Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (25)

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Reinhold Friedrichs‘ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Josef Leitgeb[1] an Reinhold Friedrichs

[1]    Josef (Sepp) Leitgeb (* 31.1.1901 in München, katholisch getauft, † ?) – Nürnberg – Kaufmann – Er kam am 8.6.1940 ins KZ Dachau, bekam die Häftlings-Nr. 13216 und wurde am 17.8.1944 als Todeskandidat ins KZ Mauthausen überführt, wurde aber „begna­digt“. Man nannte ihn Hundesepp, da er als Capo für die Hun­dezwin­ger des KZ Dachau zu­ständig war. Ohne selbst Geistlicher zu sein, trug er Tag und Nacht das Allerheiligste in einer kleinen Kapsel auf seiner Brust und spendete Sterben­den das Sakrament.

Leitgeb

 

Kaufmann Josef Leitgeb –                                                                13a Moorenbrunn, den 25.10.46
Moorenbrunn 56 über Feucht b. Nürnberg.

Telefon 45768
Lebensmittel – Drogen
Farben – Lacke
Bankkonto: Bayerische Vereinsbank Nürnberg 1 17 15
Mein lieber Reinhold!
Endlich habe ich Deine Adresse und nun will ich Dir gleich einmal schrei­ben. Vor allem interessiert mich, wie es Dir geht? Dann möchte ich wissen, wie Du aus diesem Hexenkessel raus gekommen?[1]
Einiges habe ich ja schon erfahren, ich war diese Tage mit meiner Frau in Wuppertal bei Karls[2] und er hat mir auch Deine Adr. gesagt. Auf jeden Fall freut mich, dass Du mit dem Leben und hoffentlich auch gesundheit­lich davongekommen bist. Zu Deiner Neuernennung zum „Domkapi­tu­lar“ mei­ne Gratulation. Es wird sich alles wieder, wenn auch langsam, wieder einrenken.
Mir selbst ging es, als ich von Dachau auf Transport ging, ganz mies. Ich war Todeskandidat und sollte in Mauthausen[3] hingerichtet werden. Maut­hausen selbst hatte aber auch keine Kohlen mehr, und dadurch sollten wir (2000 Mann) vergast werden. Die Gräber mussten wir selbst aus­he­ben. Am 17. Dez. 44, ich konnte ja nichts mehr verlieren, versuchte ich noch­mals zu flüchten, kam auch bis an die jugoslawische Grenze, dort verriet mich ein deutscher Bauer und lieferte mich wieder aus ….. Am 20.12. war ich schon wieder in Mauthausen – Mordhausen genannt! Um 8 Uhr abends kam ich an, um 9 Uhr bekam ich 50 über den A… um 10 Uhr wurde ich gehängt und hing bis 6 Uhr früh ……….
Du musst wissen, Mauthausen hängt bis man verreckt. Nicht mit der Schlinge um den Hals, sondern mit den Händen nach rückwärts. Es muß langsam gehen, dass man auch was hat davon. Ich kann Dir nur sagen, es war eine fürchterliche Nacht, ich vergesse sie nie in meinem Leben. Ge­rettet hat mich der 1. Schutzhaftlagerführer Obersturmbannführer Bachmayer[4] von Mauthausen, der erfahren hatte, dass ich gebore­ner Münchner sei, er stammte nämlich auch aus München. Er begnadigte mich, obwohl meine Exekution von Berlin bestätigt war. Kam dafür aber in die Strafkompanie in den Steinbruch im sogenannten Wienergraben— es war die Hölle. Dass zu erzählen sträubt sich das Papier. Ich war im Dez. 45 als Zeuge im Dachauer Kriegsverbrecherprozess[5]. Ich bekam Wein­krämpfe, als ich diese Herren wieder sah, schon nach 3 Ta­gen durfte ich wieder heim fahren. Als einziger von den vielen Zeugen, die anwesend waren, eben auf Grund meines Nervenzusammenbruchs. Ich sah Weis[6], Bötcher[7], Trenkle[8], Bachmayer, Professor Schilling[9] und so viele andere noch. Dem Scharführer Lausterer[10] habe ich das Leben gerettet.
Mein Nachbar, ein gewisser K. Lutz, der mich nach Dachau gebracht, der, 4 Wochen bevor der Ami gekommen ist, noch meine Frau und meine 3 Kinder ins Lager bringen wollte, wohnt neben mir und ist jetzt wieder hier. Der Mann, der mich geschäftlich gesellschaftlich u. finanziell rui­niert, der Mann, der meinen guten Namen mir genommen, er ist Hoheits­träger. Diese Leute haben mich Verbrecher geheißen, Volksschädling, Asozialer, Homosexueller u. s. w. Was soll ich mit dem machen? Als Mensch könnte ich ihn zerreissen, in Stücke zerreissen. Als Christ muss ich ihm verzeihen — Du, Reinhold, ich muß schon sagen, das ist wirk­lich nicht leicht. Da gehört schon eine grosse Portion Herois­mus dazu. Ein Mann, der mir alles genommen – selbst Familie u. Freiheit – dem Mann musst Du verzeihen!!!!!
Nun ja, ich habe ihm verziehen. Der Mann schaut mich heute nicht mal an – der Mann grüsst mich nicht und wenn er mich sieht, dann schaut er auf die andere Seite. Geschäftlich boykottiert er mich, wo er kann. Ich habe ihn nicht angezeigt, ich habe ihn auch nicht bei der Militärre­gie­rung ge­meldet. Ich habe nur hinuntergeschluckt, aber kochen tut es in mir und nur mein Christentum und mein Charakter hält mich zurück.
Ich habe amtliche Unterlagen, dass ich aus konfessionellen Motiven ins K.Z. kam. Ich habe für den guten Namen unserer kath. Geistlichen 1937–38–39 gestritten, gekämpft u. gelitten. Kath. Geistliche haben mir im Fall einer Verhaftung in die Hand versprochen, pro Monat für meine Familie bis zu 200 Rm ihnen zukommen zu lassen. Was hat meine arme Frau in all den 5½ Jahren bekommen – ? Sage und schreibe, einmal 100 Rm. Diese Geistlichen haben es in all den Jahren nicht einmal der Mühe be­funden, mir auch nur ein einziges Mal ein kleines Paketchen zukom­men zu lassen. Ja ich warte heute noch auf ein „Dankeschön“, geschwei­ge auf ein Vergelt’s Gott.
Das ist die Welt!
Reinhold! Ich war 8 Stunden gehängt. Ich habe in diesen 8 Stunden oft und oft an diese Herren Geistlichen gedacht – auch mir als Mensch ist immer wieder der Gedanke gekommen – Melde dich, melde, dass du noch ein Geständnis zu machen hast – dadurch kannst du deine Exeku­tion hin­aus schieben. So war mir Gott helfe – ich habe diesen Gedanken immer und immer wieder von mir gewiesen. Ach, leben wollte ich auch, nicht aber um den Preis eines kath. Geistlichen. Gott soll zu mir nicht einmal sagen können, du hast mir einen meiner Diener geraubt!
Und wenn ich erst dran denke, wie vielen Geistlichen ich in der Not ge­holfen und wie viele mir geholfen, dann, lieber Reinhold, wird mir übel. Aber trotzdem, mein lieber Reinhold, bin und bleibe ich Katholik. Zum Schluss will ich nur sagen, Gott und nur Gott allein kann uns helfen und wird uns helfen, ich kann wohl sagen, ich habe heute wieder Haus und Hof und Geschäft und vor allem ein überaus glückliches Familienleben; gesundheitlich geht es auch, also was will ich noch mehr? Einer baldigen Rückantwort entgegensehend verbleibe ich
Dein Sepp.

[1]    Reinhold Friedrichs war am 5.4.1945 aus dem KZ Dachau entlassen worden und zunächst im Benediktinerkloster St. Bonifaz in München, am 7.4. im Kloster St. Clara in Freising, am 11.4. in Haar-Zorneding im Landkreis Ebersberg und am 12.4. in Rosenheim untergekommen, wo er als Subsidiar wirkte. Am 4.10.1945 kehrte er nach Münster zurück.
[2]    Caritasdirektor Hans Carls (* 17.12.1886 in Metz/Moselle/F, † 3.2.1952 in München) – Priester­weihe 24.6.1915 in Köln – Caritasdirektor in Wup­pertal 1924 – Er kam wegen staatsge­fährli­cher Predigten am 13.3.1942 ins KZ Dachau und dort später wegen Beförde­rung von Schwarz­post in den Bunker. Am 29.4.1945 wurde er aus dem KZ befreit. 1947 gab er als erster die „Stimmen von Dachau“ heraus.
[3]    KZ Mauthausen/AAufbau des Lagers in der Nähe von Linz in Oberöster­reich durch eine Gruppe von 300 österreichischen u. deutschen Häftlingen aus dem KZ Dachau 8.8.1938 – Auswahl des Ortes wegen der nahen Steinbrüche – Devise: Vernich­tung durch Arbeit – Befrei­ung durch die Alliierten 5.5.1945
[4]    SS-Hauptsturmführer Georg Bachmayer (* 12.8.1913 in Fridolfing, † Suizid 8.5.1945 bei Münz­bach/A) – Tischler – Schutzhaftlagerführer im KZ Mauthausen März 1940
[5]    Die Amerikaner führten in Dachau Prozesse gegen Mann­schaf­ten der KZ Dachau, Mauthausen, Flossenbürg, Buchen­wald, Mühl­dorf und Nordhausen durch. Der erste Prozeß richtete sich gegen die Leitung des KZ Dachau und dauerte vom 5.11. bis zum 13.12.1945. Die Liste der Angeklagten reichte vom zeitweiligen Lager­kommandanten Martin Gottfried Weiß bis zu drei Funkti­ons­häftlingen. Von 40 Angeklagten wurden 36 zum Tode verurteilt, 28 von ihnen am 28. und 29.5.1946 im Landsberger Kriegsverbre­chergefängnis gehängt.
[6]    SS-Obersturmbannführer Martin Gottfried Weiß (* 3.6.1905 in Weiden, katholisch ge­tauft, † gehängt 29.5.1946 in Landsberg am Lech) – Eintritt in die NSDAP 1926 – Eintritt in die SS 1932 – Mitglied der Wachmannschaft des KZ Dachau April 1933 – Lageringenieur No­vember 1933 bis Februar 1938 – stell­vertretender Leiter des KZ März 1938 – Tätigkeit im KZ Neuengamme April 1940, zuletzt als Kommandant – Kommandant des KZ Da­chau 1.9.1942 bis 31.10.1943 – Kommandant des KZ Majdanek 4.11.1943 bis Mai 1944 – Ende April 1945 hielt er sich wieder im KZ Dachau auf, vermutlich um den dortigen Komman­danten Edu­ard Weiter zu entlasten und Mißstände zu beseitigen. Nachdem sich Eduard Weiter am 26.4.1945 abge­setzt hatte, übernahm Martin Gottfried Weiß wieder die Lager­leitung. Am 28. oder 29.4. floh er aus Dachau. Am 2.5.1945 wurde er von amerikanischen Truppen in Mühldorf am Inn fest­genommen und im Dachauer Kriegsverbrecherprozeß zum Tode verurteilt.
[7]    SS-Ober­schar­führer Franz Böttger (auch Böttcher, Bötscher) (* 1888 in Mün­chen, † hingerichtet 29.5.1946 in Lands­­berg am Lech) – 1933 Juwe­lier in Mün­chen – später Rapportführer im KZ Dachau
[8]    SS-Hauptscharführer Franz Trenkle (* 23.12.1898, † erhängt 28.5.1946 in Landsberg am Lech) – Zweiter Lagerführer im KZ Dachau 1942–1944
[9]    Prof. Dr. Claus Schilling (* 5.7.1871 in München, † gehängt 28.5.1946 in Landsberg am Lech) – Ma­la­ria­forscher im KZ Dachau
[10]    SS-Scharführer Hugo Alfred Erwin Lausterer (* 2.1.1890 in Metzingen, † ?) – Verkäufer – Mit­glied der Wachmannschaft im KZ Dachau 10.12.1941 bis Februar 1942 – anschließend dort weitere Funktionen unterschiedlicher Art – Nach seiner Festnahme wurde er am 15.11.1945 im Rahmen der im Dachau-Hauptprozeß stattfindenden Prozesse wegen Anklage von Kriegsverbrechen einem US-amerikanischen Militärgericht überstellt. Da man ihm außer der Beteiligung an Verbrechen im KZ Dachau persönlich keine Straftaten nach­weisen konnte, verurteilte man ihn am 13.12.1945 zu 120 Monaten Haft. Er wurde im Kriegsver­bre­chergefängnis Landsberg am Lech inhaftiert, aber wegen guter Führung bereits im Oktober 1950 entlassen. Sein weiterer Lebensweg ist nicht bekannt.

Foto und Brief IKLK-Archiv