Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (40)

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Reinhold Friedrichs’ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von Emmerich Hornich[1] an Reinhold Friedrichs

[1] Emmerich Hornich (* 29.1.1907, † 16.4.1985) – Innsbruck/A, Lönsstr. 13 – Schlosser – Er kam als politischer Häftling mit der Häftlings-Nr. 1036 am 18.6.1938 ins KZ Dachau, arbeitete dort als Kunstschlosser und blieb auch nach der Befreiung noch bis zum 18.6.1945 dort. Er hatte einen Sohn Clemens und eine Tochter Renate, seine Frau hieß ver­mut­lich Gertrud.

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Innsbruck, am 9. Juli 1960

Lieber Hochwürdigster Herr Prälat!
Lieber Priesterkamerad!
Mit dem Bild vom verewigten Kardinal Graf v. Galen[1] hast Du mir wirklich grosse Freude bereitet, der Löwe von Münster![2] Schade, daß es nicht viele solche Löwen gegeben hat!
Schelling[3] schrieb mir, daß er aus Münster Nachricht bekam, daß unser P. Pieß[4], gestorben wäre, ich war mit Otto sehr befreundet in Dachau, letztes Mal sah ich ihn 1950 in Pullach [im Berchmans-Kolleg[5]], man lebt sich im Laufe der Zeit auseinander. Seit Jahren nehme ich mir vor doch eine Urlaubsreise durch ganz Deutschland bis hinauf in Holland [zur] Insel Texel zu machen, aber jedes Jahr kommt was dazwischen. Heute kann ich Dir berichten, daß ich annehmen kann, daß unsere „Aufrufe für Dachau“ einigen Erfolg haben werden; Schelling meinte zwar szt. [seinerzeit], ich sollte mir nicht allzugrosse Hoffnungen machen, aber gestern erreichten die Spendeneingänge bereits die Höhe von Schilling 10,000,– ! und ich hoffe, daß noch was dazukommen wird. Schelling ist selbst überrascht und hat mir bereits am 22. Juni gratuliert, damals hatten wir Schilling 6,121,80.
Eine Frage: Ist·für die „Todesangst Christi Kapelle“[6] auch an eine Glocke gedacht worden?, hier werden Stimmen laut, daß wir von Österreich aus eine Glocke stiften sollten, die in der Glockengießerei des Stiftes St. Florian[7] angeschafft werden soll. Bitte interessiere Dich dafür und gib mir möglichst bald Bescheid. Ich werde vielfach auch mit Fragen überlaufen, wie die Kapelle sein wird, könntest Du mir da auch eine Beschreibung zukommen lassen, damit ich die Neugierde befriedigen kann; ich sage zwar meistens: Komm am 5. August nach Dachau, dann wirst Du alles sehen können.

[1]    Clemens August Graf von Galen (* 16.3.1878 auf Burg Dinklage i. O., † 22.3.1946 in Münster) – Priesterweihe 28.5.1904 in Münster – Bischofsweihe zum Bischof für das Bistum Mün­ster 28.10.1933 – Am 18.2.1946 wurde er zum Kardinal ernannt und am 9.10.2005 in Rom se­ligge­sprochen.
[2]  Eigentlich „Löwe von Deutschland“, siehe Link.
[3]
  Georg Schelling (* als Sohn eines Bergbauern 26.9.1906 in Buch bei Bregenz/A, † 8.12.1981 in Nenzing/A) – Priesterweihe 29.6.1930 in Innsbruck/A – 1934 wurde er mit der Re­dak­tion des Vorarlberger Volksblattes betraut und auf Grund dessen am 21.3.1938 ver­haf­tet. Er kam am 31.5.1938 ins KZ Dachau in die Strafkompa­nie, am 27.9.1939 ins KZ Buchenwald eben­falls in die Strafkompanie und am 8.12.1940 erneut ins KZ Dachau. Dort wurde er als Nach­fol­ger von Franz Ohnmacht am 16.(17.)3.1943 Lagerka­plan und ab 1.10.1944 Lagerdekan, außerdem war er Blockschrei­ber. Am 10.4.1945 wurde er aus dem KZ Dachau entlas­sen. Im Selig­sprechungs­prozeß für Karl Leisner hat er 1982 als Zeuge ausgesagt.

[4] Pater Dr. Johannes Otto Pies SJ, Deckname im KZ Hans u. Spezi, (* 26.4.1901 in Arenberg, † 1.7.1960 in Mainz) – Eintritt in die Gesell­schaft Jesu in ’s-Heeren­berg/NL 14.4.1920 – Priester­weihe 27.8.1930 – Letz­te Gelübde 2.2.1940 – Am 31.5.1941 wurde er wegen eines Protestes gegen die Klo­steraufhebungen verhaftet. Am 2.8.1941 brachte man ihn aus dem Ge­fängnis in Dresden ins KZ Dachau, wo er die Häftlings-Nr. 26832 be­kam. Dort war er eine der ganz großen Prie­sterge­stalten. Am 27.3.1945 wurde er ohne Angabe des Grundes und ohne Be­dingung entlassen. Bereits im KZ und auch nach seiner Entlassung setzte er sich unermüdlich für Karl Leisner ein. Ohne ihn wäre es vermutlich nicht zur Priesterweihe im KZ gekommen.
[5] Das Berchmans-Kolleg in Pullach, Wolf­ratshauser Str. 30, wurde 1925 durch den damaligen Provinzial P. Augu­stin Bea SJ als Philosophische Hoch­schule gegrün­det. Von 1925–1970 hatte sie fast ausschließlich die Funk­tion, Ange­hö­rige des Jesuitenordens aus aller Welt auszu­bil­den. 1971 wurde sie nach München in die Nähe der Uni­versität verlegt. Seitdem ist sie für alle Studie­renden ungeachtet der Religions­zugehö­rigkeit offen.

[6]  Foto Fruhstorfer Siehe Link mit Informationen zum Eucharistischen Kongreß.

[7]  Siehe Link.

Heute fand ich in einer Wiener Zeitung eine Nachricht über den Euch. Kongress [31.7.–7.8.1960 in München], Ausschnitt anbei,

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da soll angeblich ein prominenter öster. KZ-Häftling sprechen ?? Weißt Du da schon, wer das sein soll?? Ich habe da meine Erfahrungen und möchte nicht, daß wir da überfahren werden von irgendeiner Seite, wenn jemand spricht, dann könnte das nur unser Kamerad Ing. Dr. Figl[1] sein, Altbundeskanzler und zzt. 1. Präsident der öster. Nationalversammlung, war 5 Jahre in Dachau, 1938 in der Strafkompanie, Bock[2], Bunker[3] u.s.f. alles mitgemacht. Aber ich komme ja zeitig genug nach Dachau am 5., wenn Du das früher nicht in Erfahrung bringen solltest können.
Inzwischen grüssen wir Dich herzlichst
Emerich[4] u. Familie

[1]  Leopold Figl (* 2.10.1902, † 9.5.1965) – Aufenthalt in verschiedenen Gefängnissen u. Konzentrationslagern u. a. Dachau 1938–1945 – österreichischer Bundeskanzler 1945–1953
[2]  Strafwerkzeug im KZ – Die Gefan­genen mußten sich auf den Bock le­gen und be­ka­men mit einem Ochsenziemer 25 oder 40 Schlä­ge. Sie mußten selbst zählen, ver­zählten sie sich, mußten sie von vorne beginnen. Viele überlebten diese Tor­tur nicht. Manche Mithäftlinge opferten ihr kostbares Stückchen Marga­rine, um damit die Wunden der Geschlagenen zu be­handeln.
[3]  Das langge­streckte Gebäude des Kommandanturarrestes mit 137 Ein­zel­­zellen (1937 er­baut) verlief hinter dem Wirtschafts­ge­bäude des Schutz­haftlagers. Die Bezeichnung „Ehrenbunker“ galt für einen abge­trennten Teil des Kommandanturar­rests (KA), der sich im Gefäng­nis­bau, auch Bunker genannt, be­fand.
[4]  Emmerich Hor­nich selbst hat seinen Brief nur mit einem „m“ im Vornamen unterschrieben.

Fotos und Brief IKLK-Archiv