Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (12)

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Reinhold Friedrichs‘ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Dr. Kurt Willig[1] an Reinhold Friedrichs

[1]     Dr. Kurt Willig (* 22.4.1899 in Karlsruhe, † 3.4.1961) – Priesterweihe 2.2.1930 – Er wurde als Pfarrer von St. Konrad in Berlin-Schöneberg wegen Verbreitung eines Hirtenbriefes des Bischofs von Münster Clemens August Graf von Galen am 6.2.1942 verhaftet, kam am 22.5.1942 ins KZ Dachau und wurde am 11.4.1945 entlassen.

Willig

 

Dr. Kurt Willig                                                           Berlin-Friedenau, den 4. Februar 1946
Pfarrer                                                                      Menzelstr. 18
Fernruf: 83 27 39

Seiner Hochwürden
Herrn Domkapitular Reinhold F r i e d r i c h s
M ü n s t e r / Westfalen

Mein lieber R e i n h o l d !
Durch Wilhelm Weber[1] erfahre ich von Deiner Ernennung zum Domkapitular. Ich beeile mich, Dir dazu meine herzlichsten Glück- und Segenswünsche auszusprechen. Wenn ich an unsere Dachauer Zeit zurückdenke, so stehst Du immer vor mir als das Vorbild eines aufopferungsvollen Priesters. Du hast uns die ganzen Jahre durch Wort und Tat richtig geholfen, vor allem in den letzten Monaten, wo Du das schwere Amt eines Blockältesten getragen hast, wo Du durch Dein ruhiges und abgeklärtes Wesen vieles zur Überbrückung der nationalen und sonstigen Gegensätze tun konntest. Wir alle Dachauer Priester und sicher auch die ausländischen, werden Dich stets in guter Erinnerung behalten. Ich bitte Dich, alle Dachauer Münsteraner zu grüßen, wenn Du mit ihnen zusammen kommst. Auch einen Gruß an Sr. Eminenz [Kardinal von Galen[2]] von mir, der in der unmittelbaren Nachbarschaft seiner früheren Pfarrei [St. Matthias in Berlin[3]] wirkt und der wegen der Verbreitung der markanten Predigten Sr. Eminenz das Glück gehabt hat, drei Jahre in Dachau zu verbringen. Ebenso bitte ich um einen Gruß an meinen früheren Dechanten Coppenrath[4].
Dass Karl Leisner so schnell gestorben ist, ging mir sehr nahe. Sein Bruder [Willi Leisner[5]] hat mir vor einiger Zeit das Totenbildchen[6] geschickt. Die Erinnerung an seine Priesterweihe in Dachau bleibt uns unvergeßlich. In den 12 Vorträgen, die ich bisher über Dachau gehalten habe, bildet der Bericht über die Priesterweihe vor Weihnachten das am Liebsten gehörte.
Ich selbst bin nach meiner Entlassung [aus dem KZ Dachau am 11.4.1945] nur bis Regensburg gekommen, da die Zugverbindung nach Berlin schon abgebrochen war. Ich fand für ein Vierteljahr im Priesterseminar zu Regens­burg eine sehr liebevolle Aufnahme und konnte mich dort etwas erholen. Ende Juli trat ich dann die gewagte Reise nach Berlin an. Unter großen Schwierigkeiten landete ich dann am Sonntagmorgen des 29. Juli in meiner Gemeinde, wo ich gleich das hl. Meßopfer feierte und in allen übrigen Gottesdiensten meine Gemeinde begrüßte. Das war ein rechter Freudentag für uns alle. Jetzt stecke ich schon wieder so in der Arbeit – ich habe keine Hilfe, da noch viele Berliner Kapläne nicht aus der Gefangenschaft zurück sind – und oft ist mir so, als ob ich nie weg war von hier. Meine Kapelle ist doch abgebrannt und nun habe ich in meiner Pfarrwohnung eine Notkapelle. Sonntags in vier Gottesdiensten etwa 350 Leute hier, d.h. an Weihnachten hatten wir in der Christmette allein 350 Leute, das geht aber auch nur einmal. Ich bemühe mich sehr um einen Bauplatz, dass ich wenigstens eine Kirchenbaracke errichten kann, um der Raumnot etwas abzuhelfen.
Das religiöse Leben in Berlin ist allgemein im Aufbau begriffen. Hin und wieder finden auch schon zentrale religiöse Veranstaltungen größeren Formats statt. So habe ich gestern im Priesterhilfswerk gesprochen und am Donnerstag werde ich meine katechetische Arbeitsgemeinschaft für Groß-Berlin mit den Lehrern und Lehrerinnen wieder beginnen, den sogenannten Katechetenverein, den ich schon vor meiner Verhaftung leitete. Allmählich sind die Verkehrsschwierigkeiten auch wieder ganz behoben, sodass man weitere Entfernungen schneller erreichen kann. Die Ernährungsfrage ist für Berlin nach wie vor schwierig, vor allem wohl wegen der vielen Menschen und der schwer zu lösenden Transportfrage; aber manches ist auch da besser geworden und wir bekommen das, was uns auf den Karten zusteht, wenigstens laufend und können uns entsprechend einteilen.
Recht sehr freuen würde ich mich, einmal Ausführliches von Dir zu hören.
Mit herzlichen Wünschen für Deine neuen Aufgaben und vielen frohen Grüssen bin ich Dein
Kurt Willig

[1]    Wilhelm Weber (* 3.6.1889 in Langenhorst, † 3.2.1963 in Bockum-Hövel) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1909 – Priester­weihe 14.8.1913 in Münster – Er kam wegen Nichtgestattung des Begräbnisses eines Dissidenten auf einem kirchlichen Fried­hof am 19.2.1944 ins KZ Dachau und wurde am 11.4.1945 entlassen.

[2]    Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dinklage i. O., † 22.3.1946 in Münster) – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933. Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.

[3]    St. Matthias in Berlin
Errichtung einer ersten Kirche auf der Potsdamer Str. nach dem Namen des Stifters Ministerialdirektor Matthias Aulike (1807–1865) 1867–1868 – Grundsteinlegung einer neuen Kirche auf dem Winter­feldt­platz 23.10.1893 – Weihe 24.10.1895 – Seit 1868 kommen die Pfarrer und Kapläne aus dem Bistum Münster. Clemens August Graf von Galen war von 1906–1929 dort tätig.

[4]    Prälat Albert Coppenrath (* 19.2.1883 in Oelde, † 27.11.1960) – Priesterweihe am 13.6.1908 in Münster – Er trat 1929 in das Bistum Berlin über und wurde am 19.3.1929 Pfarrer in Berlin St. Mathias.

[5]  Wilhelm (Willi) Josef Maria Antonius Leisner (* 9.5.1916 in Goch, † 24.8.2010 in Berlin) – Am 22.4.1934 übernahm er von seinem Bruder Karl das Amt des Bezirksjung­scharführers. Er bekam am 25.1.1940 die Dienstverpflichtung in der Rüstungs­­indu­strie bei Tele­funken in Berlin. Im Seligsprechungsprozeß 1981 und Martyrerpro­zeß 1990 für Karl Leisner hat er als Zeuge ausgesagt.

[6]    Totenbildchen

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