Reinhold Friedrichs – Blockvater im KZ Dachau auch für Karl Leisner (9)

Friedrichs_Totenbild

 

 

Reinhold Friedrichs‘ bedeutsame Priesterpersönlichkeit vor allem im KZ Dachau manifestiert sich in seinen eigenen Berichten sowie in Mitteilungen von Zeitzeugen, insbesondere in zahlreichen Zeugnissen von überlebenden KZ-Häftlingen.

 

 

 

Brief von P. Anton Krähenheide MSC[1] mit Grüßen von Oskar Bänsch[2] und P. Bernhard Ketzlick MSC[3] am 26. April 1945 an Reinhold Friedrichs:

[1]   kraehenheide_foto Pater Anton Krähenheide MSC (* 8.12.1886 in Münster, † 21.5.1974 in Hiltrup) – Eintritt bei den Herz-Jesu-Missionaren 15.8.1906 vermutlich in Hiltrup – Einkleidung u. Beginn des Noviziats 14.9.1906 vermutlich in Hiltrup – Profeß am 19.9.1907 in Hiltrup – Priesterweihe 6.8.1912 in Paderborn – Er kam wegen Predigten am 2.9.1942 ins KZ Dachau und wurde am 6.4.1945 entlas­sen. Er kom­ponierte eine Dachauer Singmesse, die ursprünglich bei Karl Leisners Priesterweihe ge­sungen werden sollte.

 

[2]    Pfarrer Oskar Bänsch (* 15.12.1882 in Märzdorf, † ?) – Priesterweihe am ? – Er kam am 19.5.1941 ins KZ Dachau, weil bei einer Hausdurchsuchung ein Flugblatt mit defaitistischem Inhalt aufgetaucht war, und und wurde am 4.4.1945 entlassen.

[3]    Pater Bernhard Ketzlick MSC (* 16.10.1907 in Hannover, † 26.2.1951 in Eisenschmitt/Eifel) – Eintritt bei den Herz-Jesu-Missionaren 13.5.1930 in Vussem/Eifel – Profeß 14.5.1931 in Vussem – Priesterweihe 14.3.1937 in Paderborn – Er kam wegen Unterminierung der inneren Front durch Predigten am 30.1.1942 ins KZ Dachau und wurde am 6.6.1945 entlassen.

Kraehenheide

 

Schloß Birkeneck[1]                                                                              26.4.1945
(13b) POST HALLBERGMOOS BEI FREISING OBBY. / FERNRUF HALLBERGMOOS 7 / POSTSCHECKKONTO AMT MÜNCHEN NR. 201 62
Lieber Reinhold! Zuerst ein herzliches Grüss Gott! und beste Glückwünsche zur Befreiung und zur sofortigen Arbeit im Steinbruch. Viel Glück und Segen dazu. Ich kam am Freitag[, dem 6. April 1945] in der Osterwoche heraus: nichts wurde kontrolliert. Konnte aber abends nicht mehr fahren wegen Alarm. Ich blieb mit Küppers[2] bei den Schwestern, die mich wie einen Bekannten aufnahmen, weil meine Schwester von Greven aus schon Verbindung mit ihnen hatte und die Brotmarken[3] hinschickte für meine Packete: man kann ganz gerührt werden über all die Liebe, mit der man von draussen versorgt wurde. Freitag in der Osterwoche kam ich heraus, konnte aber auch Samstag noch nicht fahren, weil der Pfarrer, bei dem ich essen musste, durch einen anderen Pfarrer um Aushilfe angegangen wurde, weshalb ich natürlich mich sofort anbot. So hab ich schwer am Samstag u. Sonntag im Beichtstuhl „Heiligenfiguren abgestaubt“ und das Hochamt gesungen, bei dem der Chor eine sehr lustige Messe sang.
Erst am Montag in der Frühe konnte ich mit viel Hindernissen die Reise nach hier machen, und wurde von meinen Mitbrüdern mit grosser Freude u. Liebe empfangen. P. Ketzlick war schon hier, und auch der kleine Oskar Bänsch.
Mit ihm teile ich das Zimmer: es sind noch andere Flüchtlinge hier. Dann fuhr ich auch zum Generalvikar nach Freising. Dort traf ich Kentenich[4], Dresbach[5] und Friedrich[6], bei ihren Schwestern, und erfuhr die traurige Mähr, dass meine Gruppe am Freitag[, dem 11. April 1945] die letzte der Entlassenen war, und dass man alle vom Block 28 auf 26 verlegt hat, sodass sie nun mit mehr als 400 auf einem Zimmer wohnen müssen! ! Furchtbar! Seitdem bete ich besonders für sie. Wir hatten ja unsern Emil Schumann[7] auch bestimmt erwartet. Da die Freisinger sich in die falsche Sicherheit gewiegt hatten, dass ihnen nichts passieren würde, weil bisher niemals eine Beschiessung war, so traf sie die Bombardierung letzte Woche am hellen Nachmittag um so schwerer, weil viele Frauen mit Kindern und Strickarbeiten die Anlagen füllten, die sich an der Bahn hinziehen: und gerade das Bahnviertel wurde getroffen, auch das Haus der Schwestern. P. Kentenich mit Dresbach waren aber schon verreist. Unser Haus hier, Fürsorge Anstalt für Knaben, liegt sehr offen, sodass wir weit die Landschaft sehen und die Flieger beobachten können, die jetzt mit stets grösserer Furchtbarkeit kommen und ringsum alles „belegen“. Jetzt natürlich ist höchste Nervosität, aber auch grösste Hoffnung auf baldiges Ende. Die ins Dorf gelegten 50 SS sind gestern wieder abgezogen, Gott sei Dank. Auch für Freising hofft man auf freiwillige Übergabe, trotz Militär darin.
Viele herzliche Grüsse
Dein P. Anton Krähenheide M.S.C. u. Freund Oskar ~ Erzbischof von Salamis

Mein lb. Reinhold! Herzliche Grüße und meine besten Wünsche für Dich und Deine Seelsorgsarbeit auch von mir! P. Bernhard Ketzlich M.S.C.

[1]    Birkeneck – Ortsteil der Gemeinde Hallbergmoos im Landkreis Freising u. Sitz des Jugendwerks Birkeneck – Errichtung eines barocken Jagdschlosses durch den Freisinger Fürstbischof 1706 – Beginn des Aufbaus einer Fürsorgeerziehungsanstalt durch Herz-Jesu-Missionare (M.S.C.) 1925

[2]    Heinrich Küppers (* 5.2.1896 in Krefeld-Bockum, † 21.10.1955 in Oberhausen) – Prie­sterweihe 21.5.1921 in Köln – Er kam wegen Verstoßes gegen die Kriegswirtschaft am 13.7.1944 ins KZ Dachau und wurde am 6.4.1945 entlassen.

[3]    Le­bens­mittel­marken
eine vom Staat ausgegebene Erlaubnis, ein bestimmtes Le­bensmittel in einer bestimmten Menge zu erhalten – Le­bens­­mittelmarken werden in der Regel in Notzeiten, vor allem im Krieg, an die Bevölkerung ausgegeben, um den all­ge­­meinen Mangel an Konsumgütern besser zu ver­wal­ten. Die Marken sind in Lebensmit­telkarten zusam­men­gefaßt. Außer den Lebensmittelmarken gab es Reisemarken/Besucherkarten. Es waren Be­zugs­scheine, die im Gegensatz zu den Lebensmittelmarken im ganzen Reichsgebiet Gültig­keit hatten. Ohne sie bekam man, z. B. in Gaststätten, nichts zu essen.

[4]    Pater Joseph Kentenich SAC (* 16.11.1885 in Gymnich bei Köln, † 15.9.1968 in Vallen­dar-Schönstatt) – Eintritt ins Noviziat der Pallottiner 1904 – Priesterweihe 8.7.1910 in Lim­burg – Spiritual im Studienheim der Pallottiner in Schönstatt 1912–1919 – Er gründete die Schönstatt-Bewegung, kam am 13.3.1942 ins KZ Dachau und wurde am 6.4.1945 ent­las­sen. 1965 trat er aus der Gemein­schaft der Pallottiner aus und wurde im Bistum Münster inkardiniert.

[5]    Schönstattpriester Prälat Heinrich (Heinz) Maria Dresbach (* 25.11.1911 in Köln, † 5.7.1993 in Simmern/Ww.) – Priesterweihe 23.2.1939 – Er kam wegen Äußerungen ge­gen Heinrich Himmler und die SS am 29.8.1941 ins KZ Dachau. Dort war er enger Mit­ar­beiter von P. Joseph Kentenich SAC. Außerdem war er der er­ste Gruppen­füh­rer der KZ-Schönstattgruppe „Victor in vinculis (Mariae)“. Seine aus Köln evakuierte in Bensdorf lebende Schwester Agnes war für ihn die Kontaktperson für die Terminpost aus dem KZ. Am 5.4.1945 wurde er aus dem KZ Dachau entlas­sen. Im Seligsprechungsprozeß für Karl Leisner hat er 1981 als Zeuge ausgesagt.

[6]    Pater Karl Jakob Friedrich SAC (* 1.8.1899 in Wehlem a. d. Mosel, † ?) – Eintritt ins Noviziat der Pallottiner ? – Priesterweihe am ? – Er kam wegen Defaitismus am 16.6.1944 ins KZ Dachau und wurde am 5.4.1945 entlas­sen.

[7]    Pater Emil Schumann MSC (* 28.12.1908 in Düsseldorf, † 2.6.1981 in Bayern) – Eintritt in das Noviziat der Herz-Jesu-Missionare 30.9.1928 in Vussem/Eifel – Ewige Profeß 6.12.1933 in Oeven­trop – Prie­sterweihe 11.8.1935 in Oeventrop – Er kam wegen eines Briefes seines Bruders, in dem sich antimilitärische Gesinnung of­fenbarte, am 5.12.1941 ins KZ Dachau und wurde am 29.4.1945 befreit. – Inkardinierung als Weltpriester in das Bistum Essen 15.8.1961

Siehe auch Aktuelles vom 11. März 2016

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