Stuttgart: Karl-Leisner-Plastik im Schönstattkapellchen im Stadtteil Freiberg

Foto Maria Kurz

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Seit 1997 befindet sich im 1969 eingeweihten Schönstattkapellchen Stuttgart-Freiberg, dem „Heimkehr- und Siegesheiligtum“, eine Karl-Leisner-Plastik von dem Künstler Johannes Potzler[1].

[1] Bildhauer Johannes Raphael Potzler, geb. 1957 in München, Akademie der Bildenden Künste, Studium der Kunstgeschichte, Ausstellungen u. a. in München, Fulda, Regensburg, Bamberg; u. a. Bronzearbeiten (z. B. Plastiken, Kreuze, Kreuzwege, Heiligenfiguren)

 

 

Es handelt sich dabei um den dritten Guss eines Bronzereliefs, das seit 1997 im Heiligtum der Schönstattpriester auf dem Berg Moriah in Simmern ist. Gestiftet wurde es von Pfarrer Stephan Haas, Mitglied des Schönstattpriesterverbandes, der langjährig in der für Freiberg zuständigen Seelsorgeeinheit 6 der Stadt Stuttgart tätig war. Sein Einsatz, das Relief im Schönstattkapellchen des Schönstattzentrums Stuttgart-Freiberg e. V. anzubringen, wurde vom Säkularinstitut „Frauen von Schönstatt“ der Regio Süd, die Träger des Schönstattkapellchens sind, und der Schönstattfamilie Stuttgart unterstützt.

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Bevor die Plastik in der Kapelle an der rechten Seite angebracht wurde, war sie für einige Tage auf Berg Moriah in Simmern.

Zu dem Schönstattzentrum Freiberg an der Suttnerstraße 30 gehören ein Tagungshaus mit 20 Zimmern und einer Filiale der Schönstatt-Patres sowie an der Suttnerstraße 32 ein Studentinnen-Wohnheim für 35 Frauen. „Wir vertrauen auch dem Sel. Karl Leisner insbesondere diese jungen Frauen an und bitten ihn um seine Fürsprache.“[1]

[1] E-Mail von Maria Kurz vom 4.10.2016

Foto Maria Kurz

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Beschreibung und Deutung der Bronzeplastik
Auf der Plastik ist unverkennbar der Oberkörper Karl Leisners abgebildet, mit der Aufschrift „VICTOR IN VINCULIS“, dem Geburtsjahr 1915, dem Sterbejahr 1945 und den Attributen Stacheldraht, Gitarre, der Eucharistie und einem leeren Blatt mit der Unterschrift Karl Leisners, symbolisch für die Blankovollmacht[1].

Victor in vinculis (Mariae) – Sieger in Fesseln (Mariä)
Die Schönstattgruppe im KZ Dachau unter Führung von Heinz Dresbach und später Her­mann Ri­charz, zu der auch Karl Leisner gehörte, begann in der Fastenzeit 1944 mit der Su­che nach ihrem Gruppenideal und entschied sich für den Vorschlag von Robert Prusz­kowski „Victor in vinculis (Ma­riae)“. Die Idealsuche war stark inspiriert von der Spiri­tua­lität der Marianischen Werkzeug­fröm­migkeit, über die P. Joseph Kentenich SAC im Früh­jahr 1944 eine Studie diktierte. Es geht um die Bindung an Maria im Sinne des Werkzeu­ges, der Vernetzung. Maria steht als Symbol für den Dreifaltigen Gott.
P. Makarius Spitzig OSB schnitzte im KZ Dachau einen Bischofsstab mit dem Wappen von Bischof Gabriel Piguet und der In­schrift Victor in Vinculis.

[1] Mit einer Blankovollmacht geschieht gemäß der Schönstatt-Spiritualität eine vertiefte Hingabe an die Gottesmutter Maria im Liebesbündnis. P. Joseph Kentenich SAC hat diesen der Wirtschaftssprache entlehnten Begriff nach eigener Aussage einem Artikel von P. Peter Lippert SJ entnommen und kreativ angewandt. P. Peter Lippert SJ verwendete diesen Begriff, um das FIAT – mir geschehe – der Gottesmutter zu deuten. Im Bild gesprochen geht es um das vertrauensvolle Ausstellen eines Blankoschecks. P. Joseph Kentenich SAC verwandte den Begriff ca. ab Februar 1939 bei den Marienschwestern, bevor er im Oktober 1939 öffentlich wurde.

Der Stacheldraht symbolisiert die fünfeinhalbjährige Gefangenschaft Karl Leisners und sein Leiden aufgrund der Lungentuberkulose, an deren Folgen er am 12. August 1945 starb.

Die Gitarre auf der Plastik mag verwundern, weist jedoch auf die frohe Natur und das positive Denken und Handeln Karl Leisners hin. Nicht nur die Jugend begeisterte er mit seiner Gitarre, sondern auch seine Mithäftlinge im KZ Dachau. Am 9. März 1941 wünschte er die Zusendung seiner Gitarre in das KZ. Er bestätigt später die Ankunft der Gitarre und daß sie ihm und den Kameraden Freude bereitet. Am 18.10.1941 schreibt er seiner Familie: Heut’ abend klampfen und singen wir. Heiho!

Zur Hostie schreibt Georg Egle[1] in der Dezember-Ausgabe 1997 der Schönstätter Monats-Zeitschrift „basis“: „Unübersehbar auf dem Relief ist eine Hostie, die Karl Leisner in seiner Rechten hält. Sie spricht von seiner Christusliebe, seiner jugendlichen Leidenschaft und priesterlichen Hingabe an Jesus Christus. Als Diakon hat Karl unter Lebensgefahr kranken Häftlingen die heilige Kommunion gereicht. Er ist der einzige Häftling, der in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten zum Priester geweiht wurde. Dort feierte er seine erste und einzige Heilige Messe.“

[1] Georg Egle ist Leiter der Schönstatt-Bewegung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Zum Blankoscheck schreibt Egle: „Links unten im Bild ist ein Blatt mit der Unterschrift von Karl Leisner zu sehen. Mit den Mitgliedern seiner Münsteraner Theologengruppe hatte Karl im Jahr 1939 der Gottesmutter Maria die freie Verfügung über sein Leben angeboten. In dieser Haltung hat er in Gefängnis und Konzentrationslager gelebt.“
Vermutlich sprachen die Schönstätter unter den Diakonen, zu denen Karl Leisner gehörte, am 25. März 1939 nach der Diakonenweihe folgendes Weihegebet:
Liebe dreimal wunderbare Mutter von Schönstatt! Der Kurs Münster 1939 dankt Dir seine Berufung zum Priestertum und zum Bund. In Dankbarkeit geben wir Dir Gewalt und Vollmacht über uns; tue mit uns, was Du willst und wie Du es willst. Sende uns vom Altar in den Alltag und laß uns leben nach dem Gesetz: Sacerdotem oportet offerre.[1]

[1] Im Nachlass von Heinrich Tenhumberg findet sich dieses kurze Weihegebet, das die Gruppe vermutlich im Sinne der Blankovollmacht ver­standen hat. In der An­rufung der Gottesmutter fehlt noch „und Königin“, die erst nach der Krönung des Marienbildes in Schönstatt Ende 1939 eingefügt wurde.
Der Begriff „Blankovollmacht“ bürgerte sich erst im Laufe des Jahres 1939 ein. Im Weihegebet fehlt noch „et offerri“, das nach der Verhaftung Karl Leisners eingefügt wurde.

Karl Leisner aus dem KZ Dachau am 6. April 1941 an Heinrich Tenhumberg[1]:
Danke Euch für Euer Brudergedenken. Ich spür’s jeden Tag. Unsere gute Mutter [Mta] sorgt für uns alle, für den verlorenen Sohn besonders. Beim Blankoscheck bleibt’s.

[1] Bischof Heinrich (Heini) Tenhumberg (* 4.6.1915 in Lünten, † 16.9.1979) – Karl Leisners Schönstattgruppenführer im Collegium Borromaeum in Münster – Bischofsweihe zum Weihbischof für das Bistum Münster 20.7.1958 – Bischof von Münster 7.7.1969 bis 16.9.1979

Karl Leisner aus dem KZ Dachau am 2. Oktober 1943 an Heinrich Tenhumberg:
Am 18. sind’s vier Jahre, daß Ihr daheim [in Schönstatt] versammelt wart und alles blank machtet. Damals konnte ich nur im Geiste mittun.

Den Aufzeichnungen Karl Leisners ist nicht zu entnehmen, dass er die Stadt Stuttgart kennengelernt hat. Sein Bruder Willi arbeitete vom 18.8. bis 29.9.1939 bei der AEG in Stuttgart als Werkstudent. Im Anschluss daran besuchte er seinen Bruder Karl, der wegen einer Lungentuberkulose stationär im Fürstabt-Gerbert-Haus in St. Blasien behandelt wurde.

Samstag, 30. September 1939, Willi Leisner im Jungmannskalender:
7.13 Uhr nach Stuttgart Hbf. […] 17.06 Uhr ab nach Titisee an 18.30 Uhr – Karl angerufen wegen der Unterkunft – 20.06 Uhr nach Seebrug an 20.45 Uhr – mit der Kraftpost nach St. Blasien an 21.15 Uhr – [von Karl] abgeholt und zum Restaurant zum Löwenbräu – 21.45 Uhr Falle

Sonntag, 1. Oktober 1939, Willi Leisner im Jungmannskalender:
6.00 Uhr raus! 6.30 Uhr hl. Messe im Dom – Kaffee – Karl holt mich ab – über den Kalvarienberg zum Fürstabt-Gerbert-Haus – Regen! Im Ruhesessel geplaudert und Karten geschrieben bis 12.30 Uhr – zum Restaurant zum Essen – Sonnenschein, los auf den Berg – Sanatorium – Sandboden – Windbergfälle – 15.30 Uhr zu Karl – Waldhaus – ½ Std. Spaziergang zum Feldbergblick – 17.00 Uhr Andacht – Liegekur – 19.00 Uhr Abendessen im Löwenbräu – 20.00 bis 21.30 Uhr bei Flasche Wein [Liebfrauenmilch] geplaudert – 22.00 Uhr Falle

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Es war die letzte Begegnung von Karl und Willi Leisner. Willi Leisner fotografierte seinen Bruder am Feldbergblick in St. Blasien. Es ist das letzte Foto von Karl Leisner in Freiheit.

Darüber hinaus mag Karl Leisner mit Stuttgart Pater Constantin Noppel[1] verbunden haben, der dort vom 8.9.1944 bis zu seinem Tod am 2.7.1945 Superior war. Durch seinen Freund Camillo Kardinal Caccia Dominioni in Rom vermittelte Pater Noppel 1936 Karl Leisner eine Audienz bei Papst Pius XI.

[1] Pater Constantin Noppel SJ (* 2.8.1883 in Radolfzell, † 2.7.1945 in Stuttgart) – Priesterweihe 28.10.1908 in Rom – Eintritt in die Gesellschaft Jesu 30.9.1909 in Tisis bei Feldkirch/Vorarlberg/A – Letzte Gelübde 2.2.1920 – Caritasdirektor u. Landespräses des Katholischen Jungmännerverbandes in München – anschließend Rektor des Collegium Germanicum in Rom 1932–1935 – Abberufung als Rektor des Kollegs wegen politischer Unzuverlässigkeit u. Ablehnung der nationalsozialistischen Regierung – 1936/1937 war er in Freiburg/Br. in einer Universitätsgruppe pastoral tätig und widmete sich nach Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten der „Gruppe des Jungmännervereines“. Er war bis 1944 Spiritual und Haus­geistlicher in der Kneippkuranstalt St. Urban, Freiburg-Herdern, Sebastian-Kneipp-Str. 13.

Karl Leisner aus dem KZ Dachau am 27. Januar 1945 an seine Familie in Berlin und Niedermörmter:
P. [Constantin] Noppel [SJ] ist jetzt Superior in Stuttgart. Adresse kannst Du [Willi Leisner] über Dr. [Hermann] Eising [in Berlin] erfahren. Bitte sehr herzlichen Gruß.

Die Beiträge zu den Karl-Leisner-Plastiken von Johannes Potzler werden nach und nach veröffentlicht.

siehe bereits folgende Links

Link 1

Link 2

Link 3

Impressionen zum Schönstatt-Zentrum Freiberg

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Text Christa Bockholt, nicht ausgewiesene Fotos Christa Bockholt und IKLK-Archiv