Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (33)

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Reinhold Friedrichs‘ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Bernhard Mecklenburg[1] an Reinhold Friedrichs

[1]  Bernhard Mecklenburg (* 11.3.1903 in Hüntel/Meppen, † 3.2.1962 in Freiburg) – Priesterweihe ? – Pfarrer in Bremen 1937 – Pfarrer in Güstrow 1941 – Pfarrer in Hamburg-Rahlstedt ab August 1942 – Er kam wegen Äußerungen zur „Judenfrage“ am 2.7.1943 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit. Nach seiner Rückkehr nach Rahlstedt war er dort bis März 1961 als Pfarrer tätig.

Mecklenburg-1

 

Kath. Pfarramt

Hamburg-Rahlstedt, den 18. Aug. 48.
Oldenfelderstr. 12.

Lieber Reinhold!
Wenn ich an Dich denke, stehen vor meinen Augen immer wieder die Bilder ruhiger Stunden im Dachauer Postkontor. In etwa waren wir damals noch Menschen, während das heutige Getriebe uns zu Sklaven macht. Lange schon wollte ich Dir schreiben, aber die Zeit!
Seit Oktober vorigen Jahres Kirchbau, wobei ich nicht nur Architekt, Organisator aller Materialien auch der Lebensmittel sein musste, mehr noch eigener Maurer und Zimmermann. Nun ist die Arbeit soweit vergessen, seit 3 Monaten dafür aber unsere Kinderverschickung in meine liebe Heimat, das Emsland. Nun sind seit gestern alle wieder zu Hause und ich hoffe etwas aufatmen zu können.
Die Vorgänge und Spannungen im VVN[1] kennst Du ja. Froh bin ich über die Einladung Kohler’s[2], damit wir alle diese Dinge einmal grundsätzlich beleuchten können. Unser Bischof [Wilhelm Berning[3]] hielt mir Anfang Juni, als er zur Firmung bei mir war, durch ein Schreiben von Peter Lütsches[4] veranlasst, einen langen Vortrag dahin zielend, dass eine Mitarbeit in der VVN doch nicht mehr möglich sei. Glaub mir, dass ich dadurch in schwere Gewissenskonflikte geraten bin. Ich bin zwar hier in Hamburg in alle möglichen Posten gewählt, auch in den Zonenvorstand mit Pfr. Schmitz[5] aus Wesel, habe aber zu wenig Zeit mich um all diese Dinge ernsthaft zu kümmern und so habe ich auch nicht einen solch tiefen Einblick in alle Vorgänge. Nur eines ist mir klar. Wir KZ Geistliche dürfen uns nicht grollend zurückziehen und anderen das Feld räumen, im Gegenteil, [wir müssen] der VVN ein klares christliches Gepräge geben. Soviel wird von der Menschenwürde geredet und der kommende Gedenktag steht ja unter dem Motto: „Wir gedenken aller Opfer der Unmenschlichkeit.“ Wir haben zwar damals in Eutin diesen Titel nach aussen hin fallen lassen, innerlich aber soll das Gedenken darin fussen. Die unendlich viele Arbeit, die unser l. Heinr. Fresenborg[6] mit Heinr. Ruhstrat[7] hat, ist wieder ein Beweis, wie notwendig unsere Mitarbeit ist. Ein Ansinnen unseres Bischofs wohl Mitglied aber nicht mehr Mitarbeiter zu sein, habe ich entschieden zurückgewiesen; denn das kommt ja dem Mitläufertum gleich. Entweder oder, das verlangt unsere Dachauer Haltung von uns.
Hier im äußersten Norden stehe ich als Schwarzer natürlich ganz allein. Dass ich von einer Mitarbeit im Münsterlande nichts höre, verstehe ich nur zu gut; denn wir sind ja alle mit Arbeit, durch die Notzeit uns aufgebürdet, überlastet. Wenn Du mal etwas Zeit findest, wäre ich für eine Äußerung Deinerseits sehr dankbar. Unseren Freund B. Wüste[8] habe ich seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. L. Wiemker[9] schon seit Jahren nicht mehr. J. Schmitt[10] sehe ich hin und wieder, wenn ich durch Bremen fahre. Mein klappriger aber äusserst zuverlässiger  D K W  ist allzeit mein treuer Begleiter. Hans Schwarz[11], hier VVN Sekretär und sehr aktiv, ist ein treuer Dachauer Kamerad. Nun Dir, l. Reinhold, viele Grüsse in caritate [in Liebe]
B. Mecklenburg, Pastor.

Mein Daumen, hier noch ein wenig mehr gekürzt, zwingt mich nur linkshändig die hl. Kom. [Kommunion] auszuteilen.

[1]    Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifa­schi­sten (VVN-BdA e. V.) – Verband mit Sitz in Berlin – Gründung 1947 – Ursprung in den nach dem Zweiten Weltkrieg u. dem Ende des National­so­zialismus in Deutschland gegrün­deten Opferverbänden – Mitglieder: poli­tisch-ideologische Gegner des NS-Regimes vor­wie­gend aus Kreisen des sozialis­ti­schen u. kommunistischen Widerstandes gegen den Natio­nalsozialismus
[2]    Otto Kohler (* 31.3.1909 in Düsseldorf, † 31.10.1984 in Veringenstadt) – Priesterweihe 22.7.1937 in Köln – Er kam, weil er einen getauf­ten Juden versteckt hielt, am 27.8.1944 ins KZ Dachau und entfloh auf dem Eva­kuie­rungsmarsch vom 26.4.1945.
[3]    Bischof Dr. theol. Wilhelm Berning (* 26.3.1877 in Lingen, † 23.11.1955) – Priester­weihe 10.3.1900 – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Osnabrück 29.9.1914 – Er be­grüßte im April 1933 mit anderen deutschen Bischöfen „freudig“ den neuen Staat, for­der­te alle Gläu­bigen zur Ehrfurcht und zum Gehorsam gegenüber dem neuen System auf und wurde im Juli 1933 zum Preußischen Staatsrat ernannt.
[4]  Peter Lütsches (* 7.11.1898 in Oedt, † 31.10.1959) – deutscher Politiker (CDU) – Mitglied der VVN 1945–1950 u. Leiter der Verbandszeitung des VVN – Von 1950 bis 1953 war er Mitglied und Bundesvorsitzender des CDU-orientierten Bundes der Verfolgten des Naziregimes (BVN).

Im Nachlaß von Reinhold Friedrichs fand sich folgendes Schreiben:
Luetsche_a (1)

 

Im IKLK-Archiv befindet sich folgender Text:
Luetsche (1)

 

[5]  Heinrich Schmitz (* 23.7.1890 in Duisburg, † 30.9.1968 in Wesel) – evangelischer Pfarrer – Er kam wegen Predigten gegen den Nationalsozialismus am 9.12.1944 ins KZ Dachau und wurde auf dem Evakuierungsmarsch vom 26.4.1945 befreit.
[6]  Heinrich Fresenborg (* 2.5.1900 in Essen i. O., † 21.3.1986 in Goldstedt) – Eintritt ins Collegium Borromaeum in Münster Ostern 1920 – Priester­weihe 7.3.1925 in Münster – Er kam wegen Predigt gegen die Sterilisation am 28.11.1941 ins KZ Dachau und wurde am 28.3.1945 entlassen.
[7]  Heinrich Ruhstrath (* 25.4.1895 in Stettin/Szczecin/PL, evangelisch getauft, † ?) – Ange­stellter – Er kam am 6.9.1940 vom KZ Sachsenhausen ins KZ Dachau, bekam die Häft­lings-Nr. 18080, war Funktionshäftling in der Ver­waltung und wurde am 29.4.1945 befreit.
[8]  Bernhard Wüste (* 10.7.1893 in Osnabrück, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Hetze gegen staatliche Anordnungen am 12.7.1941 ins KZ Sachsenhausen, am 30.1.1942 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit.
[9] Leopold Wiemker (* 26.2.1909 in Rhede, †  7.1.1976 in Sustrum/Ems) – Priesterweihe am ? –  Vikar in Schwerin 1936-1939 – Er kam wegen Beleidigung des Führers am 27.12.1940 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 be­freit. Anschließend war er bis 1953 Kaplan in Riemsloh,,  danach 10 Jahre Pastor in Cuxhaven und von 1963 bis 1975 Pfarrer in Vörden.
[10]   Pfarrer Johann Peter Schmitt (* 2.11.1891 in Sotz­weiler, † 23.10.1967) – Priesterweihe 7.8.1915 in Trier – Er kam am 1.8.1940 ins KZ Sachsenhausen, am 14.12.1940 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 befreit.
[11]   Hans Schwarz (* 27.3.1904 in Wien, † 6.4.1970) – Sozialdemokrat – Er kam am 5.9.1938 ins KZ Dachau, wurde dort Lagerschreiber und war ab Ende Oktober 1944 bis zur Be­frei­ung am 3.5.1945 im KZ Neuengamme inhaftiert.

Foto und Brief IKLK-Archiv