pfanne. Ich kam mir vor, wie im Vorparadies! Jetzt erschien auch der Herr Lehrer, der Nachbar, auf der Bildfläche und forderte mich auf, bei ihm doch etwas zu schlafen. Ich erkundigte mich, ob denn die Luft da auch vollständig sauber wäre. Er sagte mir, daß er einen SS-Leutnant bei sich habe, der aber bereits einen Anzug ihm abgekauft habe und wohl schon abgehauen sei. „Deutschland, Deutschland über alles …“ dachte ich mir. „So schauts also schon in der WeItgeschichte aus! – Sauber! ! !“ Ich ging mit dem Manne des Lehrfaches und legte mich in eine Stubenecke auf den Boden – und schlief. Nach 3-4 Std. wurde ich wach und fühlte mich sehr wohl wieder. Der schwere Karton mit seiner Doppellast ließ mich an Peter-Bauer denken. Abhauen? Nein, das darfst du einfach nicht. Das ist unanständig, unkameradschaftlich! Der Herr Lehrer gab mir noch eine Suppe und ich ging wieder weiter.
Kaum war ich aus dem Lehrerhause, da sah ich vor mir eine wahre „Jammergestalt“ auf der Straße dahinwanken. Der große, starke Mensch war ein Häuflein armseligen Elends geworden. Mich erbarmte er schon recht, denn ich fühlte mich wieder so ziemlich frisch und stark und vor allem ausgeschlafen. Ich nahm ihm seine beiden Decken ab. Nun stellte es sich heraus, daß dieser Mensch auch ein 26er war, und zwar Quaas[1] aus der Diözese Kärnten. Ihn etwas aufzurichten versuchte ich erst mit Freundlichkeit, dann mit Grobheit. Letzteres hatte auch vorübergehenden Erfolg. So kamen wir durch Wolfratshausen und mußten uns einer Kolonne der Nachzügler anschließen. Ein ganz närrischer SSmann knallte andauernd mit seiner Pistole in der Luft herum, um seiner bereits heisergeschrienen Stimme den nötigen Nachdruck wohl zu verleihen. Wir kümmerten uns wenig um diesen Narren, sondern troddelten so dahin. Nach einigem Hin und Her – scheinbar wußte der Wegführer auch nimmer Bescheid – verließen wir wieder den Ort, und zwar in südl. Richtung. Quaas machte jetzt ganz schlapp und ich stärkte ihn mit gutem und grobem Zureden sowie mit meinem Mundvorrate. Nach einer kurzen Rast auf einem Schotterhaufen, marschierten wir schön langsam weiter. Das zweite Lager sollte ja nimmer mehr weit sein, und so hoffte ich wieder zum armen Bauer-Peter zu gelangen.

[1]    Karl Quaß (* 8.9.1891 in Wurzing/A, † 27.2.1971 in St. Anna am Aigen/Steiermark/A) – Priesterweihe 2.7.1916 – Er kam wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz am 16.1.1943 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.

Plötzlich aber taucht auf meiner rechten Seite ein Offizier mit hochgeschlossener Regenpellerine auf, sodaß ich nicht erkennen konnte, ob er zur Wehrmacht oder zur SS gehörte. Er war mit seinem Rad herangefahren. „Du bist doch der Löwenstein?“ fragte er mich, worüber ich nicht wenig erschrak. Auf meine Bejahung sagte er: „Da staunst du wohl? Aber dreh dich nur um, dann wirst du noch mehr staunen.“ Ich dachte an weiter nichts, als daß der Lehrer doch ein Schuft und Verräter gewesen ist und der Offizier da, der SS-Leutnant, den er mir auf die Fersen gesetzt hatte. Ich erwartete jetzt den berühmten Nackenschuß. Bevor ich aber in den Himmel ging, machte ich noch ein Kreuzzeichen über mich. Ob ich ein Gebetchen gesprochen habe, weiß ich nicht. Dann drehte ich mich um. – Jetzt aber staunte ich erst wirklich, war völlig sprachlos. Wer stand da vor mir? Otto Pieß![1] „Mensch! Warum haut ihr denn nicht ab? Die Luft ist so ziemlich sauber, die Bewachung ganz gering. Haut ab!“ – „Da ist ein Wald und davor ein Zaun. Wo der oben umbiegt, da treffen wir uns wieder.“ sagte ergänzend der Offizier. „Otto, wir müssen weiter, sonst fallen wir da auf.“ – „Vor dem da, brauchst keine Angst zu haben. Der ist auch einer von uns!“[2] rief noch Pieß uns zurück, als sie schon beide wieder davonfuhren. Quaas und ich schauten uns an. Das war Gottes Eingriff, Gottes Wille, Gottes rettender Bote – dieser gute Pieß-Otto und dieser Offizier da von der S.J.! Also! In den Wald hinein! Man schoß zwar etwas hinter uns beiden her, doch wir lagen in einer guten Deckung. Dann ging es weiter, als es ruhig geworden war, zum Treffpunkte hinauf. Nach einem Dankgebet zur Mutter von der immerwährenden Hilfe – Quaas zitterte am ganzen Leibe – machte ich mich über die Futtersachen her, schon um Quaas zu helfen, denn ich hatte ja eigentlich keinen Hunger. Als wir so im besten Futtern waren, erscholl plötzlich arges Geschimpf aus dem Munde des Pieß Otto – nun Du kennst ihn ja. „Ihr seid wohl total verrückt, ihr beiden! Da tut ihr fressen, und habt noch immer die Abzeichen überall an den Kleidern. Herunter damit!“ Also! Daran hatte ich natürlich nicht gedacht.

[1]    Pater Dr. Johannes Otto Pies SJ, Deckname im KZ Hans u. Spezi, (* 26.4.1901 in Arenberg, † 1.7.1960 in Mainz) – Eintritt in die Gesell­schaft Jesu in ’s-Heeren­berg/NL 14.4.1920 – Priester­weihe 27.8.1930 – Letz­te Gelübde 2.2.1940 – Am 31.5.1941 wurde er wegen eines Protestes gegen die Klo­steraufhebungen verhaftet. Am 2.8.1941 brachte man ihn aus dem Ge­fängnis in Dresden ins KZ Dachau, wo er die Häftlings-Nr. 26832 be­kam. Dort war er eine der ganz großen Prie­sterge­stalten. Am 27.3.1945 wurde er ohne Angabe des Grundes und ohne Be­dingung entlassen. Bereits im KZ und auch nach seiner Entlassung setzte er sich unermüdlich für Karl Leisner ein. Ohne ihn wäre es vermutlich nicht zur Priesterweihe im KZ gekommen.

[2]    Pater Franz Kreis SJ (* 23.7.1914, † ?) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 1.7.1935 – Novize in Mittelsteine/Ścinawka Średnia/PL unter P. Otto Pies SJ – Beendigung des Philosophie­stu­­diums vor dem Krieg – Soldat 1.12.1939 – auf Grund des Geheimbe­fehls von Heinrich Himmler vom 20.8.1944 zwecks Entlassung aller ka­tholischen Theologen im Offiziers­rang Ende des Militärdienstes im Rang eines Oberleutnants 24.11.1944 – Fortsetzung des Theo­logie­studiums nach dem Krieg – Prie­sterweihe 27.7.1947 – Kaplan in Dresden 1948 – spä­ter Mit­arbeiter von P. Johannes Leppich SJ – Klinikseelsor­ger in Gie­ßen 1960–1969 – Austritt aus der Ge­sellschaft Jesu 22.10.1969

Der Offizier, ein Scholastiker der S.J., gab mir seine Überhose, Pieß seinen Regenmantel. So „verkleidet“ fuhr ich mit falschen Papieren zudem ausgerüstet (das erste Mal in meinem Leben) nach Wolfratshausen per Rad zurück, wo wir im Pfarrhause anlangten. Quaas kam mit Pieß nach.
Gerettet und geborgen!!!
Ich machte mich zwar nochmals auf den Weg, da ich nach dem Gepäck sehen und dieses, wenigstens z. T. – so meine Schriftsachen – mitnehmen wollte. Das mag ein riesengroßer Leichtsinn und eine Dummheit gewesen sein, trotzdem ich „in Schwarz“ ging. Ich aber hatte einen wirklich guten Schutzengel bei mir! Ich, der ich über einen sehr guten und ausgesprochenen Orientierungssinn sonst verfüge, schlug einen falschen Weg ein. Beim Rosenkranzbeten, als Danksagung, und wohl auch in seelischer Erregtheit, ging ich einfach einen ganz anderen Weg. Das war mein Glück! Die SS war ja noch immer um und um. Auf dem richtigen Wege wäre ich ihr fraglos in die Hände gefallen. So kam ich unverrichteter Dinge zurück. Nach einem Nachtmahl und längerem abendlichen Wartens erschienen wieder unsere beiden Retter, die inzwischen noch andere erlöst hatten, ca. 15 Geistliche. Pieß hat wirklich ganz großartig gearbeitet! Ich kann Dir zwar die Namen nicht nennen, die da mit mir die Nacht nach der Rottmannshöhe[1] im Lastauto der S.J. fuhren. Tscheikowsky[2] (aus Stube 2 = kath. Pfr. v. Königsberg); der kl. Zeichen[3], Diöz. Graz.; Schmidts[4] – prot. Pastor/Dresden od. Thüringen u. a. waren dabei, deren Namen mir nimmer einfallen. Gegen Mitternacht waren wir auf der Rottmannshöhe. Ein regelrechtes Bett empfing meine Glieder – und ich schlief, schlief bis in den späten Morgen hinein.

[1]    Errichtung als Sommerhotel am Ostufer des Starn­berger Sees 1874 – Namensgebung nach dem Maler Carl Rottmann (1797–1850) – Exer­zitienhaus der Je­suiten 1920 – Be­schlag­nahme durch die Nationalsozialisten 1940 – Umfunktionie­rung zu einer Art KZ für ältere Männer, Frauen u. Kin­der aus einem evakuierten Dorf bei Krain – Die Jesuiten durften die kleineren Gebäude be­halten. Dort hielt sich P. Otto Pies SJ nach sei­ner Entlassung aus dem KZ auf. Ende April 1945 kamen die er­sten Geistlichen aus dem KZ Dachau und Theologen aus Ostdeutschland dorthin. Von 1953–1964 war die Rott­mannshöhe wieder Exerzitien­haus. Heute befindet sich dort ein Heim für psychisch kranke Ju­gendliche.

[2]     vermutlich ein im KZ verwendeter „Spitzname“

[3]    Rudolf Zeichen (* 9.8.1913 in Raune, † 1.11.1945 in Villach nach Verkehrsunfall) – Priesterweihe am ? – Kaplan in St. Jakob im Rosental in Kärnten/A – Er kam wegen feindseliger Haltung zum Deutschen Reich am 28.5.1944 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evaku­ie­rungs­marsch vom 26.4.1945 befreit.

[4]    Zu Schmidts wurden keine näheren Angaben gefunden.

So gegen 10 kam ich in die Kapelle hinunter, wo noch hl. Messe war. Ich wollte mich gerade auf die hlg. Kommunion vorbereiten, da kam ein Bruder an mich heran und fragte mich, ob ich nicht zelebrieren möchte? Es war ja Sonntag, der 29. IV. geworden. Wir gingen wieder hinauf in ein Zimmerle, wo ein Notaltar hergerichtet war. Beim Stufengebet, Introitus, Kyrie habe ich mich nicht oder doch nur ganz gedankenlos im Zimmer etwas umgeschaut. Beim Gloria aber, da habe ich mit den Händen auch die Augen erhoben. Mir gerade gegenüber war das Mansardenfenster. Ich mußte also einfach auch hinausschauen. Und – da lag vor meinen Augen – die ganze, wunderbare Alpenkette! Meine lieben, lieben Berge! die mir in der Zeit von Dachau doch so arg abgegangen waren. Gerade beim Gloria! Das Glück war zu groß!! Wie war doch Gott so grenzenlos gut gegen mich! ! ! Niemals werde ich diesen Augenblick je wohl vergessen! Immer muß ich jetzt beim Gloria daran denken.
Da nun aber doch sehr viele Herrn in der Rottmannshöhe sich plötzlich versammelt hatten, und die Nazis noch an der Herrschaft waren, so war die Lage doch für das Haus und für uns nicht ganz ungefährlich. Wir mußten auseinander, wenigstens der größte Teil. So kam ich zu den guten Karmelitinnen [im Karmel St. Josef] nach Aufkirchen mit Tscheikowsky zusammen. Dort ging es uns sehr gut! Ich blieb bis auf Christi Himmelfahrtstag (10.V.), nachdem wir die Amis freudig am 1. Mai begrüßt hatten. – In dieser Zeit holte ich mir von unserem Befreiungsplatze (an der Zaunecke im Walde) die dort von Pieß  zurückgelassenen Sachen. Zwar fand ich lediglich meine Schriftsachen (bes. meinen Roman, den ich in Dachau geschrieben nebst religösen Abhandlungen) vor, die mir aber des Ganges wertvoll waren. Im Pfarrhof von Wolfratshausen erfuhr ich, daß auf dem einmaligen Durchmarsch der Dachauer nicht weniger als 53 Leichen dort allein eingeliefert worden waren. In Aufkirchen sind drei Dachauer begraben worden, die wir zwar wieder ausgegraben haben, da wir (oder Tscheikowsky) der Vermutung war, unser guter Chorregent Moosbauer[1] könnte unter den Toten sein. Tscheik. war mit ihm in der zweiten Marschnacht bereits bei Aufkirchen abgehaut. Moosbauer soll damals einem SSmann direkt in die Arme gelaufen sein, und Tscheik. will hernach einen Schuß gehört haben. Moosbauer war aber nicht unter den drei Toten von Aufkirchen. Diese Zahlen über die Toten geben Dir wohl ein ganz schwaches Bild, wie dieser Marsch in Wirklichkeit ausgesehen hat. Von Otto Pieß erfuhr ich, daß ich ohne jede Sorge sein bräuchte, bezügl. der Priester. Sie wären alle gerettet und wären gut irgendwo untergekommen. Nur von Moosbauer fehlte jede Nachricht.

[1]  Josef Moosbauer (* 15.3.1904 in Linz/A, † 8.8.1979 in Bad Mühllacken/A) – Prie­sterweihe 29.6.1926 in Linz – Er kam am 22.6.1940 wegen falscher Be­schuldigung ins KZ Dachau, am 16.8.1940 ins KZ Mauthausen, am 8.12.1940 erneut ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit. Er komponierte für Karl Leisner das Offer­to­rium zum 3. Sonn­tag nach Erschei­nung des Herrn mit dem Text, den Karl Leis­ner auch als Primizspruch gewählt hatte und überreichte es ihm als Primizgeschenk.

Da mein Heimweh aber in Aufkirchen beständig wuchs und ich den guten Schwestern nicht unnötig zur Last fallen wollte, so trat ich am Freitag den 11. Mai allein und auf eigene Faust den Heimmarsch an. Nochmals führte mich der Weg über W. [Wolfratshausen], wo ich den Studentenseelsorger aus Berlin, der uns so schöne Vorträge gehalten hatte, antraf. Aber auf dem Weiterwege kam ich an eine ganz kritische Stelle. Die Dachauer waren von den Amerikanern in einem Lager zusammengefangen worden d. h. befreit. Nun waren aber diese „geliebten Dachauer“ sogleich zur wahren Gefahr und Landplage für die Bevölkerung geworden. Sie raubten und stahlen nach alter „Organisationspraxis“ allüberall, schlachteten den Bauern das Vieh, stahlen Hühner, Eier, Milch, Butter u.a.m. Nun kam ich in die Gegend dieses Lagers bei Königsdorf. Die Bauern warnten mich dringlichst, doch nicht weiter zu gehen, da ich als völlig ausgeplündeter Erdenbürger sehr bald zurückkommen würde wie schon viele andere. Ich glaubte ihnen aber nur halb und vertraute auf Gott meinen guten Schutzengel sowie meine engl. Sprachkenntnisse. Kaum aber war ich nicht hundert Schritte gegangen, als ein deutsches Auto mir entgegen kam, welches ich anhielt. Ich bat den Herrn umzuwenden und mich nur durch die Gefahrzone des Lagers hindurchzuführen, dann wäre ja für mich wieder alles gut. Der Herr, wohl einer der ganz großen Nazis, wollte das aber nicht tun, sondern bot mir an, falls mir damit gedient sei, einzusteigen, da er in Richtung Bad Aibling fahre. Natürlich sprang ich sogleich in den Wagen, denn damit war mir freilich fein gedient. So kam ich ohne Schweißvergießen, Schuhzerreißen oder sonstige Schwierigkeiten am Spätnachmittag nach Niederaschau, südl. Rosenheim. Hier übernachtete ich im Pfarrhof, wo es mir wieder nur gut ging. Am andern Tage setzte ich brav zu Fuß die Wanderung Richtung Salzburg fort. Ich kam aber nur bis Rottau [am Chiemsee]. Dort war ein wunderschöner, blühender Kastanienbaum mit noch schönerem Schatten darunter. Dort saß ein armerik. Offizier. Zu diesem setzte ich mich, u. wir plauschten gemütlich auf englisch miteinander. Durch dieses Gespräch kam ich zu einem wirklichen Fahrrad, welches mir der gut-kath. Mann einfach schenkte. Der Vikar, ein Tiroler Kapuzinerpater kam des Weges, lud mich zu Mittag ein, ließ mich ein Mittagsschläfchen auf seinem Lager machen – und ich fuhr „hoch zu Roß“ glücklich und stolz zugleich weiter. Am Abend kam ich nach Neukirchen bei Teisendorf. Dort frug ich das geistliche Gemeindeoberhaupt, mich über Nacht zu behalten, bei dem Angebote, ihm morgen (Sonntag) Predigt u. Amt abzunehmen. So geschah es auch, wozu noch ein reichlicher Beichtstuhl kam. Am Nachm. war amerik. Gottesdienst, dem ich ministrierte. Darauf fuhr mich der gute amerik. Geistliche samt meinem Radl glatt über die Landesgrenze. Ich war endlich wieder in Österreich, daheim! Nach meiner Zurückmeldung beim hochwürdigsten Herrn Fürsterzbischof[1], bei dem ich auch zu Mittag speiste, versuchte ich bei der amerik. Geistlichkeit nochmals mein Glück; und ich hatte es wirklich. Der Rev. Corpscaplain führte mich mit seinem Auto über die zweimalige Landesgrenze bei Reichenhall, worauf wiederum das Stahlroß bestiegen wurde. Am Abend des 14.V. durfte ich somit danksagend vor unserem lieben Gnadenbilde von Kirchental wieder knien! Welch ein Glück! ! !

[1]    Erzbischof Andreas Rohracher (1892–1976) – Erzbischof von Salzburg 1943–1969

Nun habe ich inzwischen allerhand Dachauer schon wiedergesehen. Alle Salzburger, bis auf Rieser, Feld- und Stadtpfr. Dürnberger/Salzburg[1], die aber auch längst glücklich daheim sind. Aber etwas habe ich noch vergessen. Als ich beim Fürsterzbischof war, vielmehr am Nachm. nochmals im Vorzimmer, da geht die Tür auf, und herein kommt niemand anders als unser guter Moosbauer mit dem Grafen Thun. Sie kamen mit einem Naziauto und amerik. Benzin, und fuhren direkt weiter nach Linz. So fein hats der Fürstenfranzl zwar nicht gehabt, aber dennoch auf einem Radl und amerik. Auto ist er heimgekommen. – In Innsbruck traf ich unlängst auch unseren braven Steinkelterer[2], der jetzt Caritasdirektor von Tirol ist – also auch schon einer von der höheren Viechersorte der heiligen Hierachie. Auch den Trienld[3] mit einem ganz grausigen Kapuzinerbart habe ich begrüßen dürfen. Wenn man hier zulande nur etwas herumkommt, so stößt man alleweil auf so Dachauer geistliche Gefäße.

[1]    Franz Borgias Dürnberger (1903–1974) – Stadtpfarrer von Salzburg-Gnigl/A 1941–1963

[2]    Dr. phil. Josef Steinkelderer (* 20.12.1904 in Innsbruck/A, † 17.6.1972 ebd.) – Priester­weihe 26.8.1932 – Er kam wegen Erteilung von Religionsunterricht am 9.11.1939 ins KZ Sachsenhausen, am 14.12.1940 ins KZ Dachau und wurde am 28.3.1945 entlassen.

[3]    P. Anton Triendl OFMKap (* 25.5.1893 in Rinn/A, † ?.) – Eintritt bei den Kapuzinern am ? – Priesterweihe am ? – Er kam we­gen feindlichen Verhaltens am 31.10.1943 ins KZ Da­chau und wurde auf dem Evaku­ie­rungs­marsch vom 26.4.1945 befreit.

Viel, sehr, sehr viel bin ich noch allweil im Geiste in meiner lieben Blockkapelle. Die Muttergottesstatue von Dachau möchte ich mir soviel gern nachschnitzen lassen, was mir auch bereits ein Bildhauer in Absam i. T. zugesagt hat. Um meinen Meßkelch habe ich mich bereits auch bei den Amerikanern bemüht, bisher zwar ohne Erfolg.
Ich möchte den gütigen Überbringer dieses Briefes nicht zu arg belasten, und muß zudem auch etwas mit dem Papier sparsam umgehen.
Viel denke ich noch immer an die Zeit in Dachau zurück, denn wieviel Gnadenglück habe ich dort nicht vom lieben Gott empfangen! Es war doch eine große Gnadenzeit für mich, die ich nicht in meinem Leben missen möchte. Ich sage, es waren „Großexerzitien Gottes“. Man hat vieles für das Leben dort lernen können. Gutes und Schönes – und auch anderes. Erst jetzt erkenne ich es so recht, daß es doch eine ganz große „Priestergemeinschaft“ in diesem „Priesterhause“ des Blockes 26 war, um die Du Dich so sehr bemüht hast. Die Verstorbenen sind bei mir gewiß nicht vergessen! Ganz bes. z. B. Dechant Wessing[1] wie auch der liebe, gute, ja meiner Ansicht nach heiligmäßige Vinzenz aus Block 28[2], der Allerheiligenträger und Blocksakristan. Wo mögen die poln. Geistlichen sein? Was mag ihnen noch bevorstehen?

[1]    August Wessing (* 18.1.1880 in Gescher, † 4.3.1945 im KZ Dachau) – Eintritt ins Colle­gium Borromaeum in Münster Ostern 1903 – Prie­ster­weihe 25.5.1907 in Münster – Pfarrer in Hoetmar 9.3.1932 – Dechant des Dekanates Frecken­horst 10.1.1939 – Er kam wegen Polenseelsorge am 2.10.1942 ins KZ Dachau, wo er als heiligmäßiger Priester an­gesehen wurde. Richard Schneider hat die Asche des Verstorbenen aus dem KZ-Gelände ge­schmuggelt. Die Urne wurde nach einem feierlichen Requiem am 25.5.1945 in der Ge­meinde St. Lambertus in Hoetmar im Sockel des großen Kreuzes auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.

[2]    Zu diesem polnischen Priester wurden keine näheren Angaben gefunden.

Ihr Münsterländer scheint auch noch nicht heimkehren zu können, wie ich es an Deinem Beispiele sehe. Vom Überbringer dieses Briefes erfuhr ich auch, daß H. H. Kötter[1] bei Dir oder doch in der Gegend ist. Da wird wohl auch der Sonnenschein[2] nicht weitab sein. Beste Grüße bitte an beide zu bestellen!

[1]    Heinrich Kötter (* 28.10.1910 in Laggenbeck-Ibbenbüren, † 15.6.1973 in Borghorst) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster 1.5.1935 – Priesterweihe 17.7.1938 in Münster – Er kam wegen Unterminierung der inneren und äußeren Front am 20.11.1941 auf den Weg ins KZ Dachau, wo er am 5.12.1941 eintraf. Dort hat er sich freiwillig als Krankenpfleger gemeldet und u. a. auch Karl Leisner gepflegt. Am 6.4.1945 wurde er ent­lassen.

[2]    Johannes Sonnenschein (* 30.5.1912 in Bocholt, † 31.8.2003 in Ahaus) – Eintritt ins Col­legium Borromaeum in Münster 1.5.1931 – Priesterweihe 19.12.1936 in Münster – Kaplan in Ahlen St. Josef 29.2.1940 – dort Ver­haftung 8.3.1942 – Er kam über die Gefäng­nisse in Ahlen und Münster wegen Jugendseelsorge und Verbreitung des Möldersbriefes am 29.5.1942 ins KZ Da­chau und dort am 30.5.1942 auf den Zugangsblock, wo er Karl Leisner traf. Am 9.4.1945 wurde er ent­lassen. – Kaplan in Emsdetten Herz Jesu 1946–1951 – Pfar­rer in Borghorst St. Nikomedes 1958–1970 – Dechant im Dekanat Borghorst 1959 – Pfarrer in Dülmen (Merfeld) St. Antonius 1970–1991 (als Pfarrer em. Pfarrverwalter 1987) – Pfar­rer em. in Ahaus 1991 – Im Seligsprechungsprozeß 1981 und Martyrerpro­zeß 1990 für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.

Nachträglich fällt mir noch ein, daß ich meine, H. H. Aversberg[1] war auch auf der Rottmannshöhe, was Dich gewiß interessieren wird. Der kl. Lenz (Joh) S.J.[2] soll noch in Dachau als Pfleger tätig sein. Er war ja bereits einmal auf den Tod typhuskrank. Kurz vor dem Abmarsch kam er in den Block zurück.

[1]    P. Theodor Averberg SVD (* 12.12.1878 in Everswinkel, † 31.7.1973 ebd.) – Eintritt bei den Steyler Mis­sionaren 14.4.1896 in Steyl/NL – Erste Gelübde 20.10.1901 in Mödling bei Wien/St. Gabriel – Ewige Gelübde 24.10.1904 ebd. – Priesterweihe 24.2.1905 ebd. – Missionar in Neuguinea 1905–1925 – Seelsor­ger im Kloster Mariental in Groes­beek/NL 1933–1935 – Das Missionshaus St. Michael in Steyl er­bat am 23.3.1933 beim Bischof von ’s-Hertogen­bosch/NL für ihn die Jurisdiktion für die dor­tige Diözese, „da die dortigen deut­schen Schwestern und Pensionä­rinnen gerne bei ihm zu beichten wün­schten“. Er kam we­gen Pre­digten gegen das Neuheidentum am 30.7.1943 ins KZ Da­chau und wurde auf dem Evaku­ie­rungs­marsch vom 26.4.1945 befreit.

[2]    P. Johann Nepomuk Lenz (* 7.4.1902 in Graz/A, † 16.7.1985 in Vil­lach/A) – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 7.9.1923 – Prie­ster­weihe 26.7.1935 – Er kam als Dollfußanhänger und wegen der Reden gegen das Regime am 9.8.1940 ins KZ Da­chau und war dort, mit einer kurzen Unterbre­chung im KZ Maut­hausen und im KZ Gusen, bis zur Be­freiung am 29.4.1945. Die Gewährung seiner Bitte um Ent­lassung aus der Ge­sell­schaft Jesu zog sich aus ver­schiedenen Gründen von 1940 bis zum 24.4.1950 hin. Am 23.6.1950 kam er ins Novi­ziat der Kalasantiner und legte am 25.6.1951 Ewige Profeß ab. Im August 1954 trat er aus der Gemein­schaft aus, um Welt­priester zu werden, aber keine Di­özese konnte ihn recht verwenden. Er be­hielt den Titel Pa­ter für sich persönlich bei. Zuletzt wirkte er als Ein­seg­nungsprie­ster in der Erzdiözese Wien. Ab Früh­jahr 1979 lebte er bei einer befreundeten Arztfamilie in Vil­lach. In seiner Todesanzeige heißt es: „Pater Johannes Maria Lenz, Ordenspriester und ka­tholi­scher Schriftstel­ler“; das Direkto­rium der Erzdi­özese Wien ge­denkt sei­nes Todes mit dem Vermerk „P. Jo­hannes M. Lenz, Ein­segnungspriester i. R.“.

In Salzburg „hörte“ ich – hoffentlich ist es nicht wahr! Der Dachauer Primiziant also Karl Leisner, wäre in Schellenberg bei Berchtesgaden gestorben, bald nachdem er durch P. Otto Pieß [am 4.5.1945] aus dem Lager herausgeholt worden war, was Letzters Tatsache ist.[1]

[1]    Karl Leisner starb am 12. August 1945 im Waldsanatorium Planegg bei München.

Nun ist es ein ganz langer Brief geworden, und ich habe Dich ganz über alle Gebühr mit Beschlag belegt. Hoffentlich ist doch einiges für Dich von Interesse. – Soviel ich erfragt habe, Genaues weiß ich jedoch auch nicht, sind die andern, d. h. der Rest der Marschkolonne aus unserem Block, bei Bad Tölz durch die Amerikaner befreit worden. Herr Bötcher [Franz Böttger] wurde gefangen genommen, kam nach Dachau, mußte dort am Tor stehen mit Schild „ich bin wieder da!“ Dann soll er bald von den Häftlingen zerrissen worden sein, kam alsdann ins Krematorium als Arbeiter, wo er es aber nur 8 Tage ausgehalten haben soll, – dann war auch er tot. Dies sagte mir der aus Niederndorf gebürtige Kapl. – Name mir augenblickl. entfallen; glaube mit S. oder Sp. fängt er an, Diöz. Salzb.
Immer wieder fällt mir etwas ein, was für Dich von einem Interesse sein könnte. Aber jetzt will ich doch endlich schließen, und Dich herzlichst bitten, meiner im Gebete nicht ganz und gar zu bald zu vergessen.
Solltest Du mal die Möglichkeit haben, eine Marienwallfahrt zu machen, so kann ich Dir nur Kirchental allerwärmstens ans Herz legen, da Du gleichzeitig einem ganz gewissen unverbesserlich bösen Buben eine riesige Freude damit machen würdest. Sollte ich aber die Möglichkeit haben, wiedermal ins Altreich einzudringen resp. ins Bayernland vorstoßend einzufallen, so mache Dich auf den besagten Überfall gefaßt! Bis dahin wollen wir recht für und mit einander beten.
In aufrichtiger Dankbarkeit für etwas und alles, wovon Du zwar gewiß nichts hören willst und was Du mir dennoch gegeben hast – überreichlich und somit auch bleibend –, sowie mit der nochmaligen Bitte um ein Gebetsgedenken, bin und bleibe ich
Dein Franz

* * * * *

Zweiter Brief von Prinz Alban zu Löwenstein-Wert­heim an Reinhold Friedrichs

Prinz Löwenstein                                                       Maria-Bühel /b.Oberndorf a.d. Salzach
Rektor                                                                        Salzburg-Land (Österreich)
Maria Bühel                                                              den 15. Jänner 1956
Bei Oberndorf (Salzburg)

Mein lieber Reinhold!
Guter, alter Block= & Beichtvater!
Diesmal fange ich „von hinten“ an, meine unerledigte Post zu bearbeiten und zu beantworten. Mit den „Stimmen von Dachau“[1], die mir der lb. Schorsch [Georg Schelling] zustellte, sind in mir die „Stimmen i n Dachau“ wieder so recht erwacht. Nicht nur die unseres Treffens, sondern auch die unseres Lagerlebens. Da stehst Du, mein Lieber, bei mir aber wohl an erster Stelle, was mir Veranlassung gibt, Dir für so manches (unvergessenes) männliches wie ermunterndes Wort von ganzem Herzen zu danken!

[1]    Bald nach der Befreiung aus dem KZ Dachau sam­melte u. a. Caritasdirektor Hans Carls die Akten über Leben und Sterben von Dachaupriestern und begann mit der Herausgabe der „Stimmen von Dachau“, einer Zeitschrift, in der er die Schicksale seiner Confratres in Dachau schilderte. Die erste Nummer erschien am 1.1.1947, die letzte von ihm redigierte Nummer am 31.12.1948. Von Hans Carls übernahm 1955 diese Aufgabe Josef Neunzig bis Juli 1965. Vom 13.9.1965 bis Frühjahr 1977 (Rundbrief Nr. 14) lag die Verantwortung bei Heinz Römer. Er gestaltete die „Stimmen von Dachau“ nicht mehr als Zeitschrift, sondern als Rundbrief: „gewissermaßen eine schriftliche Unterhaltung“. Man nannte sie dann auch Römerbriefe.

Das schönste bei unserem [KZ-Priester-]Treffen [im September 1955 in Dachau] war, für mich wenigstens, etwas, was wohl wenig beachtet wurde. Als die große Übertragungsprozession[1] sich der Stadtpfarrkirche näherte und an der Apsis, somit am Sanctissimum [Allerheiligsten], vorüberzog, stimmte einer (wohl Rohdach[2] – oder so ähnlich –) coraliter das „Credo“ an, welches gesungen wurde, bis ich durch das Kirchenportal schritt. Es war dies für mich „Symbolik“ im schönsten Sinne, die mich zutiefst ergriff. Des „Credo“ wegen sind wir doch nach Dachau gekommen (die meisten). Das „Credo“ war das Band der Brüderlichkeit. Das „Credo“ war alsdann doch wieder Kern unserer Zusammenkunft – und – die Krönung beim Kircheneinzug mit der lieben Lagermutter.

[1]    Am 11. September 1955 wurde die Madonna in die Stadtkirche St. Jakob in Dachau geholt und durch Joseph Kardinal Wendel feierlich inthronisiert.
Rundbrief von Reinhold Friedrichs vom 5. Juli 1955 an die Dachau-Priester:
Sonntag, 11.9.1955 15.00 Uhr:
Feierliche Translatio der Lager­madonna „Unsere Liebe Frau von Dachau“ vom Pfarrhof aus durch die Stadt zur Pfarrkirche [St. Ja­kob], dort Predigt und An­dacht mit Weihege­bet.
s. Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (5)

[2]    Benedikt Rodach (* 2.5.1910 in Mainz, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Jugendseelsorge und einer Neujahrspredigt am 7.6.1941 ins KZ Mauthausen und am 11.8.1941 ins KZ Dachau. Am 9.4.1945 wurde er ent­lassen.

Ich weiß nicht, ob dies andere so empfunden haben. Mir gab es viel. Wenn ich das „Credo“ bete, muß ich immer (oder doch recht oft) an Dachau und all die Confratres denken.
Nun sehe ich Dich „schmunzeln“ und leise sagen: „Francesco“. Ja, Dein „Francesco“ hat den alten Friedrichs nicht vergessen – und wird es auch nicht. Schon aus Dankbarkeit dies Andenken, ganz selbstverständlich. Es freut mich, daß Du die „Stimmen von Dachau“ übernommen hast[1]. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Folge.

[1]    sachlich falsch – s. Fußnote 1 zu den „Stimmen von Dachau“ (Bald nach der Befreiung ….)

Von meiner Wenigkeit darf ich Dir – mit Dank gegen Gott – recht gute Nachrichten geben. Gesundheitlich geht es mir recht gut, und habe ich seit zwei Jahren keine Rippenfellentzündung (meine schwache Stelle) mehr gehabt. Freilich muß ich vorsichtig sein, da man ja auch nicht gerade jünger wird. An Arbeit fehlt es mir hier gewiß nicht, da ich Solo-Rektor bin d.h. sämtliche Funktionen in Personalunion (Priester, Prediger, Beichtvater, Mesner, Ministrant, Haus=& Gartenverwalter usw.) Dabei helfe ich viel aus und habe die 10-Uhr-Messe, samt sermo [Predigt], Sonn=&Festtags in Oberndorf. Das gegenüberliegende, nahe Laufen wird von mir sehr oft heimgesucht, da der bayr. Klerus viele Freunde vereinigt. Nicht nur bei den Monatskonferenzen, sondern auch so.
Wenn ich Dir noch von dem weit Wichtigeren, d.i. das Innenleben, etwas sagen darf, so sind für mich die schönsten Stunden des Tages, die, welche ich kniend an den Stufen des Gnadenaltares unserer schönen Wallfahrtskiche, mit Betrachtung und Brevier, verbringen darf. Diese Morgenstunden möchte ich nicht missen. Gott gibt mir sichtlich die körperliche Kraft auch dazu, abgesehen von den vielen Gnaden und guten Gedanken, die einem da kommen. Wenn man so ganz nah beim Heiland ist, bin ich wenigstens weniger zerstreut, obwohl dies auch meine Misere ist, wie wohl aller armseligen Menschen, die mit der Konzentration beständig kämpfen müssen. Da kann man nur beten und Gottes Beistand erbitten: Impone Domine capiti meo galeam salutis, ad expugnandos diabolicos incursus! [Setze, o Herr, auf mein Haupt den Helm des Heiles, zur Abwehr feindlicher Angriffe.[2]] Auf deutsch sage ich mir dazu „mein“ Sprüchlein: „Was sind die Menschen, wenn ich an Gott denke!“ Die vertikalen Gedanken sind doch weit wertvoller als die horizontalen, meine ich. Aber es ist so wahr: „Das Himmelreich leidet Gewalt, … [Mt 11,12]“ Vita est guerra super terram (Job 7/1) [Militia est vita hominis super terram – Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf Erden? (Ijob 7,1)] Im Kampf fliegen viele Kugeln um einen. Die meisten treffen, Gott sei es gedankt, nicht. Es gibt aber doch Streifschüsse, und auch diese verwunden, wenn sie auch nicht zu töten vermögen.

[2]    Gebet vor der Meßfeier beim Anlegen des Humerale (Schultertuch – auch Amikt).

Der gute Wille ist wohl doch vorhanden, was mein Trost ist, doch das Werk und die Wirklichkeit, der Wandel in Gottes Gegenwart, ist recht reichlich „windig“.
Da ich nun einmal mich bemühe, ein „ehrlicher, aufrechter Kerl“ zu sein, so muß ich Dir doch noch für etwas extra danken. Ich will damit durchaus nicht schmeicheln oder gar Dich stolz machen (was nicht zu befürchten ist). Oft, wenn ich eine „schlampige, schlechte und schnelle Kniebeuge“ mache, muß ich an Dich und Dein Beispiel denken: adoro Te devote! [In Demut bet’ ich dich(, verborgene Gottheit,) an. – Beginn des Fronleichnamshymnus]. Es ist oftmals beschämend für mich! Gott aber schenkte mir dies Beispiel – in Dachau – und dieser Gnade darf ich nicht vergessen! – Nebenbei ist dies mein Particularexamen, denn es ist immer wieder nötig.
Nun wünsche ich Dir, zwar recht reichlich nachträglich, noch alles Gute und Gottes Gnadensegen für dies Jahr und die Zukunft!
Solltest Du mir mal die ganz große Freude mit einem Schreiben machen, so es Deine Zeit Dir erlaubt (die ich nicht beanspruchen möchte), so ist meine „bayrische“ Adresse (um das Auslandsporto zu ersparen) „Stiftsdekan Peter Gries[1]/Laufen Obb./z. Händen Prinz Löwenstein“, Die bayr. Post hole ich mir dorten immer ab.
Mit der Versicherung wie Bitte: o.p.i.!!! [Ore­mus pro invicem! (lat.) = Beten wir füreinan­der!]
Dein
Francesco – vulgo Frenzl

[1]    Peter Gries (* 1894 in Fahrtbichl, † 1977 in Laufen) – Stiftsdekan in Laufen ab 1939

Prinz Alban zu Löwenstein hat seine Zeit von 1943 bis 1945 unter der Überschrift „Eine unvergeßliche große Gnadenzeit“ beschrieben.

Gnadenzeit

 

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