Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (11)

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Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Franz Fertala[1] an Reinhold Friedrichs

[1]    Franz Fertala (* 18.2.1904 in Arnoldstein, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam we­gen Slovenenseelsorge in der Diözese Passau am 18.6.1943 ins KZ Da­chau und wurde auf dem Evaku­ie­rungs­marsch vom 26.4.1945 befreit.

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Altötting, 23 Januar 1946
Lieber H. Friedrichs!
Muß unseren alten Blockpapa wieder einmal aufsuchen, wenigstens per epistolam [mittels Brief].
Ich bin immer noch in Altötting und habe noch Urlaub, denn mich hat diese zweijährige Kur [im KZ Dachau] stark mitgenommen, weil ich schon vorher herzleidend war, und fühle mich noch nicht imstande, ganz einen Posten auszufüllen.
Heute möchte ich Dir nur einige kurze Mitteilungen machen über einige verstorbene Mitglieder unseres Blocks [26 im KZ Dachau], die nach der Befreiung gestorben sind. –
Vielleicht weißt du schon, daß Karl S c h r a m m e l[1] in Buchenwald [im KZ] im März 45 erschossen wurde.
Weiters starb Rudolf Z e i c h e n[2], Kaplan in St. Jakob in Rosental in Kärnten, unser 1. Tenor beim Kirchenchor des Lagers. Er ist mit seinem Motorrad verunglückt, stieß in Velden a. See in einer Kurve mit einem Auto zusammen am 30.10.45, starb im Krankenhaus in Villach am 1.11., nachdem er das Bewußtsein wiedererlangt hatte und die hl. Sterbesakramente empfangen hatte. Begräbnis war am 5.11. in seiner Heimatpfarre Petschnitzen.
Zu den Todesopfern durch Unglück gehört auch Johann Z i m m e r m a n n[3], der bei Freising von einem Auto überfahren wurde.
Auch Pastor K r e u z b e r g e r[4] wurde in München von einem Auto überfahren und war sogleich tot.
Weiters ist bald nach der Befreiung gestorben Peter S c h l i c k e r[5]. Kaum eine Woche nach seiner Entlassung starb er am 18.4.[1945] an Flecktyphus, mit dem er sich offensichtlich noch im Lager infiziert hatte.
Vielleicht sind noch mehrere gestorben, von anderen weiß ich nichts. Ein großer Gönner der Lager-Geistlichen, der Pfarrer Gastager von Hebersthausen[6] ist auch am 15.6.[1945] durch ein Auto überfahren worden und war sofort tot.[7]
Wollen wir also für diese unsere lieben Verstorbenen unser Memento machen!
Und wenn Du mal heimkommst, dann grüße bitte den H. H. Pfarrer von Spellen, H. Rinschede![8] Hab ihm schon einigemale geschrieben von hier aus, weiß aber nicht, ob er meinen Brief erhalten hat.
Mit den besten Segenswünschen und Glückwünschen zur Erhebung Eures Bischofs [Clemens August Graf von Galen[9]] zur Kardinalswürde grüßt
Fertala

[1]    Karl Schrammel (* 22.9.1907 in Friedek/Frýdek/CZ, † er­schossen ? 5.2.1945 im KZ Bu­chen­wald) – Priesterweihe 13.3.1932 – Geistlicher Di­rektor des Erz­bi­schöf­lichen Knaben­se­minars in Freudenthal (Erzbistum Olmütz/Olomouc/CZ) 1.5.1939 – Dort wurde er am 7.7.1941 ver­haf­tet, weil er das Seminar an die Wehrmacht vermietet hatte, am 16.11.1941 kam er ins KZ Da­chau und wurde wegen Schwarz­post strafweise am 4.12.1944 ins KZ Buchenwald überstellt. Er hat sich an der ersten Schönstattgruppe im KZ Dachau beteiligt.

[2]     Rudolf Zeichen (* 9.8.1913 in Raune, † 1.11.1945 in Villach nach Verkehrsunfall) – Priesterweihe am ? – Kaplan in St. Jakob im Rosental in Kärnten/A – Er kam wegen feindseliger Haltung zum Deutschen Reich am 28.5.1944 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evaku­ie­rungs­marsch vom 26.4.1945 befreit.

[3]    Johannes Zimmermann (* 15.6.1905 in Weißenkirchen, † 25.7.1945 in Einbach) – Priesterweihe am ? – Er kam we­gen Einmischung in Schulangelegenheiten im Juli 1941 ins KZ Mauthausen, am 16.8.1941 ins KZ Da­chau und wurde am 29.4.1945 befreit.

[4]    Bernhard Kreutzberger (* 25.6.1896 in Meseritz/Provinz Posen, † 25.7.1945 in München) – Ordination am ? – Pfarrer in Frankfurt/M. – Er kam we­gen staatsfeindlicher Äußerungen im Privatleben am 9.10.1942 ins KZ Da­chau und wurde am 24.4.1945 befreit.

[5]    Peter Schlicker (* 12.3.1909 in Saarbrücken, † 19.4.1945 in Schellenberg) – Priesterweihe am ? – Er kam we­gen „moralischen Drucks“ bei Kranken am 7.2.1941 ins KZ Da­chau und wurde am 28.3.1945 entlassen.

[6]    Andreas Gastager (* 6.2.1893 in Knappenfeld, † 21.6.1945) – Priesterweihe am 13.4.1919 in Freising – Pfarrer von St. Georg Hebertshausen 22.5.1936–1945

[7]    Wie immer bereit zu helfen, wollte Pfarrer Gastager versuchen, für die in Dachau auf Rückkehr in die Heimat wartenden KZ-Priester eine Fahrgelegenheit nach Österreich zu organisieren. Von den Amerikanern erhielt er einen Sonderausweis für den Grenzübertritt, und so setzte er sich aufs Fahrrad und machte sich auf den 150 km langen Weg nach Salzburg, doch er schaffte nur die halbe Strecke. Am 21. Juni 1945, etwa zwischen Wasserburg und dem Ortsteil Gabersee, überrollte ihn ein amerikanisches Fahrzeug und verletzte ihn schwer am Kopf. Der Unfallverursacher brachte den Sterbenden noch ins Wasserburger Krankenhaus, wo aber keine Hilfe mehr möglich war. Pfarrer Gastager wurde im Priestergrab des Friedhofes St. Ulrich in Neukirchen am Teisenberg, seiner Heimatgemeinde, beigesetzt. Erst zwei Wochen danach konnten Josef Hofmann und seine Angehörigen über den Todesfall verständigt werden, weil Telefon-, Post- und Bahnverkehr noch nicht wieder voll betriebsbereit waren. (Auskünfte, vermittelt durch Eleonore Philipp, von Pfarrer Josef Hofmann, Hart b. Chieming und vom Pfarramt Neukirchen am Teisenberg am 8.3.2013, laut Eintrag im Sterbebuch)

[8]    Heinrich Rinschede (* 21.4.1881 in Werne, † 2.10.1950) – Priesterweihe am 13.6.1908 in Münster – 1933 Pfarrer in Spellen

[9]    Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dinklage i. O., † 22.3.1946 in Münster) – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933. – Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.

Foto und Brief IKLK-Archiv