Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (28)

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Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Gerhard Maashänser[1] an Reinhold Friedrichs

[1]  Gerhard Maashänser (* 23.5.1907 in Lü­nen, † 29.11.1957) – Priesterweihe 24.3.1928 in Paderborn – Er kam im September 1937 ins KZ Buchenwald, wurde am 20.4.1939 entlas­sen, kam am 12.6.1942 ins KZ Dachau, war dort Pfleger auf der Versuchsstation und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.

Maashänser

 

Gerhard Maashänser                          Witten-Stockum, den 29. Januar 1947.
Pfarrvikar                                             Hörderstraße 349
Lieber Reinhold!
In der vergangenen Woche wurde ich von der Frau des Heini Stöhr[1], des Oberpflegers Dachau Revier Station I, telegraphisch zum Süden gebeten. Heini selbst wusste nichts davon, war aber sehr erstaunt und erfreut über meinen Besuch. Ich erfuhr nun, dass die Amerikaner den Heini verhaften wollen. Sie wollen ihn unter Anklage stellen[2]:
1) weil er Pfleger auf einer Versuchsstation gewesen ist, wie sie alle Pfleger der Versuchsstationen verhaften und aburteilen wollen,
2) weil er Eingriffe gemacht hat, die nur ein Arzt machen darf,
3) weil er angeblich geschlagen haben soll, irgendwer hat das ausgesagt,
4) weil er auf der ihm zugewiesenen biochemischen Versuchsstation die Anordnungen der Aerzte nicht befolgt und so die Wissenschaft boykottiert habe.
Auch meine Verhaftung dürfte bevorstehen als Pfleger der Versuchsstation. Bei dem Gerichtshof ist es aber unmöglich, einen Situationsbericht der Dachauer Revierverhältnisse zu geben. Man darf sowohl als Angeklagter wie auch als Zeuge nur Antwort auf die Fragen des Staatsanwaltes und des Verteidigers (beides Amerikaner, Juden) geben.
Schriftliche Zeugnisse, die zu den Akten kommen, müssen ja irgendwie mit berücksichtigt werden. So möchte ich Dich bitten, Deine Eindrücke aus Revier Station I und Dein Urteil über Heini niederzuschreiben und mir zuzuschicken. Ich weiss, dass Du Heini wirklich schätzt. Heini hat seinerzeit der Menschheit in ihrer Not geholfen, wo er konnte, oft unter Einsatz seines Lebens, nun wollen wir auch ihm helfen. Ich sollte Dir von ihm die herzlichsten Grüsse bestellen.
Ich sehe den Dingen innerlich vollkommen ruhig entgegen. Allerdings kann ich mich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, wenn ich an die Aussichten hinter schwedischen Gardinen und Stacheldraht denke. Diese Lebensweise ist ja, rein natürlich gesehen, nicht die eigentlich Bestimmung des Menschen. Aber: „wie Gott will!“
Empfange die herzlichsten Grüße von
Deinem
Gerhard Maashänser

[1]    stoehr   Heinrich (Heini) Stöhr (* 12.9.1904 in Weißenburg/Mittelfranken, † an den Folgen eines Herzinfarktes 9.12.1958 in Treuchlingen) – Sozial­demokrat – Heirat mit Else Stöhr, geb. Schultheiß – Verurteilung zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat Januar 1935 – Überstellung als Schutzhäftling ins KZ Dachau 29.5.1940 – Oberpfleger im Block I, Stube 3 – Dort wurden biochemi­sche Versuche gemacht.
Mehr Informationen unter Link 1
[2]
   Die Amerikaner führten in Dachau Prozesse gegen Mann­schaf­ten der KZ Dachau, Mauthausen, Flossenbürg, Buchen­wald, Mühl­dorf und Nordhausen durch. Der erste Prozeß richtete sich gegen die Leitung des KZ Dachau und dauerte vom 5.11. bis zum 13.12.1945.
Siehe Link zum Nürnberger Ärzteprozeß

Fotos und Brief IKLK-Archiv