Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (31)

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Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Erster Brief von Poul Riis[1] an Reinhold Friedrichs

[1]    Poul Erick Riis (* 25.6.1915 in Herning/DK, † 8.1.2002) – Ordination 1942 – Er kam am 22.12.1944 ins KZ Dachau und wurde am 22.3.1945 entlassen.

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Kopfzeile (1)

LANDSFORBUNDET
FRIVILLIGT DRENGE-FORBUND
TELEFON CENTRAL 11535  PROTEKTOR: HANS MAJESTAET KONIG FREDERIK IX FREDERIKSBORGGADE 5 POSTKONTO 1134 KØBENHAVN K

Den 28.II.1948.

Herrn Domkapitular,
Reinhold Friedrichs,
Münster,
Krummestrasse 46,  (21a)
Britische Zone,[1]
Deutschland.
Lieber Bruder!
Durch Ludwig Spiessl[2] und Peter Robertstad[3] habe ich ungefähr gleichzeitig [einen] Brief bekommen mit deiner Adresse. Schon lange habe ich gewünscht dir einen Dank für die Tage in Dachau zu geben.
Wie du vielleicht erinnerst, bin ich der jüngste der drei dänischen Pfarrer[4] (32 Jahre).
Am letzten Tag in Dachau (Ende März [1945]) bekamen wir neue Kleider von dem Dänischen Roten Kreuz und wurden in Schwedischen Rote Kreuz Autos nach Neuengamme[5] transportiert. In diesem Lager wurden sämtliche norwegischen und dänischen Häftlinge gesammelt. Dann ging es 4 Wochen später mit Autos nach Dänemark. Wir wurden mit endlosem Jubel gegrüsst, als wir in Dänemark herauf fuhren, und wurden nach einem Lager in Dänemark transportiert. In diesem Lager waren wir nur eine Woche, dann kamen wir nach Schweden. Am 9. Mai (am Abend) war ich in Copenhagen. 10. Mai (Christi Himmelfahrtstag) um 10 Uhr ging ich vor den Altar in meiner Kirche mit meinem Kollegen zusammen, leitete die Vormesse, predigte kurz und gab das heilige Abendmahl zu der Gemeinde. Es war eine grosse Überraschung für die Gemeinde, wenn ich in die Kirche trat.
Am 1. März 1946 wurde ich Landessekretär („Forbundssekretär“) in einer kirchlichen Jugendarbeit („Frivilligt Drenge-Forbund – FDF – Freiwilliger Jugendbund [Jungenverband])  mit 24.000 Mitgliedern. Ich bin sehr froh mit Jungen zu arbeiten. In einigen Jahren ist es aber meine Absicht ein Gemeinde-Amt zu bekommen.
Durch den Brief von Robertstad erfuhr ich, dass Ihr an eine Pfarrerversammlung für die Dachaupfarrer im Ruhrgebiet im Monat Mai denkt. Ich habe selbst den Gedanken gehabt, dass es wertvoll wäre mit einer erneuerten christlichen Gemeinschaft [von Katholiken und Protestanten] zwischen den Dachaupfarrern. Sie muss auf praktischer und christlicher Basis erneuert werden. Mit der theologischen Debatte sollten wir nicht anfangen. Könnten wir aber erstens den gegenseitigen Respekt von Dachau in der zukommenden Zeit erneuern, dann würden wir sicher Anwendung finden für die Weiterführung der christlichen Gemeinschaft in Dachau. Vielleicht konnten wir den Weg finden. In Praxis hätte ich gedacht, dass wir hier in Dänemark einmal versuchen sollten, Repräsentanten von verschiedenen Ländern und Kirchenabteilungen zu versammeln. Deshalb bin ich sehr in eure Versammlung interessiert geworden. Ich habe mit Pastor Länkholm[6] davon gesprochen. Wenn die Versammlung in der Zeit vom 18.–31. Mai stattfinden wird, werde ich versuchen, Robertstad, Madsen[7] und Länkholm mit mir darunter zu bekommen, wenn es euch interessieren wird (ich werde nichts versprechen!). Länkholm wird seinen Wagen zur Disposition stellen. Wie viele Pfarrer erwartet Ihr? Wo wird die Versammlung stattfinden?[8]
Ich werde versuchen, ob es möglich ist, ein kleines Paket zu dir zu schicken. Es wird wahrscheinlich einige Zeit nehmen, die Erlaubnis zu bekommen.
Leider ist meine Zeit mit Reisen und Arbeit sehr viel in Anspruch genommen, lass dieses aber ein Zeugnis davon sein, dass wir drei dänischen Pfarrer unseren „Blockvater“ nicht vergessen haben.

Mit brüderlichem Gruss
Poul Riis
Forbundssekretär, Pfarre,
Lüngbüvej 180,
Copenhagen,
Dänemark.

[1]  In der Potsdamer Konferenz (17.7. bis 2.8.1945) wurden Deutschland und Österreich in eine amerikanische, britische, französische, und sowjetische Besatzungszone (SBZ) auf­ge­teilt und durch alliierte Truppen besetzt. Der Alliierte Kontrollrat leitete die provisorische Ver­waltung.
Einführung der Ordnungszahlen durch die damaligen 20 Oberpostdirektionen des noch existie­ren­den Deutschen Reiches als erste Postleitzahlen zur Verwendung im gesamten zivilen Post­­verkehr in Deutschland u. zwecks schnelleren Transportes der Feldpost im Krieg 19.10.1943 – Einführung der vier­stel­ligen Postleit­zahlen 23.3.1962 – Umstellung auf fünf­stellige Postleit­zahlen 1.7.1993. Münster hatte bis 1962 die Postleitzahl 21a.
[2]  Prälat Ludwig Spießl (* 5.9.1906 in Oberdeschen­ried, † 23.1.1996) – Priesterweihe 29.6.1932 in Re­gens­burg – Er kam wegen Seelsorge an einer Mischehe am 17.2.1940 ins KZ Sachsenhausen, am 14.12.1940 ins KZ Da­chau und wurde am 29.3.1945 entlassen. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1982 als Zeuge ausgesagt.
[3]  Peter Robertstad (* 28.2.1900 in Soavina/Madagaskar, † 23.7.1967 in Stravangar/N) – Ordination 1923/1924 – Er kam wegen Hilfe für die Feinde am 7.12.1943 ins KZ Natzweiler-Struthof/F, am 5.9.1944 ins KZ Dachau und wurde am 22.3.1945 entlassen.
[4]  Vermutlich Kai Lænkholm und Jens Niels Madsen; denn sie wurden am 22.3.1945 gemeinsam mit Poul Erik Riis, Erik Aalbka Jensen und Mogens Ernst Møller aus dem KZ Dachau entlassen.
[5]   KZ Neuengamme – Errichtung als Außenlager des KZ Sachsenhausen durch die SS in einer stillgelegten Ziegelei in Hamburg-Neuengamme Ende 1938 – Erklärung zum eigenständigen Kon­zen­trations­lager Früh­sommer 1940 – nach Befreiung des KZ Buchenwald (11.4.1945) Evakuierung durch die SS 18.4.1945 – Die briti­schen Truppen fanden das Konzentrationslager am 4.5.1945 geräumt vor.
[6]  Kai Lænkholm (* 26.4.1898 in Kopenhagen, † 1.8.1981) – Ordination 1923 – Er kam am 22.12.1944 ins KZ Dachau und wurde am 22.3.1945 entlassen.
[7]  Jens Niels Madsen (* 20.9.1900 in Silkeborg/DK, † zwischen 1974 u. 1982) – Ordination 1928 – Er kam am 22.12.1944 ins KZ Dachau und wurde am 22.3.1945 entlassen.
[8]  Es ist nicht bekannt, ob das Treffen stattgefunden hat.

* * * * *

Zweiter Brief von Poul Riis an Reinhold Friedrichs

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POUL  RIIS. Praest ved Sct. Jakobs Kirche
Rosenvængets Sideallé
Kbhvn. [Kopenhagen] Ǿ . TRia 3101

7/1 – 1956

Lieber „Blockvater“!
Vielen Dank für deinen Brief – es freut mich sehr zu lesen „Stimmen von Dachau“[1]
Ich sende hiermit die erwünschten Adressen:
Pastor Kai Länkholm, Ole Borchsvej 15, Kopenhagen, Valby
Pastor Niels J. Madsen, Ahornkrogen 14, Bagsvärd
Mit herzlichem Gruss
Poul Riis

[1]    Bald nach der Befreiung aus dem KZ Dachau sam­melte u. a. Caritasdirektor Hans Carls die Akten über Leben und Sterben von Dachaupriestern und begann mit der Herausgabe der „Stimmen von Dachau“, einer Zeitschrift, in der er die Schicksale seiner Confratres in Dachau schilderte.
Die erste Nummer erschien am 1.1.1947, die letzte von ihm redigierte Nummer am 31.12.1948. Von Hans Carls übernahm 1955 diese Aufgabe Josef Neunzig bis Juli 1965. Vom 13.9.1965 bis Frühjahr 1977 (Rundbrief Nr. 14) lag die Verantwortung bei Heinz Römer. Er gestaltete die „Stimmen von Dachau“ nicht mehr als Zeitschrift, sondern als Rundbrief: „gewissermaßen eine schriftliche Unterhaltung“. Man nannte sie dann auch Römerbriefe.

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