War Marinus van der Lubbe es doch nicht allein?

BrandUnter der Überschrift „Handelte die SA auf eigene Faust? Benjamin Carter Hett zweifelt an der Alleintäterschaft von Marinus van der Lubbe am Reichstagsbrand von 1933“ besprach Wolfram Pyta in der F.A.Z. vom 2. August 2016 das Buch von Benjamin Carter Hett, der den Alleingang von Marinus van der Lubbe[1]
anzweifelt.

[1]    Marinus van der Lubbe (* 13.1.1909 in Leiden/NL, † 10.1.1934 in Leipzig) – Er wird allge­mein als Brandstifter des Reichstagsbrandes in Berlin vom 27.2.1933 angesehen.

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Benjamin Carter Hett
Der Reichstagsbrand – Wiederaufnahme eines Verfahrens
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016
ISBN 9783498030292
Gebunden, 640 Seiten, 29,95 EUR

 

 

Karl Leisner hielt die Kommunisten für die Täter.

Kleve, Donnerstag, 2. März 1933[1]
Die Kozis[2] stecken den Reichstag in Brand. Hellauf lodert die Flamme und zerfrißt mit zerstörender Wut die Pracht und Wucht und Kraft dieses Rie­sen­baus. Die Kozis sollen dafür und werden dafür bestraft: Rücksichtslos geht man gegen sie vor, verbietet ihre gesamte Presse. Ist das richtig? Nein! – Denn nicht mit Gewalt und Freiheitsknebelung wird man einen so in den Massen le­bendigen Gedanken ausrotten können. Nur wer einen noch stärke­ren geistigen Gedanken bringt und hat, wird den Bolschewismus in sich und bei den andern Menschen über­winden und vernichten können. Nur allein die lebendige Kraft des Geistes Christi und Gottes kann eine sol­che Geistes­macht besiegen!
Sind wir katholischen Christen – von den andern weiß ich’s leider nicht, wie’s damit bei ihnen steht – sind wir, bin ich da kämpferisch genug? – Zum Kampf gehört Rüstung! Bin ich da genug aufgerüstet, und habe ich da in mir mit den schlechten Gedanken in jeder Beziehung abgerüstet? Ich muß geste­hen: Noch nicht! – Was soll ich da tun, wie mich verhalten?
Zunächst muß ich endlich mal alle Vorurteile gegen andre Geistes­richtungen fallen lassen; nicht mehr so pharisäisch die Richtigkeit meiner Anschauung betonen. Nicht so stolz, nicht so verletzend sein.
Immer alles in Erwägung ziehen, was den Gegner schließlich so gemacht hat, wie er ist. Und das ist schwer, sehr schwer!
Deshalb: Viel weniger Reden bzw. Schwatzen, und männlich, christlich und demütig schweigen. – Vielmehr hören und sich was denken! Die Anschauung jeden Gegners ruhig anhören und nachher in Ruhe das Für und Wider erwä­gen. Nur so kann man ihn auch mal widerlegen, nicht indem man dauernd Zeitungsweisheit von sich gibt.
Also nicht feige, sondern innerlich fest und gefeit werden. Ruhig. Über Tages- und Wahlgeschwätz und Augenblicksbluff hinweg das Große und Wich­tige, das meistens oder nie nicht bei Ge­schwätz, sondern unter hartem geistigen Ringen wächst und wächst. Aufspüren ihrer … und für das dann als geschliffener, … Geistesmensch eintreten.
… aber die Sache Gottes! Die … voll und tiefinnerlich begreifen und erfassen, voll des Heiligen Geistes Gottes werden, und dann als Vollmensch als voll­kommener – so weit es möglich ist. … kämpfen in den Waffen … Christi – Liebe! – für … Vertiefung des Reiches Gottes auf Erden in der beseligenden Hoffnung, in … unerschütterlichen, heiligen und … siegenden Kraft, die Chri­stus … im Altarssakrament.

[1]    Tagebuch Nr. 9 weist auf den ersten Seiten erhebliche Wasser­schäden durch Kriegseinwirkungen auf, so daß vieles nicht voll­ständig zu entziffern ist. Die entsprechenden Stellen sind durch … gekennzeichnet.

[2]    Kozi: in der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“ 1931/1932 eingeführte Bezeich­nung für Kommunisten – Deren Redakteure hatten sich empört, daß es in der deutschen Partei­en­landschaft jener Zeit nur zwei Parteien gab. Deren Mitglieder wurden im Volksmund auf „-zi“ abgekürzt. Neben den neu aufgekommenen „Nazis“ gab es die tra­di­tionellen „Sozis“. Da man damals die ca. 70 Jahre alte Bezeichnung „Sozi“ nicht ab­streifen konnte und man allein die Nähe zum „Nazi“ als unangenehm empfand, führte „Vorwärts“ für die Kommu­nisten den Begriff „Kozi“ ein.