Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (16)

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Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Rudi Dreier[1] an Reinhold Friedrichs

[1]    Zu Rudi Dreier wurden keine näheren Angaben gefunden.

Dreier

 

Dachau, den 15.4.1946.
Friedensstr. 71
Lieber Reinhold!
Vor etwa 5 Tagen erhielt ich Deine lieben Zeilen, die mir recht viel Freude gemacht haben. Leider habe ich schon erfahren müssen, daß unser Kardinal[1] das Zeitliche gesegnet hat. Gerade in der vorigen Woche habe ich ihn in der Wochenschau in seiner Kardinalswürde umgeben von vielen englischen Offizieren zelebrieren sehen. Denke ich doch mit einem gewissen Wohlwollen an ihn, da ich doch durch ihn in der Lamberti-Kirche [in Münster[2]], als wir noch auf der Brüderstraße wohnten, die erste hlg. Kommunion empfangen habe.
Es muß doch geradezu verheerend in Münster aussehen. Du fragst an, wer eigentlich der Schuldige im Dachauer-Prozeß[3] ist. Ich glaube, es wird Gelegenheit geben, daß ich persönlich mit Dir darüber spreche. Ist in Euren Zeitungen nicht jeden Tag über den Prozeß ausführlich berichtet worden? Sonst würde ich Dir gerne auch damit dienen, Dir diese Ausschnitte mal zuzuschicken. Dr. Hussareck, früher Schreiber von Block 20 jetzt noch wohnhaft in Dachau, hat diesen Prozeß praktisch alleine aufgerollt und sämtliche Erhebungen dazu angestellt. Zeugen zu diesem Prozeß waren etwa 70. Unter anderem auch ein Kaplan Rohrpieper[4], sowie ein älterer Kaplan, der Name ist mir allerdings entfallen, der so Vielen aber auf den deutschen Blöcken das Brot verteilte. Er ist aus Graz.
Wie geht es Dir sonst? Ich darf Dich wohl beglückwünschen zu Deiner Ernennung zum Domkapitular, was mich recht herzlich gefreut hat. Denn wohl Keiner ist da, der sich im Lager solch einer Beliebtheit erfreut hat und so charakterfest wie Du war. Meine Gedanken schweifen zurück in die Passionswoche 1943, wo wir Beide auf dem Typhusblock lagen. Wie groß war die Freude für mich, mir einen richtigen schwarzen Tee brauen zu können. Wo wir die wenigen Sonnenstunden ausnutzten und Du mir den Trost gabst, den nächsten Namenstag können wir Daheim feiern. Und doch war diese Leidenszeit noch nicht vorüber. Ja lb. Reinhold es ist gut so, sich an diese Zeit wieder zurückzuerinnern und zu wissen, wie allzu irdisch dieses Leben ist, wenn man sonst keine höheren Werte hat.
Hast Du in meiner Sache schon etwas erreicht? Ich brenne darauf mal etwas Näheres zu hören. Denn so ist es auch nichts, es fehlt etwas. Es ist eben so, Familienbande kann man nicht sprengen.
Recht vielen Dank für Deine Bemühung und sei herzlich gegrüßt von
Deinem Kamerad
Rudi Dreier.

[1]    Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dinklage i. O., † 22.3.1946 in Münster) – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933. Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.

[2]    kleine Kirche der Kaufleute um 1000 – Grundsteinlegung der heutigen Stadt- und Marktkirche 1375 – Errichtung 1375–1450 – erste urkund­liche Erwähnung eines Türmers 1481 – Zurschaustellung der Leichen der drei Wiedertäufer in Münster in bis heute sichtbaren Körben am Turm 22.1.1536 – Errichtung des heutigen Turmes 1888/1889 – sog. Brandpredigt des Bischofs Clemens August Graf von Galen 13.8.1941 – Zerstörung im Zweiten Weltkrieg – Wiederaufbau bis 1959

[3]    Die Amerikaner führten in Dachau Prozesse gegen Mann­schaf­ten der KZ Dachau, Mauthausen, Flossenbürg, Buchen­wald, Mühl­dorf und Nordhausen durch. Der erste Prozeß richtete sich gegen die Leitung des KZ Dachau und dauerte vom 5.11. bis zum 13.12.1945. Die Liste der Angeklagten reichte vom zeitweiligen Lager­kommandanten Martin Gottfried Weiß bis zu drei Funkti­ons­häftlingen. Von 40 Angeklagten wurden 36 zum Tode verurteilt, 28 von ihnen am 28. und 29.5.1946 im Landsberger Kriegsverbre­chergefängnis gehängt.

[4]    Heinrich Rupieper (* 23.5.1899 in Wanne-Eikel, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Beteiligung beim Mord an einem Arbeitsdienstler am 19.6.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

Foto und Brief IKLK-Archiv