Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (21)

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Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Erster Brief von Bruder Raphael Tijhuis OCarm[1] an Reinhold Friedrichs

[1]    Tijhuis_Foto    Bruder Raphael (Rafael, Bernardus Antonius) Tijhuis OCarm (* 10.10.1913 in Rijssen/NL, † 5.6.1981 in Mainz, beigesetzt in Zenderen/NL) – Eintritt bei den Karmeliten 1932 in Boxmeer/NL – Profeß 30.8.1933 – ab 1933 wohnhaft in Mainz – Er kam am 25.7.1940 ins Gefängnis, am 13.3.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 befreit. Er gestaltete zu Karl Leisners Priester­weihe die Weihe­ur­kunde, ein Primizbild und eine Glückwunschkarte. Ab 1947 lebte er in Rom, ab 1956 in ’s-Hertogenbosch/NL und ab 1980 in Mainz. Im Selig­sprechungs­prozeß für Karl Leisner hat er 1977 als Zeuge ausgesagt.

Tijhuisa

 

Maria
PATRES CARMELETEN                                        NIJMEGEN, 29 September 1964
Javastraat 104
Grüss Gott, mein lb. Reinhold!
Am Festtage des hl. Michael, der Dich sooft aus die meist gefährliche Situationen errettet hat, möchte ich Dir einige Zeilen herunterschmettern!
Nun, wie geht es Dir denn noch? Hoffentlich sind keine wirkliche Schaden bei Dir zurückgeblieben, von all den Jahren welche Du im „Sanatorium“ [KZ Dachau] weilen musstest.
Aber wollen wir nur den lb. Herrgott danken das er uns von diese Leiden erlöst und glücklich heim geführt hat.
Gottlob kann auch ich nur froh sein das alles so gut ausgegangen ist. Wie die Tage der Befreiung [am 29. April 1945ff.] gewesen sind brauche ich wohl kaum noch zu erwähnen, denn darüber wirst Du bereits so manches erfahren haben.
Das es Tage voll Erregung und Nervösität gewesen, wirst Du wohl glauben. Wie dann letzten Endes wir Holländer Abmarschbereit waren, unsere Heimat wieder zu sehen, war ich ein der Glücklichen mit der erste Wagen heimzufahren. Am 24. Mai ’45 traf ich ziemlich unverhofft bei meine lb. Eltern ein, einige Tage vor Vaters Geburtstag. Die Freude des Wiedersehens wirst Du Dich wohl schon schildern können, zumal [die Eltern] schon meine Todesnachricht erhalten hatten. Gottlob fand ich sie allen bei guter Gesundheit zurück obwohl meine lb. Eltern sehr geältert waren, den vielen Sorgen wegen. Nun dürfte ich erst eine längere Erholungszeit nehmen, denn nach 6 Wochen trat die Reaktion ein, auch die Malaria machte sich häufig, sogar jetzt noch, merkbar. Aber nachdem ich bis November Ruhe genommen, konnte ich es nicht länger aushalten, ich musste im gewöhnlichen Alltag zurück nach welche ich 5 lange Jahren sehnsuchtsvoll ausgesehen hatte.
Von Nov. bis Mai ’46 verblieb ich zuerst in unser Kloster zu Aalsmeer in der Nähe von Amsterdam, bis ich in Mai d. J. nach hier am Provinzialat abberufen wurde. Nun weis ich kaum der lb. Herrgott gebührend zu danken nun wieder im Kreise meiner Mitbrüder aufgenommen bin und meine Arbeit leisten kann. Der Zeit wird schon weiter die Wunden heilen welche eine solchen Aufenthalt im Lager einer zufügte.
Von unsere überige Landsleute erkrankten mehrere nach ihrer Heimkehr ernstlich, Rooyackers[1], v.d. Düngen[2], Schaarsch[3] und Vase[4] liegen bis jetzt noch. Vom seelischen Absterbens Deines Vetters Jacob Schaafs (aus Losser) wird Du wohl schon Kenntnis genommen haben, er verschied am 26. Juli d. J. R.I.P. [requiescat in pace (lat.) – Ruhe in Frieden].
Wenn Du Dich noch entsinnen könnst, den Bernard Koolmann[5], damals [im KZ Dachau] noch Seminarist, wurde am Peter und Paul [29.6.1946] zum Priester geweiht und feierte am 14. Juli seinen Primiz in seine Heimatpfarrei.[6] Mit 9 ex-Dachauer waren wir Zeugen seines Glückes. Die Uebrigen Confratres sind allen wieder in ihre alte Tätigkeit zurückgekehrt, und machen es allen ausgezeichnet.
Wie ich hörte soll Karl Leisner auch gestorben sein? Weis Du vielleicht etwas mehr darum? Wenn es stimmt wurdest Du mich vielleicht nicht ein Bildchen zum Andenken an ihm mir besorgen können? Ist er noch Heim gekommen?[7] Mit Freude denke ich noch an diesen unvergesslich schönen Tag seiner Weihe [am 17.12.1944] zurück, sein Primzbildchen, was ich damals malte, halte ich in Ehren, aus Pietät.[8]
Wenn es nicht zuviel gefragt ist wollst Du mir noch einige Adressen notieren? Maashänser[9], Helmus[10], Carls[11], Kentenich[12], Buchkrämer[13].
Ob Du Dich unser verstorbenen Confrater Titus Brandsma[14] noch entsinnen kannst? Er starb schon Juli 42, aber von unserm Orden aus wird viel nach ihm geforscht, man ist tätig eine Lebensbeschreibung von ihm herauszugeben, zu welchem Zweck möglichst viel Gegebens gesucht werden.
Möchtest Du Dich noch dies oder jenes von ihm in Erinnerung haben, so wurde ich dies gerne vernehmen.
Nun aber, lb. Reinhold nehme ich die grosse Freiheit Dir zu bitten wenn es möglich ist um ein Bild von D i r, ich möchte es gerne aufnehmen zwischen unsere übrige ex-Dachau-Confratres in mein „Liber Amicorum Dachoviensis [– Buch der Dachaufreunde]“. Ich glaube schon das Du mir dieses Bitte nicht übel deuten und folgedessen gütigst gewähren wirdst!
Im Voraus danke ich schon vielmals!!!
Damit Du nicht zuviel auf einmal zu verdauen hast an diese Epistel, werde ich jetzt Schluss machen, in der Hoffnung das Du nicht Anstoss nimmst an mein fehlerhaftes Deuts, aber bevor ich schliesse versichere ich Dir Reinhold das ich Dir regelmässig in meine Gebete und hl. Komm. eingedenk sein werde (so wie ich es heute an Dein Michaelfesttag getan habe) aber möchte sogleich meiner bei Dir herzlichst empfehlen. Ora pro invicem [Oremus pro invicem (lat.) – Beten wir füreinander]!
Sei nun ferner herzlich von mir gegrüsst, und wenn es möglich wäre (Deine viele Arbeit wegen) dürfte ich mal wieder was von Dir hören.
Nicht zuletzt aber danke ich Dir vielmals mit ein aufrichtiges „Vergellt’s Gott“ für alles was Du je für mich getan hast in deiner Güte während die so schwere Zeit. Die Karotten bin ich noch nicht vergessen, sie bleiben mir in steter Erinnerung und verpflichten mich sehr Dir gegenüber.[15]
Abermals sei herzlich gegrüßt
ihr
Br. Raphaél Tijhuis OCarm
(Br. Raphaél Tijhuis O.C.)

[1]    Lambert Rooyackers (* 14.4.1905 in Veghel/NL, † ?) – Priesterweihe 14.6.1930 – Er kam wegen eines Artikels im Kirchenblatt über P. Friedrich Muckermann SJ am 16.12.1940 ins KZ Sachsenhausen, am 14.10.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 befreit.

[2]    Louis van den Dungen (* 29.3.1904 in Meersen/NL, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Spionage und Sabotage am 26.10.1943 ins KZ Natzweiler-Struthof/F, am 22.9.1944 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[3]    Antoon Schaars (* 5.6.1887 in Deventer/NL, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Unterstützung eines französischen Kriegsgefangenen am 2.4.1943 ins KZ Dachau, am 2.5.1943 ins KZ Natzweiler-Struthof/F, am 4.9.1944 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[4]    Henryk Vasen (* 28.2.1905 in Bleerick/NL, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Verweigerung der Sakramentenspendung am 7.8.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[5]    Bernard Koolmann (* 29.10.1916 in Rijssen/NL, † ?) – Priesterweihe 29.6.1946 – Er kam wegen Verdachtes auf Feindbegünstigung am 21.6.1944 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[6]    Am 29. Juli 1945 war zum Beispiel die Priesterweihe der polnischen Seminaristen aus dem KZ Dachau in der polnischen Kir­che St. Mariä Himmel­fahrt in Paris durch Bischof Karol Radonski von Włocławek, der aus Polen vertrieben war und aus London anreiste. Vor der Weihe hatten die Kandidaten ihre Exerzitien im französi­schen Diakonenseminar in der Rue de Regard in Paris gemacht. Fehlende Nie­dere Weihen und Subdiakonen- und Diako­nenweihe hatte man kurz­fristig vorher erteilt. – Ähnlich wird es bei den Seminaristen aus anderen Ländern gewesen sein.

[7]    Karl Leisner starb am 12. August 1945 im Waldsanatorium Planegg.

[8]    Primizbild

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Die Rechte des Herrn wirket große Wunder, die Rechte Gottes hat mich hoch erhoben. Ich sterbe nicht, ich lebe und künde laut die Werke Got­tes.

 

 

[9]    Gerhard Maashänser (* 23.5.1907 in Lü­nen, † 29.11.1957) – Priesterweihe 24.3.1928 in Paderborn – Er kam im September 1937 ins KZ Buchenwald, wurde am 20.4.1939 entlas­sen, kam am 12.6.1942 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.

[10]   Josef Helmus (* 19.4.1886 in Wetten, † 11.11.1966) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1907 – Priesterweihe 10.11.1911 in Mün­ster – Er kam wegen Sabotage des Arbeitsprozesses am 18.12.1942 ins KZ Dachau und wurde am 5.4.1945 entlassen. Er feierte sein Goldenes Priesterjubiläum am 11.6.1961 in Gladbeck-Rentfort. Höhepunkt die­ses Festtages war das Jubelhochamt, in dem der große Kirchenchor von St. Josef die „Dachauer Messe“ von P. Gregor Schwake OSB in neuer Bearbeitung für Chor und Orche­ster zum Vortrag brachte.

[11]   Caritasdirektor Hans Carls (* 17.12.1886 in Metz/Moselle/F, † 3.2.1952 in München) – Priester­weihe 24.6.1915 in Köln – Caritasdirektor in Wup­pertal 1924 – Er kam wegen staatsge­fährli­cher Predigten am 13.3.1942 ins KZ Dachau und dort später wegen Beförde­rung von Schwarz­post in den Bunker. Am 29.4.1945 wurde er aus dem KZ befreit. 1947 gab er als erster die „Stimmen von Dachau“ heraus.

[12]   Pater Joseph Kentenich SAC (* 16.11.1885 in Gymnich bei Köln, † 15.9.1968 in Vallen­dar-Schönstatt) – Eintritt ins Noviziat der Pallottiner 1904 – Priesterweihe 8.7.1910 in Lim­burg – Spiritual im Studienheim der Pallottiner in Schönstatt 1912–1919 – Er gründete die Schönstatt-Bewegung, kam am 13.3.1942 ins KZ Dachau und wurde am 6.4.1945 ent­las­sen. 1965 trat er aus der Gemein­schaft der Pallottiner aus und wurde im Bistum Münster inkardiniert.

[13]   Weihbischof Joseph Buchkremer (* 4.10.1899 in Aachen, † 24.8.1986) – Priesterweihe 10.8.1923 in Köln – Er kam wegen Jugendseelsorge am 27.3.1942 ins KZ Dachau und wurde am 4.4.1945 ent­lassen. – Bischofsweihe zum Weihbischof für das Bistum Aachen 21.12.1961

[14]   Prof. Pater Dr. theol. Titus (Anno Sjoerd) Brandsma OCarm (* 23.2.1881 in Oegeklooster bei Bolsward/NL, † 26.7.1942 im KZ Dachau) – Eintritt in den Karmel 1898 – Ewige Profeß 1902 – Priesterweihe 17.6.1905 in ’s-Hertogen­bosch/NL – Univer­sitätsprofessor in Nijme­gen/NL 1923 – Haft im Gefängnis in Kleve 16.5. –13.6.1942 – Einlieferung ins KZ Dachau 19.6.1942 – Seligsprechung 3.11.1985 – Gedenktag 27.7.

[15]   Von 1938–1945 befand sich im KZ Dachau in der vordersten Baracke der linken Baracken­reihe (West­seite) die Kantine, wo die Häftlinge Lebensmittel, soweit vorhanden, erwerben konnten. In manchen KZ gab es für den Einkauf eigenes Lagergeld. Diese Baracke hatte keine Num­mer. Die da­hinterliegende Baracke (Funktionsbaracke für Schulungen etc.) trug die Num­mer 2. Häftlinge hatten Aufgaben als Kantiner. Johannes Sonnenschein war eine Zeit lang Hilfskantiner.
P. Gregor Schwake OSB:
Es gab eine Kantinen-Konto-Karte. […] Im bargeldlosen Verkehr be­zog man von der Kantine Schreib- und Briefpapier. […] Auf jedem Block war ein Häftling als Kantiner tätig, der die Einkäufe, die Ein­tragungen, die Austeilungen, die Abrechnungen besorgte.
Es könnte sein, daß Reinhold Friedrichs ihm aus der Kantine Karotten besorgt hat.

 

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Zweiter Brief von Bruder Raphael Tijhuis OCarm an Reinhold Friedrichs

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Maria.                                                                                   Roma 15 Dec. ’47 – –
Grüss Gott mein lb. Reinhold.
Allmählich wird es einmal Zeit das ich Dir ein Zeichen von Leben schicke. Vor einige Zeit erhielt ich dankbar Deine schöne Kunstkarte.
Vergessen bin ich Dir nicht, trotz mein langes Schweigen, aber ohne mich damit entschuldigen zu wollen darf ich wohl sagen, dass die viele Arbeit Ursache davon war.
Wie geht es Dir augenblicklich? Hoffentlich kannst Du zufrieden sein wenn auch so manches wahrscheinlich etwas besser sein dürfte, hauptsächlich in Bezug auf die Ernährungslage.
Meine Wenigkeit geht es stets noch ausgezeichnet, wie kann es auch anders?
Ob der [italienische] Makaroni schult daran ist, denn laut Aussagen von Br. Andreas [OCarm] Mainz, hatte ich seit jeher einen „Schwach“ für diese Strähnen! Und diese Schwach ist mir bis nach Rom nachgegangen! Mit Freuden drehe ich sie Ellenlang um die Gabel herum, und das wird vielleicht Grund und Ursache sein das ich den Doppelzentner [Körpergewicht] mit Schaudern entgegen renne!
Aber meine Güte, was ein Materiealist bist Du geworden, höre ich Dich schon flüstern. Entschuldige ob meine feiste Reden! Ich werde nie wieder von: „Kohldampf“ sprechen !!!
Am heutigen Morgen, während die hl. Messe erinnerte ich mir wie vor 3 Jahren Karl Leisner zum Priester geweiht würde. Zu ihm habe ich gebetet, er möge mir und alle „Ehemaligen“ die Gnade der Beharrlichkeit erflehen. Es waren damals eine schöne Feier, trotz ihre Schlichtheit und den bizarren Umständen in dem es vor sich ging. Jetzt ist er uns allen weit vor, und singt sein Gaudete wie keiner unser.
Ganz unverhofft erhielt ich neulich einen sehr lieben Brief vom Mgr. Gabriel Piquet, der franz. Bischof. Er nannte es einer seiner schönsten Lebenstage, wie er unser guten Karl die Hände auferlegt hatte.[1]
Er habe ferner auch seine Memoires geschrieben, welche er mir in Bälde zusenden wollte.

piguet

 

Piguet, Gabriel
Mgr Gabriel Piguet. évêque de Clermont. Prison et déporta­tion. Témoignage d’un Évêque fran­çais [Bischof Gabriel Piguet. Bi­schof von Cler­mont. Ge­fan­genschaft und Deportation. Zeugnis eines fran­zö­si­schen Bi­schofs], Paris 1947, 22009

 

 

 

Schelling[2] hat angefragt, ob ich vielleicht einige Nachrichten ermitteln konnte über unsere jugoslawische Konfratres. Von ihnen wäre nie ein Lebenszeichen vernommen worden. Ich werde mich bemühen am Vatikan Näheres aus zu kundschaften.
Das unserer guten Wilhelm Breithecker[3] Dekan geworden ist, wird Dir wohl schon bekannt sein. Wenn Du seine Kirche siehst muss man sagen das in ein solches „Dömchen“ wohl ein kleines Bischöfchen regieren muss!
Der holl. ev. Pfarrer Fr. Guillaume[4] zeigte grosses Interesse für die geplante Romfahrt. Ob und wann sie steigen wird?[5] Hast Du darüber noch näheres gehört?
Von dem anderen Holländer höre ich sonst nie etwas. Deine Seufzer, dass sie sich in tiefstes Stillschweigen hüllen, bewahheit sich völlig.
Nun mein lb. Reinhold, habe ich Dir so ungefähr erzählt was ich von unsere Kameraden während der letzten Zeit vernommen habe.
Zum Schluss möchte ich Dir zum bevorstehenden Weihnachtsfest die herzlichsten Gnadenwünsche ermitteln. Möge das liebe Christkind Dir und all die Deinigen seinen reichsten Segen schenken. Einen wahren Frieden, dem inneren, den die Welt nicht geben kann [vgl. Joh 14,27] werde Eurer Teil. Gleichfalls die besten Wünsche für das kommende Jahr 1948. An der Krippe werde ich Dich nicht vergessen, und bitte gegenseitig um ein inbrünstiges Memento.
Dunque, tante bella cose, é tante saluti,
il devottissimo e fedeltà.
Also, alles Gute und viele herzl. Grüsse
in Ergebenheit und Treue
Dein
Br. Raphaël O.C.

[1]    Bei der Weihehandlung legte der Bi­schof, ohne etwas zu sagen, während tiefes Schweigen in der Kapelle herrschte, dem Kandidaten beide Hände auf das Haupt. In der Regel tun das auch alle anwesenden Priester, was aber in der Lagerkapelle im KZ Dachau nicht möglich war.

[2]    Georg Schelling (* als Sohn eines Bergbauern 26.9.1906 in Buch bei Bregenz/A, † 8.12.1981 in Nenzing/A) – Priesterweihe 29.6.1930 in Innsbruck/A – 1934 wurde er mit der Re­dak­tion des Vorarlberger Volksblattes betraut und auf Grund dessen am 21.3.1938 ver­haf­tet. Er kam am 31.5.1938 ins KZ Dachau in die Strafkompa­nie, am 27.9.1939 ins KZ Buchenwald eben­falls in die Strafkompanie und am 8.12.1940 erneut ins KZ Dachau. Dort wurde er am 16.(17.)3.1943 dritter Lagerka­plan als Nach­fol­ger von Franz Ohnmacht und ab 1.10.1944 Lagerdekan, außerdem war er Blockschrei­ber. Am 10.4.1945 wurde er aus dem KZ Dachau entlas­sen. Zum bevorstehenden Selig­sprechungs­prozeß für Karl Leisner hat er als Zeuge am 4.4.1979 schriftlich Fragen beantwortet.

[3]    Wilhelm (Willi) Breithecker (* 31.1.1897 in Ellar, † 4.7.1982 ebd.) – Priesterweihe 23.12.1922 in Limburg – Er kam wegen Verbindung zu Neudeutschland am 14.12.1940 ins KZ Dachau und wurde am 28.3.1945 entlas­sen.

[4]    François Guillaume (* 26.7.1905 in Amsterdam/NL, † 17.10.1972 Brabdford/Ontario/Kanada) – Ordination 1928 – Er kam wegen deutschfeindlicher Predigten am 27.6.1942 ins KZ Amersfoort/NL, am 24.8.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[5]    Die Fahrt fand 1965 statt.

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Dritter Brief von Bruder Raphael Tijhuis OCarm an Reinhold Friedrichs

Tijhuisc

 

Maria                                                                                                Roma, li 13 Dez. 1951
Grüß Gott mein lb. Reinhold.
Zu dem bevorstehenden Christfest und Neujahr, möchte ich Dir meine besten Wünsche übermitteln. Möge das lb. Christkindl Dir Seinen unentbehrlichen Segen schenken in reicher Maßen und einen innerlichen Frieden, einen Frieden, den der Welt nicht geben kann [vgl. Joh 14,27]. In dieser Meinung werde ich Dir ganz besonders bei der Krippe gedenken. In so langer Zeit habe ich schon nichts mehr von Dir gehört, das ich mir schon Vorwürfe gemacht habe ob ich Dir vielleicht in irgend welcher Hinsicht gestört haben soll. Ich weiss zwar das Du andere Sachen zu tun hast als nur einen unnützen Raphael zu schreiben, aber ich freue mich doch immer so wenn ich von Dir ein Briefchen erhalte. Man hat ab und zu mal ein gutes Wort von Nöte, und wenn es dann noch obendrein noch vom „Blockvater“ kommt, zehre ich noch länger darauf. Das ist Wahrheit! Und wie geht es Dir sonst. Hoffentlich alles gut. Warst dieses Jahr in Lourdes? Wie gerne wurde ich auch dort hingekommen sein, aber … stets das ewige „aber!“ Habe zwar dieses Jahr meine Heimat nicht besuchen können, (und somit ebensowenig nach Münster) aber dafür war ich 8 Tage in Neapel und Vico Equense, wo wir Klöster haben, und erlebten dort großartige Feiern anläßlich das siebente Jahrh.feier des H. Skapuliers.[1] Alles in echt neapolitanischer Aufmachung ganz groß! Nachher wurde ich mit rund 25 Kleriker nach Oberitalien geschickt, um dort im Erholungsheim den Küchenmeister für die jungen Leuten zu machen. Hat „tadellos“ geklappt! Schöne Umgebung und herrliche Spaziergänge. War einmal in Padua, und besuchte dort der Giovanni Fortin[2] (er kommt auch wiederholt hier am Kolleg um mich zu begrüßen) und später machte die ganze Gesellschaft einen herrlichen Tagesausflug in den Dolomieten. (Unser Haus liegt nämlich an den Füßen dieses Hochgebirge) Sehr schön.
Aber es kann nicht immer der Sonne scheinen, nach all diese herrliche Begebenheiten kehrte ich über Mailand zurück, begegnete zufälligerweise dem Capuzinerpater Gianantonio[3] und Don Liggeri[4] (beide von Stube 2 [im KZ Dachau]) und bald nach meine Rückkehr in Rom suchte mir das alte Übel heim, was jedes Jahr zurückkommt. Anfangs meinte man das es Hexenschuß sei, aber radiologische Fotos erwiesen das es eine Entzündung am b.z.w. neben der Wirbelsäule. So habe die Oktobermonat das Bett hüten müßen. Gottlob habe ich elekt. Bestrahlungen bekommen welche mich sehr gut genützt. Nun versehe ich wieder wie vorhin meinen Dienst an der Pforte und fühle mich ganz wohlauf, und kann nur der Herrgott danken, dass Er mich kleine Junge hier im ewigen Rom verwendet.
Ich weiss nicht ob ich es Dir schon geschrieben habe. Diesen Sommer hatte ich eine Spezial-Audienz beim H. Vater [Pius XII.[5]], mit 3 andere unsere Patres aus Holland. Als der Papst mich anredete und fragte wo ich her sei oder besser gesagt, ob ich Holländer oder Deutscher wäre, da fragte er mich wo ich während des Krieges war.
Als ich antwortete: „In Dachau H. Vater“ da nahm er mich beim Arm und führte mich einige Meter abseits und fragte nach allen möglichen Sachen. Da sagte Er „Sie würden Uns eine große Freude machen wenn Sie Uns einen Brief schreiben wollen mit einigen persönlichen Eindrücken vom Lager“. Als ich heimkam wußte ich mich kein Rat, den Papst einen Brief schreiben, sowas ist nicht meine alltägliche Beschäftigung, wurde aber von meinen Beichtvater geraten es zu tun. Habe es also in knappen Zeilen aufgesetzt und abgegeben. Nach eine Woche erhielt ich ein sehr liebenswürdig Schreiben zurück mit beiliegend eine Medaglie als Zeichen väterliche Anerkennung und Apost. Segen. Jetzt liegt sie in meine Schublade, nicht als Zeichen Undankbarkeit oder Mißwürdigung, aber ich meine wenn ich nicht einmal über das Mittelmaß im Alltagsleben hinausrage, wie soll ich mir denn trauen einen Medaglie zu tragen, wenn auch eine Päpstliche!? Was meinst du dazu?
Und nun zum Schluß abermals die liebsten Weihnachtswünsche, auch für Frl. Maria (Deine Getreueste!) und empfehle mich herzl. an in Deine Gebete besonders in der Christmette und bei der Krippe.
Mit treue Grüße
Dein
Raphaël
Habt Ihr schon ein neuer Weihbischof? Eines Tages ließt man in der Osservatore noch Deine Ernennung!

[1]    Nach einer legen­dä­ren Überlieferung soll Maria dem Ordensgeneral Simon Stock (* um 1165 in der Graf­schaft Kent/GB, † 16.5.1265 in Bordeaux/Gironde/F) der Karmeliten das „Skapulier“, einen Überwurf über die Tunika einer Ordenstracht, übergeben haben, mit be­sonderen Verheißungen für alle, die im Leben und im Sterben damit bekleidet sind. Da­her auch die Bezeichnung „Skapulierfest“.

[2]    Giovanni Fortini (* 27.10.1892 in Phalsbourg/Moselle/F, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Kriegsgefangenenunterstützung am 20.8.1944 ins KZ Natzweiler-Struthof/F, am 4.9.1944 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[3]    Zu Gianantonio wurden keine näheren Angaben gefunden.

[4]    Paolo Liggeri(* 12.8.1911 in Mailand/I, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Hilfe für jüdische und politische Häftlinge am 5.8.1944 ins KZ Mauthausen, am 13.8.1944 ins KZ Gusen, am 1.12.1944 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.

[5]    Eugenio Pacelli (* 2.3.1876 in Rom, † 9.10.1958 in Castel Gandolfo/I) – Priesterweihe 2.4.1899 – Eintritt in den Dienst des Staatssekretariates 1901 – Professor für kirchliche Diplomatie 1909–1914 – Bischofsweihe zum Titularerzbischof von Sardes/Sart/TR 13.5.1917 – Apostolischer Nuntius für Bayern in München 1917 – Nuntius für das Deutsche Reich 1920–1929 – Übersiedlung nach Berlin 1924 – Kardinal 1929 – Kardinal­staats­se­kretär in Rom 1930 – Papst Pius XII. 2.3.1939

 

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Karte von Bruder Raphael Tijhuis OCarm an Reinhold Friedrichs

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MR [MARIA]                                                                                                Rom. 20.XII. ’57

Grüß Gott. – Zum bevorstehenden hochheiligen Weihnachtsfeste und zugleich zum herannahenden neuem Jahr, möchte ich Dir die aufrichtige Segenswünsche senden. Gottes reichsten Gnaden in Hülle und Fülle durch ganz 1958. Bei der Krippe werde ich Dich besonders gedenken, und bitte ebenfalls um ein Mem. [Memento] Deinerseits. –
Wie geht es Dir, lb. Reinhold, in so lange gar nichts mehr gehört. Hoffentlich alles wohlauf und ich wünsche Dir noch lange „den Jachthund des Herrn“ machen zu dürfen! Noch stets viel unterwegs zum Predigen? Und noch soviele andere Pflichten. –
Mir geht es gottlob wieder gut. Sept-Okt. hatte ich wieder zu tun mit mein altes Uebel. Rückenschmerzen, sodaß ich längere Zeit daß Bett hüten mußte. Jetzt geht wieder. Die Arbeit auf der Bibliothek gefällt mir sehr gut, und macht mir Freude. Die Tage fliegen nur so herum! Im nächsten Sommer hoffe ich in Urlaub nach Holland fahren zu durfen. 30. Aug. begehe ich, so Gott will, mein silbernes Profeß. Möglich fahre ich schon früher, aber das ist noch nicht sicher. Da muß ich einmal sehen über Münster einen Abstecher zu machen. Hat noch Zeit bis dahin! –
Alles Gute werde ich für Dich erbitten beim Christkindl, und grüße auch Dein getreue Haushälterin; in Treue Dein Raphael

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